Stefan Enderle: Die Verflechtungen zwischen großen Medienkonzernen und der Politik haben überhand genommen (2)
26. August 2010, 15:25M E D I E N G E S P R Ä C H
Auf welche Weise könnte denn eine solche Honorierung erfolgen, ohne gleich die Unabhängigkeit zu verlieren, die ja quasi das Geschäftsmodell begründet?
Viele verdienen sich etwas dazu, indem sie Werbung in ihre Webseiten einbinden oder zu Spenden aufrufen, aber ein wirkliches "Bezahl-System" ist bisher noch nicht flächendeckend eingeführt. Es gibt Seiten, die arbeiten mit OnlineAbos ohne die man keinen Zugriff auf alle Artikel hat, auch das ist eine Idee. Aber im Moment begnügen sich die meisten Seiten mit einerseits den geschalteten Werbeanzeigen und andererseits der positiven Resonanz der Leser. Und die ist als "Lohn" nicht zu verachten. Unabhängigkeit steht dabei natürlich, ebenso wie beim Journalismus, an erster Stelle.
Wahrscheinlich hat sich deshalb, abgesehen vom Verkauf von DVDs und Büchern zum jeweiligen Thema, noch kein finanzielles Vergütungssystem für Informationen im Internet materialisiert und ich denke das ist auch gut so. Wie wir "im echten Leben" ja gerade eindrucksvoll beobachten können, verkompliziert Geld die Dinge nur...
Zumindest für Autoren bietet erste, recht gute Ansätze das System der VG Wort für die angeschlossenen Mitglieder. Vor den jeweiligen Artikel wird ein Code gesetzt, der die Visits erfasst. Demnach kommt es dann zu einer Vergütung des jeweiligen Artikels eines Autors, der bei der VG Wort gelistet ist. Das Ganze steckt meines Erachtens noch ein wenig in den Kinderschuhen. Aber der Ansatz ist deshalb stimmig, weil es anzeigenunabhängig gut frequentierte Artikel - also den rein auf der Basis dieser speziellen Arbeit erzielten Erfolg - honoriert.
Das was ich den Seiten der VG Wort bisher beim Überfliegen entnehmen konnte klingt in der Tat nicht schlecht, da es Verfasser nicht in eine abhängige Situation zu treiben scheint. Aber mir ist noch nicht ganz klar woher das Geld für eine Ausschüttung kommen soll. Wer bezahlt letztendlich für die Visits und wer kontrolliert, ob sich ein Autor nicht selbst jeden Tag mehrere hundert Male "visited"? Das könnte nur über eine Erfassung der jeweiligen IP geschehen und ich denke da hätten die meisten Nutzer ein großes "Aber..."
Wenn jedoch, ohne derartige Kontrollmechanismen und ohne finanzielles Mehraufkommen für den Nutzer, bei gleichzeitig gewährter Unabhängigkeit der Medien ein solches System eingeführt werden kann, stehen die Chancen nicht schlecht, dass viele, die regelmäßig Artikel im Netz veröffentlichen, sich für dieses System interessieren werden.
Immer vorausgesetzt, die Autoren trauen sich, authentisch zu bleiben und nicht um des wirtschaftlichen Erfolges Willen dem Mainstram zu folgen...
Genau, es bleibt dann allerdings wirklich zu hoffen, dass diese Verfasser dann nicht letzten Endes auch beginnen genau das zu schreiben, was viele Visits erzeugt. Denn traurigerweise erzielt jedes Video auf YouTube, das lustige Babys oder witzige Kätzchen zeigt, noch heute ein Vielfaches mehr an Zugriffen, als kritische Videos über ernste Themen oder hochinteressante Dokumentarfilme...
Dasselbe Phänomen erleben wir 24 Stunden am Tag im Fernsehen. Die Quote - oder in diesem Fall Visits - hat ihre Verlockungen für die Macher. Viele, die ihre eigene Webseite betreiben, sehen sich ja auch weniger als Journalisten, sondern vielmehr als Aktivisten, die im Internet sozusagen "digitale Flugblätter" verteilen und versuchen andere auf Missstände und Fehlentwicklungen hinzuweisen, weil sie der Meinung sind, dass die traditionellen Medien sich um diese Themen schlichtweg zu wenig kümmern.
Der Gedanke damit Geld zu verdienen, ist da wahrscheinlich eher nebensächlich, auch wenn es natürlich nicht schlecht wäre den nächsten Film oder die monatlichen Gebühren für den Provider nicht selbst bezahlen zu müssen. Ich denke auf dieser Ebene, der "Informationen von Bürgern für Bürger"-Ebene wird es der finanzielle Aspekt in der nahen Zukunft noch sehr schwer haben, sich durchzusetzen.
Wobei solche "Aktivisten" von Profi-Journalisten mitunter gerne belächelt und "von oben herab" betrachtet werden. Zitat von Maybrit Illner (ZDF) in einem Interview mit sich selbst, das in der "Süddeutschen" erschien ist: "Viele graben - und manche Hobby-Archäologen machen tolle Funde. Aber das ersetzt nicht die Archäologie als Wissenschaft." Das Problem wird von Illner allerdings falsch beschrieben, denn die Archäologie als Wissenschaft im Sinne der Medien hat schon viel zu häufig die Schippe aus der Hand gelegt. Irgendjemand muss aber im Bodensatz herumgraben.
Wenn wir dann in der Sprache der Metaphern bleiben wollen: Welcher Archäologe, egal ob Profi- oder Hobby-Archäologe gräbt denn, um die Archäologie als Wissenschaft "zu ersetzen"? Ist nicht die Suche nach der Wahrheit das Ziel und die Motivation für "Archäologen"?
Eine weitere bezeichnende Aussage dieses Interviews ist "Alle Blogs und digitalen Networks überlassen das Recherchieren den Profis, eben weil es einen Unterschied gibt zwischen Journalisten und dem sogenannten User."
So etwas nennt man dann wohl einerseits eine Apodiktische Aussage und andererseits ein ganz klare Schutzbehauptung. Die Übersetzung müsste lauten: "Glaubt uns! Nur wir recherchieren! Ich habe persönlich alle Blogs und alle digitalen Networks überprüft! Da recherchiert keiner!"
Nur, wenn dem so wäre, warum bieten dann so viele dieser "sogenannten User" belegbare Quellennachweise in ihren Artikeln an? Und warum kommen sie oft zu ganz anderen Ergebnissen als die arbeitsvertraglich gebundenen oder noch abhängigeren "freien" Journalisten? Weil sie nicht recherchieren und nur Storys der Nachrichtenagenturen weitergeben?
Immerhin spricht sie von Aktivisten, was nach Engagement und Einsatz klingt...
Was die Aktivisten im Internet auf ihren Webseiten machen, hat vor allem etwas mit "Sammeln" zu tun. Sammeln, analysieren, archivieren. Und bei interessanten "Funden" bleiben sie - im Gegensatz zu den Profi-Journalisten, die morgen und übermorgen schon wieder zwei neue Storys präsentieren müssen - am Ball und verfolgen die Auswirkungen dieser Funde weiter. Und diese Informationen sind rund um die Uhr abrufbar.
Im Netz kann ich ein Thema meiner Wahl ab sozusagen der "Stunde Null" recherchieren, auch wenn das Ereignis schon mehrere Jahre zurückliegt. Bei den etablierten Medien muss ich darauf hoffen, dass irgendwann mal wieder ein Bericht darüber kommt, den ich dann auch noch zufällig entdecke.
So gesehen hat "Archäologie" auch sehr viel mit Geduld und Ausdauer zu tun. Zwei Tugenden die sich unsere "Profi-Archäologen" heute aus Zeit- und Kostengründen nicht mehr erlauben können. Während wir also unsere Funde schön sauber archivieren und langsam aber sicher Stück für Stück zusammensetzen und rekonstruieren, sind diejenigen die uns belächeln und nicht ernst nehmen, täglich am Schaufeln und man versteht ihre Fundstücke nicht, weil sie aus lauter einzelnen Bruchstücken bestehen, die einzeln für sich keinen großen Sinn ergeben.
Um selbst noch einen bildhaften Vergleich anzuführen: Das ist ein bisschen als stünde man in Paris im Louvre und betrachte ein vier auf drei Meter großes Gemälde...aus 30cm Entfernung.
Setzen wir den Fokus noch einmal auf Ihren Film und beschäftigen uns mit dem leider immer intensiver zu beobachtenden Mangel an Authentizität mancher Redakteure und Journalisten. In Ihrem Film unterfüttern namhafte Medien-Experten ja unsere Befürchtungen. Irgendwelche Verschwörungstheorien sind dahingehend also nicht zu unterstellen. Wir kennen nun das Problem. Aber wie nähern wir uns einer realistischen Lösung?
Die Erläuterungen der Interviewpartner im Film bringen es auf den Punkt: Der Fehler liegt im System. Die meisten Zeitungen sind heute zu abhängig von ihren Werbepartnern, was den Handlungsspielraum in der Berichterstattung schon zu sehr einschränkt.
Ein weiteres, schwerwiegenderes Problem ist, dass die Verflechtungen zwischen großen Medienkonzernen und der Politik so stark überhand genommen haben, dass der aktuelle Zustand einer Art "Waffenstillstand" gleicht. Es wird mal hier mal da gestichelt, aber im großen und ganzen sitzen die Mächtigen und die, die sie überwachen sollten in einem Boot.
Und wie und an welcher Stelle kommt man da wieder heraus?
Unser "Leitmedium" ist noch immer das Fernsehen, also müsste man wohl hier ansetzen. Den privaten Sendeanstalten kann man –streng genommen- keinen Vorwurf machen, denn sie sind nun mal per Definition kapitalistische Wirtschaftsunternehmen, denen der Bildungs- und Informationsstand ihrer Zuschauer leidlich egal sein kann. Im Gegenteil: Je weniger Anspruch vom Publikum an ein intellektuell progressives Programm gestellt wird, desto einfacher und billiger bleibt es den Massengeschmack zu bedienen.
Wenn man sich das moderne TV-Programm so ansieht könnte man durchaus von einer Art "Konditionierung auf schlechten Geschmack" sprechen, aber wie Prof. Dr. Weischenberg im Film schon ausführt, besteht in diesem Fall nun mal eine Wechselbeziehung. Der Zuschauer könnte ja auch einfach ausschalten.
Könnten die Öffentlich-Rechtlichen diese Defizite auffangen? Besser gefragt, ist es nicht deren hoheitliche Aufgabe als Medium, das im Prinzip der Gesellschaft selbst gehört?
Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten kommen ja leider ihrer "Watchdog"-Funktion vor lauter Sorge um die Einschaltquote auch nicht mehr in dem Maße nach, dass man sich –als regelmäßiger Nutzer der neuen Medien- noch halbwegs fundiert informiert fühlen könnte. Es gibt sicher noch sehr gute Formate, die auch immer wieder kritische Berichte bringen, aber vor 22 Uhr abends oder noch später kann man damit eigentlich nur selten rechnen.
Es ist also eine Mixtur aus verschiedenen Faktoren, welche zur mangelnden Authentizität des modernen Journalismus geführt haben: Verflechtungen der Medien und Politik, Medienkonzentration, mangelnde Medienkompetenz auf Seiten der Rezipienten, finanzielle Abhängigkeit der großen Medienhäuser, die Jagd nach der Quote/Auflage und der steigende Einfluss der Public Relations-Industrie. Die Wirtschaftskrise und das mangelnde Interesse an Politik in der Gesellschaft (knapp 30 Prozent Nichtwähler im Jahr 2009, das entspricht rund 24 Millionen Menschen!) tun ihr Übriges.
Also muss es der Konsument selbst richten? Indem er sich beispielsweise rigoros vom entsprechenden Medium abwendet, wenn er sich schlecht oder unzureichend informiert fühlt?
Wir als Medienkonsumenten haben leider nur auf sehr wenige der angesprochenen Faktoren Einfluss. Bei den Printmedien auf die Verkäufe und bei den Fernsehsendern haben wir, oder zumindest wenige Auserwählte, aber doch Einfluss auf die Quote. Doch der größte Hebel den wir als Konsumenten anlegen können, ist wie immer der finanzielle. Wie ich bereits sagte, je mehr Menschen sich von den traditionellen Medien abwenden und sich ihre Informationen auf den Seiten ihres Vertrauens im Internet suchen, desto schneller müssen die etablierten Medien nachziehen. Denn wenn keine Zeitungen mehr gekauft werden und immer weniger Menschen bei "DSDS" in der Werbepause anrufen, wenn das Verlangen der Bürger nach gehaltvollen Informationen finanziell immer bedrohlicher wird, erst dann werden sie erkennen, dass sie so einfach nicht mehr weitermachen können. Das erinnert mich jetzt ein wenig an diesen Teil einer Prophezeiung des kanadischen Stammes der Cree*(4)..., wahrscheinlich zu recht.
Die Medien haben eine Verantwortung gegenüber dem Bürger. Kommen sie dieser nicht nach und die Bürger merken das, werden sie ihnen in Scharen davonlaufen.
Dieser Prozess lässt sich ja durchaus auch schon beobachten...
Doch, ich denke durchaus, dass wir den Anfang davon schon jetzt beobachten können. Spätestens dann wäre ein Umdenken angebracht, auch wenn es ja schon reichlich spät ist.
Ich möchte ganz sicher nicht zu einem Medienboykott aufrufen, aber der gesunde Menschenverstand sollte einem schon sagen, dass ich mich von jemandem, der mir vormacht er würde mir die ganze Wahrheit erzählen und das dann nicht tut, weiterhin auch nicht informieren lassen möchte. Schon gar nicht wenn es mittlerweile neue Medien gibt, die mir die Möglichkeit bieten mich wesentlich fundierter und spezifischer zu informieren.
Im besten Fall trägt der Film dann also auch dazu bei, jene Medienkompetenz zu stärken, die es erfordert, um sich im begründeten Fall bewusst und selbstbewusst auch von einem ansonsten liebgewordenen Medium verabschieden zu können?
Im besten Fall.
Im allerbesten Fall wird aus dieser Liebesbeziehung jedoch eines Tages eine Freundschaft in der man sich immer mal wieder trifft und gut versteht, sich aber nach Beendigung der festen Beziehung motiviert und optimistisch, in beiderseitigem Einvernehmen in einen neuen Lebens- beziehungsweise Medienabschnitt aufgemacht hat.
Das Interview führte Ursula Pidun
Kann nicht sein, was nicht sein darf!? (1/14) (Gesamt 98 Minuten):
Teil 2 von 14:
Teil 3; Teil 4; Teil 5; Teil 6; Teil 7; Teil 8; Teil 9; Teil 10; Teil 11; Teil 12; +Teil 13; Teil 14;
Kommentierung weiter unten möglich!
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Stefan Enderle: In den Giftschränken der Medien verschwinden Themen, die zu heikel sind (1)
Quellenangaben Statistiken:
*(1): „Wie häufig informieren Sie sich im Internet über aktuelle Nachrichten zur Politik?“
(Nicht mehr abrufbar. Die Quelle liegt der Redaktion jedoch vor)
*(2): "Zeitungen, Magazine und Internetseiten, die als glaubwürdig eingeschätzt werden"
(Quelle ist mittlerweile kostenpflichtig, liegt der Redaktion jedoch vor)
*(4): Teil einer Prophezeiung des kanadischen Stammes der Cree:
"Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werden die Menschen feststellen, dass man Geld nicht essen kann."
Verweise: Ackermann-Renditen für Verlage, Hartz IV für Journalisten und Redakteure
Zukunft der Medien: Zurück zum "Sturmgeschütz der Demokratie"
Montgomery und das Wolkensystem der Netzeitung
Montgomerys neue Schäfchen im System
Rupert Murdoch – Der Retter des unabhängigen Qualitätsjournalismus?
Rupert Murdoch – Citizen Kane in der Ära der Globalisierung
Die ZEIT und das Jammern über das Sterben der Printmedien
Bürgerjournalismus als Totengräber der Tageszeitungen?
Dr. Malte Olschewski: Die modernen Medien sind Manichäer
Jörges Kritik zum Bürgerjournalismus: Ich mach's mal wie "Post von Wagner"
Auf welche Weise könnte denn eine solche Honorierung erfolgen, ohne gleich die Unabhängigkeit zu verlieren, die ja quasi das Geschäftsmodell begründet?Viele verdienen sich etwas dazu, indem sie Werbung in ihre Webseiten einbinden oder zu Spenden aufrufen, aber ein wirkliches "Bezahl-System" ist bisher noch nicht flächendeckend eingeführt. Es gibt Seiten, die arbeiten mit OnlineAbos ohne die man keinen Zugriff auf alle Artikel hat, auch das ist eine Idee. Aber im Moment begnügen sich die meisten Seiten mit einerseits den geschalteten Werbeanzeigen und andererseits der positiven Resonanz der Leser. Und die ist als "Lohn" nicht zu verachten. Unabhängigkeit steht dabei natürlich, ebenso wie beim Journalismus, an erster Stelle.
Wahrscheinlich hat sich deshalb, abgesehen vom Verkauf von DVDs und Büchern zum jeweiligen Thema, noch kein finanzielles Vergütungssystem für Informationen im Internet materialisiert und ich denke das ist auch gut so. Wie wir "im echten Leben" ja gerade eindrucksvoll beobachten können, verkompliziert Geld die Dinge nur...
Zumindest für Autoren bietet erste, recht gute Ansätze das System der VG Wort für die angeschlossenen Mitglieder. Vor den jeweiligen Artikel wird ein Code gesetzt, der die Visits erfasst. Demnach kommt es dann zu einer Vergütung des jeweiligen Artikels eines Autors, der bei der VG Wort gelistet ist. Das Ganze steckt meines Erachtens noch ein wenig in den Kinderschuhen. Aber der Ansatz ist deshalb stimmig, weil es anzeigenunabhängig gut frequentierte Artikel - also den rein auf der Basis dieser speziellen Arbeit erzielten Erfolg - honoriert.
Das was ich den Seiten der VG Wort bisher beim Überfliegen entnehmen konnte klingt in der Tat nicht schlecht, da es Verfasser nicht in eine abhängige Situation zu treiben scheint. Aber mir ist noch nicht ganz klar woher das Geld für eine Ausschüttung kommen soll. Wer bezahlt letztendlich für die Visits und wer kontrolliert, ob sich ein Autor nicht selbst jeden Tag mehrere hundert Male "visited"? Das könnte nur über eine Erfassung der jeweiligen IP geschehen und ich denke da hätten die meisten Nutzer ein großes "Aber..."
Wenn jedoch, ohne derartige Kontrollmechanismen und ohne finanzielles Mehraufkommen für den Nutzer, bei gleichzeitig gewährter Unabhängigkeit der Medien ein solches System eingeführt werden kann, stehen die Chancen nicht schlecht, dass viele, die regelmäßig Artikel im Netz veröffentlichen, sich für dieses System interessieren werden.
Immer vorausgesetzt, die Autoren trauen sich, authentisch zu bleiben und nicht um des wirtschaftlichen Erfolges Willen dem Mainstram zu folgen...
Genau, es bleibt dann allerdings wirklich zu hoffen, dass diese Verfasser dann nicht letzten Endes auch beginnen genau das zu schreiben, was viele Visits erzeugt. Denn traurigerweise erzielt jedes Video auf YouTube, das lustige Babys oder witzige Kätzchen zeigt, noch heute ein Vielfaches mehr an Zugriffen, als kritische Videos über ernste Themen oder hochinteressante Dokumentarfilme...
Dasselbe Phänomen erleben wir 24 Stunden am Tag im Fernsehen. Die Quote - oder in diesem Fall Visits - hat ihre Verlockungen für die Macher. Viele, die ihre eigene Webseite betreiben, sehen sich ja auch weniger als Journalisten, sondern vielmehr als Aktivisten, die im Internet sozusagen "digitale Flugblätter" verteilen und versuchen andere auf Missstände und Fehlentwicklungen hinzuweisen, weil sie der Meinung sind, dass die traditionellen Medien sich um diese Themen schlichtweg zu wenig kümmern.
Der Gedanke damit Geld zu verdienen, ist da wahrscheinlich eher nebensächlich, auch wenn es natürlich nicht schlecht wäre den nächsten Film oder die monatlichen Gebühren für den Provider nicht selbst bezahlen zu müssen. Ich denke auf dieser Ebene, der "Informationen von Bürgern für Bürger"-Ebene wird es der finanzielle Aspekt in der nahen Zukunft noch sehr schwer haben, sich durchzusetzen.
Wobei solche "Aktivisten" von Profi-Journalisten mitunter gerne belächelt und "von oben herab" betrachtet werden. Zitat von Maybrit Illner (ZDF) in einem Interview mit sich selbst, das in der "Süddeutschen" erschien ist: "Viele graben - und manche Hobby-Archäologen machen tolle Funde. Aber das ersetzt nicht die Archäologie als Wissenschaft." Das Problem wird von Illner allerdings falsch beschrieben, denn die Archäologie als Wissenschaft im Sinne der Medien hat schon viel zu häufig die Schippe aus der Hand gelegt. Irgendjemand muss aber im Bodensatz herumgraben.
Wenn wir dann in der Sprache der Metaphern bleiben wollen: Welcher Archäologe, egal ob Profi- oder Hobby-Archäologe gräbt denn, um die Archäologie als Wissenschaft "zu ersetzen"? Ist nicht die Suche nach der Wahrheit das Ziel und die Motivation für "Archäologen"?
Eine weitere bezeichnende Aussage dieses Interviews ist "Alle Blogs und digitalen Networks überlassen das Recherchieren den Profis, eben weil es einen Unterschied gibt zwischen Journalisten und dem sogenannten User."
So etwas nennt man dann wohl einerseits eine Apodiktische Aussage und andererseits ein ganz klare Schutzbehauptung. Die Übersetzung müsste lauten: "Glaubt uns! Nur wir recherchieren! Ich habe persönlich alle Blogs und alle digitalen Networks überprüft! Da recherchiert keiner!"
Nur, wenn dem so wäre, warum bieten dann so viele dieser "sogenannten User" belegbare Quellennachweise in ihren Artikeln an? Und warum kommen sie oft zu ganz anderen Ergebnissen als die arbeitsvertraglich gebundenen oder noch abhängigeren "freien" Journalisten? Weil sie nicht recherchieren und nur Storys der Nachrichtenagenturen weitergeben?
Immerhin spricht sie von Aktivisten, was nach Engagement und Einsatz klingt...
Was die Aktivisten im Internet auf ihren Webseiten machen, hat vor allem etwas mit "Sammeln" zu tun. Sammeln, analysieren, archivieren. Und bei interessanten "Funden" bleiben sie - im Gegensatz zu den Profi-Journalisten, die morgen und übermorgen schon wieder zwei neue Storys präsentieren müssen - am Ball und verfolgen die Auswirkungen dieser Funde weiter. Und diese Informationen sind rund um die Uhr abrufbar.
Im Netz kann ich ein Thema meiner Wahl ab sozusagen der "Stunde Null" recherchieren, auch wenn das Ereignis schon mehrere Jahre zurückliegt. Bei den etablierten Medien muss ich darauf hoffen, dass irgendwann mal wieder ein Bericht darüber kommt, den ich dann auch noch zufällig entdecke.
So gesehen hat "Archäologie" auch sehr viel mit Geduld und Ausdauer zu tun. Zwei Tugenden die sich unsere "Profi-Archäologen" heute aus Zeit- und Kostengründen nicht mehr erlauben können. Während wir also unsere Funde schön sauber archivieren und langsam aber sicher Stück für Stück zusammensetzen und rekonstruieren, sind diejenigen die uns belächeln und nicht ernst nehmen, täglich am Schaufeln und man versteht ihre Fundstücke nicht, weil sie aus lauter einzelnen Bruchstücken bestehen, die einzeln für sich keinen großen Sinn ergeben.
Um selbst noch einen bildhaften Vergleich anzuführen: Das ist ein bisschen als stünde man in Paris im Louvre und betrachte ein vier auf drei Meter großes Gemälde...aus 30cm Entfernung.
Setzen wir den Fokus noch einmal auf Ihren Film und beschäftigen uns mit dem leider immer intensiver zu beobachtenden Mangel an Authentizität mancher Redakteure und Journalisten. In Ihrem Film unterfüttern namhafte Medien-Experten ja unsere Befürchtungen. Irgendwelche Verschwörungstheorien sind dahingehend also nicht zu unterstellen. Wir kennen nun das Problem. Aber wie nähern wir uns einer realistischen Lösung?
Die Erläuterungen der Interviewpartner im Film bringen es auf den Punkt: Der Fehler liegt im System. Die meisten Zeitungen sind heute zu abhängig von ihren Werbepartnern, was den Handlungsspielraum in der Berichterstattung schon zu sehr einschränkt.
Ein weiteres, schwerwiegenderes Problem ist, dass die Verflechtungen zwischen großen Medienkonzernen und der Politik so stark überhand genommen haben, dass der aktuelle Zustand einer Art "Waffenstillstand" gleicht. Es wird mal hier mal da gestichelt, aber im großen und ganzen sitzen die Mächtigen und die, die sie überwachen sollten in einem Boot.
Und wie und an welcher Stelle kommt man da wieder heraus?
Unser "Leitmedium" ist noch immer das Fernsehen, also müsste man wohl hier ansetzen. Den privaten Sendeanstalten kann man –streng genommen- keinen Vorwurf machen, denn sie sind nun mal per Definition kapitalistische Wirtschaftsunternehmen, denen der Bildungs- und Informationsstand ihrer Zuschauer leidlich egal sein kann. Im Gegenteil: Je weniger Anspruch vom Publikum an ein intellektuell progressives Programm gestellt wird, desto einfacher und billiger bleibt es den Massengeschmack zu bedienen.
Wenn man sich das moderne TV-Programm so ansieht könnte man durchaus von einer Art "Konditionierung auf schlechten Geschmack" sprechen, aber wie Prof. Dr. Weischenberg im Film schon ausführt, besteht in diesem Fall nun mal eine Wechselbeziehung. Der Zuschauer könnte ja auch einfach ausschalten.
Könnten die Öffentlich-Rechtlichen diese Defizite auffangen? Besser gefragt, ist es nicht deren hoheitliche Aufgabe als Medium, das im Prinzip der Gesellschaft selbst gehört?
Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten kommen ja leider ihrer "Watchdog"-Funktion vor lauter Sorge um die Einschaltquote auch nicht mehr in dem Maße nach, dass man sich –als regelmäßiger Nutzer der neuen Medien- noch halbwegs fundiert informiert fühlen könnte. Es gibt sicher noch sehr gute Formate, die auch immer wieder kritische Berichte bringen, aber vor 22 Uhr abends oder noch später kann man damit eigentlich nur selten rechnen.
Es ist also eine Mixtur aus verschiedenen Faktoren, welche zur mangelnden Authentizität des modernen Journalismus geführt haben: Verflechtungen der Medien und Politik, Medienkonzentration, mangelnde Medienkompetenz auf Seiten der Rezipienten, finanzielle Abhängigkeit der großen Medienhäuser, die Jagd nach der Quote/Auflage und der steigende Einfluss der Public Relations-Industrie. Die Wirtschaftskrise und das mangelnde Interesse an Politik in der Gesellschaft (knapp 30 Prozent Nichtwähler im Jahr 2009, das entspricht rund 24 Millionen Menschen!) tun ihr Übriges.
Also muss es der Konsument selbst richten? Indem er sich beispielsweise rigoros vom entsprechenden Medium abwendet, wenn er sich schlecht oder unzureichend informiert fühlt?
Wir als Medienkonsumenten haben leider nur auf sehr wenige der angesprochenen Faktoren Einfluss. Bei den Printmedien auf die Verkäufe und bei den Fernsehsendern haben wir, oder zumindest wenige Auserwählte, aber doch Einfluss auf die Quote. Doch der größte Hebel den wir als Konsumenten anlegen können, ist wie immer der finanzielle. Wie ich bereits sagte, je mehr Menschen sich von den traditionellen Medien abwenden und sich ihre Informationen auf den Seiten ihres Vertrauens im Internet suchen, desto schneller müssen die etablierten Medien nachziehen. Denn wenn keine Zeitungen mehr gekauft werden und immer weniger Menschen bei "DSDS" in der Werbepause anrufen, wenn das Verlangen der Bürger nach gehaltvollen Informationen finanziell immer bedrohlicher wird, erst dann werden sie erkennen, dass sie so einfach nicht mehr weitermachen können. Das erinnert mich jetzt ein wenig an diesen Teil einer Prophezeiung des kanadischen Stammes der Cree*(4)..., wahrscheinlich zu recht.
Die Medien haben eine Verantwortung gegenüber dem Bürger. Kommen sie dieser nicht nach und die Bürger merken das, werden sie ihnen in Scharen davonlaufen.
Dieser Prozess lässt sich ja durchaus auch schon beobachten...
Doch, ich denke durchaus, dass wir den Anfang davon schon jetzt beobachten können. Spätestens dann wäre ein Umdenken angebracht, auch wenn es ja schon reichlich spät ist.
Ich möchte ganz sicher nicht zu einem Medienboykott aufrufen, aber der gesunde Menschenverstand sollte einem schon sagen, dass ich mich von jemandem, der mir vormacht er würde mir die ganze Wahrheit erzählen und das dann nicht tut, weiterhin auch nicht informieren lassen möchte. Schon gar nicht wenn es mittlerweile neue Medien gibt, die mir die Möglichkeit bieten mich wesentlich fundierter und spezifischer zu informieren.
Im besten Fall trägt der Film dann also auch dazu bei, jene Medienkompetenz zu stärken, die es erfordert, um sich im begründeten Fall bewusst und selbstbewusst auch von einem ansonsten liebgewordenen Medium verabschieden zu können?
Im besten Fall.
Im allerbesten Fall wird aus dieser Liebesbeziehung jedoch eines Tages eine Freundschaft in der man sich immer mal wieder trifft und gut versteht, sich aber nach Beendigung der festen Beziehung motiviert und optimistisch, in beiderseitigem Einvernehmen in einen neuen Lebens- beziehungsweise Medienabschnitt aufgemacht hat.
Das Interview führte Ursula Pidun
Kann nicht sein, was nicht sein darf!? (1/14) (Gesamt 98 Minuten):
Teil 2 von 14:
Teil 3; Teil 4; Teil 5; Teil 6; Teil 7; Teil 8; Teil 9; Teil 10; Teil 11; Teil 12; +Teil 13; Teil 14;
Kommentierung weiter unten möglich!
Zurück zu Teil I:
Stefan Enderle: In den Giftschränken der Medien verschwinden Themen, die zu heikel sind (1)
Quellenangaben Statistiken:
*(1): „Wie häufig informieren Sie sich im Internet über aktuelle Nachrichten zur Politik?“
(Nicht mehr abrufbar. Die Quelle liegt der Redaktion jedoch vor)
*(2): "Zeitungen, Magazine und Internetseiten, die als glaubwürdig eingeschätzt werden"
(Quelle ist mittlerweile kostenpflichtig, liegt der Redaktion jedoch vor)
*(4): Teil einer Prophezeiung des kanadischen Stammes der Cree:
"Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werden die Menschen feststellen, dass man Geld nicht essen kann."
Verweise: Ackermann-Renditen für Verlage, Hartz IV für Journalisten und Redakteure
Zukunft der Medien: Zurück zum "Sturmgeschütz der Demokratie"
Montgomery und das Wolkensystem der Netzeitung
Montgomerys neue Schäfchen im System
Rupert Murdoch – Der Retter des unabhängigen Qualitätsjournalismus?
Rupert Murdoch – Citizen Kane in der Ära der Globalisierung
Die ZEIT und das Jammern über das Sterben der Printmedien
Bürgerjournalismus als Totengräber der Tageszeitungen?
Dr. Malte Olschewski: Die modernen Medien sind Manichäer
Jörges Kritik zum Bürgerjournalismus: Ich mach's mal wie "Post von Wagner"
































































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