Zusatzbeiträge, Abrechnungsbetrug und die Black Box des Gesundheitssystems
5. Mai 2010, 20:00
[Bernhard Fütterer] Große Aufregung herrschte in den letzten Wochen bei einigen Krankenversicherern. Gemeinsam kündigten sie gesetzliche Zusatzbeiträge für ihre Versicherten an und setzen diesen neuen Anspruch derzeit auch rigoros durch. Philipp Rösler, neuer Gesundheitsminister im Regierungskabinett, gerät wohl mächtig ins Schwitzen und lässt derzeit untersuchen, an welchen Stellen Kosten eingedämmt werden können.Abrechnungsbetrug leicht gemacht
Gleichzeitig haben sich die Versicherten daran gewöhnt, regelmäßig in den Medien über Abrechnungsbetrügereien informiert zu werden. So haben Ärzte durchaus schon Impfungen bei bereits Verstorbenen abgerechnet und Orthopäden leiten ihre Patienten mitunter nur zu den Sanitätshäusern, die sich dafür finanziell erkenntlich zeigen. Inakzeptables bleibt auch bei den Zahnärzten nicht aus. Sie rechnen durchaus auch einmal thailändischen Billigzahnersatz zu deutschen Höchstpreisen ab. Dies, obwohl sie dafür mit dem Entzug der Zulassung rechnen müssen, sollte dieser Schwindel und Betrug an den Leistungssträgern und damit den Versicherten, auffliegen. Transparency International beziffert die durch Betrug entstandenen Kosten auf acht bis 24 Milliarden Euro. Um diesen Betrag geht es beispielsweise auch im Streit um die Kopfpauschale im Gesundheitssystem, wenn in der Folge sozial Schwächere mit Steuergeldern entlastet werden sollen. Zehn Milliarden Euro Mehrkosten schlagen bei einem Beitragssatz von einem Prozent zusätzlich zu Buche (Stand von 2006).
Recht auf Kosteneinsicht besteht schon jetzt
Leicht gemacht wird den schwarzen Schafen unter den wohl meist ehrlichen Akteuren der Abrechnungsbetrug durch die Intransparenz, die im Gesundheitssystem herrscht. Im Unterschied zu den nur zehn Prozent jener Patienten, die privat versichert sind, erhalten gesetzlich Versicherte nämlich keine Rechnung ausgehändigt, obwohl der Gesetzgeber dies einmal plante. Nur die wenigsten Bürger wissen, dass auch Menschen, die nicht in die private Krankenversicherung abgewandert sind, von ihrer gesetzlichen Krankenkasse, vom Krankenhaus oder von ihrem Arzt Abrechnungen anfordern dürfen. Doch nur die wenigsten Patienten werden ihrem langjährigen Hausarzt gegenüber die Bitte äußern, einen Abrechnungsbeleg zu erhalten. Dies könnte schnell als Misstrauensvotum interpretiert werden und das Arzt-Patienten-Verhältnis nachhaltig stören.
Online-Patientenquittung weist noch Mängel auf
Anders hingegen sieht die Sachlage bei den Krankenkassen aus, die als Erweiterung der Gesundheitsakte zusätzlich eine Patientenquittung anbieten. Damit kann jeder Versicherte, der dies wünscht und der schriftlich seine Einwilligung dazu gibt, im Internet nachschlagen, welche medizinischen Leistungen von Apotheken, Krankenhäusern, Sanitätshäusern und Ärzten gegenüber seiner Krankenkasse abgerechnet wurden. Somit wird das Gesundheitssystem, jahrelang eine Black Box, wesentlich transparenter. Dabei ist es den Versicherten freigestellt, auf diesen Service später wieder zu verzichten und die eigenen Daten zu löschen. So wie auch noch nicht alle Bankkunden das Online-Banking nutzen, verzichten viele Versicherte bisher auf solche Onlineangebote der Krankenkassen. Zum Leidwesen solcher Zusatzangebote im Internet war allerdings die größte BKK, BKK Gesundheit, zuletzt mit sehr negativen Schlagzeilen in den Medien vertreten. Demnach gewährte diese Krankenkasse externen Mitarbeitern einer Hotline Zugang zu Krankheitsdaten und wurde damit erpresst. Nicht nur dieses Beispiel zeigt, wie sorgfältig Krankenkassen mit sensiblen Daten umgehen müssen.
Zusatzbeiträge erhöhen Druck auf Transparenz
Doch das Interesse der Patienten an den angefallenen Kosten dürfte sich nun drastisch steigern, nachdem die ersten Krankenkassen monatlich Zusatzbeiträge erheben und weitere noch folgen werden. Die Online-Patientenquittung bieten derzeit im Wesentlichen die Betriebskrankenkassen an. Exakt sind es bisher 13 eher kleinere Krankenkassen mit insgesamt gerade einmal einer Million Versicherten, während es in Deutschland etwa 70 Millionen gesetzlich Versicherte gibt. Auf Anfrage der Redaktion SPREERAUSCHEN.net versicherte Michael Ohler, bei der BKK Pfalz zuständig für Datenschutz und Qualitätsmanagement, dass der Dienstleister careon den Datenschutz großschreibe. Während einige der Betriebskrankenkassen, die eine Patientenquittung anbieten, nur die Mitarbeiter der eigenen Firma oder aus einem bestimmten Bundesland aufnehmen, hat sich die BKK Pfalz bundesweit geöffnet. Die Daten der Versicherten werden mit aktueller SSL-3.0-Verschlüsselungstechnologie und einer Firewall auf einem Server in Frankfurt am Main geschützt, auf dem keine anderen Daten oder Anwendungen liegen. Dennoch nutzen bisher nur 877 der 150.000 Versicherten die Möglichkeit, in die Kosten Einblick zu nehmen. Zukünftig sollen es jedoch mehr werden.
Nach eigenen Angaben und auch entsprechend unserer Recherche im Internet, ist careon seit sechseinhalb Jahren der einzige Anbieter für Online-Patientenquittungen. Guido Weber, der sich für careon seit Jahren mit der Patientenquittung befasst, musste feststellen, dass sich die größeren gesetzlichen Krankenkassen Deutschlands weniger für das Thema Abrechnungstransparenz interessieren. Diese hätten sich in den letzten Monaten vor allem damit befasst, die Kosten niedrig zu halten, um Zusatzbeiträge zu verhindern. Mit der weiteren Entwicklung des Gesundheitswesens solle sich das jedoch allmählich ändern.
Kostentransparenz wird zum wichtigsten Kriterium
Doch je mehr Krankenkassen Zusatzbeiträge erheben, desto größer dürfte das Interesse der Versicherten werden, einen Blick auf die Kosten zu werfen, die Ärzte, Apotheker, Physiotherapeuten und die Akteure weiterer Heilberufe in Rechnung stellen. Möglicherweise entscheiden sich dann einige Versicherte auch für günstigere Tarife gesetzlicher Krankenkassen mit Selbstbeteiligung, weil erkennbar wird, dass Hausärzte für manche Untersuchungen alles andere als fürstlich entlohnt werden. Nicht immer muss etwas mehr Eigenverantwortung teuer sein. Vor allem könnte in unserem sehr teuren deutschen Gesundheitssystem endlich das dringend notwendige Kostenbewusstsein einkehren, wenn sich jedermann darüber im Klaren ist, dass sich medizinische Leistungen nicht mit Billigbeiträgen der Versicherten finanzieren lassen. Vor allem aber ließe sich so manche Bagatelluntersuchung vermeiden und die eine oder andere harmlose Grippe im Bett mit Hausmitteln auskurieren, ohne dass gleich der Arzt in Anspruch genommen werden muss.
Foto: Karin Jähne/Pixelio.de
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