Ackermann-Renditen für Verlage, Hartz IV für Journalisten und Redakteure
1. Februar 2010, 01:30
[Bernhard Fütterer] Die erst allmählich ausklingende Wirtschaftskrise ging an den deutschen Verlagen nicht spurlos vorüber. Wie in anderen Branchen hielten sie sich an den Mitarbeitern schadlos, indem sie Stellen abbauten, wann immer nur möglich. Doch kann man hinsichtlich der Verlagsbranche tatsächlich nur von einem Wirtschaftszweig sprechen, der wie jeder andere einzustufen ist und lässt sich beim rasanten Verfall einer einst professionellen Berufsgruppe der Journalisten tatsächlich derart ruhig und gelassen zuschauen? Schließlich wird der Presse im Unterschied zu anderen Wirtschaftsbereichen mit dem Grundsatz der Pressefreiheit in unserer Verfassung nicht ohne Hintergrund ein sehr prominenter Platz eingeräumt. Aus gutem Grund: Medien sind Wächter der Demokratie und es handelt sich um die einzige, wirklich nachdrückliche Plattform zur demokratischen Meinungsbildung für den Bürger. Daher sollten sich Verleger auch einmal einige Gedanken zu ihrer eigenen Bringschuld machen, bevor sie sich nur um ihre zweistelligen Renditezahlen sorgen.
Renditen bis zu 20 Prozent
Stattdessen aber machen es sich Verlage viel zu einfach, jammern seit Jahren über die neuen Medien im Internet und beklagen zusätzlich den anhaltenden Leserschwund. Noch nachdenklicher sollte stimmen, dass Zeitungsverlage nicht nur früher den Ruf von Goldgruben besaßen, sondern auch nach dem letzten Aufschwung bis 2008 mitunter noch zweistellige Renditen erzielten. Somit handelt es sich auch nach der Finanzkrise eher um ein Jammern auf hohem Niveau. Allerdings darf der Leser wohl auch ein Mindestmaß an Qualität erwarten. Doch die Verlage haben zwischenzeitlich durch massive Sparmaßnahmen einen nicht gerade als klein zu bezeichnenden Teil ihres Personals in den Redaktionen gestrichen. Den Volontären einer norddeutschen Zeitung wurde dahingehend während eines Seminars von einem Mitglied der Geschäftsführung stolz berichtet, dass der Anzeigenrückgang den Verlag nicht wirklich stark getroffen habe; ebenso wurde bestätigt, dass vor der Wirtschaftskrise die Rendite mindestens zwanzig Prozent betrug.
Im Namen der „Krise“ in die Arbeitslosigkeit
Der Wochenzeitung "ZEIT" gegenüber war der Chefredakteur des Nordkuriers aus Neubrandenburg erstaunlich offen. Er freute sich offensichtlich über die offiziell eingestandenen fünf bis sechs Prozent und sagte: "Ist doch klar, dass der Verleger mehr haben will". Die Behauptung, dass es soviel Ertrag auf dem Tagesgeldkonto gebe, war übrigens falsch. Zu diesem Zeitpunkt betrug der Tagesgeldzins etwa nur ein Drittel der Nordkurierrendite – und das mitten in der "Zeitungskrise". Gleichzeitig stellt der erwähnte norddeutsche Verlag schon seit Jahren keine festen Redakteure mehr ein. Systematisch werden regelmäßig Volontäre benutzt, die als vollwertige Arbeitskräfte möglichst von Anfang an in die Lokalredaktionen geschickt werden. Dort fehlt es häufig aufgrund von Personalknappheit an ausreichend Zeit, neue Volontäre systematisch bei ihrem Berufseinstieg zu begleiten. Dementsprechend fällt mitunter die Qualität der Artikel im Lokalteil aus. Wie kann sich der Verlag dann noch über den Leserschwund beklagen? Selbst am Wochenende trifft es den einen oder anderen Volontär, der anstelle eines routinierten Redakteurs alleine die Lokalausgabe für den folgenden Montag zusammenzustellen muss.
Hausfrauen und Studenten statt Profis?
Endet ein Volontärsvertrag nach zwei Jahren, dürfen sich die Jungjournalisten glücklich schätzen, wenn ihnen im Ausnahmefall ein Vertrag als fester Freier - auch Pauschalist genannt -, winkt. Der neue "Pauschi" soll dann dankbar sein, wenn er de facto als Scheinselbstständiger in einer Vollzeitstelle letztlich nur noch als ein Befehlsempfänger agiert, nicht jedoch als kritischer Journalist. Da er stets präsent sein soll, hat er zusätzlich noch Probleme, auch andere Aufträge zu bekommen, um in die Künstlersozialkasse aufgenommen zu werden. Sie könnte zumindest ein Grundgerüst sozialer Absicherung bedeuten und einen Beitrag für die sehr teure Kranken- und Rentenversicherung leisten. Wer nicht einmal einen Pauschalistenvertrag erhält, wird in die freie Wildbahn entlassen. Ohne weitere familiäre oder sonstige Unterstützung landen eben viele Journalisten mit zumeist sogar abgeschlossenem Hochschulstudium, erstklassiger Allgemeinbildung und besten Fremdsprachenkenntnissen auf Harz-IV-Niveau. Kärglichste Zeilenhonore machen es möglich. Alternativ könne ein Verlag auch "mit Hausfrauen und Studenten" als Schreibern seine Rendite einstreichen, äußerte kürzlich ein Geschäftsführer vor der Belegschaft, als Stellenstreichungen vollzogen werden sollten.
Verbände handeln fragwürdige Mindestleistungen aus
Nun hat der DJV mit den deutschen Zeitungsverlegern in den letzten Wochen eine Vereinbarung geschlossen, wie die Freien zu bezahlen sind. Spannend wird es, den Arbeitsmarkt der Freien zu verfolgen. Halten sich die Verlage an die Abmachung, die nur für die extremsten Situationen eine Verbesserung darstellt? Gleichzeitig deutet sich allerdings eine Kapitulation des DJV an, was die weiteren Verwertungsrechte für die Artikel in Internet und anderen Kanälen angeht. Insgesamt betrachtet waren die Voraussetzungen für einen kritischen Journalismus früher schon einmal deutlich besser. Vielerorts ist es nicht mehr üblich, einem Journalisten die nötige Zeit zu geben, um zu einem wichtigen Thema umfassend und länger zu recherchieren. Wichtig ist es - provokant, doch leider nicht mehr realitätsnah formuliert - ,den weißen Platz zwischen den Anzeigen zu füllen. Es gibt Lokalredaktionen, in denen den Redakteuren mehr oder weniger deutlich angezeigt wird, besser über bestimmte Firmen und Anzeigenkunden nichts Kritisches zu veröffentlichen.
Renditedenken gefährdet demokratische Basis
Dabei geht es viel mehr als "nur" um eine unternehmerfreundliche Berichterstattung. Wenn in manchen Kommunen nur noch eine Tageszeitung über Kommunalpolitik, Auftragsvergaben durch die lokale Politik und andere wichtige Entscheidungen berichtet, wird es für die Bürger in allen Gegenden Deutschlands eng. Solche wichtigen Belange mit häufig nicht unerheblicher finanzieller Tragweite für die Menschen vor Ort dürfen nicht nur vordergründig, verdreht oder gar meinungspolitisch angehaucht beim Bürger landen. Kritische Hinterfragung, authentische, ausführliche Analysen und lückenlose Aufklärung über Verschwendung und Misswirtschaft zeichnen eine funktionierende Presse aus und nicht etwa eine Schoßhündchen-Mentalität.
Gleiches gilt für die bundespolitische Berichterstattung. Je mehr Zeitungsverlage die eigenständige Berichterstattung zu den Vorgängen in Berlin einstellen, desto eintöniger wird die dann noch verbliebene Zeitungslandschaft. Lobbyisten aus der Pharmaiindustrie und sonstige Interessenvertreter, die sich quasi im Rudel um die Bundespolitik scharen, haben damit um so leichteres Spiel, die Redakteuere und Journalisten der Zeitungen mit ihrer immer professionelleren PR zu beeinflussen. Denn die sind mitunter recht dankbar für schon vorgeschriebene Artikel und kommen dann auch einmal mit einer halben Überstunde weniger zu ihren Familien nach Hause.
Verträumt und Verschlafen Richtung Abgrund
Und was ärgert den Verlagsgeschäftsführer am Internet so besonders? Obig erwähntes Mitglied der Geschäftsführung gestand auch dies erstaunlicherweise offen ein. Die Verlage hätten jahrelang geschlafen und zugesehen, wie ebay, google, immonet, autoscout24 und Co den gigantischen Werbekuchen Stück für Stück für sich okkupiert haben. Unwiederbringlich übrigens - wie der smarte Herr Manager eingestand. Ausbaden müssen dies nun allerdings tausende Journalisten und Redakteure.
Verweise:
Zukunft der Medien: Zurück zum "Sturmgeschütz der Demokratie"
"Netzeitung" vom Netz: Bankrotterklärung der ersten deutschen Internet-Tageszeitung
Montgomery und das Wolkensystem der Netzeitung
Montgomerys neue Schäfchen im System
Rupert Murdoch – Der Retter des unabhängigen Qualitätsjournalismus?
Rupert Murdoch – Citizen Kane in der Ära der Globalisierung
Die ZEIT und das Jammern über das Sterben der Printmedien
Bürgerjournalismus als Totengräber der Tageszeitungen?
Zukunft der Medien: Zurück zum "Sturmgeschütz der Demokratie"
Dr. Malte Olschewski: Die modernen Medien sind Manichäer
Foto: © Dr. Klaus-Uwe Gerhardt/Pixelio.de
































































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