Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Wir waren die Trüffelschweine des Klinikums" (3)
26. November 2009, 14:20I N T E R V I E W
[Dr. Alexander Frhr. von Paleske] Der renommierte Transplantationschirurg Prof. Dr. Christoph Broelsch, der sich derzeit vor dem Essener Strafgericht wegen des Verdachts der Vorteilsgewährung, Betrug und Nötigung verantworten muss, spricht in Teil III unseres Interviews über die Präsenz eines Chefarztes, klingelnde Kassen und Trüffelschweine im Klinikum. Zudem wird nochmals auf die Problematik bei den Lebend-Transplantationen eingegangen.
Der an die Verwaltung abzuführende Anteil ist ja in den letzten Jahren ständig gestiegen und Sie haben mit ihrer Reputation ganz besonders dazu beigetragen, dass die "Ladenkasse" des Klinikums Essen ordentlich klingelte. Kann man das so sagen?
Ja, wir gehörten – im Jargon ausgedrückt - zu den "Trüffelschweinen" des Klinikums. Die wussten, da kommen gute Patienten, Im übrigen, man kann nicht an allen Stellen gleichzeitig sein. Bei den Chirurgen und jedem, der mit den Verhältnissen in der Klinik vertraut ist - Juristen gehören wohl eher nicht dazu - ist bekannt, dass die "Präsenz" des Chefs entscheidend und erforderlich ist, nicht aber notwendigerweise dessen Schnitt. Ansonsten könnte der Chef bestenfalls eine Lebertransplantation pro Tag durchführen und nicht bei anderen Operationen gegebenenfalls eingreifen.
Die Präsenz des Chefs kann man so oder so deuten. Der Chef hat ja selber Interesse am bestmöglichen Prozedere und Ablauf der Operation, aber er kann nicht von Anfang bis Ende dabeistehen. Es geht um die wesentliche Schritte bei der Operation und die können präzise abgesprochen und dann vom Oberarzt durchgeführt werden. Die Präsenz zeigt sich vor allem auch und gerade im Team und an dem Teamgeist, der vorherrscht. Entscheidend ist, dass die Direktiven des Chefs – also auf welche Art zu operieren ist - auch befolgt werden. In Deutschland spricht man dabei auch von der sogenannten Chirurgenschule. Und das ist wesentlich wichtiger, als Tag und Nacht als Chef am OP-Tisch zu stehen.
Haben Sie den Eindruck, dass das Gericht diese klinikinternen Vorgänge überhaupt versteht?
Wenn Sie mich so direkt fragen, hat diese Wirtschaftsstrafkammer einen Einblick in solche Abläufe sicher nicht gehabt, sie versteht dies vermutlich auch gar nicht. Sie müsste sich einmal - wie jüngst der Verteidigungsminister innerhalb seines Wirkungsgebietes - eine Woche ins Klinikum begeben und schauen, wie solche Dinge tatsächlich ablaufen. Dann würden sie ihre "Weltanschauung" definitiv ändern und nicht auf die Idee kommen, noch ein weiteres Formular zu verlangen, das penibel belegt, warum der Professor möglicherweise verhindert ist und wer aus welchem Grunde die Vertretung übernimmt. Wir sind überwiegend nur noch damit beschäftigt, irgendwelche Formulare auszufüllen und zur Unterschrift vorzulegen. Und das kann es ja nun wirklich nicht sein.
Wenn wir die Ärzteprozesse aus den letzten Jahren Revue passieren lassen, dann ging es doch im Wesentlichen um ärztliche Behandlungs- oder Kunstfehler. Ist Ihnen denn derartiges jemals vorgeworfen worden?
Nein nicht dass ich davon wüsste. Ich bin niemals wegen eines Kunstfehlers gerichtlich belangt worden. Es gab Fälle, die gutachterlich geklärt wurden, mehr nicht. Auch die Staatsanwaltschaft hat offenbar nach dahingehenden Vorfällen seit 2007 gesucht, aber keine gefunden.
Völlig außer Zweifel steht, dass Sie eine internationale Kapazität auf dem Gebiet der Lebertransplantation sind. Wenn ich an Aussagen jener Patienten denke, die heute als Zeugen vernommen wurden, so handelte es sich ja nicht nur um erfolgreiche Behandlungen. Vielmehr haben diese Patienten vor allem auch Ihre ärztliche Zuwendung außerordentlich gelobt.
Das Verhältnis zu den Patienten von meiner Seite lässt sich als besonders persönlich und vertrauensvoll bezeichnen. Mir hat dieses Arzt-Patienten-Verhältnis immer besonders viel Freude gemacht.
Kehren wir noch einmal zurück zum Gebiet der Lebend-Transplantation. Hier ist ja so, dass ein prinzipiell gesunder Spender sich den Gefahren einer nicht gerade kleinen Operation aussetzt, um einem anderen Menschen, beispielsweise einem Verwandten, zu helfen. Wie hoch ist denn die Komplikationsrate? Also, wie häufig kommt es vor, dass es zu einem außerordentlich tragischen Ausgang kommt und der Spender an den Operationsfolgen stirbt?
Auf der einen Seite steht der gesunde Mensch, dem durch die Operation durchaus ein Schaden, ein körperlicher Schaden zugefügt werden kann. Der Nutzen dieser Operation liegt für den Spender zumeist also in dem seelischen Nutzen, mit seiner Hilfe dem Verwandten die Chance eines Überlebens zu eröffnen. Diese Genugtuung teilen wir natürlich mit dem Angehörigen und ich kann mir nur vorstellen, dass ein Spender die Transplantation eines Organs oder Teile eines Organs ausschließlich einem Ärzteteams gibt, dem er restlos vertraut.
Die Voraussetzungen für eine Lebendtransplantation ist nicht ein populistisches, sondern vielmehr ein intimes Vertrauensverhältnis, weil man sein Leben als Gesunder in die Hand von Ärzten legt. Ihr besonderes Vertrauen legen Spender aber nicht nur in die Ärzte und deren ärztliche Kunst, sondern auch in ihre menschliche Fürsorge, die sich beim Spender und Empfänger deutlich weit über den Operationszeitpunkt hinaus erstreckt. Es ist eine mechanistische Vorstellung, der Spender würde einfach in ein Transplantationszentrum gehen und dann würde Stück Niere oder Leber herausoperiert, zugenäht und fertig.
Wir haben immer wieder betont, welche Sorge wir um den potentiellen Organspender haben, dafür gibt es auch viele Bezeugungen. Wie gründlich die Vorab-Untersuchungen auch waren, Komplikationen können immer passieren. Doch es ist unser Anliegen, jeden Patienten so gut es geht vor Schäden zu bewahren, gleichzeitig aber natürlich den Empfänger mit einer möglichen Therapiechance zu versorgen, die er sonst nicht hätte. Und da sind wir wieder beim Thema des Mangels an Organen und der Bestimmung des möglichst richtigen Zeitpunktes. Der ist bei Nierenpatienten relativ einfach zu bestimmen, bei Leberpatienten hingegen recht unterschiedlich. Manche Patienten benötigen 20 Jahre, bis zu einem Transplantantionszeitpunkt. Bei anderen stellt sich die Notwendigkeit schon nach zwei Jahren. Bis dahin entwickelt sich natürlich ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.
Die tödliche Komplikationsrate liegt etwa bei 1:1000, d.h. bei 1000 Lebendtransplantationen muss mit einem tödlichen Zwischenfall auf der Seite des Spenders gerechnet werden.
Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, dass Sie hier als Sündenbock vorgeführt werden sollen, stellvertretend für die vermeintliche Raffgier der Ärzte? Und dass abgelenkt werden soll von den eigentlichen schwarzen Schafen der Nation, nämlich jenen der Banker und Manager, die unsere Volkswirtschaft anlässlich der Finanz- und Wirtschaftkrise fast vor die Wand gefahren haben?
Ich würde mich nicht mit denen in einem Kontext oder Wettbewerb der Übelkeiten sehen. Dass Ärzte Zielscheibe sind, das ist bekannt. Der ganze Berufstand spiegelt sich ja entsprechend in den Medien wieder. Dennoch gibt genügend Patienten, die sich mit ihrem Leben und der Gesundheit den Ärzten anvertrauen. Ich denke eher, dass das Feindbild Chefarzt/Ordinarius weiter gepflegt werden wird.

Vertretung durch eine der renommiertesten Kanzleien Deutschlands: Jürgen Pauly,
Kanzlei HammPartner verrtitt an diesem Prozesstag die Belange von Prof. Dr. Christoph Broelsch.
Wenn man die Gruppe jener Patienten betrachtet, die sich gegen Sie gewendet haben, dann sind dies ja in der Regel Angehörige von Verstorbenen oder Patienten, deren vielleicht doch eher unrealistische Erwartungen sich nicht erfüllen ließen. So etwa bei Leberkrebs, wenn eine Transplantation keine Heilung bringt, vielmehr Metastasen insbesondere nach der erforderlichen immunsuppressiven Therapie auftreten. Es ging also dann um eine Lebensverlängerung, und je nach dem Ort der Metastasenbildung auch um eine Einschränkung der Lebensqualität. Haben Sie nicht vielleicht doch in manchen Fällen unrealistische Erwartungen in den Patienten oder deren Angehörigen geweckt?
Also, ich bin sicher, dass ich mit meiner Einschätzung immer ziemlich objektiv gelegen habe. Es gab ja vor Jahren einmal den Artikel von derselben Journalistin der ZEIT, die nun den Artikel "Der Kassierer" schrieb. Damals schrieb sie meine Person betreffend allerdings davon, dass es einem Arzt für hoffnungslose Fälle gebe. Und wenn ich mir heute die Gruppe der "hoffnungslosen Fälle" ansehe, dann ist die Gruppe derer, die heute noch am Leben sind, deutlich größer, als die Gruppe jener, die verstorben sind.
Letztlich besteht meine Pflicht darin, die Situation des Patienten objektiv zu beurteilen. Ich kann ihnen umgekehrt auch nicht die letzte Hoffnung nehmen. Vor allem dann nicht, wenn Alternativtherapien wie Chemotherapie und Bestrahlung letztlich keinen Nutzen haben und die Patienten möglicherweise in die Hände jener gelangen könnten, die dann großen Schaden anrichten. Das alles ist ein ziemlicher Balance-Akt.
Die positive Darstellung eines hoffnungslosen Falles, das ist oftmals Sache der Onkologen, die aber genau wissen, was kommt. Mir das im operativen Bereich vorzuwerfen ist eine andere Sache.
* Biografie Prof. Dr. Christoph Broelsch:
Prof. Dr. Christoph Broelsch wurde am 14.9 1944 in Hanau/M. geboren und wuchs in der Hansestadt Bremen auf. Nach Abitur in Berlin und Studium der Medizin und Zahnmedizin in Köln und Erlangen, folgten klinische Semester an der Universität in Düsseldorf. Nach dem Staatsexamen im Jahre 1969 promovierte Broelsch mit der Thematik Neurologie. Nach fünfjähriger Forschungstätigkeit im Bereich Pathologie und Physiologie erhielt Broelsch ein zweijähriges Forschungsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität von South California in San Diego. Dort hatte er auch erstmals Kontakt mit Leberforschung. Zurück in Deutschland arbeitete Broelsch ab 1974 für zehn Jahre als Arzt und Oberarzt bei Prof. Pichlmayr in Hannover, bevor er 1984 einen Ruf an die Universität nach Chicago folgte und dort den Lehrstuhl für hepatobiliaere Transplantation innehielt. Seit 1991 arbeitete Broelsch am Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und folgte nach sieben Jahren einem weiteren Ruf an das Universitätsklinikum Essen, wo er bis zu seiner Suspendierung im Jahre 2007 tätig war.
Das Interview führte Dr. Alexander Frhr. von Paleske
Redaktionelle Bearbeitung: Ursula Pidun/SPREERAUSCHEN.net
Fotos: Dr. A. v. Paleske
Teil I
Im Gespräch mit Prof. Dr. Christoph Broelsch: Zwischen Renommé und Anklage
Teil II
Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Die Betrugs-Vorwürfe haben mich ziemlich aus der Bahn geworfen"
Teil III
Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Wir waren die Trüffelschweine des Klinikums"
Weitere Interviews:
"Barschel – Die Akte": Im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteur Sebastian Knauer
Teil I: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Jenseits der Hitler-Tagebücher
Tel II: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Kriege werden am Schreibtisch geplant
Teil III: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: NS-Recherchen führten zu Konsequenzen
Teil IV: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: "Journalisten sind immer nur so gut wie ihre letzte Geschichte"
Domenika Ahlrichs (NETZEITUNG): "In der Erinnerung verklärt man manches"
Dr. Michael Maier: "Das Ende der Netzeitung ist auch ein Menetekel für die Branche"
Dr. Hermann Otto Solms: "Die FDP hält Wort, das hat sie oft genug bewiesen."
Jens Seipenbusch (Piratenpartei): "Es geht um Bürgerrechte im digitalen Zeitalter"
Dr. Volker Wissing (FDP): Die HRE-Enteigung kann auch zum Super-GAU werden
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): "Nichtstun würde uns am Ende teurer zu stehen kommen"
Volker Beck (Grüne): "Unser Ziel ist Platz 3 in der Parteienlandschaft"
Dirk Niebel (FDP): "Wir lehnen eine staatliche Bad Bank ab"
Sir Quett Ketumile Joni Masire: "The solution could be in dialogue"
Hans Wall:"Wir müssen in diesen schweren Zeiten mehr zusammenrücken"
Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell.: "Tradition und Fortschritt schließen sich gegenseitig nicht aus"
Dr. Hermann Bühlbecker: "Wir werden auch den Geschmack von Barack Obama treffen"
Wolfgang Grupp: Die Verantwortung muss auf allen Ebenen wieder zurückkommen
Dschungelbuch: Auf den Spuren der Lobbyisten in Berlin
Prof. Dr. Hans-Joachim Selenz, Wirtschaftsethiker
Dr. Timo Grunden, Universität Duisburg-Essen
Andrea Titz, Staatsanwältin Staatsanwaltschaft München II
Prof. Dr. Joachim Bohnert, Freie Universität Berlin
Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg
Stephan Braun, MdL der SPD in Baden-Württemberg, Journalist
Prof. Dr. Perry Reisewitz, Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (München)
Prof. Dr. Friedrich Thießen, Technische Universität Chemnitz
Dr. Werner Hoyer, Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
Univ.-Prof. Dr. Markus Heintzen, Dekan der Freien Universität Berlin
Dr. Hermann Otto Solms, FDP, Vizepräsident des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Gregor Gysi, "Die Linke"
Rainer Brüderle, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP
Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien
[Dr. Alexander Frhr. von Paleske] Der renommierte Transplantationschirurg Prof. Dr. Christoph Broelsch, der sich derzeit vor dem Essener Strafgericht wegen des Verdachts der Vorteilsgewährung, Betrug und Nötigung verantworten muss, spricht in Teil III unseres Interviews über die Präsenz eines Chefarztes, klingelnde Kassen und Trüffelschweine im Klinikum. Zudem wird nochmals auf die Problematik bei den Lebend-Transplantationen eingegangen. Der an die Verwaltung abzuführende Anteil ist ja in den letzten Jahren ständig gestiegen und Sie haben mit ihrer Reputation ganz besonders dazu beigetragen, dass die "Ladenkasse" des Klinikums Essen ordentlich klingelte. Kann man das so sagen?
Ja, wir gehörten – im Jargon ausgedrückt - zu den "Trüffelschweinen" des Klinikums. Die wussten, da kommen gute Patienten, Im übrigen, man kann nicht an allen Stellen gleichzeitig sein. Bei den Chirurgen und jedem, der mit den Verhältnissen in der Klinik vertraut ist - Juristen gehören wohl eher nicht dazu - ist bekannt, dass die "Präsenz" des Chefs entscheidend und erforderlich ist, nicht aber notwendigerweise dessen Schnitt. Ansonsten könnte der Chef bestenfalls eine Lebertransplantation pro Tag durchführen und nicht bei anderen Operationen gegebenenfalls eingreifen.
Die Präsenz des Chefs kann man so oder so deuten. Der Chef hat ja selber Interesse am bestmöglichen Prozedere und Ablauf der Operation, aber er kann nicht von Anfang bis Ende dabeistehen. Es geht um die wesentliche Schritte bei der Operation und die können präzise abgesprochen und dann vom Oberarzt durchgeführt werden. Die Präsenz zeigt sich vor allem auch und gerade im Team und an dem Teamgeist, der vorherrscht. Entscheidend ist, dass die Direktiven des Chefs – also auf welche Art zu operieren ist - auch befolgt werden. In Deutschland spricht man dabei auch von der sogenannten Chirurgenschule. Und das ist wesentlich wichtiger, als Tag und Nacht als Chef am OP-Tisch zu stehen.
Haben Sie den Eindruck, dass das Gericht diese klinikinternen Vorgänge überhaupt versteht?
Wenn Sie mich so direkt fragen, hat diese Wirtschaftsstrafkammer einen Einblick in solche Abläufe sicher nicht gehabt, sie versteht dies vermutlich auch gar nicht. Sie müsste sich einmal - wie jüngst der Verteidigungsminister innerhalb seines Wirkungsgebietes - eine Woche ins Klinikum begeben und schauen, wie solche Dinge tatsächlich ablaufen. Dann würden sie ihre "Weltanschauung" definitiv ändern und nicht auf die Idee kommen, noch ein weiteres Formular zu verlangen, das penibel belegt, warum der Professor möglicherweise verhindert ist und wer aus welchem Grunde die Vertretung übernimmt. Wir sind überwiegend nur noch damit beschäftigt, irgendwelche Formulare auszufüllen und zur Unterschrift vorzulegen. Und das kann es ja nun wirklich nicht sein.
Wenn wir die Ärzteprozesse aus den letzten Jahren Revue passieren lassen, dann ging es doch im Wesentlichen um ärztliche Behandlungs- oder Kunstfehler. Ist Ihnen denn derartiges jemals vorgeworfen worden?
Nein nicht dass ich davon wüsste. Ich bin niemals wegen eines Kunstfehlers gerichtlich belangt worden. Es gab Fälle, die gutachterlich geklärt wurden, mehr nicht. Auch die Staatsanwaltschaft hat offenbar nach dahingehenden Vorfällen seit 2007 gesucht, aber keine gefunden.
Völlig außer Zweifel steht, dass Sie eine internationale Kapazität auf dem Gebiet der Lebertransplantation sind. Wenn ich an Aussagen jener Patienten denke, die heute als Zeugen vernommen wurden, so handelte es sich ja nicht nur um erfolgreiche Behandlungen. Vielmehr haben diese Patienten vor allem auch Ihre ärztliche Zuwendung außerordentlich gelobt.
Das Verhältnis zu den Patienten von meiner Seite lässt sich als besonders persönlich und vertrauensvoll bezeichnen. Mir hat dieses Arzt-Patienten-Verhältnis immer besonders viel Freude gemacht.
Kehren wir noch einmal zurück zum Gebiet der Lebend-Transplantation. Hier ist ja so, dass ein prinzipiell gesunder Spender sich den Gefahren einer nicht gerade kleinen Operation aussetzt, um einem anderen Menschen, beispielsweise einem Verwandten, zu helfen. Wie hoch ist denn die Komplikationsrate? Also, wie häufig kommt es vor, dass es zu einem außerordentlich tragischen Ausgang kommt und der Spender an den Operationsfolgen stirbt?
Auf der einen Seite steht der gesunde Mensch, dem durch die Operation durchaus ein Schaden, ein körperlicher Schaden zugefügt werden kann. Der Nutzen dieser Operation liegt für den Spender zumeist also in dem seelischen Nutzen, mit seiner Hilfe dem Verwandten die Chance eines Überlebens zu eröffnen. Diese Genugtuung teilen wir natürlich mit dem Angehörigen und ich kann mir nur vorstellen, dass ein Spender die Transplantation eines Organs oder Teile eines Organs ausschließlich einem Ärzteteams gibt, dem er restlos vertraut.
Die Voraussetzungen für eine Lebendtransplantation ist nicht ein populistisches, sondern vielmehr ein intimes Vertrauensverhältnis, weil man sein Leben als Gesunder in die Hand von Ärzten legt. Ihr besonderes Vertrauen legen Spender aber nicht nur in die Ärzte und deren ärztliche Kunst, sondern auch in ihre menschliche Fürsorge, die sich beim Spender und Empfänger deutlich weit über den Operationszeitpunkt hinaus erstreckt. Es ist eine mechanistische Vorstellung, der Spender würde einfach in ein Transplantationszentrum gehen und dann würde Stück Niere oder Leber herausoperiert, zugenäht und fertig.
Wir haben immer wieder betont, welche Sorge wir um den potentiellen Organspender haben, dafür gibt es auch viele Bezeugungen. Wie gründlich die Vorab-Untersuchungen auch waren, Komplikationen können immer passieren. Doch es ist unser Anliegen, jeden Patienten so gut es geht vor Schäden zu bewahren, gleichzeitig aber natürlich den Empfänger mit einer möglichen Therapiechance zu versorgen, die er sonst nicht hätte. Und da sind wir wieder beim Thema des Mangels an Organen und der Bestimmung des möglichst richtigen Zeitpunktes. Der ist bei Nierenpatienten relativ einfach zu bestimmen, bei Leberpatienten hingegen recht unterschiedlich. Manche Patienten benötigen 20 Jahre, bis zu einem Transplantantionszeitpunkt. Bei anderen stellt sich die Notwendigkeit schon nach zwei Jahren. Bis dahin entwickelt sich natürlich ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.
Die tödliche Komplikationsrate liegt etwa bei 1:1000, d.h. bei 1000 Lebendtransplantationen muss mit einem tödlichen Zwischenfall auf der Seite des Spenders gerechnet werden.
Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, dass Sie hier als Sündenbock vorgeführt werden sollen, stellvertretend für die vermeintliche Raffgier der Ärzte? Und dass abgelenkt werden soll von den eigentlichen schwarzen Schafen der Nation, nämlich jenen der Banker und Manager, die unsere Volkswirtschaft anlässlich der Finanz- und Wirtschaftkrise fast vor die Wand gefahren haben?
Ich würde mich nicht mit denen in einem Kontext oder Wettbewerb der Übelkeiten sehen. Dass Ärzte Zielscheibe sind, das ist bekannt. Der ganze Berufstand spiegelt sich ja entsprechend in den Medien wieder. Dennoch gibt genügend Patienten, die sich mit ihrem Leben und der Gesundheit den Ärzten anvertrauen. Ich denke eher, dass das Feindbild Chefarzt/Ordinarius weiter gepflegt werden wird.

Vertretung durch eine der renommiertesten Kanzleien Deutschlands: Jürgen Pauly,
Kanzlei HammPartner verrtitt an diesem Prozesstag die Belange von Prof. Dr. Christoph Broelsch.
Wenn man die Gruppe jener Patienten betrachtet, die sich gegen Sie gewendet haben, dann sind dies ja in der Regel Angehörige von Verstorbenen oder Patienten, deren vielleicht doch eher unrealistische Erwartungen sich nicht erfüllen ließen. So etwa bei Leberkrebs, wenn eine Transplantation keine Heilung bringt, vielmehr Metastasen insbesondere nach der erforderlichen immunsuppressiven Therapie auftreten. Es ging also dann um eine Lebensverlängerung, und je nach dem Ort der Metastasenbildung auch um eine Einschränkung der Lebensqualität. Haben Sie nicht vielleicht doch in manchen Fällen unrealistische Erwartungen in den Patienten oder deren Angehörigen geweckt?
Also, ich bin sicher, dass ich mit meiner Einschätzung immer ziemlich objektiv gelegen habe. Es gab ja vor Jahren einmal den Artikel von derselben Journalistin der ZEIT, die nun den Artikel "Der Kassierer" schrieb. Damals schrieb sie meine Person betreffend allerdings davon, dass es einem Arzt für hoffnungslose Fälle gebe. Und wenn ich mir heute die Gruppe der "hoffnungslosen Fälle" ansehe, dann ist die Gruppe derer, die heute noch am Leben sind, deutlich größer, als die Gruppe jener, die verstorben sind.
Letztlich besteht meine Pflicht darin, die Situation des Patienten objektiv zu beurteilen. Ich kann ihnen umgekehrt auch nicht die letzte Hoffnung nehmen. Vor allem dann nicht, wenn Alternativtherapien wie Chemotherapie und Bestrahlung letztlich keinen Nutzen haben und die Patienten möglicherweise in die Hände jener gelangen könnten, die dann großen Schaden anrichten. Das alles ist ein ziemlicher Balance-Akt.
Die positive Darstellung eines hoffnungslosen Falles, das ist oftmals Sache der Onkologen, die aber genau wissen, was kommt. Mir das im operativen Bereich vorzuwerfen ist eine andere Sache.
* Biografie Prof. Dr. Christoph Broelsch:
Prof. Dr. Christoph Broelsch wurde am 14.9 1944 in Hanau/M. geboren und wuchs in der Hansestadt Bremen auf. Nach Abitur in Berlin und Studium der Medizin und Zahnmedizin in Köln und Erlangen, folgten klinische Semester an der Universität in Düsseldorf. Nach dem Staatsexamen im Jahre 1969 promovierte Broelsch mit der Thematik Neurologie. Nach fünfjähriger Forschungstätigkeit im Bereich Pathologie und Physiologie erhielt Broelsch ein zweijähriges Forschungsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität von South California in San Diego. Dort hatte er auch erstmals Kontakt mit Leberforschung. Zurück in Deutschland arbeitete Broelsch ab 1974 für zehn Jahre als Arzt und Oberarzt bei Prof. Pichlmayr in Hannover, bevor er 1984 einen Ruf an die Universität nach Chicago folgte und dort den Lehrstuhl für hepatobiliaere Transplantation innehielt. Seit 1991 arbeitete Broelsch am Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und folgte nach sieben Jahren einem weiteren Ruf an das Universitätsklinikum Essen, wo er bis zu seiner Suspendierung im Jahre 2007 tätig war.
Das Interview führte Dr. Alexander Frhr. von Paleske
Redaktionelle Bearbeitung: Ursula Pidun/SPREERAUSCHEN.net
Fotos: Dr. A. v. Paleske
Teil I
Im Gespräch mit Prof. Dr. Christoph Broelsch: Zwischen Renommé und Anklage
Teil II
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Teil III
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Dr. Michael Maier: "Das Ende der Netzeitung ist auch ein Menetekel für die Branche"
Dr. Hermann Otto Solms: "Die FDP hält Wort, das hat sie oft genug bewiesen."
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Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg
Stephan Braun, MdL der SPD in Baden-Württemberg, Journalist
Prof. Dr. Perry Reisewitz, Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (München)
Prof. Dr. Friedrich Thießen, Technische Universität Chemnitz
Dr. Werner Hoyer, Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
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Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Gregor Gysi, "Die Linke"
Rainer Brüderle, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP
Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien
































































Der Komplex
Immer dann, wenn es um begehrliche Dinge geht, gibt es auch Missbrauch. Da mögen die meisten noch so seriös handeln, das lässt sich nicht von der Hand weisen. Dies alles muss berücksichtigt werden und am Ende ist die Entscheidung des Einzelnen, ob nun dafür oder dagegen, von jedermann zu respektieren. Ohne Wenn und ohne Aber.