Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Die Betrugs-Vorwürfe haben mich ziemlich aus der Bahn geworfen" (2)
26. November 2009, 14:28I N T E R V I E W
[Dr. Alexander Frhr. Von Paleske] Der renommierte Transplantationschirurg Prof. Dr. Christoph Broelsch steht derzeit vor dem Strafgericht in Essen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vorteilsgewährung, Betrug und Nötigung vor. Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt Broelsch, warum er sich den Straftatbestand der Bestechlichkeit nicht in den kühnsten Träumen vorstellen konnte und erklärt, dass er sich auch vorverurteilt sieht.
Sehen Sie sich in Deutschland bereits durch die Presse vorverurteilt? Immerhin gab es sogar in der Wochenzeitschrift ZEIT einen langen Artikel, der unter dem reißerischen Titel "Der Kassierer" publiziert wurde, noch bevor der erste Zeuge überhaupt zu Wort gekommen ist.
Nicht nur vorverurteilt, vielmehr kommt man sich gelegentlich ein wenig dekapitiert vor. Das ist ein nicht sehr schöner Zustand, allerdings auf Deutschland begrenzt. Das hat mit meinem auswärtigen Ansehen kaum etwas zu tun. Hierzulande müssen wohl nun erst einige "Hausmeisterarbeiten" verrichtet werden. Und die will ich keinesfalls unterschätzen. Immerhin haben mich die Vorwürfe und die Anklage ziemlich aus der Bahn geworfen in den letzten zwei, drei Jahren meiner beruflichen Lebensplanung. Ich kann allerdings von Glück sagen, dass es die letzten ein- , zwei Jahre waren, denn an dieser Institution (Klinikum Essen, Anm. der Redaktion) hätte ich sowieso keinen Tag länger gearbeitet.
Das Verfahren behindert mich auch mental und es belastet mich seelisch. Natürlich wird gleichzeitig auch die Familie stark belastet. Ebenso wie die gesamte Umwelt und Freunde, wobei der gute Teil daran ist, dass man zwischen den Freunden und den anderen inzwischen deutlich gut unterscheiden kann. Der schlechte Teil ist natürlich, dass mir hier etwas vorgeworfen wird, was zum größten Teil so nicht stimmt. Aber das ist eine Welt, in der wir jetzt leben, die ihre Opfer haben will. Es scheint für manche wichtig zu sein, dass man irgendwann einmal von seinem Sockel geholt wird. Das ist eine Lehre und ich würde vieles anders machen, wenn ich das alles rekapituliere.
Können Sie etwas zu Ihrer Form der Spendenakquise sagen?
Was die Vorwürfe zur Spendenakquise betrifft, so denke ich, gibt es da sicherlich zwei Aspekte: Vereinfacht gesagt, ging es dabei ja um Kassenpatienten, die von mir aber privat behandelt werden wollten als sogenannte Wahlleistung. Allerdings konnten die Patienten dies in der Höhe gar nicht bezahlen. Wer privat von einem Professor operiert werden will, trifft eine Wahlleistungsvereinbarung. Da gibt es dann Honorare, die fällig werden, die auch übergreifend andere Diszipline betreffen, wie etwa die Anästhesie. Das wird den Patienten auch mitgeteilt und das summiert sich durchaus beträchtlich.
Nun wäre es rechtlich völlig korrekt gewesen, den Patienten ganz brutal zu sagen: "Ich operiere Sie, nachdem Sie ihre Honorarsicherung eingezahlt haben."
Das machen ja auch die anderen Chefärzte so?
Ja, bei den Kassenpatienten, die von mir persönlich behandelt werden wollten, hielt ich genau das für die brutale und unsoziale Methode. Nämlich die Patienten neben ihrer schweren Erkrankung nun noch in eine Problematik zu bringen, woher sie denn das ganze Geld auftreiben sollten für eine schnelle Operation, die ihnen möglicherweise das Leben retten konnte.
Können Sie eventuell einmal einen Betrag nennen, damit wir eine Vorstellung davon gewinnen können, was eine solche Operation mit allem Drum und Dran als Wahlleistung gekostet hätte? Und können Sie einmal die Summe dagegen stellen, die Sie als Spende für Ihr Forschungskonto erbeten haben?
Patienten, die als Privatpatienten – also als Wahlleistungspatienten - zu mir kamen, mussten damit rechnen, einen Betrag zwischen 30.000 und 40.000 Euro aufbringen zu müssen. Dies ist nicht etwa mein Honorar. Dies liegt dann brutto in etwa bei 7000 bis 8000 Euro, die Änästhesie-Kosten schon eingeschlossen. Wenn Sie jetzt von einem Betrag von 30.000 bis etwa 40.000 Euro ausgehen, dann hätte dieser Patient nach den Regularien des Krankenhauses vorab entweder in irgendeine Kasse einzahlen müssen und meinen Anteil auf mein Konto sowie den Anteil für die Kollegen überweisen müssen. Dieser Betrag hat den Patienten eindeutig einen Schrecken eingejagt.
Dann habe ich sie gefragt, ob sie anstelle eines Honorars eine Spende für unsere Forschung leisten möchten, also als freiwillige Leistung. In dem Fall würde ich sehen, dass zeitnah ein Operationstermin gefunden wird und die Operation stattfinden kann. Die Patienten haben teilweise lange überlegt, teilweise aber auch sehr schnell entschieden. Insgesamt war es für die Patienten wesentlich kostengünstiger und konnte auch von der Steuer abgesetzt werden. Am Ende kam also sogar noch etwas Gutes für die Forschung dabei heraus.
Ich habe vor allem an eine Win Win-Situation für alle gedacht. Es gab aber auch Patienten, die das nicht wollten und sich lieber vom Oberarzt operieren ließen. In den insgesamt fünf Jahren, in denen das so, wie beschrieben, betrieben wurde, gab es etwa zehn solcher Patienten pro Jahr, die neben den vielen anderen hunderten Patienten zu uns kamen. Ich habe mir dabei zu keinem Zeitpunkt etwas Böses gedacht. Vor allem nicht, dass es bei diesen Patienten zu irgendwelchem Druck oder gar räuberischen Erpressungsphänomenen kommen könnte, wie es die Staatsanwaltschaft in nicht akzeptabler Weise formuliert und auch in die Öffentlichkeit hinausposaunt. Dem spricht auch entgegen – und dies haben auch andere Zeugen inzwischen ausgesagt - dass die Patienten auf den Stationen zufrieden und froh waren. Sie haben sich in keinster Weise dahingehend geäußert, benachteiligt oder übervorteilt worden zu sein.
Niemand äußerte jemals, dass es mit schlechten Dingen zugegangen sei, weder während des stationären Aufenthalts, noch bei den Nachuntersuchungen. Dokumentiert ist dies übrigens auch in den Dankesbriefen, die wir bekamen. Schließlich gab es auch nie Zweifel an Steuerbescheiden. Niemand kam auf die Idee, zu sagen: "Das scheint alles doch ein bisschen anrüchig zu sein". Daraus einen Straftatbestand der Bestechlichkeit zu machen, konnte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen.

Er kämpft um seine Unschuld und auch um seine Reputation: Prof. Dr. Christoph Broelsch
vor dem Essener Strafgericht
Nun sind ja moralische Bedenken in gewisser Weise durchaus nachvollziehbar. Denn die Bezahlung erfolgte vor der Operation, also in einer oft für den Patienten verzweifelten Lage. Und nicht etwa nach erfolgter Operation.
Ja, wenn Sie Moral gegen Moral abwägen, dann mag das stimmen. Allerdings stimmt es dann nicht, wenn Sie das gegen die steinharte Moral abwägen, die üblich ist, bei Privatpatienten. Und die lautet ja: "Zahlen Sie erst einmal, bevor wir überhaupt über einen Termin reden". Und letzteres ist genau dies die Realität in der deutschen Medizin.
Nur bei meiner Vorgehensweise rührte sich plötzlich der Gedanke an der ansonsten vergessenen Moral. Plötzlich hieß es, dass auch Kassenpatienten die Leistung bekommen müssen und zwar kostenfrei. Stimmt, das müssen sie auch, allerdings über die Poliklinik und immer entsprechend und im Einklang mit der Betten-Kapazität, dem deutschem Arbeitszeitgesetz und vielen andern Aspekten. Das muss alles in Betracht gezogen werden.
Die Praxis, um die es bei diesen Patienten geht, erfolgte somit hinsichtlich einer gewissen Sonderregelung, die erkauft werden konnte. Eben weil sich die Professoren und die in freier Praxis tätigen Ärzte nicht um die Arbeitszeitregeln kümmern, soweit es die eigene Person betrifft. Wir sind Pfingsten da, wir sind auch Weihnachten da und pochen nicht auf irgendein Dienstzeitrecht.
Nun wirft Ihnen die Staatsanwaltschaft auch noch Betrug insoweit vor, als dass Sie als Chef auch dann abgerechnet haben, wenn Sie die Operation aus Abwesenheitsgründen gar nicht selbst durchgeführt sondern an die Oberärzte delegierten. Vorgeworfen wird Ihnen auch, dass Sie Operationen nicht in voller Gänze durchführten, sondern teilweise sozusagen nur "Gewehr bei Fuß" gestanden haben.
Das ist aber doch gängige verständliche Praxis, auch für die Patienten und ich hielt das für absolut rechtmäßig. Insbesondere, aber nicht nur dann, wenn Patienten als Notfall kommen und der Chef nicht erreichbar oder verhindert ist, vertritt der jeweils diensthabende Oberarzt bis hin zur Durchführung notwendiger Operationen. Am Ende bekommt der Patient die Rechnung der Behandlung vom Chef. Das ist mein Wissensstand und daran können auch noch so ausgefeilte neuere Verträge nichts ändern. An der Honorar-Leistung verdient ja der Chefarzt das Allerwenigste, das wollen wir an dieser Stelle auch einmal festhalten.
Kommentierungen zu diesem Interview sind unter Teil III möglich.
Lesen Sie in Teil III:
Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Wir waren die Trüffelschweine des Klinikums"
Das Interview führte Dr. Alexander Frhr. von Paleske
Redaktionelle Bearbeitung: Ursula Pidun/SPREERAUSCHEN.net
Fotos: Dr. A. v. Paleske
Weitere Interviews:
"Barschel – Die Akte": Im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteur Sebastian Knauer
Teil I: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Jenseits der Hitler-Tagebücher
Tel II: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Kriege werden am Schreibtisch geplant
Teil III: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: NS-Recherchen führten zu Konsequenzen
Teil IV: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: "Journalisten sind immer nur so gut wie ihre letzte Geschichte"
Domenika Ahlrichs (NETZEITUNG): "In der Erinnerung verklärt man manches"
Dr. Michael Maier: "Das Ende der Netzeitung ist auch ein Menetekel für die Branche"
Dr. Hermann Otto Solms: "Die FDP hält Wort, das hat sie oft genug bewiesen."
Jens Seipenbusch (Piratenpartei): "Es geht um Bürgerrechte im digitalen Zeitalter"
Dr. Volker Wissing (FDP): Die HRE-Enteigung kann auch zum Super-GAU werden
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): "Nichtstun würde uns am Ende teurer zu stehen kommen"
Volker Beck (Grüne): "Unser Ziel ist Platz 3 in der Parteienlandschaft"
Dirk Niebel (FDP): "Wir lehnen eine staatliche Bad Bank ab"
Sir Quett Ketumile Joni Masire: "The solution could be in dialogue"
Teil I: Im Gespräch mit Prof. Dr. Christoph Broelsch: Zwischen Renommé und Anklage
Teil II: Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Die Betrugs-Vorwürfe haben mich ziemlich aus der Bahn geworfen"
Teil III: Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Wir waren die Trüffelschweine des Klinikums"
Hans Wall:"Wir müssen in diesen schweren Zeiten mehr zusammenrücken"
Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell.: "Tradition und Fortschritt schließen sich gegenseitig nicht aus"
Dr. Hermann Bühlbecker: "Wir werden auch den Geschmack von Barack Obama treffen"
Wolfgang Grupp: Die Verantwortung muss auf allen Ebenen wieder zurückkommen
Dschungelbuch: Auf den Spuren der Lobbyisten in Berlin
Prof. Dr. Hans-Joachim Selenz, Wirtschaftsethiker
Dr. Timo Grunden, Universität Duisburg-Essen
Andrea Titz, Staatsanwältin Staatsanwaltschaft München II
Prof. Dr. Joachim Bohnert, Freie Universität Berlin
Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg
Stephan Braun, MdL der SPD in Baden-Württemberg, Journalist
Prof. Dr. Perry Reisewitz, Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (München)
Prof. Dr. Friedrich Thießen, Technische Universität Chemnitz
Dr. Werner Hoyer, Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
Univ.-Prof. Dr. Markus Heintzen, Dekan der Freien Universität Berlin
Dr. Hermann Otto Solms, FDP, Vizepräsident des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Gregor Gysi, "Die Linke"
Rainer Brüderle, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP
Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien
[Dr. Alexander Frhr. Von Paleske] Der renommierte Transplantationschirurg Prof. Dr. Christoph Broelsch steht derzeit vor dem Strafgericht in Essen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vorteilsgewährung, Betrug und Nötigung vor. Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt Broelsch, warum er sich den Straftatbestand der Bestechlichkeit nicht in den kühnsten Träumen vorstellen konnte und erklärt, dass er sich auch vorverurteilt sieht. Sehen Sie sich in Deutschland bereits durch die Presse vorverurteilt? Immerhin gab es sogar in der Wochenzeitschrift ZEIT einen langen Artikel, der unter dem reißerischen Titel "Der Kassierer" publiziert wurde, noch bevor der erste Zeuge überhaupt zu Wort gekommen ist.
Nicht nur vorverurteilt, vielmehr kommt man sich gelegentlich ein wenig dekapitiert vor. Das ist ein nicht sehr schöner Zustand, allerdings auf Deutschland begrenzt. Das hat mit meinem auswärtigen Ansehen kaum etwas zu tun. Hierzulande müssen wohl nun erst einige "Hausmeisterarbeiten" verrichtet werden. Und die will ich keinesfalls unterschätzen. Immerhin haben mich die Vorwürfe und die Anklage ziemlich aus der Bahn geworfen in den letzten zwei, drei Jahren meiner beruflichen Lebensplanung. Ich kann allerdings von Glück sagen, dass es die letzten ein- , zwei Jahre waren, denn an dieser Institution (Klinikum Essen, Anm. der Redaktion) hätte ich sowieso keinen Tag länger gearbeitet.
Das Verfahren behindert mich auch mental und es belastet mich seelisch. Natürlich wird gleichzeitig auch die Familie stark belastet. Ebenso wie die gesamte Umwelt und Freunde, wobei der gute Teil daran ist, dass man zwischen den Freunden und den anderen inzwischen deutlich gut unterscheiden kann. Der schlechte Teil ist natürlich, dass mir hier etwas vorgeworfen wird, was zum größten Teil so nicht stimmt. Aber das ist eine Welt, in der wir jetzt leben, die ihre Opfer haben will. Es scheint für manche wichtig zu sein, dass man irgendwann einmal von seinem Sockel geholt wird. Das ist eine Lehre und ich würde vieles anders machen, wenn ich das alles rekapituliere.
Können Sie etwas zu Ihrer Form der Spendenakquise sagen?
Was die Vorwürfe zur Spendenakquise betrifft, so denke ich, gibt es da sicherlich zwei Aspekte: Vereinfacht gesagt, ging es dabei ja um Kassenpatienten, die von mir aber privat behandelt werden wollten als sogenannte Wahlleistung. Allerdings konnten die Patienten dies in der Höhe gar nicht bezahlen. Wer privat von einem Professor operiert werden will, trifft eine Wahlleistungsvereinbarung. Da gibt es dann Honorare, die fällig werden, die auch übergreifend andere Diszipline betreffen, wie etwa die Anästhesie. Das wird den Patienten auch mitgeteilt und das summiert sich durchaus beträchtlich.
Nun wäre es rechtlich völlig korrekt gewesen, den Patienten ganz brutal zu sagen: "Ich operiere Sie, nachdem Sie ihre Honorarsicherung eingezahlt haben."
Das machen ja auch die anderen Chefärzte so?
Ja, bei den Kassenpatienten, die von mir persönlich behandelt werden wollten, hielt ich genau das für die brutale und unsoziale Methode. Nämlich die Patienten neben ihrer schweren Erkrankung nun noch in eine Problematik zu bringen, woher sie denn das ganze Geld auftreiben sollten für eine schnelle Operation, die ihnen möglicherweise das Leben retten konnte.
Können Sie eventuell einmal einen Betrag nennen, damit wir eine Vorstellung davon gewinnen können, was eine solche Operation mit allem Drum und Dran als Wahlleistung gekostet hätte? Und können Sie einmal die Summe dagegen stellen, die Sie als Spende für Ihr Forschungskonto erbeten haben?
Patienten, die als Privatpatienten – also als Wahlleistungspatienten - zu mir kamen, mussten damit rechnen, einen Betrag zwischen 30.000 und 40.000 Euro aufbringen zu müssen. Dies ist nicht etwa mein Honorar. Dies liegt dann brutto in etwa bei 7000 bis 8000 Euro, die Änästhesie-Kosten schon eingeschlossen. Wenn Sie jetzt von einem Betrag von 30.000 bis etwa 40.000 Euro ausgehen, dann hätte dieser Patient nach den Regularien des Krankenhauses vorab entweder in irgendeine Kasse einzahlen müssen und meinen Anteil auf mein Konto sowie den Anteil für die Kollegen überweisen müssen. Dieser Betrag hat den Patienten eindeutig einen Schrecken eingejagt.
Dann habe ich sie gefragt, ob sie anstelle eines Honorars eine Spende für unsere Forschung leisten möchten, also als freiwillige Leistung. In dem Fall würde ich sehen, dass zeitnah ein Operationstermin gefunden wird und die Operation stattfinden kann. Die Patienten haben teilweise lange überlegt, teilweise aber auch sehr schnell entschieden. Insgesamt war es für die Patienten wesentlich kostengünstiger und konnte auch von der Steuer abgesetzt werden. Am Ende kam also sogar noch etwas Gutes für die Forschung dabei heraus.
Ich habe vor allem an eine Win Win-Situation für alle gedacht. Es gab aber auch Patienten, die das nicht wollten und sich lieber vom Oberarzt operieren ließen. In den insgesamt fünf Jahren, in denen das so, wie beschrieben, betrieben wurde, gab es etwa zehn solcher Patienten pro Jahr, die neben den vielen anderen hunderten Patienten zu uns kamen. Ich habe mir dabei zu keinem Zeitpunkt etwas Böses gedacht. Vor allem nicht, dass es bei diesen Patienten zu irgendwelchem Druck oder gar räuberischen Erpressungsphänomenen kommen könnte, wie es die Staatsanwaltschaft in nicht akzeptabler Weise formuliert und auch in die Öffentlichkeit hinausposaunt. Dem spricht auch entgegen – und dies haben auch andere Zeugen inzwischen ausgesagt - dass die Patienten auf den Stationen zufrieden und froh waren. Sie haben sich in keinster Weise dahingehend geäußert, benachteiligt oder übervorteilt worden zu sein.
Niemand äußerte jemals, dass es mit schlechten Dingen zugegangen sei, weder während des stationären Aufenthalts, noch bei den Nachuntersuchungen. Dokumentiert ist dies übrigens auch in den Dankesbriefen, die wir bekamen. Schließlich gab es auch nie Zweifel an Steuerbescheiden. Niemand kam auf die Idee, zu sagen: "Das scheint alles doch ein bisschen anrüchig zu sein". Daraus einen Straftatbestand der Bestechlichkeit zu machen, konnte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen.

Er kämpft um seine Unschuld und auch um seine Reputation: Prof. Dr. Christoph Broelsch
vor dem Essener Strafgericht
Nun sind ja moralische Bedenken in gewisser Weise durchaus nachvollziehbar. Denn die Bezahlung erfolgte vor der Operation, also in einer oft für den Patienten verzweifelten Lage. Und nicht etwa nach erfolgter Operation.
Ja, wenn Sie Moral gegen Moral abwägen, dann mag das stimmen. Allerdings stimmt es dann nicht, wenn Sie das gegen die steinharte Moral abwägen, die üblich ist, bei Privatpatienten. Und die lautet ja: "Zahlen Sie erst einmal, bevor wir überhaupt über einen Termin reden". Und letzteres ist genau dies die Realität in der deutschen Medizin.
Nur bei meiner Vorgehensweise rührte sich plötzlich der Gedanke an der ansonsten vergessenen Moral. Plötzlich hieß es, dass auch Kassenpatienten die Leistung bekommen müssen und zwar kostenfrei. Stimmt, das müssen sie auch, allerdings über die Poliklinik und immer entsprechend und im Einklang mit der Betten-Kapazität, dem deutschem Arbeitszeitgesetz und vielen andern Aspekten. Das muss alles in Betracht gezogen werden.
Die Praxis, um die es bei diesen Patienten geht, erfolgte somit hinsichtlich einer gewissen Sonderregelung, die erkauft werden konnte. Eben weil sich die Professoren und die in freier Praxis tätigen Ärzte nicht um die Arbeitszeitregeln kümmern, soweit es die eigene Person betrifft. Wir sind Pfingsten da, wir sind auch Weihnachten da und pochen nicht auf irgendein Dienstzeitrecht.
Nun wirft Ihnen die Staatsanwaltschaft auch noch Betrug insoweit vor, als dass Sie als Chef auch dann abgerechnet haben, wenn Sie die Operation aus Abwesenheitsgründen gar nicht selbst durchgeführt sondern an die Oberärzte delegierten. Vorgeworfen wird Ihnen auch, dass Sie Operationen nicht in voller Gänze durchführten, sondern teilweise sozusagen nur "Gewehr bei Fuß" gestanden haben.
Das ist aber doch gängige verständliche Praxis, auch für die Patienten und ich hielt das für absolut rechtmäßig. Insbesondere, aber nicht nur dann, wenn Patienten als Notfall kommen und der Chef nicht erreichbar oder verhindert ist, vertritt der jeweils diensthabende Oberarzt bis hin zur Durchführung notwendiger Operationen. Am Ende bekommt der Patient die Rechnung der Behandlung vom Chef. Das ist mein Wissensstand und daran können auch noch so ausgefeilte neuere Verträge nichts ändern. An der Honorar-Leistung verdient ja der Chefarzt das Allerwenigste, das wollen wir an dieser Stelle auch einmal festhalten.
Kommentierungen zu diesem Interview sind unter Teil III möglich.
Lesen Sie in Teil III:
Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Wir waren die Trüffelschweine des Klinikums"
Das Interview führte Dr. Alexander Frhr. von Paleske
Redaktionelle Bearbeitung: Ursula Pidun/SPREERAUSCHEN.net
Fotos: Dr. A. v. Paleske
Weitere Interviews:
"Barschel – Die Akte": Im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteur Sebastian Knauer
Teil I: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Jenseits der Hitler-Tagebücher
Tel II: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Kriege werden am Schreibtisch geplant
Teil III: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: NS-Recherchen führten zu Konsequenzen
Teil IV: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: "Journalisten sind immer nur so gut wie ihre letzte Geschichte"
Domenika Ahlrichs (NETZEITUNG): "In der Erinnerung verklärt man manches"
Dr. Michael Maier: "Das Ende der Netzeitung ist auch ein Menetekel für die Branche"
Dr. Hermann Otto Solms: "Die FDP hält Wort, das hat sie oft genug bewiesen."
Jens Seipenbusch (Piratenpartei): "Es geht um Bürgerrechte im digitalen Zeitalter"
Dr. Volker Wissing (FDP): Die HRE-Enteigung kann auch zum Super-GAU werden
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): "Nichtstun würde uns am Ende teurer zu stehen kommen"
Volker Beck (Grüne): "Unser Ziel ist Platz 3 in der Parteienlandschaft"
Dirk Niebel (FDP): "Wir lehnen eine staatliche Bad Bank ab"
Sir Quett Ketumile Joni Masire: "The solution could be in dialogue"
Teil I: Im Gespräch mit Prof. Dr. Christoph Broelsch: Zwischen Renommé und Anklage
Teil II: Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Die Betrugs-Vorwürfe haben mich ziemlich aus der Bahn geworfen"
Teil III: Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Wir waren die Trüffelschweine des Klinikums"
Hans Wall:"Wir müssen in diesen schweren Zeiten mehr zusammenrücken"
Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell.: "Tradition und Fortschritt schließen sich gegenseitig nicht aus"
Dr. Hermann Bühlbecker: "Wir werden auch den Geschmack von Barack Obama treffen"
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Prof. Dr. Friedrich Thießen, Technische Universität Chemnitz
Dr. Werner Hoyer, Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
Univ.-Prof. Dr. Markus Heintzen, Dekan der Freien Universität Berlin
Dr. Hermann Otto Solms, FDP, Vizepräsident des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Gregor Gysi, "Die Linke"
Rainer Brüderle, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP
Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien































































