Im Gespräch mit Prof. Dr. Christoph Broelsch: Zwischen Renommé und Anklage (1)
26. November 2009, 14:32I N T E R V I E W
[Dr. Alexander Frhr. Von Paleske] Der renommierte Transplantationschirurg Prof. Dr. Christoph Broelsch wurde vor zwei Jahren von seinem Dienst am Klinikum Essen suspendiert und landete nach einer Anklage vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vorteilsgewährung, Betrug und Nötigung vor. Demnach soll Broelsch Patienten systematisch zu Spendenzahlungen erpresst haben.
Broelsch, der 1984 einen Ruf an die Universität nach Chicago erhielt und dort den Lehrstuhl für hepatobiliäre Transplantation innehielt, wechselte 1991 zum Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bevor er - einem weiteren Ruf folgend - zum Universitätsklinikum Essen gelangte. Weltweit gilt Broelsch als Pionier auf dem Gebiet der Transplantationschirurgie.
SPREERAUSCHEN.net hatte Gelegenheit zu einem ausführlichen Interview vor Ort. Dr. Alexander Frhr. von Paleske, der sich auf dem Weg zurück nach Afrika befand, traf Broelsch nach einem Zwischen-Stopp in Essen im Sitzungssaal 101 des Landgerichts (Strafgericht) Essen und interviewte den angeklagten Star-Chirurgen nach einer eintägigen Prozessbeobachtung.
Herr Professor Broelsch, Sie haben umfangreiche Weiterbildungen hinsichtlich der Transplantations-Chirurgie in Deutschland gemacht. Dann erhielten Sie ein Angebot von einer der renommiertesten Universitäten in den USA?
Das immense Interesse an der Transplantations-Chirurgie habe ich in den USA bekommen und mich dann umfangreich der Leberforschung gewidmet. Ich kam ja ursprünglich aus dem Fach Neuropathologie und hatte mich auch in meiner Promotionsarbeit darauf spezialisiert. Dann suchte ich die entstehenden Transplantationszentren in Deutschland auf. Damals war das zunächst in Hannover der Fall und zwar an der Medizinischen Hochschule mit den damals leitenden Professoren Borst und Pichlmayr. Später dann war es Essen und die Abteilung von Professor Eickler, meinem Vorgänger. Das waren die beiden großen Transplantationszentren in Deutschland damals.
Hannover war zu der Zeit schon sehr international, auch München mit Walter Land konnte mitziehen. Später zogen Köln und Heidelberg nach. Das brachte dann auch erhebliche strukturelle Veränderungen mit sich.
Damals handelte es sich allerdings nicht um Lebend-Transplantationen, sondern die Organe wurden bereits Verstorbenen entnommen.
Was brachte Sie denn zum Gebiet der Lebend-Transplantation?
Es war schon ein recht großer Sprung bis zu den Lebend-Transplationen. Etwa 40 Jahre Transplantation in Deutschland brauchte es, aber die Lebend-Transplantation entwickelte sich zunächst bei der Nierentransplantation von Kindern. Mein damaliger Chef Pichlmayr war der Ansicht, dass es in diesen Fällen gerechtfertigt sei, Spenden von Eltern zu ermöglichen. Damit konnte die lange Wartezeit eliminiert werden, um den Kindern wieder eine bessere Lebensqualität und längere Lebensdauer zu ermöglichen.
Die Initialzündung kam aber nicht aus Deutschland sondern aus Holland und Belgien und auch aus anderen Ländern, die auch in der Entwicklung der Transplantation wesentlich weiter waren, als wir hierzulande. Die Entwicklungen gingen damals von der Universität Leyden in Holland aus. Und zwar von dem berühmten van Rood, der die Gewebeverträglichkeit Spender/Empfänger zum Leitfaden der Organzuteilung gemacht hatte. Die ersten Entwicklungen der immunsuppressiven Therapie waren dem vorausgegangen. Die erste Transplantation überhaupt war eine Lebend-Transplantation von Joseph Mary in Boston, der übrigens plastischer Chirurg war.
Die Transplantations-Chirurgie in Deutschland war also irgendwo stecken geblieben?
Nierentransplantationen gab es bereits seit Anfang der 60er Jahre, München war damals das führende Zentrum. Professor Grosse Wilde in Essen kam ja aus dem Münchener Labor. In Deutschland gab es Vorbehalte. 1990 ebenso, wie schon 1960. Sie finden ihren Ursprung darin, dass die post mortale Organspende hier nicht wirklich akzeptiert ist. Dabei geht es um Zweifel an der Feststellung des Hirntodes und auch der Annahme, dass hier etwas mit angeblich noch Lebenden durchgeführt wird, die dann auch noch – obwohl sie bereits hirntod sind - , angeblich immer noch eine Narkose bei der Organentnahme benötigen. Ich erwähne dies, weil mir erst kürzlich wieder dahingehende Fragen gestellt wurden.
Worauf ist das zurückzuführen?
Dies ist auf eine bewusst gehaltene Unkenntnis zurückzuführen und auf Ur-Ängste und Sorgen, die ja bedingen, dass man sich auch mal mit dem eigenen Tod, beziehungsweise mit dem eigenen Unfalltod befassen muss. So etwas löst immer Ängste aus. Dann gibt besonders hier in Deutschland Zweifel an der Ehrlichkeit der Ärzte, an deren Korrektheit der Diagnosen, am Image und generell am Vertrauen in die Ärzteschaft. All diese Faktoren mischen sich da mit hinein. Hinzu kommen ethische Bedenken, einen Verstorbenen noch einmal operieren zu können. Und natürlich der Gedanke daran, dass ein Mensch posthum sozusagen "ausgeweidet" wird und dass er als "Ersatzteillager" gebraucht wird.
Hierzu gibt es dann noch endlose Symposien, die sich mit dem Menschenbild, mit der Würde des Toten befassen. Dort kommen ebenfalls immer wieder Zweifel auf, ob es denn richtig sei, dass man Organe entnimmt, um anderen Menschen zu helfen. In diesem Wirrwarr der Argumente findet sich nur jener noch zurecht, der die eigene Not verspürt, ein Organ erhalten zu müssen.

Trotz schwerwiegender Vorwürfe: Viele Patienten halten zu Prof. Dr. Christoph Broelsch.
Wird denn ausreichend über jene Patienten kommuniziert, die erfolgreich transplantiert wurden und dadurch eben einen großen Vorteil erfahren haben? Oder halten sich solche Patienten eher zurück und freuen sich, dass es für sie geklappt hat.
Sie haben es heute während der Gerichtsverhandlung gesehen. Die Patienten, das sind normale schlichte, geradlinige Menschen, die froh sind, dass sie ein Organ bekommen haben. Sie glauben an das sinnvolle Agieren von Organisationen wie etwa Eurotransplant, die ihnen vermitteln, dass sie bei Bedarf eben ein Organ erhalten. Allerdings muss ein Patient nicht selten bis zu sechs Jahre auf eine Transplantation warten. Ein sechs Jahre langes Warten auf eine Nierentransplantation bedeutet auch, jahrelang Dialyse mit Komplikationsmöglichkeiten wahrnehmen zu müssen. Die Energie, dann noch in die Öffentlichkeit zu gehen und zu vermitteln, dass wir mehr Organe benötigen, ist dann einfach nicht vorhanden. Sporadisch, wie kleine Eisspitzen, guckt mal der eine oder andere aus dem Schnee. Doch im Grunde ist das Feld flach und ruhig und da können auch die nichts daran ändern, die sich hauptberuflich damit befassen.
Und wie sieht es mit Werbung und Öffentlichkeitsarbeit in diesem Bereich aus? Direkt Reklame zu machen - das ist Ärzten nach wie vor nicht erlaubt.
Im Bereich Öffentlichkeitsarbeit ist einiges besser geworden. Vor Jahren machten die Transplantationszentren die gesamte Öffentlichkeitsarbeit und das war eigentlich gar nicht schlecht. Für viele Fachleute war es eine Freude, dies zu tun und Aufklärung zu betreiben. Denn bei der gleichen Gelegenheit konnte man sich und die eigene Institution der Öffentlichkeit darbringen. Damals war es ja ansonsten unmöglich, Werbung für eine medizinische Einrichtung zu machen. Glücklicherweise ist das nun wesentlich gelockert worden, eine gewisse Befriedigung, eine teilweise sachbezogene Promotion, aber im Grunde hat das nichts gebracht.
Wird von Seiten der Politik denn genügend unternommen, um eine entsprechende Bereitschaft zur Organspende hervorzurufen?
Das ist sehr unterschiedlich. Doch es gibt keine wirkliche Energie, um hier für eine Verbesserung zu sorgen. Einzelne kleine Aktionen gibt es natürlich, die man aber eher mit der Agitationen eines Bienenzüchtervereins oder einer Laubengärtenkolonie vergleichen kann. Seit dem Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes ist es jedenfalls nicht ein einziges Organ mehr geworden, dass hätte transplantiert werden können.
Per Gesetz wird man an die Sache nicht weiter herangehen wollen. Sehen Sie sich die Themen an, die heute verhandelt werden und über die unsere Medien berichten. Da ist von Organtransplantation nicht allzu viel die Rede. Knochenmarkspende ist ein Thema. Medienrummel gibt es, wenn es um die Suche nach einem Spender geht. Aber wenn ein älterer Mann oder eine ältere Frau eine neue Leber braucht, das kann der Patient im Stillen mit sich abmachen, Wenn er Glück hat, dann bekommt er über Eurotransplant ein Organ. Falls der Patient die Mittel hat, geht er dann ins Ausland und versucht dort sein Glück. Was nicht zu raten ist, weil dort oftmals die Qualitätskontrolle fehlt.
Können Sie denn ein Land in Europa herausheben, was wesentlich besser dasteht als Deutschland?
Ja, es gibt dahingehend zwei Länder. Und zwar Österreich und Belgien. In Österreich gibt es keinen Organmangel auf lange Sicht, in Spanien auch nicht mehr, sodass europäische Nachbarn uns längst zeigen, wie es funktionieren kann. In Österreich ist jeder Organspender, der einer Organentnahme nach seinem Tode nicht ausdrücklich widersprochen hat. Sie haben also die Widerspruchsklausel und das ist das Einzige, wo auf Seiten des Gesetzgebers noch etwas geschehen kann. Alles andere muss aus den Initiativen der Professionals kommen.
Kommentierungen zu diesem Interview unter Teil III möglich.
Lesen Sie in Teil II:
Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Die Betrugs-Vorwürfe haben mich ziemlich aus der Bahn geworfen"
Lesen Sie in Teil III:
Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Wir waren die Trüffelschweine des Klinikums"
Das Interview führte Dr. Alexander Frhr. von Paleske
Redaktionelle Bearbeitung: Ursula Pidun/SPREERAUSCHEN.net
Fotos: Dr. A. v. Paleske
Weitere Interviews:
"Barschel – Die Akte": Im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteur Sebastian Knauer
Teil I: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Jenseits der Hitler-Tagebücher
Tel II: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Kriege werden am Schreibtisch geplant
Teil III: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: NS-Recherchen führten zu Konsequenzen
Teil IV: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: "Journalisten sind immer nur so gut wie ihre letzte Geschichte"
Domenika Ahlrichs (NETZEITUNG): "In der Erinnerung verklärt man manches"
Dr. Michael Maier: "Das Ende der Netzeitung ist auch ein Menetekel für die Branche"
Dr. Hermann Otto Solms: "Die FDP hält Wort, das hat sie oft genug bewiesen."
Jens Seipenbusch (Piratenpartei): "Es geht um Bürgerrechte im digitalen Zeitalter"
Dr. Volker Wissing (FDP): Die HRE-Enteigung kann auch zum Super-GAU werden
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): "Nichtstun würde uns am Ende teurer zu stehen kommen"
Volker Beck (Grüne): "Unser Ziel ist Platz 3 in der Parteienlandschaft"
Dirk Niebel (FDP): "Wir lehnen eine staatliche Bad Bank ab"
Sir Quett Ketumile Joni Masire: "The solution could be in dialogue"
Teil I: Im Gespräch mit Prof. Dr. Christoph Broelsch: Zwischen Renommé und Anklage
Teil II: Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Die Betrugs-Vorwürfe haben mich ziemlich aus der Bahn geworfen"
Teil III: Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Wir waren die Trüffelschweine des Klinikums"
Hans Wall:"Wir müssen in diesen schweren Zeiten mehr zusammenrücken"
Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell.: "Tradition und Fortschritt schließen sich gegenseitig nicht aus"
Dr. Hermann Bühlbecker: "Wir werden auch den Geschmack von Barack Obama treffen"
Wolfgang Grupp: Die Verantwortung muss auf allen Ebenen wieder zurückkommen
Dschungelbuch: Auf den Spuren der Lobbyisten in Berlin
Prof. Dr. Hans-Joachim Selenz, Wirtschaftsethiker
Dr. Timo Grunden, Universität Duisburg-Essen
Andrea Titz, Staatsanwältin Staatsanwaltschaft München II
Prof. Dr. Joachim Bohnert, Freie Universität Berlin
Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg
Stephan Braun, MdL der SPD in Baden-Württemberg, Journalist
Prof. Dr. Perry Reisewitz, Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (München)
Prof. Dr. Friedrich Thießen, Technische Universität Chemnitz
Dr. Werner Hoyer, Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
Univ.-Prof. Dr. Markus Heintzen, Dekan der Freien Universität Berlin
Dr. Hermann Otto Solms, FDP, Vizepräsident des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Gregor Gysi, "Die Linke"
Rainer Brüderle, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP
Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien
[Dr. Alexander Frhr. Von Paleske] Der renommierte Transplantationschirurg Prof. Dr. Christoph Broelsch wurde vor zwei Jahren von seinem Dienst am Klinikum Essen suspendiert und landete nach einer Anklage vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vorteilsgewährung, Betrug und Nötigung vor. Demnach soll Broelsch Patienten systematisch zu Spendenzahlungen erpresst haben. Broelsch, der 1984 einen Ruf an die Universität nach Chicago erhielt und dort den Lehrstuhl für hepatobiliäre Transplantation innehielt, wechselte 1991 zum Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bevor er - einem weiteren Ruf folgend - zum Universitätsklinikum Essen gelangte. Weltweit gilt Broelsch als Pionier auf dem Gebiet der Transplantationschirurgie.
SPREERAUSCHEN.net hatte Gelegenheit zu einem ausführlichen Interview vor Ort. Dr. Alexander Frhr. von Paleske, der sich auf dem Weg zurück nach Afrika befand, traf Broelsch nach einem Zwischen-Stopp in Essen im Sitzungssaal 101 des Landgerichts (Strafgericht) Essen und interviewte den angeklagten Star-Chirurgen nach einer eintägigen Prozessbeobachtung.
Herr Professor Broelsch, Sie haben umfangreiche Weiterbildungen hinsichtlich der Transplantations-Chirurgie in Deutschland gemacht. Dann erhielten Sie ein Angebot von einer der renommiertesten Universitäten in den USA?
Das immense Interesse an der Transplantations-Chirurgie habe ich in den USA bekommen und mich dann umfangreich der Leberforschung gewidmet. Ich kam ja ursprünglich aus dem Fach Neuropathologie und hatte mich auch in meiner Promotionsarbeit darauf spezialisiert. Dann suchte ich die entstehenden Transplantationszentren in Deutschland auf. Damals war das zunächst in Hannover der Fall und zwar an der Medizinischen Hochschule mit den damals leitenden Professoren Borst und Pichlmayr. Später dann war es Essen und die Abteilung von Professor Eickler, meinem Vorgänger. Das waren die beiden großen Transplantationszentren in Deutschland damals.
Hannover war zu der Zeit schon sehr international, auch München mit Walter Land konnte mitziehen. Später zogen Köln und Heidelberg nach. Das brachte dann auch erhebliche strukturelle Veränderungen mit sich.
Damals handelte es sich allerdings nicht um Lebend-Transplantationen, sondern die Organe wurden bereits Verstorbenen entnommen.
Was brachte Sie denn zum Gebiet der Lebend-Transplantation?
Es war schon ein recht großer Sprung bis zu den Lebend-Transplationen. Etwa 40 Jahre Transplantation in Deutschland brauchte es, aber die Lebend-Transplantation entwickelte sich zunächst bei der Nierentransplantation von Kindern. Mein damaliger Chef Pichlmayr war der Ansicht, dass es in diesen Fällen gerechtfertigt sei, Spenden von Eltern zu ermöglichen. Damit konnte die lange Wartezeit eliminiert werden, um den Kindern wieder eine bessere Lebensqualität und längere Lebensdauer zu ermöglichen.
Die Initialzündung kam aber nicht aus Deutschland sondern aus Holland und Belgien und auch aus anderen Ländern, die auch in der Entwicklung der Transplantation wesentlich weiter waren, als wir hierzulande. Die Entwicklungen gingen damals von der Universität Leyden in Holland aus. Und zwar von dem berühmten van Rood, der die Gewebeverträglichkeit Spender/Empfänger zum Leitfaden der Organzuteilung gemacht hatte. Die ersten Entwicklungen der immunsuppressiven Therapie waren dem vorausgegangen. Die erste Transplantation überhaupt war eine Lebend-Transplantation von Joseph Mary in Boston, der übrigens plastischer Chirurg war.
Die Transplantations-Chirurgie in Deutschland war also irgendwo stecken geblieben?
Nierentransplantationen gab es bereits seit Anfang der 60er Jahre, München war damals das führende Zentrum. Professor Grosse Wilde in Essen kam ja aus dem Münchener Labor. In Deutschland gab es Vorbehalte. 1990 ebenso, wie schon 1960. Sie finden ihren Ursprung darin, dass die post mortale Organspende hier nicht wirklich akzeptiert ist. Dabei geht es um Zweifel an der Feststellung des Hirntodes und auch der Annahme, dass hier etwas mit angeblich noch Lebenden durchgeführt wird, die dann auch noch – obwohl sie bereits hirntod sind - , angeblich immer noch eine Narkose bei der Organentnahme benötigen. Ich erwähne dies, weil mir erst kürzlich wieder dahingehende Fragen gestellt wurden.
Worauf ist das zurückzuführen?
Dies ist auf eine bewusst gehaltene Unkenntnis zurückzuführen und auf Ur-Ängste und Sorgen, die ja bedingen, dass man sich auch mal mit dem eigenen Tod, beziehungsweise mit dem eigenen Unfalltod befassen muss. So etwas löst immer Ängste aus. Dann gibt besonders hier in Deutschland Zweifel an der Ehrlichkeit der Ärzte, an deren Korrektheit der Diagnosen, am Image und generell am Vertrauen in die Ärzteschaft. All diese Faktoren mischen sich da mit hinein. Hinzu kommen ethische Bedenken, einen Verstorbenen noch einmal operieren zu können. Und natürlich der Gedanke daran, dass ein Mensch posthum sozusagen "ausgeweidet" wird und dass er als "Ersatzteillager" gebraucht wird.
Hierzu gibt es dann noch endlose Symposien, die sich mit dem Menschenbild, mit der Würde des Toten befassen. Dort kommen ebenfalls immer wieder Zweifel auf, ob es denn richtig sei, dass man Organe entnimmt, um anderen Menschen zu helfen. In diesem Wirrwarr der Argumente findet sich nur jener noch zurecht, der die eigene Not verspürt, ein Organ erhalten zu müssen.

Trotz schwerwiegender Vorwürfe: Viele Patienten halten zu Prof. Dr. Christoph Broelsch.
Wird denn ausreichend über jene Patienten kommuniziert, die erfolgreich transplantiert wurden und dadurch eben einen großen Vorteil erfahren haben? Oder halten sich solche Patienten eher zurück und freuen sich, dass es für sie geklappt hat.
Sie haben es heute während der Gerichtsverhandlung gesehen. Die Patienten, das sind normale schlichte, geradlinige Menschen, die froh sind, dass sie ein Organ bekommen haben. Sie glauben an das sinnvolle Agieren von Organisationen wie etwa Eurotransplant, die ihnen vermitteln, dass sie bei Bedarf eben ein Organ erhalten. Allerdings muss ein Patient nicht selten bis zu sechs Jahre auf eine Transplantation warten. Ein sechs Jahre langes Warten auf eine Nierentransplantation bedeutet auch, jahrelang Dialyse mit Komplikationsmöglichkeiten wahrnehmen zu müssen. Die Energie, dann noch in die Öffentlichkeit zu gehen und zu vermitteln, dass wir mehr Organe benötigen, ist dann einfach nicht vorhanden. Sporadisch, wie kleine Eisspitzen, guckt mal der eine oder andere aus dem Schnee. Doch im Grunde ist das Feld flach und ruhig und da können auch die nichts daran ändern, die sich hauptberuflich damit befassen.
Und wie sieht es mit Werbung und Öffentlichkeitsarbeit in diesem Bereich aus? Direkt Reklame zu machen - das ist Ärzten nach wie vor nicht erlaubt.
Im Bereich Öffentlichkeitsarbeit ist einiges besser geworden. Vor Jahren machten die Transplantationszentren die gesamte Öffentlichkeitsarbeit und das war eigentlich gar nicht schlecht. Für viele Fachleute war es eine Freude, dies zu tun und Aufklärung zu betreiben. Denn bei der gleichen Gelegenheit konnte man sich und die eigene Institution der Öffentlichkeit darbringen. Damals war es ja ansonsten unmöglich, Werbung für eine medizinische Einrichtung zu machen. Glücklicherweise ist das nun wesentlich gelockert worden, eine gewisse Befriedigung, eine teilweise sachbezogene Promotion, aber im Grunde hat das nichts gebracht.
Wird von Seiten der Politik denn genügend unternommen, um eine entsprechende Bereitschaft zur Organspende hervorzurufen?
Das ist sehr unterschiedlich. Doch es gibt keine wirkliche Energie, um hier für eine Verbesserung zu sorgen. Einzelne kleine Aktionen gibt es natürlich, die man aber eher mit der Agitationen eines Bienenzüchtervereins oder einer Laubengärtenkolonie vergleichen kann. Seit dem Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes ist es jedenfalls nicht ein einziges Organ mehr geworden, dass hätte transplantiert werden können.
Per Gesetz wird man an die Sache nicht weiter herangehen wollen. Sehen Sie sich die Themen an, die heute verhandelt werden und über die unsere Medien berichten. Da ist von Organtransplantation nicht allzu viel die Rede. Knochenmarkspende ist ein Thema. Medienrummel gibt es, wenn es um die Suche nach einem Spender geht. Aber wenn ein älterer Mann oder eine ältere Frau eine neue Leber braucht, das kann der Patient im Stillen mit sich abmachen, Wenn er Glück hat, dann bekommt er über Eurotransplant ein Organ. Falls der Patient die Mittel hat, geht er dann ins Ausland und versucht dort sein Glück. Was nicht zu raten ist, weil dort oftmals die Qualitätskontrolle fehlt.
Können Sie denn ein Land in Europa herausheben, was wesentlich besser dasteht als Deutschland?
Ja, es gibt dahingehend zwei Länder. Und zwar Österreich und Belgien. In Österreich gibt es keinen Organmangel auf lange Sicht, in Spanien auch nicht mehr, sodass europäische Nachbarn uns längst zeigen, wie es funktionieren kann. In Österreich ist jeder Organspender, der einer Organentnahme nach seinem Tode nicht ausdrücklich widersprochen hat. Sie haben also die Widerspruchsklausel und das ist das Einzige, wo auf Seiten des Gesetzgebers noch etwas geschehen kann. Alles andere muss aus den Initiativen der Professionals kommen.
Kommentierungen zu diesem Interview unter Teil III möglich.
Lesen Sie in Teil II:
Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Die Betrugs-Vorwürfe haben mich ziemlich aus der Bahn geworfen"
Lesen Sie in Teil III:
Prof. Dr. Christoph Broelsch: "Wir waren die Trüffelschweine des Klinikums"
Das Interview führte Dr. Alexander Frhr. von Paleske
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Dr. Hermann Otto Solms: "Die FDP hält Wort, das hat sie oft genug bewiesen."
Jens Seipenbusch (Piratenpartei): "Es geht um Bürgerrechte im digitalen Zeitalter"
Dr. Volker Wissing (FDP): Die HRE-Enteigung kann auch zum Super-GAU werden
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): "Nichtstun würde uns am Ende teurer zu stehen kommen"
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Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
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Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
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