Domenika Ahlrichs (NETZEITUNG): "In der Erinnerung verklärt man manches"
20. November 2009, 12:00I N T E R V I E W
[Ursula Pidun] Im Frühjahr 2000 ging die erste deutsche Internet-Tageszeitung an den Start. Die "Netzeitung", Pionier der virtuellen Blätter, konnte sich fast ein Jahrzehnt im Cyberspace behaupten. Hinter den mit Nachrichten, News, Kommentaren und Beiträgen gespickten Bits und Bytes stand kein Roboter, sondern eine gestandene Mannschaft aus Redakteuren, Journalisten, Webentwicklern Grafikern und der jeweils verantwortlichen Chefredaktion. Seit Juli 2007 - und nun nur noch bis zum Jahresende - nimmt Domenika Ahlrichs die redaktionelle Leitung wahr.
Die 36-jährige Journalistin studierte Amerikanistik und Germanistik in Heidelberg und an der Wesleyan University in den USA. Nach Stationen bei der Frankfurter Rundschau, Spiegel Online und dem RBB- Kulturradio ist sie der "Netzeitung" seit 2003 verbunden. Im Jahre 2006 wurde Ahlrichs Stellvertreterin des damaligen Chefredakteurs Michael Maier und übernahm 2006 nach dessen Ausscheiden und nach einem kurzen Intermezzo einer chefredaktionellen Doppelspitze alleinverantwortlich das redaktionelle Steuerrad.
Wie mehrfach berichtet, gehen nun am 31. Dezember endgültig die Lichter in der inzwischen legendären Redaktion aus. Damit soll der Weg für ein künftig "automatisiertes Nachrichtenportal" geebnet werden. Grund genug für SPREERAUSCHEN.net, um schnell noch einmal hinter die Kulissen jener Redaktion zu blicken, die auch dann die erste Internetzeitung in Deutschland bleibt, wenn es sie in dieser Form längst nicht mehr gibt. Im Gespräch mit Domenika Ahlrichs, Journalistin und Chefredakteurin der "Netzeitung".
Domenika Ahlrichs, fast zehn Jahre gibt es die "Netzeitung", seit mehr als sechs Jahren sind Sie dabei. Das sind Lichtjahre für ein Medium wie das Web. Was war das Besondere, als Sie damals in die Redaktion einstiegen?
Als ich im Juni 2003 als Mitarbeiterin für Schichtdienste am Newsdesk einstieg, war für mich das Besondere, dass die gesamte Netzeitungs-Redaktion in einem Raum arbeitete, der Newsdesk stand in der Mitte, drumherum gruppiert waren die Ressort-Tische. Das hatte den großen Vorteil, dass Absprachen auf dem sehr kurzen Dienstweg klappten und Meldungen blitzschnell per Zuruf bearbeitet werden konnten. Nur so konnte die Netzeitung dem Anspruch "Aus Prinzip schneller" gerecht werden.
Wieviele Mitarbeiter gab es damals, als Sie anfingen? Es mussten ja – wie in jeder "normalen" Redaktion - viele Ressorts abgedeckt werden, um den Anspruch "Aufklärung, Information und Unterhaltung" abzudecken.
In der Erinnerung verklärt man manches, aber ganz sicher ist, dass es mindestens 30 waren, die damals täglich für die Netzeitung im Redaktionseinsatz waren. Das verteilte sich auf Früh-, Tages- und Spätschichten, wie das so bei Online üblich ist. Die einzelnen Ressorts hatten jeweils einen Stamm fester Mitarbeiter und zusätzlich ein Team von Freien und Autoren.
Die Redaktionsmannschaft der Netzeitung ist - auch in Hinblick auf die nahende Schließung – inzwischen etwas geschrumpft. Wer ist im Bereich Redaktion, Bildredaktion, Produktion, Entwicklung und Design derzeit noch an Bord?
Vor allem in den vergangenen Jahren ist die Redaktionsmannschaft der Netzeitung immer mehr verkleinert worden. Das ging bis dahin, dass die Ressorts aufgelöst werden mussten und die Festangestellten nur noch einen Teil ihrer Arbeitszeit ihrem thematischen Schwerpunkt widmen konnten. Alle noch verbliebenen Mitarbeiter übernahmen im Wechsel Schichtdienste am Newsdesk zusätzlich zur Arbeit in den jeweiligen Fachgebieten. Wer das noch ist, sehen Sie unter unserer Rubrik: Über Uns/Mitarbeiter.

Arbeiten im NZ-Redaktionsteam: (von links:) Johannes Gernert (freier Mitarbeiter), Patrick Löwenstein, André Bernand, Alexander Ludewig (freier Mitarbeiter), Sven Trojanowski, Domenika Ahlrichs, Maik Söhler, Daniel Kählert, Julia Jungfer, Matthias Breitinger.
Echtzeitnachrichten zu bieten und das rund um die Uhr, war zu Gründungszeiten der "Netzeitung" tatsächlich eine Revolution und machte den Printmedien das Leben als tagesaktuelle Nachrichtenquelle sehr schwer. Heute ist eine solche Produktion das Tagesgeschäft jeder Nachrichtenredaktion. Kritiker behaupten, Redakteure seien inzwischen reine Fließbandarbeiter. Würden sie – ggf. teilweise – zustimmen?
Redakteure in einer Online-Redaktion sind lediglich in Bezug auf ihren zeitlichen Einsatz entfernt verwandt mit Fließbandarbeitern. Im Gegensatz zu anderen Medien, die auf einen ganz bestimmten Produktionszeitpunkt am Tag hinarbeiten, wird der Arbeitstag eines Online-Redakteurs durch eine viel kleinere Taktung bestimmt: Von der ersten Minute an geht es um den immer wiederkehrenden Kurz-Ablauf sichten, recherchieren, schreiben, online-gerecht produzieren, veröffentlichen – und wieder von vorn. Ob die Schicht nun in der Früh beginnt, ob mittags oder abends.
Die Analogie zum Fließband hinkt insofern, als Mitarbeiter einer Online-Redaktion nicht wie bei einer solchen Produktionsart üblich nur einen kleinen Teil eines Produkts hinzufügen. Vielmehr erstellt ein Online-Redakteur ein komplettes und komplexes Produkt jeweils selbst – und muss sich dabei auf immer neue Fakten, Entwicklungen, Erkenntnisse einstellen.
Über das Alleinstellungsmerkmal der Nachrichten in Echtzeit konnte die "Netzeitung" verhältnismäßig lange verfügen, weil andere Medien etwas zögerlich nachzogen. Hat Sie diese Zögerlichkeit überrascht?
Wir beobachten seit langem, dass etablierte Verlage immer recht zögerlich auf Neuerungen reagieren. Insofern hat mich das nicht wirklich überrascht.
Heute lassen sich Nachrichten, die mehr als eine Stunde alt sind, nicht mehr als aktuelle Nachrichten verkaufen. Umso wichtiger werden – unbedingt auch für die Printbereiche – fundierte Hintergrundberichte, Analysen und Kommentare zu diesen Meldungen. Und zwar in möglichst hoher Qualität. Liegen an dieser Stelle nicht enorme Ressourcen und Potentiale brach?
Ressourcen werden angesichts der Spar-Maßnahmen, die derzeit zahlreiche Verlage schwächen, eher weniger als mehr. Schlau wäre es jedoch, wenn zum Beispiel Print-Zeitungen gänzlich auf die reine Nachricht verzichten (die ist bis zum Erscheinen des Blattes über Internet, Radio und TV gelaufen) und ihre Hauptaufgabe darin sehen würden, Hintergrund, Analyse, Kommentar und Reportage zu liefern. Auch im Online-Bereich ist es zunehmend wichtig, statt kurzer Meldungen auf online-gerechte Berichterstattung (Verlinkung, Video, Audio, Interaktion) zu setzen, um Leser zu halten.
Viele Zeitungen ringen noch immer mit der Entscheidung, ob Print- und Onlineredaktionen zusammengehören oder nicht doch lieber getrennt agieren sollten. Abgesehen davon, dass eine Internetzeitung solche Probleme nicht hat, kann die Antwort darauf doch eigentlich nur lauten, dass bestenfalls beides fließend ineinander übergeht? Jedenfalls dann, wenn Effizienz unter Beweis gestellt werden soll und die eine Abteilung von der anderen möglichst weitreichend partizipieren kann?
Wenn Print-Zeitungen als zeitgemäß wahrgenommen werden möchten, brauchen sie zwingend einen Online-Auftritt, der dem Ruf des gedruckten Produkts entspricht und diesen auf eigene Art unterstützt. Mitarbeiter in beiden Bereichen müssen einander kennen, voneinander wissen und sich im Laufe eines Arbeitstags über das austauschen, was in ihrem jeweiligen Bereich erscheinen soll. Das Print-Angebot kann durch internet-gemäße Ergänzungen attraktiver werden (hier herrscht kein Platzmangel, hier kann man Gesetzestexte, Videos, Bilderstrecken etc. finden), und das Online-Angebot kann davon profitieren, das die geballte Power einer Printredaktion mit all ihren Ressorts, Autoren, Korrespondenten nicht für den Drucktermin aufgespart werden muss, sondern sich auch hier entladen darf.
Kein Alleinstellungsmerkmal der Netzeitung ist der Kampf um Visits um Page Impressions. Jedes Medium ringt um adäquate Userzahlen, weil sie - ähnlich wie die Auflagen im Printbereich - die Grundlage für mögliche Werbekunden bilden. Journalisten sind für gute Inhalte zuständig, werden aber nicht selten in Geiselhaft genommen für Defizite, die eigentlich im Vermarktungsbereich liegen?
Ja, solche Fälle gibt es.
Mit weitreichenden Folgen? Die Medienkrise ist im Grunde vor allem auch eine Krise der Journalisten und Redakteure. Obwohl sie die Produkte herstellen, um deren Vermarktung es geht und deren Qualität u. a. in Abhängigkeit der zur Verfügung stehenden Mittel steht, sind sie als letztes Glied in der Kette der Entscheidungsprozesse oftmals recht machtlos und damit ohnmächtig?
Ja. Dagegen hilft nur ein guter Kontakt zwischen Vermarktungsteam und Redaktion. Die Vermarkter können sehr viel gezielter und effektiver für ein journalistisches Produkt Geld einwerben, wenn sie die Abläufe kennen, die inhaltlichen Schwerpunkte, die thematischen Pläne. Vor Jahren war das bei der Netzeitung Realität. Ein Zustand, den wir rückblickend als unschätzbaren Vorteil sehen.
Gute Journalisten und Redakteure werden immer gebraucht, aber sie müssen nun auch erst durch relativ schwierigen Zeiten. Fortbildungen – insbesondere im multimedialen Bereich - könnten das Mittel der Wahl sein, denn die Ansprüche werden auch in der Zukunft höher und nicht etwa geringer?
Aus- und Fortbildung ist vor allem in schwierigen Zeiten die wichtige Grundlage, um sich auf dem Medienmarkt behaupten zu können. Die Ansprüche werden nicht höher, aber sie verlagern sich: Journalisten müssen heute bereit sein, mehrere Medienformen miteinander zu verknüpfen und Gesamt-Produktionsprozesse beherrschen zu lernen.
Hat Ihr Team schon – zumindest teilweise – Perspektiven für die Zeit nach der "Netzeitung"?
Mein Team besteht aus Online-Journalisten, die ihr Handwerk absolut beherrschen und zudem alle haben zeigen müssen, dass sie auch unter großem Druck und unter schwierigen Umständen gut arbeiten. Ich würde sie jederzeit wieder einstellen und hoffe, dass auch andere Redaktionen so denken.
Wie sehen Ihre persönlichen Pläne aus und was wünschen sie sich für die Zukunft?
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich die Chance erhalte, weiterhin in der spannenden, sich stetig weiter bewegenden und kreativ entfaltenden Online-Medienbranche zu arbeiten. Ich habe während meiner Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule und später als freie Journalistin alle vier Medienbereiche kennen und schätzen gelernt. Online verbindet sie alle.
Das Interview führte: Ursula Pidun
Fotos: Julia Jungfer
Verweise:
Dr. Michael Maier: "Das Ende der Netzeitung ist auch ein Menetekel für die Branche"
"Netzeitung" vom Netz: Bankrotterklärung der ersten deutschen Internet-Tageszeitung
Montgomery und das Wolkensystem der Netzeitung
Montgomerys neue Schäfchen im System
Prof. Dr. Perry Reisewitz: "Pressefreiheit ist nicht einfach da"
Malte Olschewski: Die modernen Medien sind Manichäer
Weitere Interviews
[Ursula Pidun] Im Frühjahr 2000 ging die erste deutsche Internet-Tageszeitung an den Start. Die "Netzeitung", Pionier der virtuellen Blätter, konnte sich fast ein Jahrzehnt im Cyberspace behaupten. Hinter den mit Nachrichten, News, Kommentaren und Beiträgen gespickten Bits und Bytes stand kein Roboter, sondern eine gestandene Mannschaft aus Redakteuren, Journalisten, Webentwicklern Grafikern und der jeweils verantwortlichen Chefredaktion. Seit Juli 2007 - und nun nur noch bis zum Jahresende - nimmt Domenika Ahlrichs die redaktionelle Leitung wahr. Die 36-jährige Journalistin studierte Amerikanistik und Germanistik in Heidelberg und an der Wesleyan University in den USA. Nach Stationen bei der Frankfurter Rundschau, Spiegel Online und dem RBB- Kulturradio ist sie der "Netzeitung" seit 2003 verbunden. Im Jahre 2006 wurde Ahlrichs Stellvertreterin des damaligen Chefredakteurs Michael Maier und übernahm 2006 nach dessen Ausscheiden und nach einem kurzen Intermezzo einer chefredaktionellen Doppelspitze alleinverantwortlich das redaktionelle Steuerrad.
Wie mehrfach berichtet, gehen nun am 31. Dezember endgültig die Lichter in der inzwischen legendären Redaktion aus. Damit soll der Weg für ein künftig "automatisiertes Nachrichtenportal" geebnet werden. Grund genug für SPREERAUSCHEN.net, um schnell noch einmal hinter die Kulissen jener Redaktion zu blicken, die auch dann die erste Internetzeitung in Deutschland bleibt, wenn es sie in dieser Form längst nicht mehr gibt. Im Gespräch mit Domenika Ahlrichs, Journalistin und Chefredakteurin der "Netzeitung".
Domenika Ahlrichs, fast zehn Jahre gibt es die "Netzeitung", seit mehr als sechs Jahren sind Sie dabei. Das sind Lichtjahre für ein Medium wie das Web. Was war das Besondere, als Sie damals in die Redaktion einstiegen?
Als ich im Juni 2003 als Mitarbeiterin für Schichtdienste am Newsdesk einstieg, war für mich das Besondere, dass die gesamte Netzeitungs-Redaktion in einem Raum arbeitete, der Newsdesk stand in der Mitte, drumherum gruppiert waren die Ressort-Tische. Das hatte den großen Vorteil, dass Absprachen auf dem sehr kurzen Dienstweg klappten und Meldungen blitzschnell per Zuruf bearbeitet werden konnten. Nur so konnte die Netzeitung dem Anspruch "Aus Prinzip schneller" gerecht werden.
Wieviele Mitarbeiter gab es damals, als Sie anfingen? Es mussten ja – wie in jeder "normalen" Redaktion - viele Ressorts abgedeckt werden, um den Anspruch "Aufklärung, Information und Unterhaltung" abzudecken.
In der Erinnerung verklärt man manches, aber ganz sicher ist, dass es mindestens 30 waren, die damals täglich für die Netzeitung im Redaktionseinsatz waren. Das verteilte sich auf Früh-, Tages- und Spätschichten, wie das so bei Online üblich ist. Die einzelnen Ressorts hatten jeweils einen Stamm fester Mitarbeiter und zusätzlich ein Team von Freien und Autoren.
Die Redaktionsmannschaft der Netzeitung ist - auch in Hinblick auf die nahende Schließung – inzwischen etwas geschrumpft. Wer ist im Bereich Redaktion, Bildredaktion, Produktion, Entwicklung und Design derzeit noch an Bord?
Vor allem in den vergangenen Jahren ist die Redaktionsmannschaft der Netzeitung immer mehr verkleinert worden. Das ging bis dahin, dass die Ressorts aufgelöst werden mussten und die Festangestellten nur noch einen Teil ihrer Arbeitszeit ihrem thematischen Schwerpunkt widmen konnten. Alle noch verbliebenen Mitarbeiter übernahmen im Wechsel Schichtdienste am Newsdesk zusätzlich zur Arbeit in den jeweiligen Fachgebieten. Wer das noch ist, sehen Sie unter unserer Rubrik: Über Uns/Mitarbeiter.

Arbeiten im NZ-Redaktionsteam: (von links:) Johannes Gernert (freier Mitarbeiter), Patrick Löwenstein, André Bernand, Alexander Ludewig (freier Mitarbeiter), Sven Trojanowski, Domenika Ahlrichs, Maik Söhler, Daniel Kählert, Julia Jungfer, Matthias Breitinger.
Echtzeitnachrichten zu bieten und das rund um die Uhr, war zu Gründungszeiten der "Netzeitung" tatsächlich eine Revolution und machte den Printmedien das Leben als tagesaktuelle Nachrichtenquelle sehr schwer. Heute ist eine solche Produktion das Tagesgeschäft jeder Nachrichtenredaktion. Kritiker behaupten, Redakteure seien inzwischen reine Fließbandarbeiter. Würden sie – ggf. teilweise – zustimmen?
Redakteure in einer Online-Redaktion sind lediglich in Bezug auf ihren zeitlichen Einsatz entfernt verwandt mit Fließbandarbeitern. Im Gegensatz zu anderen Medien, die auf einen ganz bestimmten Produktionszeitpunkt am Tag hinarbeiten, wird der Arbeitstag eines Online-Redakteurs durch eine viel kleinere Taktung bestimmt: Von der ersten Minute an geht es um den immer wiederkehrenden Kurz-Ablauf sichten, recherchieren, schreiben, online-gerecht produzieren, veröffentlichen – und wieder von vorn. Ob die Schicht nun in der Früh beginnt, ob mittags oder abends.
Die Analogie zum Fließband hinkt insofern, als Mitarbeiter einer Online-Redaktion nicht wie bei einer solchen Produktionsart üblich nur einen kleinen Teil eines Produkts hinzufügen. Vielmehr erstellt ein Online-Redakteur ein komplettes und komplexes Produkt jeweils selbst – und muss sich dabei auf immer neue Fakten, Entwicklungen, Erkenntnisse einstellen.
Über das Alleinstellungsmerkmal der Nachrichten in Echtzeit konnte die "Netzeitung" verhältnismäßig lange verfügen, weil andere Medien etwas zögerlich nachzogen. Hat Sie diese Zögerlichkeit überrascht?
Wir beobachten seit langem, dass etablierte Verlage immer recht zögerlich auf Neuerungen reagieren. Insofern hat mich das nicht wirklich überrascht.
Heute lassen sich Nachrichten, die mehr als eine Stunde alt sind, nicht mehr als aktuelle Nachrichten verkaufen. Umso wichtiger werden – unbedingt auch für die Printbereiche – fundierte Hintergrundberichte, Analysen und Kommentare zu diesen Meldungen. Und zwar in möglichst hoher Qualität. Liegen an dieser Stelle nicht enorme Ressourcen und Potentiale brach?
Ressourcen werden angesichts der Spar-Maßnahmen, die derzeit zahlreiche Verlage schwächen, eher weniger als mehr. Schlau wäre es jedoch, wenn zum Beispiel Print-Zeitungen gänzlich auf die reine Nachricht verzichten (die ist bis zum Erscheinen des Blattes über Internet, Radio und TV gelaufen) und ihre Hauptaufgabe darin sehen würden, Hintergrund, Analyse, Kommentar und Reportage zu liefern. Auch im Online-Bereich ist es zunehmend wichtig, statt kurzer Meldungen auf online-gerechte Berichterstattung (Verlinkung, Video, Audio, Interaktion) zu setzen, um Leser zu halten.
Viele Zeitungen ringen noch immer mit der Entscheidung, ob Print- und Onlineredaktionen zusammengehören oder nicht doch lieber getrennt agieren sollten. Abgesehen davon, dass eine Internetzeitung solche Probleme nicht hat, kann die Antwort darauf doch eigentlich nur lauten, dass bestenfalls beides fließend ineinander übergeht? Jedenfalls dann, wenn Effizienz unter Beweis gestellt werden soll und die eine Abteilung von der anderen möglichst weitreichend partizipieren kann?
Wenn Print-Zeitungen als zeitgemäß wahrgenommen werden möchten, brauchen sie zwingend einen Online-Auftritt, der dem Ruf des gedruckten Produkts entspricht und diesen auf eigene Art unterstützt. Mitarbeiter in beiden Bereichen müssen einander kennen, voneinander wissen und sich im Laufe eines Arbeitstags über das austauschen, was in ihrem jeweiligen Bereich erscheinen soll. Das Print-Angebot kann durch internet-gemäße Ergänzungen attraktiver werden (hier herrscht kein Platzmangel, hier kann man Gesetzestexte, Videos, Bilderstrecken etc. finden), und das Online-Angebot kann davon profitieren, das die geballte Power einer Printredaktion mit all ihren Ressorts, Autoren, Korrespondenten nicht für den Drucktermin aufgespart werden muss, sondern sich auch hier entladen darf.
Kein Alleinstellungsmerkmal der Netzeitung ist der Kampf um Visits um Page Impressions. Jedes Medium ringt um adäquate Userzahlen, weil sie - ähnlich wie die Auflagen im Printbereich - die Grundlage für mögliche Werbekunden bilden. Journalisten sind für gute Inhalte zuständig, werden aber nicht selten in Geiselhaft genommen für Defizite, die eigentlich im Vermarktungsbereich liegen?
Ja, solche Fälle gibt es.
Mit weitreichenden Folgen? Die Medienkrise ist im Grunde vor allem auch eine Krise der Journalisten und Redakteure. Obwohl sie die Produkte herstellen, um deren Vermarktung es geht und deren Qualität u. a. in Abhängigkeit der zur Verfügung stehenden Mittel steht, sind sie als letztes Glied in der Kette der Entscheidungsprozesse oftmals recht machtlos und damit ohnmächtig?
Ja. Dagegen hilft nur ein guter Kontakt zwischen Vermarktungsteam und Redaktion. Die Vermarkter können sehr viel gezielter und effektiver für ein journalistisches Produkt Geld einwerben, wenn sie die Abläufe kennen, die inhaltlichen Schwerpunkte, die thematischen Pläne. Vor Jahren war das bei der Netzeitung Realität. Ein Zustand, den wir rückblickend als unschätzbaren Vorteil sehen.
Gute Journalisten und Redakteure werden immer gebraucht, aber sie müssen nun auch erst durch relativ schwierigen Zeiten. Fortbildungen – insbesondere im multimedialen Bereich - könnten das Mittel der Wahl sein, denn die Ansprüche werden auch in der Zukunft höher und nicht etwa geringer?
Aus- und Fortbildung ist vor allem in schwierigen Zeiten die wichtige Grundlage, um sich auf dem Medienmarkt behaupten zu können. Die Ansprüche werden nicht höher, aber sie verlagern sich: Journalisten müssen heute bereit sein, mehrere Medienformen miteinander zu verknüpfen und Gesamt-Produktionsprozesse beherrschen zu lernen.
Hat Ihr Team schon – zumindest teilweise – Perspektiven für die Zeit nach der "Netzeitung"?
Mein Team besteht aus Online-Journalisten, die ihr Handwerk absolut beherrschen und zudem alle haben zeigen müssen, dass sie auch unter großem Druck und unter schwierigen Umständen gut arbeiten. Ich würde sie jederzeit wieder einstellen und hoffe, dass auch andere Redaktionen so denken.
Wie sehen Ihre persönlichen Pläne aus und was wünschen sie sich für die Zukunft?
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich die Chance erhalte, weiterhin in der spannenden, sich stetig weiter bewegenden und kreativ entfaltenden Online-Medienbranche zu arbeiten. Ich habe während meiner Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule und später als freie Journalistin alle vier Medienbereiche kennen und schätzen gelernt. Online verbindet sie alle.
Das Interview führte: Ursula Pidun
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Verweise:
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