Dr. Michael Maier: "Das Ende der Netzeitung ist auch ein Menetekel für die Branche"
11. November 2009, 06:00I N T E R V I E W
[Ursula Pidun] Die "Netzeitung", erste deutsche Internet-Tageszeitung seit dem Jahre 2000, stellt zum 31. Dezember 2009 den Dienst in dieser Form ein. Im Jahre 2003 übernahm Dr. Michael Maier zusammen mit Ralf Dieter Brunowsky das Portal. Maier, der damals bereits verantwortlicher Chefredakteur war, brachte die "Netzeitung" schnell auf Erfolgskurs. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Online-Plattform zu einem anerkannten und erfolgreichen Nachrichtenportal.
Neben Tätigkeiten als Chefredakteur der Zeitung "Die Presse" (Wien), der Berliner Zeitung (Berlin) sowie des Nachrichtenmagazins STERN (Hamburg), engagierte sich Maier von 2007 bis 2009 als Fellow an der Kennedy School/Harvard University. Darüber hinaus ist er Gründer der READERS EDITION, der ersten Plattform im Bereich Bürgerjournalismus in Deutschland und befasst sich heute äußerst aktiv mit dem Bereich Social Media. Eine im August 2008 erschienene Publikation "Die ersten Tage der Zukunft. Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können" befasst sich mit dem Internet als Revolution, gesellschaftlichen Quantensprung und Echoraum. Nachgefragt: Im Gespräch mit Dr. Michael Maier, Geschäftsführer der "Blogform Social Media".
Michael Maier, die "Netzeitung", die im Jahre 2000 gegründet wurde und von 2003 bis 2005 in Ihren Händen lag, geht zum Jahresende vom Netz. Hat Sie diese Meldung überrascht?
Ja schon, vor allem tut es mir sehr leid um die Mitarbeiter, die sich wirklich unglaublich reingehängt haben und nun auf der Straße stehen. Und natürlich bedaure ich, dass das einstmals meistzitierte Online-Medium Deutschlands auf der Strecke bleibt. Andererseits: Man kann sogar mit wenigen Menschen ein gutes Produkt machen – mit null Menschen dagegen gar nichts.
Das Alleinstellungsmerkmal einer Internetzeitung mit dem Vorteil der Echtzeitnachrichten rund um die Uhr fiel weg, als Printmedien - nach einer relativ langen Zeit des Zögerns – mit ihren jeweiligen Online-Auftritten nachzogen. Hat es die "Netzeitung" versäumt, den Lesern eine neue Spezialität zu präsentieren, um attraktiv zu bleiben?
Das ganze Nachrichtengeschäft verändert sich dramatisch. Der Begriff der Öffentlichkeit wird neu definiert. Noch hat niemand eine klare Antwort, wie Medien in einem interaktiven Umfeld aussehen. Und noch weniger hat jemand eine Antwort, wie man damit Geld verdienen kann. Ich glaube aber, dass Journalisten immer gebraucht werden. Denn je mehr Information allgemein verfügbar ist, desto mehr braucht eine Gesellschaft Menschen, die diese Informationen auch verstehen und einordnen können.
Laut Ankündigung soll die Zukunft der "Netzeitung" darin liegen, sich als automatisiertes Nachrichtenportal zu präsentieren. Auch da wartet die Konkurrenz, denn solche Portale gibt es schon. Was könnte Werbekunden dazu bringen, dann bei der vollautomatisierten "Netzeitung" zu ankern?
Ich kenne dieses Konzept nicht und kann daher dazu auch nichts sagen.
Halten Sie persönlich das Modell "Vollautomatisiertes Nachrichtenportal" tatsächlich für eine Möglichkeit, Erfolgsgeschichte zu schreiben?
Das gibt es ja schon: Google News, und das ist eine zumindest interessante Geschichte.
Die "Netzeitung" steht nicht allein da mit dem Problem einer adäquaten Vermarktung. Viele Nachrichtenportale mühen sich um Finanzierungsmodelle. Im Gespräch sind derzeit vor allem auch Bezahldienste. Eine gute oder eher eine fixe Idee? Lassen sich damit ausreichend User binden oder schreckt das im Web nicht noch besonders ab?
In gewisser Hinsicht ist das Ende der Netzeitung auch ein Menetekel für die Branche: Für beliebige Inhalte zahlen die Leser nicht, und auch die Werbekunden entscheiden sich im Fall von mangelnder Einzigartigkeit für die Reichweite. Erfolgreiche Finanzierungsmodelle wird es nur dort geben, wo die Verlage den Journalismus ins Zentrum ihrer Aktivitäten rücken.
Wenn Inhalte so attraktiv sind, dass sie ausreichend User anziehen und damit genügend visits erzielen, wäre das Modell "Bezahldienst" also möglicherweise gar nicht erforderlich? Werbekunden würden bei einer solchen Attraktivität und Nutzerquantität in ausreichender Zahl auf den Zug aufspringen?
Es gibt zwei grundlegende Herausforderungen für jedes Verleger-Modell: Google, die sich 70 Prozent der Werbeerlöse holen; und die Tendenz der Werbetreibenden, sich selbst im Internet zu positionieren und auf den Vermittler zu verzichten. Vor diesem Hintergrund muss man fragen: Was ist attraktiv, und welche Reichweite ist notwendig? Vielleicht werden wir hier einiges ganz neu definieren müssen.
Dann aber sind wir wieder bei einer erstklassigen Redaktionsmannschaft, die dazu völlig unverzichtbar ist?
Ja, das glaube ich auch. Wobei auch der Begriff des "Redakteurs" neu definiert werden muss. Das ist, kulturell gesehen, meiner Meinung nach die schwierigste Aufgabe.
Die Akquise von Werbekunden wird ebenfalls nicht selten völlig unterschätzt. Mancherorts macht das eine Redaktion quasi nebenher. Abgesehen von einem möglichen Neutraltätsverlust fehlt es an entsprechendem Know-How. Auch darin liegen Ursachen des Scheiterns?
Bei der Netzeitung haben wir in den guten Zeiten ausreichend Werbung mit einem eigenen Team akquiriert, um auch ordentlichen Journalismus zu machen. Aber in Zeiten von social media wird auch Werbung neu definiert, und da stehen wir erst ganz am Anfang.
Stichwort social media: Sie persönlich sind ein großer Verfechter von Netzwerken und Netzgemeinschaften. social media setzt auf Dialog und aktive Beteiligung der Nutzer und unterstützt demokratische Prozesse. Langfristig müssen sich Portale im Bereich social media aber ebenfalls rechnen. Sind die Schwierigkeiten der Vermarktung hier ähnlich oder ggf. noch größer?
Ich bin ein großer Anhänger der Partizipation. Auch die klassischen Medien leben von der Mitwirkung der Rezipienten. Als Chefredakteur habe ich auch in den traditionellen Medien die spannendsten Geschichten immer über Leser-Tipps erfahren. Die sozialen Netzwerke werden am Ende selbst entscheiden, inwieweit sie kommerzialisierbar sind. Wikipedia zum Beispiel kann nur ohne Werbung leben. Die community wird darüber bestimmen, wann Informationen "Lebensmittel" sind, also ein so wichtiges Allgemeingut, welches nicht dem unwägbaren Meer der Werbezyklen ausgesetzt werden darf. Ich glaube, wir werden hier auch das Entstehen von neuen non-profits sehen.
Die sogenannten Massenmedien haben hierzulande oftmals noch große Probleme mit dem Phänomen social media und grenzen sich gerne deutlich davon ab. Begründet wird dies mit fraglicher Authentizität und Glaubwürdigkeitsproblemen – obwohl sich durchaus auch etablierteste Verlagen nicht davon freisprechen können, unfehlbar zu sein.
Was authentisch ist, bestimmt die Gemeinschaft und nicht der Markt. Es ist doch heute schon so, dass bestimmte Blogger glaubwürdiger sind als manche Medienmarke. Ich glaube, dass die größte Schwierigkeit für alle darin besteht, dass wir uns in einem Prozess befinden. Es gibt keine abgeschlossenen Systeme, in denen wir uns alle auf lange Zeit sicher bewegen. So gesehen sind neun Jahre Lebenszeit für die Netzeitung eigentlich auch eine wirklich bemerkenswerte Leistung.
Die Rolle der Medienmacher hat sich ebenso verändert, wie die Rolle der Leser. Journalisten werfen den jeweiligen Beitrag quasi in den Ring der Leserschaft und stoßen damit Userbeteilung und Debatte an. Der Leser lässt nicht mehr denken, er denkt selbst. Bühne frei für Diskussionen. Damit müssen Journalisten allerdings auch mit Kritik rechnen. Viele kommen damit immer noch nicht so gut zurecht. Macht es dies so schwer, Massenmedien und social media adäquat miteinander zu verbinden?
Es geht noch weiter: Ein Leser setzt den Gedanken eines anderen fort, auch das Denken ist ein interaktiver Prozess. Das finde ich den größten Fortschritt des Internet, weil es jede Art von Fehlbarkeit in Sekundenschnelle korrigieren kann. Für manchen Meinungs-Papst ist das natürlich ein schmerzhafter Vorgang.
Zu einem Ihrer Projekte im Bereich social media zählt die READERS EDITION, die schon Jahre besteht. Solche Portale im Bereich Bürgerjournalismus gibt es in den Vereinigten Staaten ganz selbstverständlich in einer Vielzahl. Worin liegen die Gründe, dass Amerikaner den Bürgerjournalismus viel höher schätzen, als es hier der Fall ist?
In Amerika ist "free speech" eines der wichtigsten Güter der Gesellschaft. In Deutschland haben wir ein unvergleichlich breites Netz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Information wird also von Natur aus als etwas eher Offiziöses gesehen und nicht als die Pflicht des einzelnen. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der sich nachhaltig auf die Gestaltung des Mediensystems auswirkt. Readers Edition ist vor diesem Hintergrund ein nachhaltiges Projekt, und ich bin sehr stolz auf die Resonanz und die exzellenten Beiträge unserer Leser, die sich erfrischend vom Mainstream abheben.
Sie haben anlässlich der zurückliegenden Bundestagswahlen ein weiteres Projekt initiiert. Es nennt sich "BÜRGERINFO09" und soll künftig weitergeführt werden. Welche Klientel sprechen Sie damit an und wohin führt der Weg?
Wir haben ein ähnliches Projekt schon in den USA umgesetzt, damals zu den Präsidentschaftswahlen, gemeinsam mit fünf amerikanischen Journalistenschulen. Wie damals wollen wir einen Service für die politischen Entscheider liefern und Transparenz schaffen – auch im Sinne der Reflexion einer neuen politischen Realität, in der die Stimmen der einzelnen mehr Gewicht erhält. Wir haben erstmals alle wichtigen Stimmen aus dem Internet zusammengefasst und das Echo war überwältigend. Wohin der Weg führt, kann man noch nicht sagen. Auch hier haben wir es mit einem dynamischen Prozess zu tun.
Sie sind heute Geschäftsführer der "BLOGFORMGROUP". Wie kam dieses Kooperationsprojekt zustande und welche Ziele verfolgt das Unternehmen?
Wir versuchen, neue Modelle des Journalismus auszuprobieren. Zugleich sind wir stark im Corporate Publishing tätig, weil auch dort die Expertise gebraucht wird, die wir durch unser Engagement im Internet erworben haben.
Herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg bei den künftigen Herausforderungen.
Das Interview führte Ursula Pidun
Verweise:
"Netzeitung" vom Netz: Bankrotterklärung der ersten deutschen Internet-Tageszeitung
Montgomery und das Wolkensystem der Netzeitung
Montgomerys neue Schäfchen im System
Rupert Murdoch – Der Retter des unabhängigen Qualitätsjournalismus?
Rupert Murdoch – Citizen Kane in der Ära der Globalisierung
Die ZEIT und das Jammern über das Sterben der Printmedien
Bürgerjournalismus als Totengräber der Tageszeitungen?
Zukunft der Medien: Zurück zum "Sturmgeschütz der Demokratie"
Dr. Malte Olschewski: Die modernen Medien sind Manichäer
Weitere Interviews:
Dr. Hermann Otto Solms: "Die FDP hält Wort, das hat sie oft genug bewiesen."
Jens Seipenbusch (Piratenpartei): "Es geht um Bürgerrechte im digitalen Zeitalter"
Dr. Volker Wissing (FDP): Die HRE-Enteigung kann auch zum Super-GAU werden
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): "Nichtstun würde uns am Ende teurer zu stehen kommen"
Volker Beck (Grüne): "Unser Ziel ist Platz 3 in der Parteienlandschaft"
Dirk Niebel (FDP): "Wir lehnen eine staatliche Bad Bank ab"
Sir Quett Ketumile Joni Masire: "The solution could be in dialogue"
Hans Wall:"Wir müssen in diesen schweren Zeiten mehr zusammenrücken"
Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell.: "Tradition und Fortschritt schließen sich gegenseitig nicht aus"
Dr. Hermann Bühlbecker: "Wir werden auch den Geschmack von Barack Obama treffen"
Wolfgang Grupp: Die Verantwortung muss auf allen Ebenen wieder zurückkommen
"Barschel – Die Akte": Im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteur Sebastian Knauer
Teil I: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Jenseits der Hitler-Tagebücher
Tel II: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Kriege werden am Schreibtisch geplant
Teil III: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: NS-Recherchen führten zu Konsequenzen
Teil IV: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: "Journalisten sind immer nur so gut wie ihre letzte Geschichte"
Dschungelbuch: Auf den Spuren der Lobbyisten in Berlin
Prof. Dr. Hans-Joachim Selenz, Wirtschaftsethiker
Dr. Timo Grunden, Universität Duisburg-Essen
Andrea Titz, Staatsanwältin Staatsanwaltschaft München II
Prof. Dr. Joachim Bohnert, Freie Universität Berlin
Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg
Stephan Braun, MdL der SPD in Baden-Württemberg, Journalist
Prof. Dr. Perry Reisewitz, Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (München)
Prof. Dr. Friedrich Thießen, Technische Universität Chemnitz
Dr. Werner Hoyer, Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
Univ.-Prof. Dr. Markus Heintzen, Dekan der Freien Universität Berlin
Dr. Hermann Otto Solms, FDP, Vizepräsident des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Gregor Gysi, "Die Linke"
Rainer Brüderle, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP
Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien
Foto: Blogform Social Media
[Ursula Pidun] Die "Netzeitung", erste deutsche Internet-Tageszeitung seit dem Jahre 2000, stellt zum 31. Dezember 2009 den Dienst in dieser Form ein. Im Jahre 2003 übernahm Dr. Michael Maier zusammen mit Ralf Dieter Brunowsky das Portal. Maier, der damals bereits verantwortlicher Chefredakteur war, brachte die "Netzeitung" schnell auf Erfolgskurs. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Online-Plattform zu einem anerkannten und erfolgreichen Nachrichtenportal. Neben Tätigkeiten als Chefredakteur der Zeitung "Die Presse" (Wien), der Berliner Zeitung (Berlin) sowie des Nachrichtenmagazins STERN (Hamburg), engagierte sich Maier von 2007 bis 2009 als Fellow an der Kennedy School/Harvard University. Darüber hinaus ist er Gründer der READERS EDITION, der ersten Plattform im Bereich Bürgerjournalismus in Deutschland und befasst sich heute äußerst aktiv mit dem Bereich Social Media. Eine im August 2008 erschienene Publikation "Die ersten Tage der Zukunft. Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können" befasst sich mit dem Internet als Revolution, gesellschaftlichen Quantensprung und Echoraum. Nachgefragt: Im Gespräch mit Dr. Michael Maier, Geschäftsführer der "Blogform Social Media".
Michael Maier, die "Netzeitung", die im Jahre 2000 gegründet wurde und von 2003 bis 2005 in Ihren Händen lag, geht zum Jahresende vom Netz. Hat Sie diese Meldung überrascht?
Ja schon, vor allem tut es mir sehr leid um die Mitarbeiter, die sich wirklich unglaublich reingehängt haben und nun auf der Straße stehen. Und natürlich bedaure ich, dass das einstmals meistzitierte Online-Medium Deutschlands auf der Strecke bleibt. Andererseits: Man kann sogar mit wenigen Menschen ein gutes Produkt machen – mit null Menschen dagegen gar nichts.
Das Alleinstellungsmerkmal einer Internetzeitung mit dem Vorteil der Echtzeitnachrichten rund um die Uhr fiel weg, als Printmedien - nach einer relativ langen Zeit des Zögerns – mit ihren jeweiligen Online-Auftritten nachzogen. Hat es die "Netzeitung" versäumt, den Lesern eine neue Spezialität zu präsentieren, um attraktiv zu bleiben?
Das ganze Nachrichtengeschäft verändert sich dramatisch. Der Begriff der Öffentlichkeit wird neu definiert. Noch hat niemand eine klare Antwort, wie Medien in einem interaktiven Umfeld aussehen. Und noch weniger hat jemand eine Antwort, wie man damit Geld verdienen kann. Ich glaube aber, dass Journalisten immer gebraucht werden. Denn je mehr Information allgemein verfügbar ist, desto mehr braucht eine Gesellschaft Menschen, die diese Informationen auch verstehen und einordnen können.
Laut Ankündigung soll die Zukunft der "Netzeitung" darin liegen, sich als automatisiertes Nachrichtenportal zu präsentieren. Auch da wartet die Konkurrenz, denn solche Portale gibt es schon. Was könnte Werbekunden dazu bringen, dann bei der vollautomatisierten "Netzeitung" zu ankern?
Ich kenne dieses Konzept nicht und kann daher dazu auch nichts sagen.
Halten Sie persönlich das Modell "Vollautomatisiertes Nachrichtenportal" tatsächlich für eine Möglichkeit, Erfolgsgeschichte zu schreiben?
Das gibt es ja schon: Google News, und das ist eine zumindest interessante Geschichte.
Die "Netzeitung" steht nicht allein da mit dem Problem einer adäquaten Vermarktung. Viele Nachrichtenportale mühen sich um Finanzierungsmodelle. Im Gespräch sind derzeit vor allem auch Bezahldienste. Eine gute oder eher eine fixe Idee? Lassen sich damit ausreichend User binden oder schreckt das im Web nicht noch besonders ab?
In gewisser Hinsicht ist das Ende der Netzeitung auch ein Menetekel für die Branche: Für beliebige Inhalte zahlen die Leser nicht, und auch die Werbekunden entscheiden sich im Fall von mangelnder Einzigartigkeit für die Reichweite. Erfolgreiche Finanzierungsmodelle wird es nur dort geben, wo die Verlage den Journalismus ins Zentrum ihrer Aktivitäten rücken.
Wenn Inhalte so attraktiv sind, dass sie ausreichend User anziehen und damit genügend visits erzielen, wäre das Modell "Bezahldienst" also möglicherweise gar nicht erforderlich? Werbekunden würden bei einer solchen Attraktivität und Nutzerquantität in ausreichender Zahl auf den Zug aufspringen?
Es gibt zwei grundlegende Herausforderungen für jedes Verleger-Modell: Google, die sich 70 Prozent der Werbeerlöse holen; und die Tendenz der Werbetreibenden, sich selbst im Internet zu positionieren und auf den Vermittler zu verzichten. Vor diesem Hintergrund muss man fragen: Was ist attraktiv, und welche Reichweite ist notwendig? Vielleicht werden wir hier einiges ganz neu definieren müssen.
Dann aber sind wir wieder bei einer erstklassigen Redaktionsmannschaft, die dazu völlig unverzichtbar ist?
Ja, das glaube ich auch. Wobei auch der Begriff des "Redakteurs" neu definiert werden muss. Das ist, kulturell gesehen, meiner Meinung nach die schwierigste Aufgabe.
Die Akquise von Werbekunden wird ebenfalls nicht selten völlig unterschätzt. Mancherorts macht das eine Redaktion quasi nebenher. Abgesehen von einem möglichen Neutraltätsverlust fehlt es an entsprechendem Know-How. Auch darin liegen Ursachen des Scheiterns?
Bei der Netzeitung haben wir in den guten Zeiten ausreichend Werbung mit einem eigenen Team akquiriert, um auch ordentlichen Journalismus zu machen. Aber in Zeiten von social media wird auch Werbung neu definiert, und da stehen wir erst ganz am Anfang.
Stichwort social media: Sie persönlich sind ein großer Verfechter von Netzwerken und Netzgemeinschaften. social media setzt auf Dialog und aktive Beteiligung der Nutzer und unterstützt demokratische Prozesse. Langfristig müssen sich Portale im Bereich social media aber ebenfalls rechnen. Sind die Schwierigkeiten der Vermarktung hier ähnlich oder ggf. noch größer?
Ich bin ein großer Anhänger der Partizipation. Auch die klassischen Medien leben von der Mitwirkung der Rezipienten. Als Chefredakteur habe ich auch in den traditionellen Medien die spannendsten Geschichten immer über Leser-Tipps erfahren. Die sozialen Netzwerke werden am Ende selbst entscheiden, inwieweit sie kommerzialisierbar sind. Wikipedia zum Beispiel kann nur ohne Werbung leben. Die community wird darüber bestimmen, wann Informationen "Lebensmittel" sind, also ein so wichtiges Allgemeingut, welches nicht dem unwägbaren Meer der Werbezyklen ausgesetzt werden darf. Ich glaube, wir werden hier auch das Entstehen von neuen non-profits sehen.
Die sogenannten Massenmedien haben hierzulande oftmals noch große Probleme mit dem Phänomen social media und grenzen sich gerne deutlich davon ab. Begründet wird dies mit fraglicher Authentizität und Glaubwürdigkeitsproblemen – obwohl sich durchaus auch etablierteste Verlagen nicht davon freisprechen können, unfehlbar zu sein.
Was authentisch ist, bestimmt die Gemeinschaft und nicht der Markt. Es ist doch heute schon so, dass bestimmte Blogger glaubwürdiger sind als manche Medienmarke. Ich glaube, dass die größte Schwierigkeit für alle darin besteht, dass wir uns in einem Prozess befinden. Es gibt keine abgeschlossenen Systeme, in denen wir uns alle auf lange Zeit sicher bewegen. So gesehen sind neun Jahre Lebenszeit für die Netzeitung eigentlich auch eine wirklich bemerkenswerte Leistung.
Die Rolle der Medienmacher hat sich ebenso verändert, wie die Rolle der Leser. Journalisten werfen den jeweiligen Beitrag quasi in den Ring der Leserschaft und stoßen damit Userbeteilung und Debatte an. Der Leser lässt nicht mehr denken, er denkt selbst. Bühne frei für Diskussionen. Damit müssen Journalisten allerdings auch mit Kritik rechnen. Viele kommen damit immer noch nicht so gut zurecht. Macht es dies so schwer, Massenmedien und social media adäquat miteinander zu verbinden?
Es geht noch weiter: Ein Leser setzt den Gedanken eines anderen fort, auch das Denken ist ein interaktiver Prozess. Das finde ich den größten Fortschritt des Internet, weil es jede Art von Fehlbarkeit in Sekundenschnelle korrigieren kann. Für manchen Meinungs-Papst ist das natürlich ein schmerzhafter Vorgang.
Zu einem Ihrer Projekte im Bereich social media zählt die READERS EDITION, die schon Jahre besteht. Solche Portale im Bereich Bürgerjournalismus gibt es in den Vereinigten Staaten ganz selbstverständlich in einer Vielzahl. Worin liegen die Gründe, dass Amerikaner den Bürgerjournalismus viel höher schätzen, als es hier der Fall ist?
In Amerika ist "free speech" eines der wichtigsten Güter der Gesellschaft. In Deutschland haben wir ein unvergleichlich breites Netz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Information wird also von Natur aus als etwas eher Offiziöses gesehen und nicht als die Pflicht des einzelnen. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der sich nachhaltig auf die Gestaltung des Mediensystems auswirkt. Readers Edition ist vor diesem Hintergrund ein nachhaltiges Projekt, und ich bin sehr stolz auf die Resonanz und die exzellenten Beiträge unserer Leser, die sich erfrischend vom Mainstream abheben.
Sie haben anlässlich der zurückliegenden Bundestagswahlen ein weiteres Projekt initiiert. Es nennt sich "BÜRGERINFO09" und soll künftig weitergeführt werden. Welche Klientel sprechen Sie damit an und wohin führt der Weg?
Wir haben ein ähnliches Projekt schon in den USA umgesetzt, damals zu den Präsidentschaftswahlen, gemeinsam mit fünf amerikanischen Journalistenschulen. Wie damals wollen wir einen Service für die politischen Entscheider liefern und Transparenz schaffen – auch im Sinne der Reflexion einer neuen politischen Realität, in der die Stimmen der einzelnen mehr Gewicht erhält. Wir haben erstmals alle wichtigen Stimmen aus dem Internet zusammengefasst und das Echo war überwältigend. Wohin der Weg führt, kann man noch nicht sagen. Auch hier haben wir es mit einem dynamischen Prozess zu tun.
Sie sind heute Geschäftsführer der "BLOGFORMGROUP". Wie kam dieses Kooperationsprojekt zustande und welche Ziele verfolgt das Unternehmen?
Wir versuchen, neue Modelle des Journalismus auszuprobieren. Zugleich sind wir stark im Corporate Publishing tätig, weil auch dort die Expertise gebraucht wird, die wir durch unser Engagement im Internet erworben haben.
Herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg bei den künftigen Herausforderungen.
Das Interview führte Ursula Pidun
Verweise:
"Netzeitung" vom Netz: Bankrotterklärung der ersten deutschen Internet-Tageszeitung
Montgomery und das Wolkensystem der Netzeitung
Montgomerys neue Schäfchen im System
Rupert Murdoch – Der Retter des unabhängigen Qualitätsjournalismus?
Rupert Murdoch – Citizen Kane in der Ära der Globalisierung
Die ZEIT und das Jammern über das Sterben der Printmedien
Bürgerjournalismus als Totengräber der Tageszeitungen?
Zukunft der Medien: Zurück zum "Sturmgeschütz der Demokratie"
Dr. Malte Olschewski: Die modernen Medien sind Manichäer
Weitere Interviews:
Dr. Hermann Otto Solms: "Die FDP hält Wort, das hat sie oft genug bewiesen."
Jens Seipenbusch (Piratenpartei): "Es geht um Bürgerrechte im digitalen Zeitalter"
Dr. Volker Wissing (FDP): Die HRE-Enteigung kann auch zum Super-GAU werden
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): "Nichtstun würde uns am Ende teurer zu stehen kommen"
Volker Beck (Grüne): "Unser Ziel ist Platz 3 in der Parteienlandschaft"
Dirk Niebel (FDP): "Wir lehnen eine staatliche Bad Bank ab"
Sir Quett Ketumile Joni Masire: "The solution could be in dialogue"
Hans Wall:"Wir müssen in diesen schweren Zeiten mehr zusammenrücken"
Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell.: "Tradition und Fortschritt schließen sich gegenseitig nicht aus"
Dr. Hermann Bühlbecker: "Wir werden auch den Geschmack von Barack Obama treffen"
Wolfgang Grupp: Die Verantwortung muss auf allen Ebenen wieder zurückkommen
"Barschel – Die Akte": Im Gespräch mit SPIEGEL-Redakteur Sebastian Knauer
Teil I: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Jenseits der Hitler-Tagebücher
Tel II: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Kriege werden am Schreibtisch geplant
Teil III: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: NS-Recherchen führten zu Konsequenzen
Teil IV: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: "Journalisten sind immer nur so gut wie ihre letzte Geschichte"
Dschungelbuch: Auf den Spuren der Lobbyisten in Berlin
Prof. Dr. Hans-Joachim Selenz, Wirtschaftsethiker
Dr. Timo Grunden, Universität Duisburg-Essen
Andrea Titz, Staatsanwältin Staatsanwaltschaft München II
Prof. Dr. Joachim Bohnert, Freie Universität Berlin
Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg
Stephan Braun, MdL der SPD in Baden-Württemberg, Journalist
Prof. Dr. Perry Reisewitz, Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (München)
Prof. Dr. Friedrich Thießen, Technische Universität Chemnitz
Dr. Werner Hoyer, Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
Univ.-Prof. Dr. Markus Heintzen, Dekan der Freien Universität Berlin
Dr. Hermann Otto Solms, FDP, Vizepräsident des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Gregor Gysi, "Die Linke"
Rainer Brüderle, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP
Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien
Foto: Blogform Social Media
































































Maier, übernehmen Sie
gute Idee
Nööö