Opel: Blitzschlag aus Detroit versetzt Deutschland in Schockstarre
5. November 2009, 21:50
[Ursula Pidun] Politisch schlugen die Wogen hoch in der zurückliegenden Woche. Lobeshymnen und rauschender Applaus anlässlich der Rede unserer Kanzlerin vor dem US-amerikanischen Kongress waren noch nicht ganz verklungen, da traf Angela Merkel bereits die Kehrseite der ehrenvollen Medaille. Amerikaner sind eben nicht zimperlich. Schon gar nicht, wenn es um das heilige Business geht. GM verkauft Opel nun doch nicht, hieß es lapidar. Business as usual. Punkt, Aus, Ende! Detroit hat gesprochen.Das Ass im Ärmel der Kanzlerin
Wie denn das..., wunderte sich der eine oder andere Zeitgenosse, der das Opel-Dilemma längst in trockenen Tüchern sah. Hatte sich unsere Kanzlerin doch höchstpersönlich für den Magna-Deal eingesetzt und noch kurz vor den Wahlen stolz ihren persönlichen Anteil am Zustandekommen dieses Geschäfts selbstlobend herausgehoben. Merkel als Retterin Tausender Arbeitsplätze. Welch ein Ass im Ärmel und der Wahlkampf wurde zum Kinderspiel. Nun dies! Ein Affront gegen die Kanzlerin, die nahezu zeitgleich in den Geschichtshimmel gelobt wurde, als der GM-Vorstand tagte und die Entscheidung kundgab. Der amerikanische Präsident Barack Obama habe angeblich nichts gewusst vom nahenden Desaster. Wie auch? Er war anderweitig beschäftigt, denn er hatte Merkel noch kurz vor ihrer Rede im Oval Office des Weißen Hauses empfangen und mit Komplimenten nur so überhäuft. Nun ja...!
GM blitzt Deutschland in Schockstarre
Etwas dreist und vorlaut aber durchaus punktgenau und treffsicher arbeitete sich SPIEGEL-Online mit den Worten "Wie sich die Opel-Retter von GM vorführen ließen" an das Thema heran. Empörung allerorten. Die SÜDDEUTSCHE sprach von einer "Klatsche für Merkel" und FINANCIAL TIMES Deutschland zitierte sogar Vladimir Putin, der sich mit den Worten "höhnische Amerikaner " eingemischt haben soll. Nun war sie äußerst "düpiert, die Kanzlerin" und Deutschland geriet in Schockstarre. Seit Donnerstag kommt das Land da aber wieder heraus und wird direkt übermütig. Die Gewerkschaften blasen zum Angriff, demonstrieren also sozusagen gegen sich selbst und – man höre und staune - sogar Hessens Koch soll zum Arbeiterführer mutiert sein.
Politik, treffsicher und zielgenau
Politiker, allen voran unsere Kanzlerin, forderten unverzüglich Konsequenzen in Gestalt von Sanierungsplänen und vor allem einer Rückabwicklung des großzügigen 1,5- Milliarden-Euro-Kreditrahmens aus Steuergeldern. Der nämlich - so lässt sich folgerichtig vermuten – wurde allein aufgrund mündlicher Absprachen hinsichtlich des Magna-Deals bereitgestellt. Verträge? Fehlanzeige! Wen wundert es da noch, wie treffsicher und zielgenau die vollmundigen Äußerungen unserer Politiker von gestern waren. Das erfahren wir keine 24 Stunden später von den leicht abgekühlten Gemütern. Schadensbegrenzung in Form eines Schuldigen musste her. Schnell wurde der alleinige Übeltäter ausgemacht und der heißt GM. Spitzfindig sind sie ja, unsere Volksvertreter.
Wie aus Verlierern Retter werden
Nun folgt, was Kenner der Szene für die wahre Kunst der hohen Politik halten und erklärt, warum sie für viele Bürger wohl auf ewig ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Denn entgegen der noch vor nicht einmal 24 Stunden relativ einhellig formulierten Anti-GM-Stimmung werden nun Rufe nach umfangreichen Hilfestellungen für den Konzern laut. Inklusive dem erneuten Angebot des bereits benannten Rahmenkredites. Ein wahrer Schildbürgerstreich, denn – so jedenfalls hoffen politisch Verantwortliche - auf diese Weise werden aus Verlierern am Ende doch noch Retter in der Not. Für Kanzlerin Merkel sicher keine ganz so unwichtige Komponente. Denn allein "Auferstanden aus Ruinen" wird ihr zum Ruhme nicht gereichen. Schließlich glaubt die SÜDDEUTSCHE, Merkel sei gedemütigt und "stehe nun ziemlich gelackmeiert da" und BILD titelt völlig uncharmant: "Amis haben sogar die Kanzlerin verarscht."
Die Rechnung ohne den Wirt gemacht
Zu befürchten bleibt, dass die Akteure einmal mehr die Rechnung ohne den Wirt machen. Denn das Roulette-Spiel um Opel beginnt von vorne und die Sanierungspläne von GM werden straffer ausfallen, als bisher von Magna geplant. Dem scheidenden Europachef Carl-Peter Forster folgt Nick Reilly als sicheres Zeichen für eine beinharte Vorgehensweise. General Motors wird natürlich haushoch pokern - hinsichtlich weiterer Forderungen ebenso, wie in Punkto Lohnverzicht. Doch wenn Opel nicht zu einem gigantischen Verlustgeschäft und Fass ohne Boden für Deutschland werden soll, muss endlich jenen Stimmen Gehör verschafft werden, die einstmals Vernunft suggerierten. Zu diesen Stimmen zählte besonders auch der damalige Wirtschaftsminister zu Guttenberg, der eine geordnete Insolvenz favorisierte. Glaubt man einschlägigen Medien, soll sich zu Guttenberg allerdings - auf Drängen aus den politischen Reihen? - am 17. Oktober auf ein Spiel mit dem Feuer eingelassen und sich kräftig die Finger verbrannt haben. Davon abgesehen warnte aber auch der neue Wirtschaftsminister Rainer Brüderle anlässlich der damaligen Verhandlungen oft genug vor einer einseitigen Festlegung auf Magna und zeigte sich hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens nur wenig hoffnungsfroh.
Brüderles Bewährungsprobe
Für Brüderle schlägt die Stunde der Bewährung genau jetzt, kurz nach seinem Amtsantritt. Inmitten vieler kopfloser Arbeitsplatz-Samariter, die allesamt mit dem Eintrag im Geschichtsbuch und einer traumhaften Karriere in der Zukunft liebäugeln, braucht es jemanden mit klarem Blick, uneitlen Motiven, einem klugen Kopf und Mut zu einem unerschütterlichen NEIN!
"Nein!" zu der Annahme, Politiker könnten weiterhin Möchtegern-Unternehmer spielen und "nein!" zu weiteren Steuergeldern, die in das unüberschaubare Projekt gepumpt werden. Eine geordnete Insolvenz unter professioneller Leitung hätte dem Unternehmen und vor allem den zuverlässigen und fleißigen Mitarbeitern mehr genutzt. Sie werden seit über einem Jahr völlig respektlos wie Schachfiguren hin- und hergeschoben. Ein geradezu unanständiges, ja sogar unethisches Verhalten. Unternehmen, die zum Spielball der Politik werden, sind zum Scheitern verurteilt. Das beweisen ausreichend viele Fälle, wie unter anderem auch die unsägliche Holzmann-Geschichte oder das Quelle-Desaster. Das steuerspendende Beatmungsgerät muss abgestellt werden. Erst dann besteht Hoffnung, dass der Patient Opel wieder selbständig atmen kann. Zum Nutzen unseres Landes und nur darum geht es. Punkt, Aus, Ende!
Verweise:
Karl-Theodor zu Guttenberg: Von der Notlösung zum Hoffnungsträger
Opel, zu Guttenberg und die süßen Verlockungen der Wählergunst
Foto: Pixelio.de





























Institut für Staats-
































