"World Health Summit" Berlin: Heiße Luft als Antwort auf weltweite Herausforderungen
18. Oktober 2009, 20:00[Dr. Alexander Frhr. von Paleske] Vom 14. bis 18. Oktober fand in Berlin der "World Health Summit" statt. Eingeladen hatten die Charité Berlin und die Universität Descartes in Paris. Es kamen 600 Delegierte aus mehr als 60 Ländern. Stark vertreten und Hauptsponsor war die pharmazeutische Industrie. Die Schirmherrschaft hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy übernommen. Präsident der Veranstaltung, die in Zukunft jährlich stattfinden soll, ist Deltlev Ganten, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Charité in Berlin, die gleichzeitig ihr 300-jähriges Jubiläum feierte.
Wie Hohn in den Ohren
"Wir stehen vor enormen medizinischen und strukturellen Herausforderungen", schwadronierte Ganten. "Wir dürfen nicht nur mit klassischer Medizin an die Probleme der Gesundheit herangehen, sondern müssen die Leute selbstverantwortlich in die Lage versetzen, für ihre Gesundheit zu sorgen, so gut wie es das System, in dem sie leben, erlaubt. Gesundheit ist ein Menschenrecht", führte Ganten weiter aus.
Wie Hohn klangen diese Worte in den Ohren, als ich zur gleichen Zeit nach fast fünf Jahren zu Besuch nach Simbabwe kam. Im Mpilo-Hospital in Bulawayo, dem Zentralkrankenhaus für den Süden Simbabwes mit einer Bevölkerung von etwa vier Millionen Menschen gibt es keinen Chirurgen und keinen Orthopäden mehr. Die Abteilungen wurden geschlossen. Ebenso wurde die Strahlentherapie mangels Personal und Wartung dicht gemacht. Die lokale Zeitung Chronicle vom vergangenen Freitag begrüßte mich mit der Schlagzeile "Expired drugs used at Mpilo-Hospital". Medikamente kommen also zum Einsatz, deren Verfallsdatum längst abgelaufen ist. In anderen Ländern Afrikas, wie etwa der Demokratischen Republik Kongo (DRC), sieht es insbesondere im Osten weit schlimmer aus, wie mir kongolesische Ärzte-Kollegen mehrfach berichteten. Von einer auch nur im Ansatz breiten medizinischen Basisversorgung kann überhaupt keine Rede sein.
Immer weniger für immer mehr
Der Nobelpreisträger für Medizin im Jahre 2002, John Sulston, setzte sich immerhin in seiner Ansprache für die Entwicklungsländer ein. Doch er musste eingestehen, dass immer weniger Geld für diese Länder zur Verfügung steht. Daran wird sich auch in der Zukunft nichts ändern, im Gegenteil! Die ökonomische Krise hat zu einer drastischen Einschränkung der Entwicklungshilfe geführt, dies führt in Folge dann zu weiterer Verarmung. Während Hunderte Millliarden US Dollar in das marode Bankensystem gepumpt wurden, glitten mehr Menschen in die absolute Armut ab. Ein idealer Nährboden für die Ausbreitung von Krankheiten wie z.B. der Tuberkulose. Für jeden Prozentpunkt, mit dem das Weltwirtschaftswachstum sinkt, wird mit 20 Millionen zusätzlichen Armen gerechnet. Solche Zahlen rechnet jedenfalls die hochangesehene Medizinzeitung LANCET vor. Auch sollte nicht vergessen werden, dass in 23 Ländern rund 30 Prozent des Budgets für das Gesundheitswesen durch sogenannte Geberländer fremdfinanziert wird. Diese Länder pumpen jedoch ihr Geld derzeit vornehmlich in die Banken und in die Wirtschaft. Nun werden noch mehr Menschen nicht in der Lage sein, sich selbst die preiswertesten Medikamente zu leisten. Was also soll da der Appell an "Selbstverantwortung"?
Abwerbung von Gesundheitspersonal seit Jahren
Länder wie Großbritannien, USA und die Golf-Staaten können es nicht lassen, Gesundheitspersonal - also vorwiegend Schwestern und Ärzte – abzuwerben, die unter sehr schwierigen Bedingungen in den Dritte Welt Ländern ausgebildet wurden. Damit wird die Lage im Gesundheitswesen ihrer Heimatländer weiter verschärft. Gerade liegt dem Kongress der USA ein Gesetz vor, dass die Immigration von Gesundheitspersonal erleichtern soll. 60.000 Krankenschwestern und 15.000 Ärzte soll nun die Einreise erleichtert werden. Menschenrechtsorganisationen haben sich an US Präsident Barack Obama gewandt, mit der Bitte, dieses Gesetz wegen der zu erwartenden Auswirkungen im Gesundheitssektor in den Dritte Welt Ländern zu stoppen, berichtete die Medizinzeitung LANCET am 26.9. 2009.
Bildung, Bildung, Bildung
Doch das große Thema des Kongresses war Bildung. Wer besser gebildet sei, so hieß es dort, der würde sich angeblich auch besser um seine Gesundheit kümmern. Der Arzt soll zum Ratgeber werden. Dass die sozialen Probleme dabei vor der Tür gelassen wurden, insbesondere jene der mit der Weltwirtschaftskrise verbundenen Zunahme der Arbeitslosigkeit und deren Folgen, versteht sich von selbst. So bot der Kongress vor allem auch Kanzlerin Merkel eine Steilvorlage, lieferte er doch die Argumente dafür, die Verantwortung für Krankheiten - und damit letztlich die Kosten - auf die Bevölkerung abzuwälzen. Der nächste logische Schritt wird dann wohl die "Selbstzahlung" oder zumindest Kostenbeteiligung bei Verletzung dieser "Eigenverantwortlichkeit" sein.
Beispiel Diabetes
Im Jahre 1985 litten 30 Millionen Menschen weltweit an Diabetes, zur Zeit sind es etwa 180 Millionen und im Jahre 2030 wird die Zahl nach Schätzungen der WHO bei 360 Millionen liegen. Fettsucht und Diabates würde dann als Folge von Verantwortungslosigkeit eingestuft. Diese „Eigenverantwortlichkeit“ klingt geradezu wie Hohn für Länder der Dritten Welt, die von Malaria, Dengue, Tuberkulose und Durchfallerkrankungen heimgesucht werden. Krankheiten, die sich mit der Klimaveränderung ausbreiten und damit weiter zunehmen werden. Die Gefahren der Resistenzentwicklung gegen Antiinfektiva und das zu fordernde Verbot der Massentierhaltung spielten hingegen selbstverständlich keine Rolle auf diesem Berliner Gipfel. Zu diesem wirklich brennenden Thema hatten Detlev Ganten und Kollegen nichts Substantielles beizutragen.
Alternativkongress als Lichtblick
Bei so viel geheuchelter und in eine Sackgasse gerichteten Aufbruchstimmung gab es dennoch aus der Perspektive der Dritten Welt gesehen einen Lichtblick: die Alternativkonferenz, die auch am vergangenen Freitag stattfand. "Ein Gesundheitsgipfel, der diesen Namen verdiene, müsse das Streben nach sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Partizipation als Grundvoraussetzung für Gesundheit in den Vordergrund stellen und eine Forschung fördern, die an den Gesundheitsbedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist", hieß es in der gemeinsamen Erklärung der Veranstalter. Teilnehmer waren Organisationen wie Medico International und die Gewerkschaften. Und die Teilnehmer prangerten an:
Verweise:
Giftgas, Aids und Leichen - Im Gespräch mit Dr. Alexander Frhr. von Paleske
Weitere Publikationen von Dr. Alexander Frhr. von Paleske
Foto: Karl-Heinz Liebisch, Pixelio.de
Wie Hohn in den Ohren
"Wir stehen vor enormen medizinischen und strukturellen Herausforderungen", schwadronierte Ganten. "Wir dürfen nicht nur mit klassischer Medizin an die Probleme der Gesundheit herangehen, sondern müssen die Leute selbstverantwortlich in die Lage versetzen, für ihre Gesundheit zu sorgen, so gut wie es das System, in dem sie leben, erlaubt. Gesundheit ist ein Menschenrecht", führte Ganten weiter aus.
Wie Hohn klangen diese Worte in den Ohren, als ich zur gleichen Zeit nach fast fünf Jahren zu Besuch nach Simbabwe kam. Im Mpilo-Hospital in Bulawayo, dem Zentralkrankenhaus für den Süden Simbabwes mit einer Bevölkerung von etwa vier Millionen Menschen gibt es keinen Chirurgen und keinen Orthopäden mehr. Die Abteilungen wurden geschlossen. Ebenso wurde die Strahlentherapie mangels Personal und Wartung dicht gemacht. Die lokale Zeitung Chronicle vom vergangenen Freitag begrüßte mich mit der Schlagzeile "Expired drugs used at Mpilo-Hospital". Medikamente kommen also zum Einsatz, deren Verfallsdatum längst abgelaufen ist. In anderen Ländern Afrikas, wie etwa der Demokratischen Republik Kongo (DRC), sieht es insbesondere im Osten weit schlimmer aus, wie mir kongolesische Ärzte-Kollegen mehrfach berichteten. Von einer auch nur im Ansatz breiten medizinischen Basisversorgung kann überhaupt keine Rede sein.
Immer weniger für immer mehr
Der Nobelpreisträger für Medizin im Jahre 2002, John Sulston, setzte sich immerhin in seiner Ansprache für die Entwicklungsländer ein. Doch er musste eingestehen, dass immer weniger Geld für diese Länder zur Verfügung steht. Daran wird sich auch in der Zukunft nichts ändern, im Gegenteil! Die ökonomische Krise hat zu einer drastischen Einschränkung der Entwicklungshilfe geführt, dies führt in Folge dann zu weiterer Verarmung. Während Hunderte Millliarden US Dollar in das marode Bankensystem gepumpt wurden, glitten mehr Menschen in die absolute Armut ab. Ein idealer Nährboden für die Ausbreitung von Krankheiten wie z.B. der Tuberkulose. Für jeden Prozentpunkt, mit dem das Weltwirtschaftswachstum sinkt, wird mit 20 Millionen zusätzlichen Armen gerechnet. Solche Zahlen rechnet jedenfalls die hochangesehene Medizinzeitung LANCET vor. Auch sollte nicht vergessen werden, dass in 23 Ländern rund 30 Prozent des Budgets für das Gesundheitswesen durch sogenannte Geberländer fremdfinanziert wird. Diese Länder pumpen jedoch ihr Geld derzeit vornehmlich in die Banken und in die Wirtschaft. Nun werden noch mehr Menschen nicht in der Lage sein, sich selbst die preiswertesten Medikamente zu leisten. Was also soll da der Appell an "Selbstverantwortung"?
Abwerbung von Gesundheitspersonal seit Jahren
Länder wie Großbritannien, USA und die Golf-Staaten können es nicht lassen, Gesundheitspersonal - also vorwiegend Schwestern und Ärzte – abzuwerben, die unter sehr schwierigen Bedingungen in den Dritte Welt Ländern ausgebildet wurden. Damit wird die Lage im Gesundheitswesen ihrer Heimatländer weiter verschärft. Gerade liegt dem Kongress der USA ein Gesetz vor, dass die Immigration von Gesundheitspersonal erleichtern soll. 60.000 Krankenschwestern und 15.000 Ärzte soll nun die Einreise erleichtert werden. Menschenrechtsorganisationen haben sich an US Präsident Barack Obama gewandt, mit der Bitte, dieses Gesetz wegen der zu erwartenden Auswirkungen im Gesundheitssektor in den Dritte Welt Ländern zu stoppen, berichtete die Medizinzeitung LANCET am 26.9. 2009.
Bildung, Bildung, Bildung
Doch das große Thema des Kongresses war Bildung. Wer besser gebildet sei, so hieß es dort, der würde sich angeblich auch besser um seine Gesundheit kümmern. Der Arzt soll zum Ratgeber werden. Dass die sozialen Probleme dabei vor der Tür gelassen wurden, insbesondere jene der mit der Weltwirtschaftskrise verbundenen Zunahme der Arbeitslosigkeit und deren Folgen, versteht sich von selbst. So bot der Kongress vor allem auch Kanzlerin Merkel eine Steilvorlage, lieferte er doch die Argumente dafür, die Verantwortung für Krankheiten - und damit letztlich die Kosten - auf die Bevölkerung abzuwälzen. Der nächste logische Schritt wird dann wohl die "Selbstzahlung" oder zumindest Kostenbeteiligung bei Verletzung dieser "Eigenverantwortlichkeit" sein.
Beispiel Diabetes
Im Jahre 1985 litten 30 Millionen Menschen weltweit an Diabetes, zur Zeit sind es etwa 180 Millionen und im Jahre 2030 wird die Zahl nach Schätzungen der WHO bei 360 Millionen liegen. Fettsucht und Diabates würde dann als Folge von Verantwortungslosigkeit eingestuft. Diese „Eigenverantwortlichkeit“ klingt geradezu wie Hohn für Länder der Dritten Welt, die von Malaria, Dengue, Tuberkulose und Durchfallerkrankungen heimgesucht werden. Krankheiten, die sich mit der Klimaveränderung ausbreiten und damit weiter zunehmen werden. Die Gefahren der Resistenzentwicklung gegen Antiinfektiva und das zu fordernde Verbot der Massentierhaltung spielten hingegen selbstverständlich keine Rolle auf diesem Berliner Gipfel. Zu diesem wirklich brennenden Thema hatten Detlev Ganten und Kollegen nichts Substantielles beizutragen.
Alternativkongress als Lichtblick
Bei so viel geheuchelter und in eine Sackgasse gerichteten Aufbruchstimmung gab es dennoch aus der Perspektive der Dritten Welt gesehen einen Lichtblick: die Alternativkonferenz, die auch am vergangenen Freitag stattfand. "Ein Gesundheitsgipfel, der diesen Namen verdiene, müsse das Streben nach sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Partizipation als Grundvoraussetzung für Gesundheit in den Vordergrund stellen und eine Forschung fördern, die an den Gesundheitsbedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist", hieß es in der gemeinsamen Erklärung der Veranstalter. Teilnehmer waren Organisationen wie Medico International und die Gewerkschaften. Und die Teilnehmer prangerten an:
- Noch immer könne sich ein Drittel der Weltbevölkerung nicht einmal lebensnotwendige Medikamente leisten.
- Rund 90 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung entfielen auf Arzneimittel die 10 Prozent der Weltbevölkerung benötigen.
- Von 1500 neuen Wirkstoffen, die zwischen 1975 und 2004 entwickelt wurden, wirken lediglich 18 gegen Tropenkrankheiten und drei gegen Tuberkulose.
Verweise:
Giftgas, Aids und Leichen - Im Gespräch mit Dr. Alexander Frhr. von Paleske
Weitere Publikationen von Dr. Alexander Frhr. von Paleske
Foto: Karl-Heinz Liebisch, Pixelio.de































































