Spurensuche im Fall Marilyn Monroe: Im Gespräch mit Anna Maria Gadebusch
9. November 2009, 15:00I N T E R V I E W
Ursula Pidun] Eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten von Amerika in den 1960er Jahren starb unter mysteriösen und bis heute nicht geklärten Umständen im Alter von nur 36 Jahren: Marilyn Monroe, Sternchen, Star und Hollywoods legendäre Vorzeige-Diva wurde offiziell Opfer des eigenen Medikamenten-Missbrauchs. Damit reihte sie sich ein in eine Galerie spektakulärer Tode außergewöhnlicher Berühmtheiten, die vermeintlich mit dem Leben nicht fertig wurden. Es gab allerdings schon immer Zweifler an der These, "die Monroe" sei offiziell an einer Überdosis Schlaftabletten zu Tode gekommen. Viele Verschwörungstheorien ranken sich um den angeblich wahren Tod der Hollywood-Legende. Von einem Gift-Anschlag über die Mafia, die angeblich die Finger im Spiel hatte, bis tief hinein ins Weiße Haus zur berühmten Kennedy-Familie führten die Spuren und Spekulationen.
Dabei gibt es unter den Zweiflern und Kritikern der offiziellen Todesursache durchaus sehr glaubwürdige Zeugen. Einer von ihnen ist der damalige, in der Todessache Monroe ermittelnde Staatsanwalt John Miner. Mit über 90 Jahren lebt er - gesundheitlich angeschlagen - in Los Angeles. 2005 besuchte ihn eine deutsche Journalistin. Anna Maria Gadebusch war auf Spurensuche nach jenen spektakulären Tonbandaufnahmen, die Marilyn Monroe ihrem Psychiater etwa zwei Wochen vor ihrem Tod übergeben haben soll. Aufnahmen, die Miner mitschreiben durfte. Die Mitschnitte, die Anna Maria Gadebusch zusammen mit dem Journalisten Friedhelm Brebeck später zu einem Radio-Feature ausgearbeitet und unter dem Titel "Gute Nacht, Doktor!" veröffentlicht hat, geben tiefste Einblicke in Monroes damaliges Seelenleben. Und sie sorgen für eine handfeste Überraschung. Denn so brisant, spektakulär, aufreizend und herausfordernd die Aufnahmen auch waren, von einer lebensmüden Diva zeugen diese Bänder nicht. Im Gespräch mit Anna Maria Gadebusch, Journalistin und Autorin des Radio-Features "Gute Nacht, Doktor!"
Anna Maria Gadebusch, Sie waren im vergangenen Jahr zusammen mit Friedhelm Brebeck in Los Angeles, um John Miner - seinerzeit ermittelnder Staatsanwalt in der Todessache Marilyn Monroe - persönlich zu treffen?
Ich habe John W. Miner ja erstmals 2005 in LA besucht, kurz nachdem er der LA-Times einen Teil seines Materials gegeben hatte zur Veröffentlichung. Die Begegnung mit diesem angenehmen alten Herrn, was er mir anvertraut hat und der Inhalt seiner Mitschriften haben mich dann nicht mehr losgelassen. Nach alldem schien es mir grotesk, wie hartnäckig sich die offizielle Version des MM-Todes bis heute hält, obwohl alle Indizien – oder viele zumindest – dagegen sprechen.
Spannend – auch als Filmstoff und für die theatralische Bearbeitung. Ich habe ein Theater- und Filmtreatment geschrieben und suche jetzt seit zwei Jahren einen Produzenten bzw. Intendanten für den Stoff. Miner allerdings war gleich so begeistert von meiner Herangehensweise an das Thema, dass er mir die Rechte gegeben hat, mit dem Stoff zu arbeiten – exklusiv.
Ich habe dem Berliner Theaterkünstler Andreas R. Bartsch die Texte für einen wunderbaren Grafik-Zyklus überlassen. Zur Vernissage luden wir dann den Kriegsreporter Friedhelm Brebeck ein, aus den Mitschriften zu lesen. Wir wollten sie nicht von einer Frau lesen lassen, weil sich in diesem Fall doch immer der "süßliche" Vergleich mit dieser Ikone aufgedrängt hätte… Das wollten wir vermeiden.
Brebeck hatte über ein Jahr lang die "Lesezone 360 Grad" von und unter der Regie Andreas R. Bartsch in der Berliner Volksbühne moderiert. Sehr charismatisch, mit seiner markant-sonoren Stimme. Und er hatte uns 2005 auf den Artikel in der Süddeutschen Zeitung aufmerksam gemacht: "Ich liege auf meinem Bett und habe nur meinen BH an". Es hieß, Mitschriften geheimer Tonbänder von Marilyn Monroe seien aufgetaucht - mit pikantem Inhalt.
Unser Vernissage-Publikum reagierte euphorisch, Brebeck war angesteckt und ganz fasziniert von den Mitschriften. Er schlug uns vor, in der Dramaturgie diese Abends ein Radio-Feature zu machen. Er begeisterte dann eine Redakteurin beim WDR und ich gewann Miner für ein Interview. Und so bin ich noch einmal im letzten Sommer, zu Marilyns Todestag, mit ihm nach LA geflogen, um Interviews für dieses Feature zu machen.
Miner hat wohl eine Schlüsselrolle im Fall Monroe. Er war nicht nur ermittelnder Staatsanwalt, sondern soll in den Besitz brisanter Tonbandaufnahmen gekommen sein, die Monroe ihrem Psychiater kurz vor ihrem Tod übergab. Was hatte es damit genau auf sich, also warum kam er überhaupt an diese Aufnahmen?
Eine Schlüsselrolle im Fall Marilyn Monroe hatte er in diesem Sinne eigentlich nicht. Es gab ja damals keine wirklichen offiziellen Ermittlungen. Unglaublicherweise! Der Tatort wurde nicht abgesichert, kein Beweismaterial gesammelt. Die Gewebeproben der Autopsie verschwanden spurlos und der Fall wurde nach wenigen Tagen schon als "wahrscheinlicher Selbstmord durch eine Überdosis Barbiturate" eingestellt. Miner hat etwas Vergleichbares – und das in Hunderten von ungewöhnlichen Todesfällen, in denen er ermittelte - nie wieder erlebt. Er war ja schon nach der Autopsie, die er begleitete, überzeugt, dass Selbstmord nicht wahrscheinlich, sondern höchst un!wahrscheinlich war.
Wenn man diesen Autopsiebericht übrigens liest, kann man – auch ohne juristische oder medizinische Vorkenntnisse – tatsächlich kaum fassen, wie offizielle Seiten diese Selbstmord-Version festlegen konnten.
Marilyn Monroe verehrte Freud und glaubte – das war allerdings in ihren Kreisen auch groß in Mode damals – an den Erfolg einer Analyse mithilfe freier Assoziation. Da Miner mit Dr. Greenson, ihrem Psychoanalytiker, gut bekannt war, lag es natürlich nahe, dass er ihn zu ihrem Tod befragte:
Glaubte der an Selbstmord? Nein!
Um Miner zu überzeugen, dass er das nicht nur sagte, weil es für ihn persönlich und professionell natürlich die größte Niederlage gewesen wäre, dass seine exponierteste, prominenteste Patientin, der er all seine Aufmerksamkeit zukommen ließ, Selbstmord begangen hätte, ließ er ihn diese Tonbänder hören.
Marilyn hatte Probleme bei Greenson in der Praxis frei zu assoziieren und hatte stattdessen zu Hause diese Bänder besprochen, mit allem was ihr so in den Sinn gekommen war. Miner durfte protokollieren, musste aber versprechen, das Gehörte nur für seine Ermittlungen zu verwenden und damit niemals an die Öffentlichkeit zu gehen. Er hat sich fast sein ganzes Leben lang daran gehalten…
Sie hatten von den Mitschnitten gehört und davon, dass Miner über die Aufnahmen Dokumentationen verfasst hatte? Was genau versprachen Sie sich von dem Treffen mit Miner?
Als ich damals, 2005, anfing zu recherchieren, war ich sofort eigentümlich berührt von den vielen Widersprüchen und Falschmeldungen, die da so unterwegs waren. Auch heftige Anfeindungen gegen den alten Staatsanwalt. Ich nahm dann mit ihm Kontakt auf. Was gar nicht so einfach war. Miner hatte schlechte Erfahrungen gemacht… Aber schließlich lud er mich ein auf ein persönliches Gespräch nach LA.
Miner musste damals versprechen, niemals über diese Bänder zu reden. Warum hat Monroes Psychiater Greenson so etwas gefordert?
Es gibt die Schweigepflicht des Arztes. Die hat Greenson ernst genommen – auch nach dem Tod seiner Patientin! Auch ich habe großen Respekt vor diesem so privaten Material! Das hat auch zu Auseinandersetzungen mit meinem Co-Autor Brebeck geführt.
Greenson soll auch alles dafür getan haben, niemals in die Öffentlichkeit zu kommen. Wer könnte das von ihm verlangt haben? Mit Zweifeln an die Öffentlichkeit zu gehen, wäre ja der Normalfall gewesen.
Ich glaube, dass alle, die der Monroe damals nahe standen, eine Vorstellung von dem hatten, was opportun war... Sicherlich gab es auch ganz konkret Druck – direkt oder indirekt. Es ging ja in diesem Fall nicht nur um einen Weltstar, um Glanz und Glamour.
Die Verbindungen, die immer wieder im Raum standen, Mafia, CIA, FBI, die Kennedys… Eingeweihte wussten, das waren keine Gerüchte. Und wer an der Selbstmord-These zweifelte, wollte sicherlich noch weniger mit alldem zutun haben…
Die Bandaufnahmen sind ja damals verschwunden. Woher will man wissen, ob es sie tatsächlich auch gab? Gibt es noch andere Zeugen?
Die Tonbänder sind verschollen. Offensichtlich. Leider.
Es gibt allerdings Hinweise, dass Marilyn Monroe sich ein paar Wochen vor ihrem Tod ein Tonbandgerät gekauft hatte und intime Aufnahmen machte.
Miner vertritt vehement bis zum heutige Tage die These, dass Monroes Tod Mord gewesen sein soll. Sprach er darüber, was ihn so sicher machte?
Miner spricht ja erst seit einigen Jahren darüber. Auch er hat – trotz allem was er wusste – lange, lange geschwiegen. Jetzt kommt sein Bedürfnis nach der "Wahrheit". Er möchte "Miss Monroe vom Stigma des Selbstmords befreien. In der Zeit, die ihm noch bleibt"…
Im Feature schwingt eine kolossale Bewunderung Miners für Marilyn Monroe mit? Eine Bewunderung, die vielleicht auch eine Verklärung der Dinge mit sich bringen könnte?
Das ist eigentlich gar nicht der Fall. Miner war selbst nie Monroe-Fan. Im Gegenteil, er hielt sie für ein naives, uninteressantes Glamour-Blondchen. Nachdem er allerdings die Tonbänder gehört hatte, änderte sich sein Eindruck von dieser Frau vollkommen. Er war betroffen - auch von ihrer Aufrichtigkeit.
Und er hat sich schuldig gefühlt all die Jahre, weil er die Fakten kannte, die so gegen Selbstmord sprachen.
Miner, der damals ermittelte, fordert heute eine Exhumierung. Mit den heutigen Methoden ließe sich eine Vergiftung eindeutig nachweisen. Hat sich Miner darüber geäußert, warum dies blockiert wird?
Miner ist überzeugt, dass eine Re-Autopsie endgültig beweisen würde, dass die Frau nicht Selbstmord begangen hat, dass sie keine Tabletten geschluckt, dass nur jemand anders ihr das Gift – rektal – verabreicht haben konnte. Aber Miner hat schon diverse Anträge auf eine solche Exhumierung gestellt. Ohne Erfolg.
In den 80er Jahren wurde der Fall ja schon mal aufgerollt, damals kamen die Verantwortlichen zu dem Ergebnis, dass man Marilyn Monroe doch in Frieden ruhen lassen sollte. Ich glaube diese Einstellung hat man nach wie vor. Keiner will an diesem quasi Status Quo rütteln. Die Presse weltweit hat die Geschichte damals so vermarktet. Das einsame, unglückliche, fremdbestimmte Blondchen, das an seinem Ruhm zugrunde geht - das ist Historie. Da muss man schon mit ganz konkreten Beweisen anrücken und von denen will keiner etwas wissen…
Das sind ja auch die Ikonen der USA – Marilyn Monroe, John F. Kennedy. Die dürfen nicht beschmutzt werden.
Wie ist Ihre persönliche Einschätzung zu diesem Fall, nachdem Sie Miner persönlich begegnet sind?
Miner war Bezirksstaatsanwalt, hat einen Fachbereich an der UCLA gegründet und über lange Jahre geleitet. Er hat in Hunderten von Todesfällen ermittelt und noch viel mehr Autopsien begleitet. Ein hart gesottener, scharfer Analytiker. Aber auch ein humorvoller Feingeist. Was für ein wunderbares Plädoyer könnte er halten, hätte er halten können – in diesem Fall…
Ich halte Miner für eine ausgesprochen integre Persönlichkeit. Auch sein hohes Alter lässt mich nicht an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Er meint, was er aufgeschrieben hat, das ist zu 95 Prozent der genaue Wortlaut Marilyn Monroes. Wie viel Prozent es wirklich sind, lässt sich nicht mehr verifizieren. Es sei denn, die Tonbänder warten in irgendeinem Safe auf ihre späte Veröffentlichung…
Wenn die Wahrheit tatsächlich nachträglich und in diesen Zeiten ans Tageslicht kommen würde, wem könnte sie denn heute noch so schaden, dass es eine endgültige Aufklärung derart hartnäckig torpediert wird?
Die ganze Wahrheit wird wohl nicht mehr ans Tageslicht kommen. Auch wenn in einer Re-Autopsie die Todesursache geklärt werden würde, bliebe ja die Frage nach dem bzw. den Tätern. Zuviel Zeit ist vergangen, Beweise sind verschwunden, die Zeugen fast alle tot. Es sind zwar inzwischen einige Geheimdienst-Akten veröffentlicht worden, die zum Beispiel belegen, dass Monroe ein Verhältnis mit Bobby Kennedy hatte, aber um die Geschichte umzuschreiben, bedarf es in so einem Safe sicherlich noch ein bisschen mehr als ihrer geheimen Tonbänder…
Das Interview führte Ursula Pidun
Fotos: Anna Maria Gadebusch
Monroe-Grafik (Blatt 1, "Mentale Meanderings"): A.R.BARTSCH
Weitere Interviews:
Teil I: Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Kritisches über das Königshaus wird totgeschwiegen (1/3)
Teil II: Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Prinz Bernhard, Lockheed und andere Skandale (2/3)
Teil III: Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Es mangelt an Transparenz in Regierung und Politik (3/3)
"FAZ.net"-Artikel: Falsche Fakten in Hauschild-Publikation über B. Traven
Teil I: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Jenseits der Hitler-Tagebücher
Tel II: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Kriege werden am Schreibtisch geplant
Teil III: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: NS-Recherchen führten zu Konsequenzen
Teil IV: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: "Journalisten sind immer nur so gut wie ihre letzte Geschichte"
Jens Seipenbusch (Piratenpartei): "Es geht um Bürgerrechte im digitalen Zeitalter"
Hans Wall:"Wir müssen in diesen schweren Zeiten mehr zusammenrücken"
Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell.: "Tradition und Fortschritt schließen sich gegenseitig nicht aus"
Dr. Hermann Bühlbecker: "Wir werden auch den Geschmack von Barack Obama treffen"
Wolfgang Grupp: Die Verantwortung muss auf allen Ebenen wieder zurückkommen
Dr. Volker Wissing (FDP): Die HRE-Enteigung kann auch zum Super-GAU werden
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): "Nichtstun würde uns am Ende teurer zu stehen kommen"
Volker Beck (Grüne): "Unser Ziel ist Platz 3 in der Parteienlandschaft"
Dirk Niebel (FDP): "Wir lehnen eine staatliche Bad Bank ab"
Sir Quett Ketumile Joni Masire: "The solution could be in dialogue"
Dschungelbuch: Auf den Spuren der Lobbyisten in Berlin
Prof. Dr. Hans-Joachim Selenz, Wirtschaftsethiker
Dr. Timo Grunden, Universität Duisburg-Essen
Andrea Titz, Staatsanwältin Staatsanwaltschaft München II und Mitglied des Deutschen Richterbundes
Prof. Dr. Joachim Bohnert, Freie Universität Berlin
Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg
Stephan Braun, MdL der SPD in Baden-Württemberg, Journalist
Prof. Dr. Perry Reisewitz, Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (München)
Prof. Dr. Friedrich Thießen, Technische Universität Chemnitz
Dr. Werner Hoyer, Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
Univ.-Prof. Dr. Markus Heintzen, Dekan der Freien Universität Berlin
Dr. Hermann Otto Solms, FDP, Vizepräsident des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Gregor Gysi, "Die Linke"
Rainer Brüderle, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP
Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien
Ursula Pidun] Eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten von Amerika in den 1960er Jahren starb unter mysteriösen und bis heute nicht geklärten Umständen im Alter von nur 36 Jahren: Marilyn Monroe, Sternchen, Star und Hollywoods legendäre Vorzeige-Diva wurde offiziell Opfer des eigenen Medikamenten-Missbrauchs. Damit reihte sie sich ein in eine Galerie spektakulärer Tode außergewöhnlicher Berühmtheiten, die vermeintlich mit dem Leben nicht fertig wurden. Es gab allerdings schon immer Zweifler an der These, "die Monroe" sei offiziell an einer Überdosis Schlaftabletten zu Tode gekommen. Viele Verschwörungstheorien ranken sich um den angeblich wahren Tod der Hollywood-Legende. Von einem Gift-Anschlag über die Mafia, die angeblich die Finger im Spiel hatte, bis tief hinein ins Weiße Haus zur berühmten Kennedy-Familie führten die Spuren und Spekulationen. Dabei gibt es unter den Zweiflern und Kritikern der offiziellen Todesursache durchaus sehr glaubwürdige Zeugen. Einer von ihnen ist der damalige, in der Todessache Monroe ermittelnde Staatsanwalt John Miner. Mit über 90 Jahren lebt er - gesundheitlich angeschlagen - in Los Angeles. 2005 besuchte ihn eine deutsche Journalistin. Anna Maria Gadebusch war auf Spurensuche nach jenen spektakulären Tonbandaufnahmen, die Marilyn Monroe ihrem Psychiater etwa zwei Wochen vor ihrem Tod übergeben haben soll. Aufnahmen, die Miner mitschreiben durfte. Die Mitschnitte, die Anna Maria Gadebusch zusammen mit dem Journalisten Friedhelm Brebeck später zu einem Radio-Feature ausgearbeitet und unter dem Titel "Gute Nacht, Doktor!" veröffentlicht hat, geben tiefste Einblicke in Monroes damaliges Seelenleben. Und sie sorgen für eine handfeste Überraschung. Denn so brisant, spektakulär, aufreizend und herausfordernd die Aufnahmen auch waren, von einer lebensmüden Diva zeugen diese Bänder nicht. Im Gespräch mit Anna Maria Gadebusch, Journalistin und Autorin des Radio-Features "Gute Nacht, Doktor!"
Anna Maria Gadebusch, Sie waren im vergangenen Jahr zusammen mit Friedhelm Brebeck in Los Angeles, um John Miner - seinerzeit ermittelnder Staatsanwalt in der Todessache Marilyn Monroe - persönlich zu treffen?
Ich habe John W. Miner ja erstmals 2005 in LA besucht, kurz nachdem er der LA-Times einen Teil seines Materials gegeben hatte zur Veröffentlichung. Die Begegnung mit diesem angenehmen alten Herrn, was er mir anvertraut hat und der Inhalt seiner Mitschriften haben mich dann nicht mehr losgelassen. Nach alldem schien es mir grotesk, wie hartnäckig sich die offizielle Version des MM-Todes bis heute hält, obwohl alle Indizien – oder viele zumindest – dagegen sprechen.
Spannend – auch als Filmstoff und für die theatralische Bearbeitung. Ich habe ein Theater- und Filmtreatment geschrieben und suche jetzt seit zwei Jahren einen Produzenten bzw. Intendanten für den Stoff. Miner allerdings war gleich so begeistert von meiner Herangehensweise an das Thema, dass er mir die Rechte gegeben hat, mit dem Stoff zu arbeiten – exklusiv.
Ich habe dem Berliner Theaterkünstler Andreas R. Bartsch die Texte für einen wunderbaren Grafik-Zyklus überlassen. Zur Vernissage luden wir dann den Kriegsreporter Friedhelm Brebeck ein, aus den Mitschriften zu lesen. Wir wollten sie nicht von einer Frau lesen lassen, weil sich in diesem Fall doch immer der "süßliche" Vergleich mit dieser Ikone aufgedrängt hätte… Das wollten wir vermeiden.
Brebeck hatte über ein Jahr lang die "Lesezone 360 Grad" von und unter der Regie Andreas R. Bartsch in der Berliner Volksbühne moderiert. Sehr charismatisch, mit seiner markant-sonoren Stimme. Und er hatte uns 2005 auf den Artikel in der Süddeutschen Zeitung aufmerksam gemacht: "Ich liege auf meinem Bett und habe nur meinen BH an". Es hieß, Mitschriften geheimer Tonbänder von Marilyn Monroe seien aufgetaucht - mit pikantem Inhalt.
Unser Vernissage-Publikum reagierte euphorisch, Brebeck war angesteckt und ganz fasziniert von den Mitschriften. Er schlug uns vor, in der Dramaturgie diese Abends ein Radio-Feature zu machen. Er begeisterte dann eine Redakteurin beim WDR und ich gewann Miner für ein Interview. Und so bin ich noch einmal im letzten Sommer, zu Marilyns Todestag, mit ihm nach LA geflogen, um Interviews für dieses Feature zu machen.
Miner hat wohl eine Schlüsselrolle im Fall Monroe. Er war nicht nur ermittelnder Staatsanwalt, sondern soll in den Besitz brisanter Tonbandaufnahmen gekommen sein, die Monroe ihrem Psychiater kurz vor ihrem Tod übergab. Was hatte es damit genau auf sich, also warum kam er überhaupt an diese Aufnahmen? Eine Schlüsselrolle im Fall Marilyn Monroe hatte er in diesem Sinne eigentlich nicht. Es gab ja damals keine wirklichen offiziellen Ermittlungen. Unglaublicherweise! Der Tatort wurde nicht abgesichert, kein Beweismaterial gesammelt. Die Gewebeproben der Autopsie verschwanden spurlos und der Fall wurde nach wenigen Tagen schon als "wahrscheinlicher Selbstmord durch eine Überdosis Barbiturate" eingestellt. Miner hat etwas Vergleichbares – und das in Hunderten von ungewöhnlichen Todesfällen, in denen er ermittelte - nie wieder erlebt. Er war ja schon nach der Autopsie, die er begleitete, überzeugt, dass Selbstmord nicht wahrscheinlich, sondern höchst un!wahrscheinlich war.
Wenn man diesen Autopsiebericht übrigens liest, kann man – auch ohne juristische oder medizinische Vorkenntnisse – tatsächlich kaum fassen, wie offizielle Seiten diese Selbstmord-Version festlegen konnten.
Marilyn Monroe verehrte Freud und glaubte – das war allerdings in ihren Kreisen auch groß in Mode damals – an den Erfolg einer Analyse mithilfe freier Assoziation. Da Miner mit Dr. Greenson, ihrem Psychoanalytiker, gut bekannt war, lag es natürlich nahe, dass er ihn zu ihrem Tod befragte:
Glaubte der an Selbstmord? Nein!
Um Miner zu überzeugen, dass er das nicht nur sagte, weil es für ihn persönlich und professionell natürlich die größte Niederlage gewesen wäre, dass seine exponierteste, prominenteste Patientin, der er all seine Aufmerksamkeit zukommen ließ, Selbstmord begangen hätte, ließ er ihn diese Tonbänder hören.
Marilyn hatte Probleme bei Greenson in der Praxis frei zu assoziieren und hatte stattdessen zu Hause diese Bänder besprochen, mit allem was ihr so in den Sinn gekommen war. Miner durfte protokollieren, musste aber versprechen, das Gehörte nur für seine Ermittlungen zu verwenden und damit niemals an die Öffentlichkeit zu gehen. Er hat sich fast sein ganzes Leben lang daran gehalten…
Sie hatten von den Mitschnitten gehört und davon, dass Miner über die Aufnahmen Dokumentationen verfasst hatte? Was genau versprachen Sie sich von dem Treffen mit Miner? Als ich damals, 2005, anfing zu recherchieren, war ich sofort eigentümlich berührt von den vielen Widersprüchen und Falschmeldungen, die da so unterwegs waren. Auch heftige Anfeindungen gegen den alten Staatsanwalt. Ich nahm dann mit ihm Kontakt auf. Was gar nicht so einfach war. Miner hatte schlechte Erfahrungen gemacht… Aber schließlich lud er mich ein auf ein persönliches Gespräch nach LA.
Miner musste damals versprechen, niemals über diese Bänder zu reden. Warum hat Monroes Psychiater Greenson so etwas gefordert?
Es gibt die Schweigepflicht des Arztes. Die hat Greenson ernst genommen – auch nach dem Tod seiner Patientin! Auch ich habe großen Respekt vor diesem so privaten Material! Das hat auch zu Auseinandersetzungen mit meinem Co-Autor Brebeck geführt.
Greenson soll auch alles dafür getan haben, niemals in die Öffentlichkeit zu kommen. Wer könnte das von ihm verlangt haben? Mit Zweifeln an die Öffentlichkeit zu gehen, wäre ja der Normalfall gewesen.
Ich glaube, dass alle, die der Monroe damals nahe standen, eine Vorstellung von dem hatten, was opportun war... Sicherlich gab es auch ganz konkret Druck – direkt oder indirekt. Es ging ja in diesem Fall nicht nur um einen Weltstar, um Glanz und Glamour.
Die Verbindungen, die immer wieder im Raum standen, Mafia, CIA, FBI, die Kennedys… Eingeweihte wussten, das waren keine Gerüchte. Und wer an der Selbstmord-These zweifelte, wollte sicherlich noch weniger mit alldem zutun haben…
Die Bandaufnahmen sind ja damals verschwunden. Woher will man wissen, ob es sie tatsächlich auch gab? Gibt es noch andere Zeugen?
Die Tonbänder sind verschollen. Offensichtlich. Leider.
Es gibt allerdings Hinweise, dass Marilyn Monroe sich ein paar Wochen vor ihrem Tod ein Tonbandgerät gekauft hatte und intime Aufnahmen machte.
Miner vertritt vehement bis zum heutige Tage die These, dass Monroes Tod Mord gewesen sein soll. Sprach er darüber, was ihn so sicher machte?
Miner spricht ja erst seit einigen Jahren darüber. Auch er hat – trotz allem was er wusste – lange, lange geschwiegen. Jetzt kommt sein Bedürfnis nach der "Wahrheit". Er möchte "Miss Monroe vom Stigma des Selbstmords befreien. In der Zeit, die ihm noch bleibt"…
Im Feature schwingt eine kolossale Bewunderung Miners für Marilyn Monroe mit? Eine Bewunderung, die vielleicht auch eine Verklärung der Dinge mit sich bringen könnte?
Das ist eigentlich gar nicht der Fall. Miner war selbst nie Monroe-Fan. Im Gegenteil, er hielt sie für ein naives, uninteressantes Glamour-Blondchen. Nachdem er allerdings die Tonbänder gehört hatte, änderte sich sein Eindruck von dieser Frau vollkommen. Er war betroffen - auch von ihrer Aufrichtigkeit.
Und er hat sich schuldig gefühlt all die Jahre, weil er die Fakten kannte, die so gegen Selbstmord sprachen.
Miner, der damals ermittelte, fordert heute eine Exhumierung. Mit den heutigen Methoden ließe sich eine Vergiftung eindeutig nachweisen. Hat sich Miner darüber geäußert, warum dies blockiert wird? Miner ist überzeugt, dass eine Re-Autopsie endgültig beweisen würde, dass die Frau nicht Selbstmord begangen hat, dass sie keine Tabletten geschluckt, dass nur jemand anders ihr das Gift – rektal – verabreicht haben konnte. Aber Miner hat schon diverse Anträge auf eine solche Exhumierung gestellt. Ohne Erfolg.
In den 80er Jahren wurde der Fall ja schon mal aufgerollt, damals kamen die Verantwortlichen zu dem Ergebnis, dass man Marilyn Monroe doch in Frieden ruhen lassen sollte. Ich glaube diese Einstellung hat man nach wie vor. Keiner will an diesem quasi Status Quo rütteln. Die Presse weltweit hat die Geschichte damals so vermarktet. Das einsame, unglückliche, fremdbestimmte Blondchen, das an seinem Ruhm zugrunde geht - das ist Historie. Da muss man schon mit ganz konkreten Beweisen anrücken und von denen will keiner etwas wissen…
Das sind ja auch die Ikonen der USA – Marilyn Monroe, John F. Kennedy. Die dürfen nicht beschmutzt werden.
Wie ist Ihre persönliche Einschätzung zu diesem Fall, nachdem Sie Miner persönlich begegnet sind?
Miner war Bezirksstaatsanwalt, hat einen Fachbereich an der UCLA gegründet und über lange Jahre geleitet. Er hat in Hunderten von Todesfällen ermittelt und noch viel mehr Autopsien begleitet. Ein hart gesottener, scharfer Analytiker. Aber auch ein humorvoller Feingeist. Was für ein wunderbares Plädoyer könnte er halten, hätte er halten können – in diesem Fall…
Ich halte Miner für eine ausgesprochen integre Persönlichkeit. Auch sein hohes Alter lässt mich nicht an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Er meint, was er aufgeschrieben hat, das ist zu 95 Prozent der genaue Wortlaut Marilyn Monroes. Wie viel Prozent es wirklich sind, lässt sich nicht mehr verifizieren. Es sei denn, die Tonbänder warten in irgendeinem Safe auf ihre späte Veröffentlichung…
Wenn die Wahrheit tatsächlich nachträglich und in diesen Zeiten ans Tageslicht kommen würde, wem könnte sie denn heute noch so schaden, dass es eine endgültige Aufklärung derart hartnäckig torpediert wird?
Die ganze Wahrheit wird wohl nicht mehr ans Tageslicht kommen. Auch wenn in einer Re-Autopsie die Todesursache geklärt werden würde, bliebe ja die Frage nach dem bzw. den Tätern. Zuviel Zeit ist vergangen, Beweise sind verschwunden, die Zeugen fast alle tot. Es sind zwar inzwischen einige Geheimdienst-Akten veröffentlicht worden, die zum Beispiel belegen, dass Monroe ein Verhältnis mit Bobby Kennedy hatte, aber um die Geschichte umzuschreiben, bedarf es in so einem Safe sicherlich noch ein bisschen mehr als ihrer geheimen Tonbänder…
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Fotos: Anna Maria Gadebusch
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Teil I: Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Kritisches über das Königshaus wird totgeschwiegen (1/3)
Teil II: Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Prinz Bernhard, Lockheed und andere Skandale (2/3)
Teil III: Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Es mangelt an Transparenz in Regierung und Politik (3/3)
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Teil IV: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: "Journalisten sind immer nur so gut wie ihre letzte Geschichte"
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Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
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Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien






























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