Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Prinz Bernhard, Lockheed und andere Skandale (2/3)
27. Oktober 2009, 19:32
Nun bezieht sich die vermeintlich "schwarze" Vergangenheit von Prinz Bernhard ja nicht nur auf die Zeiten in und nach dem Zweiten Weltkrieg. Vielmehr soll er sich in den 1970er Jahren auch tief in den sogenannten Lockheed-Skandal verstrickt haben? Dieser Skandal zeichnete sich durch eine Serie von Bestechungen und Zuwendungen des amerikanischen Flugzeugherstellers Lockheed aus und betraf insbesondere die Bundesrepublik Deutschland, Italien, die Niederlande und Japan. Prinz Bernhard war nicht nur in den 1970er Jahren in den Lockheed-Skandal verwickelt. Er war ein wichtiges Bindeglied im internationalen Militärflugzeug-Netzwerk, dem sogenannten militär-industriellen Komplex. Auch vom Herstellern von Kampfjägern, wie etwa Northrop und dem französischen Dassault (Mirage) hat er Geld bekommen. Allerdings wurde dies nie durch die offizielle holländische Untersuchungskommission, die im Fall Lockheed tätig war, untersucht. Es gibt jedoch sehr konkrete Hinweise darauf, dass Prinz Bernhard in solche Korruptionsgeschichten verwickelt war.
In meinen Buch 'Bernhardgate' bespreche ich einen Brief des britischen Ministry of Defence. Es wurde damals 1967 versucht, Chieftain-Panzer an die Niederlande zu verkaufen. In dem besagten Brief wird von einer einflussreichen Person aus holländischen Regierungskreisen gesprochen, die Einfluss ausüben wollte, den Panzer zu kaufen. Und zwar für 50.000 Britische Pfund. Ein britischer Beamter verfasste in diesem Brief handschriftlich die Frage, ob es Prinz Bernhard war, der seine Dienste anbot!
Fanden sich Hinweise darauf, dass Prinz Bernhard auch in weitere Skandale verwickelt war?
Ja, solche Hinweise wurden gefunden. Denn nicht nur im Bereich de Militärindustrie war der Prinz im Sinne von Korruptionsskandalen verwickelt. Er sorgte auch dafür, dass sein Bruder Prinz Aschwin mittels eines Geheimkontos in der Schweiz gratis fliegen konnte. Und zwar mit der Fluggesellschaft KLM, dort war Prinz Bernhard als einflussreicher Kommissar tätig. Auch beschäftigte sich der Prinz mit verschiedenen, äußerst dubiosen Bankgesellschaften. Wie man auf welche Weise auch immer Geld verdienen konnte, daran hatte Prinz Bernhard stets ein reges Interesse. Schauen Sie, seine Aktivitäten auf dem Gebiet Lockheed hätten ja im Jahre 1976 beinahe die Monarchie gestürzt. (Foto: Prinz Bernhards Bruder Prinz Aschwin).
Haben Sie zu Prinz Bernhards Verwicklungen in der Lockheed-Affäre selber auch Recherchen angestellt und falls das so ist, mit welchen Ergebnissen? Ich selbst habe nie Recherchen über Lockheed oder Northrop durchgeführt, aber ich habe Akten gefunden zu Dassault und dem Chieftain-Panzer. Eigentlich war die ganze Lockheed- Bestechungskampagne hinsichtlich des Prinzen vergebens weil die Starfighter, die Holland und auch Deutschland kauften, ja von Northrop hergestellt wurden. Allerdings gibt es viele konkrete Hinweise darüber, dass auch Northrop den Prinzen bezahlte. Was in der Sache des Lockheed-Korruptionsskandals äußerst interessant war, ist vor allem auch das, was die offizielle holländische Untersuchungskommission feststellte.
Demnach kassierte in der Schweiz ein gewisser Alexis Pantchoulidzew eine Million Dollar von Lockheed. Dieser Pantchoulidzew war der Freund und Liebhaber von Bernhards Mutter Prinzessin Armgard zur Lippe Biesterfeld (Foto: Prinzessind Armgard mit Sohn Prinz Bernhard). Pantchoulidzew war in den 1930er Jahren beim deutschen Geheimdienst als Agent rekrutiert. Er hatte vorgeschlagen, dass Prinz Bernhard schon im Jahre 1940 den Posten des Statthalters in den Niederlanden unter deutschem Einfluss bekommen sollte. Der Geheimdienstbeamte Michael Graf Soltikow hat das in seiner Memoiren auch genau so beschrieben. Prinz Bernhard nannte übrigens Pantchoulidzew bis zu dessen Tod seinen "alten, weißen Bruder".
(Foto: Alexis Pantchoulidzew, er kassierte kräftig ab).
Hinsichtlich der Lockheed-Sache war ja auch der holländische "Stern"-Korrespondent Eikenaar beschäftigt. Er soll auch über die Lockheed-Recherchen des damaligen "Stern"-Reporters Gerd Heidemann geschrieben haben. Wissen Sie, was er geschrieben hat? Der "Stern"-Korrespondent für Holland, Albert Eikenaar, hat im vorigen Jahr in einer holländischen Wochenzeitschrift über die gefälschten Hitler- Tagebücher und dem damaligen Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann berichtet. In diesem Artikel schrieb er, dass Heidemann viel zu leichtgläubig gewesen sei hinsichtlich der gefälschten Tagebücher. Gleichzeitig behauptete er in seinem Artikel, Heidemann habe schon 1976 mit gefälschten Dokumenten herumhantiert. Und zwar damals in der Lockheed- Affäre. (Fotorechte: Gerd Heidemann)
Heidemann hatte damals von dem Lockheed-Vertreter Ernst Hauser Dokumente erhalten. Diese Dokumente hat Heidemann direkt der offiziellen holländischen Untersuchungskommission gegeben. Dann ergab sich, dass diese Dokumente einen Fälschung waren. "Stern"-Korrespondent Eikenaar behaupte in seinem Artikel auch, dass Heidemann angeblich nicht erreichbar war, um eine Stellungnahme zu dieser Behauptung abgeben zu können. Das war natürlich Unsinn,weil Heidemann stets erreichbar war und ist. Damals erschien auch zum gleichen Zeitpunkt, als der Artikel von Eikenaar erschien, ein Interview mit Heidemann in der Frankfurter Rundschau. (Fotorechte Gerd Heidemann)
Zunächst einmal habe ich nach Erscheinen des Artikels von Albert Eikenaar Kontakt mit Gerd Heidemann aufgenommen und er war auch sofort und problemlos erreichbar. Ich fragte ihn damals, was er von dem Eikenaar-Artikel hält. Heidemann gab mir dann auch die Dokumente über
seine Recherchen im Sachen Lockheed. In diesen Dokumenten konnte ich nichts Falsches erkennen hinsichtlich der Untersuchungsmethodik, die Heidemann im Fall Lockheed angewendet hat. Ein Journalist hat ja niemals dieselben Möglichkeiten und finanziellen Mittel, um eine Fälschung zu prüfen. Und schon gar nicht die Möglichkeiten einer offiziellen, holländischen Untersuchungskommission mit all ihren Staatsdiensten. (Fotorechte Gerd Heidemann, Flashanimation by up/SPREERAUSCHEN.net)
Über die gefälschten Hitler-Tagebücher kann ich mich natürlich gar nicht äußern, weil ich davon viel zu wenig weiß. Als der Eikenaar-Artikel erschien, habe ich beim Autor nachgefragt, warum er nicht den Namen des potentiellen holländischen Käufers der Hitler-Tagebücher in seinem Artikel genannt hat. Das war nämlich der ehemalige holländische SS-Offizier Pieter Schelte Heerema, der zu jenen Zeiten, als die Tagebuchgeschichte passierte, sehr reich und vermögend war durch seine internationalen Offshore- Unternehmen. Eikenaar antwortete mir, der Chefredakteur der holländischen Wochenzeitschrift habe angeblich diesen Namen aus der Publiaktion heraus gestrichen. Der Artikel von Eikenaar war ganz generell unfair und ein gezielter Charaktermord gegen Gerd Heidemann. Das hat Heidemann - insbesondere wenn ich mir die Lockheed-Geschichte betrachte - nicht verdient. (Fotorechte Gerd Heidemann)
Kommen wir zurück zu den Vorwürfen hinsichtlich der Vergangenheit von Prinz Bernhard. Haben Sie jemals versucht, mit dem Königshaus Kontakt aufzunehmen, um die Vorwürfe um Prinz Bernhard zu besprechen und um Stellungnahme zu bitten?
Das ist gar nicht möglich! Unser Staat ist so eingerichtet, dass das Königshaus quasi unantastbar ist. Allenfalls sind ganz allgemeine Fragen erlaubt, aber nicht allzu kritische Anfragen. Die werden an die offizielle Presseabteilung der Regierung (RVD) gerichtet, die dann stellvertretend für das Königshaus antwortet.
Wenn das also weder mit Prinz Bernhard selbst noch später mit Königin Beatrix möglich war, so vielleicht doch mit der jungen Generation im Königshaus, die vielleicht offener einem Diskurs und Transparenz gegenübersteht?
Auch die junge Generation, zu der ja auch Kronprinz Willem Alexander zählt, kann niemals etwas zu dem äußern, was ich berichte. Das wäre viel zu gefährlich für das Königshaus, weil es dann kein moralisches Recht mehr zur Macht hätte. Vergessen Sie nicht, dass das Königshaus im holländischen Staatsapparat noch immer über sehr viel politische Macht verfügt. Das ist ganz anders wie zum Beispiel in den skandinavischen Königshäusern mit ihren nur protokollarischen Aufgabenstellungen. Die Oranje-Familie hat derart viel Macht, weil sie über ein Milliardenkapital verfügt.
Ich selbst bin übrigens schon einmal von der RVD, also der offiziellen Presse-Abteilung der Regierung, angeschrieben worden (Siehe Foto, klick auf Bild zeigt Vergrößerung: Brief von der RVD über die vermeintliche Homosexualität von Prinz Claus). Das ist schon eine merkwürdige Situation, wenn eine Presse-Abteilung aus eigener Initiative einen einzelnen Journalisten anschreibt. Ich hatte damals einen alten Artikel von mir wieder auf die Webseite eines befreundeten Journalisten setzen lassen. Die Publikation beschäftigte sich mit einen sehr dubiosen Freund und Advokaten von Königin Beatrix und Prinz Claus, dem verstorbenen Ehemann von Beatrix. Dieser Freund war homosexuell und stand unter dem Verdacht, Jugendliche vergewaltigt zu haben. Auch wurde der Name dieses Freund des Königshauses in einem Bericht einer Untersuchungskommission über einen Drogenhandel genannt. Die Polizei hatte damals große Drogenmengen durch die Grenze passieren lassen, ohne einzugreifen. Prinz Claus und der Freund wurden gesehen und vermutlich auch von amerikanischen Diensten fotografiert in einer homosexuellen Bar in New York.
Ist denn etwas dran an der Geschichte eines angeblich nie veröffentlichten Spiegel-Artikels, der sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigt haben soll? In meiner Publikation berichte ich auch über diesen, von Ihnen angesprochenen Artikel, der ja nie veröffentlicht wurde. Das war zu Beginn der 1980er Jahre. Dabei ging es um eine mögliche Erpressung von Claus von Amsberg in seinen jungen Jahren, als er noch ein deutscher Diplomat in Afrika war und nach Bonn zurückgerufen wurde. Er soll möglicherweise Kontakte zu einem DDR Diplomaten gehabt haben. Schon damals, zu Beginn der 1980er Jahre, verfügten einige holländische Journalisten über Wissen zu homosexuellen Kontakten von Claus. Man munkelte damals auch, dass der Spiegel-Artikel aufgrund des Einflusses des holländischen Staates nicht erschienen sei.
Jedenfalls erhielt ich nach erneuter Veröffentlichung meines alten Artikels, der ja schon einmal in einem Magazin publiziert worden war, ein Schreiben von der RVD mit einen überaus befremdlichen Inhalt. Man schrieb im Namen der königliche Familie und äußerte, dass mein Artikel nicht stimme und Prinz Claus niemals homosexuell war oder Kontakte in homosexuelle Kreise gepflegt habe. Ich antwortete dann, dass es mich doch überhaupt nicht interessiere, ob Claus homosexuell, heterosexuell oder was auch immer war. Vielmehr lag mein Interesse auf dieser möglichen Erpressung, möglichen Kontakten zu dem dubiosen Freund der königliche Familie und einer möglichen Verflechtung von Claus in eine Spionage-Affäre und andere politisch brisante Geschichten. Schließlich aber wollte der Beamte der RVD nicht mehr mit mir sprechen!
Lesen Sie in Teil III: Es mangelt an Transparenz in Regierung und Politik
Kommentierung unter Teil III möglich.
Das Interview führte Ursula Pidun
Verweise:
Teil I: Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Kritisches über das Königshaus wird totgeschwiegen (1/3)
Teil II: Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Prinz Bernhard, Lockheed und andere Skandale (2/3)
Teil III: Enthüllungsjournalist Ton Biesemaat: Es mangelt an Transparenz in Regierung und Politik (3/3)
Fotos: Archiv Ton Biesemaat; Archiv Gerd Heidemann; Archiv SPREERAUSCHEN.net; Archiv koninklijkhuis.nl/, Fotos zur freien Verwendung, Archiv minaz.nl/, Fotos zur freien Verwendung































































