"FAZ.net"-Artikel: Falsche Fakten in Hauschild-Publikation über B. Traven
10. Oktober 2009, 22:00
[Ursula Pidun] Auf "FAZ.net" erschien unter der Rubrik Aktuell - Feuilleton - Bücher ein Beitrag von Jan-Christoph Hauschild, der sich mit "Nachforschungen" zu dem von einer Vielzahl an Mythen, Legenden und Sagen umwobenen Schriftsteller B. Traven befasst. Die Publikation trägt den Titel "B. Traven – Wer ist dieser Mann?". An derlei Nachforschungen haben sich in der Vergangenheit bereits viele "Spürnasen" gewagt - mit mehr oder weniger Erfolg. Hinsichtlich dieser Publikation, die übrigens von der Kunststiftung NRW mit einem sechsmonatigen Arbeitsstipendium unterstützt wurde, geht es dem Verfasser im Wesentlichen darum, Recherchen und Ausführungen des englischen Fernsehjournalisten Will Wyatt zu favorisieren. Hauschild bezeichnet sie als "mustergültige Recherche" und "beispiellos solide erarbeitete Forschungsergebnisse" und bedauert deren relativ weitgehende und schroffe Ablehnung. Die allerdings führt der Autor darauf zurück,
[...]"dass die Wyattsche Lösung das Faszinosum Traven nachhaltig zu zerstören droht, eine - wie allein das Beispiel des irrlichternden Sensationsreporters Heidemann zeigt - nahrhafte Projektionsfläche für kommerziell einträchtige Legenden aller Art."
Hauschild greift den ehemaligen Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann, der Traven als einer der ganz wenigen persönlich begegnet ist, auch an anderer Stelle an. So schreibt der Autor:
"Zwei Jahre vor seinem Tod am 26. März 1969 hatte Traven noch das zweifelhafte Vergnügen, von dem "Stern"-Reporter Gerd Heidemann als illegitimer Hohenzollern-Prinz "identifiziert" zu werden - absurder Höhepunkt der Jagd nach einem Phantom, in deren Verlauf immer neue "Enthüllungen" immer aberwitzigere Herkunftshypothesen generierten, die hier nicht wiederholt werden sollen".
Formulierungen wie etwa "zweifelhafte Vergnügen" und "irrlichternde Sensationsreporter" in Hinblick auf die Person Gerd Heidemann lassen sich mit zwei zugedrückten Augen noch der individuellen Kreativität und freien Meinungsäußerung eines Publizisten zuordnen. Dies, obwohl Meinung in sachlichen "Nachforschungen" natürlich nichts zu suchen hat. Bei der Darstellung falscher Fakten hört der Spaß allerdings auf. Zumal der Eindruck erweckt wird, dass Hauschild bei aller Begeisterung für eine saubere Wyatt- Recherche die eigene Sorgfaltspflicht und akribische, journalistisch einwandfreie Nachforschungen aus den Augen verlor. Simple Nachfragen hätte übrigens ausgereicht. Denn im Gegensatz zu B. Traven, der sich jedwedem Kontakt und lästigen Verfolgern stets zu entziehen wusste und zeitlebens so gut wie nicht auffindbar war, stehen die Kontaktdaten zu Gerd Heidemann in jedem aktuellen Telefonbuch. Wir haben nachgefragt. Im Gespräch mit Gerd Heidemann zu "Falsche Fakten in Hauschild-Publikation über B. Traven".
Nicht ich habe B. Traven als illegitimen Hohenzollern-Prinzen identifiziert, sondern Travens mexikanische Ehefrau Rosa Elena Lujan de Torsvan. Dazu sollte man auch die Vorgeschichte kennen. Bei meinen Recherchen zum Rätsel B. Traven fiel mir nämlich auch die Fahndungsakte der Münchener Staatsanwaltschaft vom Mai 1919 in die Hand.
Ret Marut, wie sich B. Traven während seiner Schauspieler-Zeit in Danzig und Düsseldorf und während der Revolutionstage und der Zeit der Räterepublik in München nach dem Ersten Weltkrieg in München genannt hatte, wurde von der Staatsanwaltschaft wegen Hochverrats gesucht. Marut war Mitglied des Revolutionstribunals gewesen und hatte die Enteignung der Presse gefordert. Nach dem Zusammenbruch der Räterepublik war er geflohen. In dieser Akte stand auch der Name des Vaters: William Marut, Impressario aus San Franzisko, und der Mutter: Helene, geborene Ottarent.
Alle Fotorechte: Gerd Heidemann; Fotobearbeitung und Flashanimation up/SPREERAUSCHEN.net
In dieser Akte erschienen Ihnen einige Angaben fragwürdig?
Kopfzerbrechen hatte mir die amerikanische Staatsangehörigkeit Ret Maruts gemacht. Nach seiner Schauspieler-Zeit hatte Marut während des Ersten Weltkrieges in München eine halb-anarchistische Zeitschrift in Form eines roten Ziegelsteines herausgegeben. Obwohl die Regierung der USA dem Deutschen Reich am 6. April 1917 den Krieg erklärt hatte, wurde Ret Marut in München nicht - wie andere Amerikaner - interniert, sondern durfte weiter seine Zeitschrift "Der Ziegelbrenner" herausgeben. Dafür bekam er sogar das ansonsten sehr knappe Papier bewilligt. Auch noch, als eine Anzeige gegen ihn wegen der Schmähung des "Roten Barons" Manfred von Richthofen bei den Behörden einging, schrieb das Bayerische Kriegsministerium: "Die Papierbewilligung zum Drucke des "Ziegelbrenners" bedauert das Kriegsministerium gleichfalls, vermag sie aber nicht zu hindern." (Foto: Akte der Münchner Staatsanwaltschaft, Klick auf Photo zeigt Vergrößerung). 
(Eintrag im bayerischen Polizeiblatt. Klick auf Image zeigt Vergrößerung)

(Eintrag im bayerischen Polizeiblatt. Klick auf Image zeigt Vergrößerung)
Nun konnte das Kriegsministerium aber während der letzten Kriegsjahre eigentlich alles verhindern, wie ich beim Studium weiterer Akten feststellte. Zum Beispiel hatte es die Papierzuteilung an eine Zeitung gestoppt, weil diese als Auflösung eines Kreuzworträtsels das Wort "Frieden" veröffentlicht hatte. Dieser Amerikaner mit dem seltsamen Namen musste also von irgendeiner höheren Stelle gedeckt werden, anders konnte ich mir die Sache nicht erklären.
Sie haben dann nachgefragt im Hause Traven, bzw. hierzu Rosa Elena Lujan de Torsvan, also Travens Ehefrau, befragt?
Genau und als ich diese Merkwürdigkeiten bei meinem Besuch in Travens Haus in Mexico-City im Dezember 1966 gegenüber seiner mexikanischen Frau Rosa Elena ansprach, fragte sie mich, ob ich denn nicht wüsste, wer sein Vater gewesen sei. Ich zeigte ihr daraufhin die Fahndungsakte der Münchener Staatsanwaltschaft und las vor, dass der Name ihres Mannes William Marut gewesen sei. Darauf Frau Traven: "Ja, William – William the Second."
Was wollte sie denn mit "William the Second" ausdrücken?
Bei mir fiel der Groschen etwas langsam. Ich begriff nicht gleich, dass sie Wilhelm II meinte. Darum versuchte ich so zu tun, als hätte ich sie verstanden und antwortete: "Ja, aber das erklärt doch nicht sein Versteckspielen und die Geheimnistuerei um seinen Namen."
Diesen Namen hätte er sich nach einem Fluss ausgesucht, der doch nicht allzu weit von Hamburg, wo ich herkomme, fließen würde, erklärte mir Frau Traven. Oben, im Arbeitszimmer ihres Mannes, würde ein Bild einer sehr alten Brücke über die Trave an der Wand hängen. "Und er, der Anarchist, musste erfahren, dass er von dem deutschen Kaiser abstammt. Als wir zur Premiere des Films "Das Totenschiff" in Berlin waren, führte er mich in den Grunewald, wo es ein Denkmal gibt und sagte: "Von dem stamme ich ab!"
Er hat mir auch erzählt, dass sein Vater Sozialgesetze zum Wohle der Arbeiter geschaffen hätte."
Und diese vermeintliche Abstammung haben Sie nicht hinterfagt?
Doch, natürlich! Im Gerichtsanthropologischen Institut in Hamburg ließ ich von Prof. Dr. Keiter durch Bildvergleiche B.Travens mit Kaiser Wilhelm II ein Gutachten anstellen.
Das anthropologische Gutachten lautete, Kaiser Wilhelm II könne nicht der Erzeuger B.Travens sein. B.Traven hätte aber sehr viele typische Hohenzollern-Merkmale, so dass er wahrscheinlich von einem anderen Familienmitglied stammen müsse.
Dass also nicht Sie B.Traven als illegitimen Hohenzollern-Prinzen identifizierten, sondern Travens Ehefrau Rosa Elena Lujan, war ein vermeidbarer Recherchefehler?
Richtig, Hauschild schildert hier einen völlig falschen Sachverhalt. Er hätte problemlos nachfragen können.
Übrigens zeigt zwar das Denkmal im Grunewald Kaiser Wilhelm I und nicht seinen Enkelsohn Wilhelm II, und die Sozialgesetze hatte Bismarck mit dem alten Kaiser 1881 abgesprochen. Doch da diese 1911 unter der Herrschaft Wilhelm II noch einmal verbessert wurden, konnte doch dieser gemeint sein, denn Kaiser Wilhelm der Große, wie er genannt wurde, war doch wohl für eine Vaterschaft Travens zu alt gewesen.
Sie ließen jedenfalls in Hamburg dann dieses professionelle Gutachten anfertigen. Die Ergebnisse sind also durchaus bekannt?
Das lässt sich für jeden leicht recherchieren. Nach Hamburg zurückgekehrt, ließ ich das Gutachten im Gerichtsanthropologischen Institut sogleich anfertigen Das Ergebnis des Gutachtens schickte ich dann übrigens auch Frau Traven nach Mexiko.
Und auch in der diesbezüglichen, damaligen Ausgabe des "Stern" konnte man die Fakten nachlesen, bzw. recherchieren?
Ja, das konnte man problemlos. Der Artikel im "Stern", der in Ausgabe 19 am 7. Mai 1967 unter dem Titel "Der Mann, der Traven heißt" erschien, endete nämlich mit folgenden Sätzen:
Der Reporter schickte das Gutachten nach Mexiko und bat Frau Traven um eine Stellungnahme. Sie schrieb: "Lassen Sie die Sache auf sich beruhen. Sie wissen, dass mein Mann sein Leben lang gegen jede Art Publicity gewesen ist. Mir ist es wichtiger, er ist zufrieden, als dass die Welt weiß, ob er nun von einem König oder von einem armen Fischersmann abstammt. Das zweite würde er vorziehen."
Alle Fotorechte: Gerd Heidemann; Fotobearbeitung und Flashanimation up/SPREERAUSCHEN.net
Nachträge:
Brief vom 31.10.1975 von Frau Traven an Gerd Heidemann. Sie bedankt sich bei ihm für den Fund des Manuskript des Buches "Die Kunst der Indianer". Heidemann fand das verschollene Manuskript im Keller der Büchergilde Gutenberg in Zürich.
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Ein handschriftliches "Gedicht" Ret Maruts, das er etwa 1910 geschrieben hat und das noch unveröffentlicht ist. Es stammt aus dem Nachlaß seiner Geliebten Irene Mermets. Schon an der Handschrift mit hauptsächlich latainischen Buchstaben lässt sich erkennen, dass Marut eine gute Ausbildung bekommen haben muss. Mit Volksschulbildung hätte er die altdeutsche Schrift benutzt. (Klick auf Bild zeigt Vergrößerung)--------------------------------------------------
Zwei Briefe:
Der erste Brief stammt von Ernst Preczangs, Cheflektor der "Büchergilde
Gutenberg" und ist adressiert an B. Traven.
Der zweite Brief zeigt Travens Antwort. (Klick auf Images zeigen Vergrößerung)
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Hand drauf!Das Photo zeigt die Hand B. Travens, die sein Freund, der Bildhauer Federici Canessi, in Mexico City aus Bronze modellierte. Davon gab es nur ein Exemplar, das Frau Traven Gerd Heidemann schenkte und das jetzt die University of California besitzt. Im Hintergrund des Fotos (klick auf Bild zeigt Vergrößerung) sind die Traven-Bücher aus der Heidemann-Bibliothek zu
sehen.
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Heidemannns umfangreiches Traven-Archiv:
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Interview: Ursula Pidun
Verweise:
Teil I: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Jenseits der Hitler-Tagebücher
Tel II: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: Kriege werden am Schreibtisch geplant
Teil III: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: NS-Recherchen führten zu Konsequenzen
Teil IV: Ex-"Stern"-Reporter Gerd Heidemann: "Journalisten sind immer nur so gut wie ihre letzte Geschichte"
















































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