Schlupfloch Sicherheitszaun: Palästinensische Arbeiter in Israel (2)
12. Oktober 2009, 18:00Gastbeitrag aus TEL AVIV:
[Nirit Sommerfeld] Am Freitag Morgen ist es soweit: Der Rohbau ist abgeschlossen, Hassan, Djibril und vier weitere Bauarbeiter können endlich nach Hause zu ihren Familien fahren, rechtzeitig zum muslimischen Opferfest. Um neun Uhr früh winken sie schon ausgelassen von der Baustelle herüber, sie sind auffallend sauber gekleidet und rufen mir zu, ich solle doch herunterkommen und sie zum Abschied fotografieren. Wenige Minuten später stehen wir zusammen, ich knipse mit und ohne Pose, die Stimmung ist großartig, sie freuen sich alle sehr auf zu Hause, erzählen von der Mutter, die Schafe hält und Tauben züchtet und bestimmt schon ein großes Essen vorbereitet hat. Der Wagen, der sie nach Jerusalem bringen soll, steckt wohl noch im Stau, heißt es, müsste aber innerhalb der nächsten halben Stunde da sein. Wir nutzen die Zeit und die gute Stimmung. Ich lasse mir Familiengeschichten erzählen, höre zu, wie Hassan sich wünscht, dass seine Frau ihm nach den beiden Söhnen nun zwei Töchter schenkt und wie Djibril von einem Leben im Ausland träumt, vielleicht in Amerika oder in Deutschland.
Blockaden von jüdischer Seite
Der Wagen lässt auf sich warten, ab und zu geht das Telefon, immer wieder Staumeldungen. Dann ruft die Mutter an, besorgt: Alle Straßen nach Hebron sind von jüdischen Siedlern blockiert, sie versuchen jedes arabische Auto aufzuhalten, bewerfen es mit Steinen, zerren die Leute raus und fallen über sie her. Die Stimmung sinkt. Jetzt werden Ereignisse von Begegnungen mit Soldaten erzählt. Von Schlägen mit dem Gewehr auf den Rücken bis zur Ohnmacht. Von Fäusten auf die Schläfen, Drohungen und Hieben in den Magen – immer ohne konkreten Anlass.
Mittlerweile ist es Mittag geworden, der Wagen lässt immer noch auf sich warten. Da mein Mann und ich noch einiges in der Stadt zu erledigen haben, verabschieden wir uns mit einer großen Tüte Obst und den besten Wünschen für einen baldigen und sicheren Heimweg. Auch die frisch entstandenen Fotos habe ich ausgedruckt und gebe sie ihnen mit auf die Reise. Als wir nachmittags um drei wiederkommen, ist es ganz still auf der Baustelle, ganz ungewohnt und fast unheimlich. Meine Gedanken schweifen immer wieder zu den sechs jungen Männern. Ich überlege, wann ich wohl am besten anrufen soll, um zu erfahren, ob sie gut angekommen sind. Doch Djibril kommt mir zuvor: Um sieben klingelt das Telefon und er berichtet, dass sie gerade heim gebracht wurden – von der israelischen Polizei!
Festnahmen und Transport durch Unruhegebiet
Kurz nachdem wir weg gegangen waren, seien Polizisten auf die Baustelle gekommen. Hassan und Mohammad waren gerade im zweiten Stock, um Kaffee zu kochen, woraus ein Polizist schloss, dass sie flüchten oder sich verstecken wollten und sie nach unten prügelte. Dann wurden alle sechs auf eine Polizeistation gebracht und nur eine halbe Stunde festgehalten, bis man sie in einen Polizeitransporter steckte und auf direktem Wege nach Hebron brachte. Ich frage mich, was das für einen Sinn macht?! Die israelische Polizei weiß schon längst von illegalen palästinensischen Arbeitern (es gab ja bereits Verhaftungen), nimmt sie aber nur kurz fest und chauffiert sie dann durchs Unruhegebiet nach Hebron?!? Wollte man sie etwa vor dem blutrünstigen Mob schützen, um in der internationalen Presse nicht noch mehr negative Schlagzeilen zu kassieren?
Ich frage Djibril, was er darüber denkt. "Die haben uns eine Menge Fahrtkosten erspart, wir sind praktisch ganz umsonst nach Hause getrampt!", lacht er und versichert, dass sein Bruder Hassan die Schläge gut weggesteckt hat. "Der sitzt schon am Tisch und isst!" Außerdem habe sich die Mutter sehr über die Fotos gefreut, sie lässt grüßen und hofft, uns bald bei sich zu Hause empfangen zu dürfen, hoffentlich in ruhigeren Zeiten."Be'Ezrat HaShem", sagt Djibril zum Abschied auf Hebräisch: mit Gottes Hilfe. "Inshallah!", antworte ich.
Eine dritte Verhaftung
Am 29. Dezember, zwei Tage nach Beginn der Gaza-Offensive 'Gegossenes Blei', erreicht mich ein Anruf von Djibril. Er müsse mich unbedingt sprechen, es sei ein neuer Arbeiter auf der Baustelle, der ihn dauernd ausfrage, aber gleichzeitig sehr unfreundlich zu ihm sei. Wenig später treffen wir uns unten auf der Straße und Djibril beginnt zu berichten, dass er sich beobachtet und unsicher fühle. In dem Moment fährt ein Polizeiauto vor, Polizisten springen heraus, lassen sich Djibrils Papiere zeigen und verhaften ihn mit Handschellen. Auf meine Frage hin, was das solle, erklärt mir ein junger Polizist, hier könne es sich zwar um einen bedeutungslosen illegalen Bauarbeiter handeln, aber ebenso könne dies ein Terrorist sein; schließlich befänden wir uns im Krieg und solche Vorsichtsmaßnahmen seien angebracht.
Freikauf aus der Untersuchungshaft
Zwei Tage später gelingt es mir, Djibril mit einer Unterschrift und einer Kaution von 5.000 Shekel aus der Untersuchungshaft heraus zu lösen. Er wird ins Westjordanland abgeschoben und wartet auf seinen Verhandlungstermin. Mit meiner Unterschrift habe ich zugesagt, dafür zu sorgen, dass er zu diesem Termin erscheint – ungeachtet der Tatsache, dass er mit ziemlicher Sicherheit gar keine Einreiseerlaubnis bekommen wird. Doch es soll anders kommen: Djibril erhält – unter anderem auf meinen Druck hin – eine Genehmigung für einen Tag. Er erscheint vor Gericht; seine äußerst engagierte Pflichtverteidigerin erwirkt einen Aufschub, um ihm Gelegenheit zu bieten, Beweismaterial zu beschaffen. Das zeigt, weshalb er immer wieder gezwungen war, illegal in Israel zu arbeiten.
(Welch eine Ironie: Der israelische Staat, der die Besatzung und damit die wirtschaftliche Not und Abhängigkeit der Palästinenser in den besetzten Gebieten zu verantworten hat, will Beweise für diese Not dargebracht bekommen, die dann wiederum eine Rechtfertigung für die illegale Arbeit innerhalb Israels darstellen. Eine Illegalität, die wiederum überhaupt erst durch die Besatzung entsteht!)
Der Traum vom besseren Leben
Beim zweiten Gerichtstermin Ende März 2009 erscheint neben mir noch eine weitere Zeugin, eine israelische Nachbarin, die über die menschlichen Qualitäten Djibrils Auskunft gibt. Die Pflichtverteidigerin hält ein bewegendes Plädoyer und kann die Richterin davon überzeugen, Djibril mit einer Geldstrafe von 3.000 NIS auf Bewährung frei zu lassen. Nachdem wir die wenigen verbleibenden Stunden des Tages in Freiheit genießen, macht sich Djibril am späten Nachmittag auf den Heimweg zu seiner Familie nach Dura. Er verspricht, nie wieder illegal nach Israel zu kommen, sondern stattdessen fleißig Deutsch zu studieren; ich hatte ihm bei einem meiner Besuche ein Lern- und Arbeitsbuch 'Deutsch für Ausländer' besorgt, nachdem er mir von seinem Traum erzählte, eines Tages nach Deutschland zu reisen, dort zu studieren und ein neues Leben in Würde und Anstand zu beginnen.
Der Abschied fällt uns schwer. Wir wissen, dass wir uns hier nicht mehr so schnell wieder begegnen werden. Und ein Besuch in Dura ist für mich immer mit einem gewissen Risiko verbunden: Als Israelin ist es mir strafrechtlich verboten, die Westbank zu bereisen – außer, ich würde in ein Settlement fahren. Und ob die Kontrollen jedes Mal zu glimpflich verlaufen wie bei meinen bisherigen Besuchen, ist nicht gesagt. Spät am Abend erhalte ich dann eine SMS: "Viele Grusse von Dura auch fur ganze Familie. Danke und Liebe, Djibril."
* Namen geändert
Teil I: Schlupfloch Sicherheitszaun: Palästinensische Arbeiter in Israel
[Nirit Sommerfeld] Am Freitag Morgen ist es soweit: Der Rohbau ist abgeschlossen, Hassan, Djibril und vier weitere Bauarbeiter können endlich nach Hause zu ihren Familien fahren, rechtzeitig zum muslimischen Opferfest. Um neun Uhr früh winken sie schon ausgelassen von der Baustelle herüber, sie sind auffallend sauber gekleidet und rufen mir zu, ich solle doch herunterkommen und sie zum Abschied fotografieren. Wenige Minuten später stehen wir zusammen, ich knipse mit und ohne Pose, die Stimmung ist großartig, sie freuen sich alle sehr auf zu Hause, erzählen von der Mutter, die Schafe hält und Tauben züchtet und bestimmt schon ein großes Essen vorbereitet hat. Der Wagen, der sie nach Jerusalem bringen soll, steckt wohl noch im Stau, heißt es, müsste aber innerhalb der nächsten halben Stunde da sein. Wir nutzen die Zeit und die gute Stimmung. Ich lasse mir Familiengeschichten erzählen, höre zu, wie Hassan sich wünscht, dass seine Frau ihm nach den beiden Söhnen nun zwei Töchter schenkt und wie Djibril von einem Leben im Ausland träumt, vielleicht in Amerika oder in Deutschland.Blockaden von jüdischer Seite
Der Wagen lässt auf sich warten, ab und zu geht das Telefon, immer wieder Staumeldungen. Dann ruft die Mutter an, besorgt: Alle Straßen nach Hebron sind von jüdischen Siedlern blockiert, sie versuchen jedes arabische Auto aufzuhalten, bewerfen es mit Steinen, zerren die Leute raus und fallen über sie her. Die Stimmung sinkt. Jetzt werden Ereignisse von Begegnungen mit Soldaten erzählt. Von Schlägen mit dem Gewehr auf den Rücken bis zur Ohnmacht. Von Fäusten auf die Schläfen, Drohungen und Hieben in den Magen – immer ohne konkreten Anlass.
Mittlerweile ist es Mittag geworden, der Wagen lässt immer noch auf sich warten. Da mein Mann und ich noch einiges in der Stadt zu erledigen haben, verabschieden wir uns mit einer großen Tüte Obst und den besten Wünschen für einen baldigen und sicheren Heimweg. Auch die frisch entstandenen Fotos habe ich ausgedruckt und gebe sie ihnen mit auf die Reise. Als wir nachmittags um drei wiederkommen, ist es ganz still auf der Baustelle, ganz ungewohnt und fast unheimlich. Meine Gedanken schweifen immer wieder zu den sechs jungen Männern. Ich überlege, wann ich wohl am besten anrufen soll, um zu erfahren, ob sie gut angekommen sind. Doch Djibril kommt mir zuvor: Um sieben klingelt das Telefon und er berichtet, dass sie gerade heim gebracht wurden – von der israelischen Polizei!
Festnahmen und Transport durch Unruhegebiet
Kurz nachdem wir weg gegangen waren, seien Polizisten auf die Baustelle gekommen. Hassan und Mohammad waren gerade im zweiten Stock, um Kaffee zu kochen, woraus ein Polizist schloss, dass sie flüchten oder sich verstecken wollten und sie nach unten prügelte. Dann wurden alle sechs auf eine Polizeistation gebracht und nur eine halbe Stunde festgehalten, bis man sie in einen Polizeitransporter steckte und auf direktem Wege nach Hebron brachte. Ich frage mich, was das für einen Sinn macht?! Die israelische Polizei weiß schon längst von illegalen palästinensischen Arbeitern (es gab ja bereits Verhaftungen), nimmt sie aber nur kurz fest und chauffiert sie dann durchs Unruhegebiet nach Hebron?!? Wollte man sie etwa vor dem blutrünstigen Mob schützen, um in der internationalen Presse nicht noch mehr negative Schlagzeilen zu kassieren?
Ich frage Djibril, was er darüber denkt. "Die haben uns eine Menge Fahrtkosten erspart, wir sind praktisch ganz umsonst nach Hause getrampt!", lacht er und versichert, dass sein Bruder Hassan die Schläge gut weggesteckt hat. "Der sitzt schon am Tisch und isst!" Außerdem habe sich die Mutter sehr über die Fotos gefreut, sie lässt grüßen und hofft, uns bald bei sich zu Hause empfangen zu dürfen, hoffentlich in ruhigeren Zeiten."Be'Ezrat HaShem", sagt Djibril zum Abschied auf Hebräisch: mit Gottes Hilfe. "Inshallah!", antworte ich.
Eine dritte Verhaftung
Am 29. Dezember, zwei Tage nach Beginn der Gaza-Offensive 'Gegossenes Blei', erreicht mich ein Anruf von Djibril. Er müsse mich unbedingt sprechen, es sei ein neuer Arbeiter auf der Baustelle, der ihn dauernd ausfrage, aber gleichzeitig sehr unfreundlich zu ihm sei. Wenig später treffen wir uns unten auf der Straße und Djibril beginnt zu berichten, dass er sich beobachtet und unsicher fühle. In dem Moment fährt ein Polizeiauto vor, Polizisten springen heraus, lassen sich Djibrils Papiere zeigen und verhaften ihn mit Handschellen. Auf meine Frage hin, was das solle, erklärt mir ein junger Polizist, hier könne es sich zwar um einen bedeutungslosen illegalen Bauarbeiter handeln, aber ebenso könne dies ein Terrorist sein; schließlich befänden wir uns im Krieg und solche Vorsichtsmaßnahmen seien angebracht.
Freikauf aus der Untersuchungshaft
Zwei Tage später gelingt es mir, Djibril mit einer Unterschrift und einer Kaution von 5.000 Shekel aus der Untersuchungshaft heraus zu lösen. Er wird ins Westjordanland abgeschoben und wartet auf seinen Verhandlungstermin. Mit meiner Unterschrift habe ich zugesagt, dafür zu sorgen, dass er zu diesem Termin erscheint – ungeachtet der Tatsache, dass er mit ziemlicher Sicherheit gar keine Einreiseerlaubnis bekommen wird. Doch es soll anders kommen: Djibril erhält – unter anderem auf meinen Druck hin – eine Genehmigung für einen Tag. Er erscheint vor Gericht; seine äußerst engagierte Pflichtverteidigerin erwirkt einen Aufschub, um ihm Gelegenheit zu bieten, Beweismaterial zu beschaffen. Das zeigt, weshalb er immer wieder gezwungen war, illegal in Israel zu arbeiten.
(Welch eine Ironie: Der israelische Staat, der die Besatzung und damit die wirtschaftliche Not und Abhängigkeit der Palästinenser in den besetzten Gebieten zu verantworten hat, will Beweise für diese Not dargebracht bekommen, die dann wiederum eine Rechtfertigung für die illegale Arbeit innerhalb Israels darstellen. Eine Illegalität, die wiederum überhaupt erst durch die Besatzung entsteht!)
Der Traum vom besseren Leben
Beim zweiten Gerichtstermin Ende März 2009 erscheint neben mir noch eine weitere Zeugin, eine israelische Nachbarin, die über die menschlichen Qualitäten Djibrils Auskunft gibt. Die Pflichtverteidigerin hält ein bewegendes Plädoyer und kann die Richterin davon überzeugen, Djibril mit einer Geldstrafe von 3.000 NIS auf Bewährung frei zu lassen. Nachdem wir die wenigen verbleibenden Stunden des Tages in Freiheit genießen, macht sich Djibril am späten Nachmittag auf den Heimweg zu seiner Familie nach Dura. Er verspricht, nie wieder illegal nach Israel zu kommen, sondern stattdessen fleißig Deutsch zu studieren; ich hatte ihm bei einem meiner Besuche ein Lern- und Arbeitsbuch 'Deutsch für Ausländer' besorgt, nachdem er mir von seinem Traum erzählte, eines Tages nach Deutschland zu reisen, dort zu studieren und ein neues Leben in Würde und Anstand zu beginnen.
Der Abschied fällt uns schwer. Wir wissen, dass wir uns hier nicht mehr so schnell wieder begegnen werden. Und ein Besuch in Dura ist für mich immer mit einem gewissen Risiko verbunden: Als Israelin ist es mir strafrechtlich verboten, die Westbank zu bereisen – außer, ich würde in ein Settlement fahren. Und ob die Kontrollen jedes Mal zu glimpflich verlaufen wie bei meinen bisherigen Besuchen, ist nicht gesagt. Spät am Abend erhalte ich dann eine SMS: "Viele Grusse von Dura auch fur ganze Familie. Danke und Liebe, Djibril."
* Namen geändert
Teil I: Schlupfloch Sicherheitszaun: Palästinensische Arbeiter in Israel






























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