Madoff hinter Gittern: Zum Geburtstag gratuliert nur das Schließpersonal
24. Mai 2009, 12:15Aus NEW YORK CITY:
[Jörg Frhr. von Oldershausen] Einsam und kärglich war es, als der einstige Börsen-Guru Bernard Madoff am 29. April seinen 71. Geburtstag hinter Gittern feierte. Noch vor einem Jahr, zu seinem 70. Geburtstag, feierten etliche Gäste mit ihm ein rauschendes Fest. Sie wurden eigens nach Mexiko zur Party eingeflogen und Neil Diamond sang "Sweet Valentine". In diesem Jahr gratulierte nur das Schließpersonal und Ehefrau Ruth, die sich - verfolgt von den Medien - einen Weg in das Gemäuer bahnte. Allein und ohne Geschenke, dafür mit einer zentnerschweren Last der Schuld auf den Schultern verbrachte Madoff den Tag in seiner Zelle im Metropolitan Correctional Center in Downtown Manhattan.
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Wieviele solcher trübseligen Geburtstage er letztendlich als Strafgefangener verbringen muss, wird der Jahrhudertbetrüger nicht - wie zunächst geplant - am 12. Juni erfahren. Richter Denny Chin hatte die Verlesung des Strafmasses ohne Begründung auf den 29. Juni verlegt. Bereits am 12. März 2009 hatte sich Madoff im Federal Courthouse in Manhattan in allen elf Punkten der Anklage für schuldig bekannt und wird mit der Straftat einer gigantischen Veruntreuung von 65 Milliarden Dollar in die Geschichte eingehen.
Der Madoff-Familie geht es an den Kragen
Madoffs Frau Ruth, seine beiden Söhne Mark und Andrew, sowie sein Bruder Peter stehen nun im Visier der Fahnder. Staatsanwaltschaft und Chefaufklärer Irvin Picard haben alle Hände voll zu tun. Insgesamt 93 Millionen Dollar an Vermögen von Ehefrau Ruth sollen eingeklagt werden. Die Villa in Florida, zwei Boote und auch das Anwesen in Cap D’Antibe waren schon konfisziert worden. Mark und Andrew werden für erhaltene Darlehen in Höhe von 30 Millionen Dollar regresspflichtig gemacht. Madoffs Bruder Peter, der ebenfalls ein Darlehen von neun Millionen ausstehen hat, sah sein gesamtes Vermögen aufgrund der Klage eines der Opfer - in diesem Falle einem Jurastudenten - eingefroren. Doch damit nicht genug. Es stellt sich heraus, dass Familie Madoff die Firma wie eine private Portokasse nutzte. Alle hatten Kreditkarten im Namen der BMIS (Bernard Madoff Investment Securities). Ob Marks Charterflüge für stolze 77.000 Dollar oder Ruth’s extravagante Shopping Trips nach Paris, üppige 307.000 Dollar wurden innerhalb von nur drei Monaten im Jahre 2008 über Amercan Express verrechnet. All diese Summen werden nun eingeklagt.
Clawback – ausgezahlte “Gewinne” werden zurückverlangt
Nach amerikanischem Recht können ausgezahlte Gelder, die auf betrügerischen Handlungen beruhen, bis zu sechs Jahre rückwirkend zurückgefordert werden. Die Logik: Es handelte sich bei den Auszahlungen von vermeintlichen Gewinnen lediglich um Gelder anderer Anleger. Dieses Verfahren nennt sich "Clawback" und Irvin Picard, der vom Gericht eingesetzte Trustee, will von der Rückführung in vollem Umfang Gebrauch machen. Klagen von bislang 10,1 Milliarden Dollar über eine solche Rückführung wurden eingereicht. 3,54 Milliarden gegen Fairfield Greenwich und 7 Milliarden gegen den Harley International Hedge Fund des Investors Jeffry Picower, wurden ebenfalls geltend gemacht. Dieser hatte sich in einem Zeitraum von mehr als 22 Jahren an Renditen von über 20 Prozent erfreut. Doch auch 223 der individuellen Investoren sollen weitere 735 Millionen Dollar zurückzahlen, was naturgemäß einen Aufschrei der Empörung unter den gebeutelten Anlegern auslöste. Richard Friedmann, ein Steuerberater aus Jericho, New York erklärte, der Betrug Madoffs war wie ein Messer in den Rücken, die Clawback Forderung wie ein Stich ins Herz.
Inwieweit die Klagen vor Gericht standhalten werden, scheint jedoch fraglich. Es ist davon auszugehen, dass diese Massnahme in erster Linie private Anleger abschrecken soll, weitere Forderungen auf Restitution zu stellen. Über 8,848 Ersatzforderungen sind bislang bei der Securities Investors Protection Group gestellt worden. 100 Millionen Dollar werden zum 25. Mai erstmalig zur Auszahlung kommen. Uber 12 Milliarden Dollar waren schon 2008 durch Madoffs Firma ausgezahlt worden, davon fast 6 Milliarden Dollar innerhalb der letzten drei Monate ihrer Existenz. Die Frage ist nun, wer zu welcher Zeit und in welcher Höhe Auszahlungen erhalten hat.
Die Klagelawine rollt
Für eine spezielle Berufssparte war Madoff sicherlich der absolute Glückstreffer. Denn Anwälte reiben sich angesichts der unzähligen Neuaufträge in Sachen Madoff die Hände und verklagen Anleger der Madoff-Feeder Funds, die Aufsichtbehörde oder auch das Finanzamt. Eine Klageflut gibt es auch seitens der Regierung, die wiederum Feederfunds, Banken, Hedge Funds und individuelle Investoren verklagt. Und auch Banken reihen sich in die Klagewelle ein und verklagen Feederfunds, die ihre Geschäftsführer verklagen. Ganze Firmen haben sich nun ausschließlich auf den Fall Madoff spezialisiert. Und nicht nur in Amerika wird geklagt. Luxemburg, das Land mit dem zweitgrößten Mutual Funds Market der Welt, erlebt eine Klagewelle in bisher ungekannter Größe. Verschiedene Anwaltsfirmen mussten inzwischen einen strikten Urlaubsstopp für ihre Mitarbeiter aussprechen, da ansonsten die Flut der Klagen nicht mehr zu bewältigen wäre.
Viele Rätsel und kaum Antworten
All diese Aktivitäten konnten allerdings nicht der Frage näher kommen, wie Bernard Madoff einen Betrug dieser Größenordnung über einen Zeitraum von Jahrzehnten hat unbemerkt abziehen können. Die Staatsanwaltschaft versucht mit aller Gewalt jene, die Einsichten geben könnten, zum Sprechen zu bewegen. Derweil verhält sich die Madoff-Familie bislang auch weiterhin stumm. Nur Madoffs langjährige Sekretärin, Eleanor Squillari, entpuppte sich als Plaudertasche. Zwar hat sie ausgiebig aus dem Nähkästchen geplappert und Madoffs Vorliebe für Massagedienste während der Mittagspause enthüllt. Viel gebracht hat das allerdings nicht, denn zu den finanziellen Aktivitäten konnte sie keinen Aufschluss geben. Madoffs rechte Hand Frank DiPascali hingegen zeigt sich hinsichtlich der Fakten aufgeschlossener. So berichtet das Fortune Magazin von einem Deal mit der Staatsanwaltschaft und einer entsprechenden Zusammenarbeit. Madoffs Steuerberater David Friehling, der über Jahre hinweg die Jahresabschlüsse der BMIS als absolut korrekt gegenzeichnete, sollte sich am 17. April wegen Anlagebetruges vor Gericht verantworten. Bereits zweimal wurde dieser Termin auf zuletzt den 19. Mai verschoben. Dies lässt sich als Hinweis für eine mögliche Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft deuten. Summa summarum ist es durchaus denkbar, dass dieser - vermutlich größte Betrug aller Zeiten - in weiten Teilen auch weiterhin ein Rätsel bleiben wird.
Verweise:
Der Madoff-Skandal
Teil I: Vom Börsen-Guru zum größten Anlagebetrüger Amerikas
Teil II: Eintreiber Irving Picard offenbart unvorstellbares Desaster
Teil III: Pokern, tricksen und ein gigantischer Deal mit der Staatsanwaltschaft
Teil IV: Ein Börsen-Guru hinter Gittern
Teil V: Jahrhundertbetrüger Madoff und die Suche nach den verschwundenen Milliarden
Artikelsammlung zur Finanzkrise
Photos: Jörg Frhr. von Oldershausen
[Jörg Frhr. von Oldershausen] Einsam und kärglich war es, als der einstige Börsen-Guru Bernard Madoff am 29. April seinen 71. Geburtstag hinter Gittern feierte. Noch vor einem Jahr, zu seinem 70. Geburtstag, feierten etliche Gäste mit ihm ein rauschendes Fest. Sie wurden eigens nach Mexiko zur Party eingeflogen und Neil Diamond sang "Sweet Valentine". In diesem Jahr gratulierte nur das Schließpersonal und Ehefrau Ruth, die sich - verfolgt von den Medien - einen Weg in das Gemäuer bahnte. Allein und ohne Geschenke, dafür mit einer zentnerschweren Last der Schuld auf den Schultern verbrachte Madoff den Tag in seiner Zelle im Metropolitan Correctional Center in Downtown Manhattan.
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Wieviele solcher trübseligen Geburtstage er letztendlich als Strafgefangener verbringen muss, wird der Jahrhudertbetrüger nicht - wie zunächst geplant - am 12. Juni erfahren. Richter Denny Chin hatte die Verlesung des Strafmasses ohne Begründung auf den 29. Juni verlegt. Bereits am 12. März 2009 hatte sich Madoff im Federal Courthouse in Manhattan in allen elf Punkten der Anklage für schuldig bekannt und wird mit der Straftat einer gigantischen Veruntreuung von 65 Milliarden Dollar in die Geschichte eingehen.
Der Madoff-Familie geht es an den Kragen
Madoffs Frau Ruth, seine beiden Söhne Mark und Andrew, sowie sein Bruder Peter stehen nun im Visier der Fahnder. Staatsanwaltschaft und Chefaufklärer Irvin Picard haben alle Hände voll zu tun. Insgesamt 93 Millionen Dollar an Vermögen von Ehefrau Ruth sollen eingeklagt werden. Die Villa in Florida, zwei Boote und auch das Anwesen in Cap D’Antibe waren schon konfisziert worden. Mark und Andrew werden für erhaltene Darlehen in Höhe von 30 Millionen Dollar regresspflichtig gemacht. Madoffs Bruder Peter, der ebenfalls ein Darlehen von neun Millionen ausstehen hat, sah sein gesamtes Vermögen aufgrund der Klage eines der Opfer - in diesem Falle einem Jurastudenten - eingefroren. Doch damit nicht genug. Es stellt sich heraus, dass Familie Madoff die Firma wie eine private Portokasse nutzte. Alle hatten Kreditkarten im Namen der BMIS (Bernard Madoff Investment Securities). Ob Marks Charterflüge für stolze 77.000 Dollar oder Ruth’s extravagante Shopping Trips nach Paris, üppige 307.000 Dollar wurden innerhalb von nur drei Monaten im Jahre 2008 über Amercan Express verrechnet. All diese Summen werden nun eingeklagt.
Clawback – ausgezahlte “Gewinne” werden zurückverlangtNach amerikanischem Recht können ausgezahlte Gelder, die auf betrügerischen Handlungen beruhen, bis zu sechs Jahre rückwirkend zurückgefordert werden. Die Logik: Es handelte sich bei den Auszahlungen von vermeintlichen Gewinnen lediglich um Gelder anderer Anleger. Dieses Verfahren nennt sich "Clawback" und Irvin Picard, der vom Gericht eingesetzte Trustee, will von der Rückführung in vollem Umfang Gebrauch machen. Klagen von bislang 10,1 Milliarden Dollar über eine solche Rückführung wurden eingereicht. 3,54 Milliarden gegen Fairfield Greenwich und 7 Milliarden gegen den Harley International Hedge Fund des Investors Jeffry Picower, wurden ebenfalls geltend gemacht. Dieser hatte sich in einem Zeitraum von mehr als 22 Jahren an Renditen von über 20 Prozent erfreut. Doch auch 223 der individuellen Investoren sollen weitere 735 Millionen Dollar zurückzahlen, was naturgemäß einen Aufschrei der Empörung unter den gebeutelten Anlegern auslöste. Richard Friedmann, ein Steuerberater aus Jericho, New York erklärte, der Betrug Madoffs war wie ein Messer in den Rücken, die Clawback Forderung wie ein Stich ins Herz.
Inwieweit die Klagen vor Gericht standhalten werden, scheint jedoch fraglich. Es ist davon auszugehen, dass diese Massnahme in erster Linie private Anleger abschrecken soll, weitere Forderungen auf Restitution zu stellen. Über 8,848 Ersatzforderungen sind bislang bei der Securities Investors Protection Group gestellt worden. 100 Millionen Dollar werden zum 25. Mai erstmalig zur Auszahlung kommen. Uber 12 Milliarden Dollar waren schon 2008 durch Madoffs Firma ausgezahlt worden, davon fast 6 Milliarden Dollar innerhalb der letzten drei Monate ihrer Existenz. Die Frage ist nun, wer zu welcher Zeit und in welcher Höhe Auszahlungen erhalten hat. Die Klagelawine rollt
Für eine spezielle Berufssparte war Madoff sicherlich der absolute Glückstreffer. Denn Anwälte reiben sich angesichts der unzähligen Neuaufträge in Sachen Madoff die Hände und verklagen Anleger der Madoff-Feeder Funds, die Aufsichtbehörde oder auch das Finanzamt. Eine Klageflut gibt es auch seitens der Regierung, die wiederum Feederfunds, Banken, Hedge Funds und individuelle Investoren verklagt. Und auch Banken reihen sich in die Klagewelle ein und verklagen Feederfunds, die ihre Geschäftsführer verklagen. Ganze Firmen haben sich nun ausschließlich auf den Fall Madoff spezialisiert. Und nicht nur in Amerika wird geklagt. Luxemburg, das Land mit dem zweitgrößten Mutual Funds Market der Welt, erlebt eine Klagewelle in bisher ungekannter Größe. Verschiedene Anwaltsfirmen mussten inzwischen einen strikten Urlaubsstopp für ihre Mitarbeiter aussprechen, da ansonsten die Flut der Klagen nicht mehr zu bewältigen wäre.
Viele Rätsel und kaum Antworten
All diese Aktivitäten konnten allerdings nicht der Frage näher kommen, wie Bernard Madoff einen Betrug dieser Größenordnung über einen Zeitraum von Jahrzehnten hat unbemerkt abziehen können. Die Staatsanwaltschaft versucht mit aller Gewalt jene, die Einsichten geben könnten, zum Sprechen zu bewegen. Derweil verhält sich die Madoff-Familie bislang auch weiterhin stumm. Nur Madoffs langjährige Sekretärin, Eleanor Squillari, entpuppte sich als Plaudertasche. Zwar hat sie ausgiebig aus dem Nähkästchen geplappert und Madoffs Vorliebe für Massagedienste während der Mittagspause enthüllt. Viel gebracht hat das allerdings nicht, denn zu den finanziellen Aktivitäten konnte sie keinen Aufschluss geben. Madoffs rechte Hand Frank DiPascali hingegen zeigt sich hinsichtlich der Fakten aufgeschlossener. So berichtet das Fortune Magazin von einem Deal mit der Staatsanwaltschaft und einer entsprechenden Zusammenarbeit. Madoffs Steuerberater David Friehling, der über Jahre hinweg die Jahresabschlüsse der BMIS als absolut korrekt gegenzeichnete, sollte sich am 17. April wegen Anlagebetruges vor Gericht verantworten. Bereits zweimal wurde dieser Termin auf zuletzt den 19. Mai verschoben. Dies lässt sich als Hinweis für eine mögliche Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft deuten. Summa summarum ist es durchaus denkbar, dass dieser - vermutlich größte Betrug aller Zeiten - in weiten Teilen auch weiterhin ein Rätsel bleiben wird.
Verweise:
Der Madoff-Skandal
Teil I: Vom Börsen-Guru zum größten Anlagebetrüger Amerikas
Teil II: Eintreiber Irving Picard offenbart unvorstellbares Desaster
Teil III: Pokern, tricksen und ein gigantischer Deal mit der Staatsanwaltschaft
Teil IV: Ein Börsen-Guru hinter Gittern
Teil V: Jahrhundertbetrüger Madoff und die Suche nach den verschwundenen Milliarden
Artikelsammlung zur Finanzkrise
Photos: Jörg Frhr. von Oldershausen
































































Interessanter Artikel
http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/MadoffBetrug-Opfer-bestellten-Renditen/story/15479839
Ich werde mit Interesse verfolgen, wie hoch das Strafmass am Ende sein wird.