Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell: "Tradition und Fortschritt schließen sich gegenseitig nicht aus"
20. Mai 2009, 07:55
[Ursula Pidun] Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell gehört zu jenen Unternehmern, die als Garanten für ein erfolgreiches Unternehmertum stehen und Deutschland zur weltweiten Vorbildfunktion verhalf. Der Topmanager und Vorstandsvorsitzende der Faber-Castell AG in Stein leitet das im Jahre 1761 gegründete Familienunternehmen inzwischen in der achten Generation. Über zwei Milliarden holzgefasste Farb- und Bleistifte werden jährlich in 14 Produktionsstätten weltweit produziert. Dass sich Profitabilität und soziale Verantwortung keinesfalls ausschließen müssen, da ist sich Graf Faber-Castell ganz sicher. So hat es der Vorzeigeunternehmer nicht nur brillant verstanden, das ihm anvertraute Unternehmen global weiter auszubauen und sich mit innovativen Produkten einen festen Platz am hart umkämpften Weltmarkt zu sichern. Unter seiner Federführung wurden auch wegweisende soziale Komponenten fortgeschrieben und neue ökologische Richtlinien geschaffen, die ganz selbstverständlich zur Unternehmensphilosophie gehören.
Aktuell widmet sich Graf von Faber-Castell einem ganz besonderen Projekt für Kinder und der gezielten Förderung ihrer unbegrenzten Kreativität. So geht ab 30. Mai 2009 der größte Bleistift Europas auf Tour durch zehn Städte in Deutschland, Dänemark und Norwegen und will damit einen Beitrag dazu leisten, den Nachwuchs in seiner geistigen Entwicklung zu stärken. Im Gespräch mit Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell über Tradition und Fortschritt, unternehmerische Verantwortung, Nachwuchsförderung und einem 12,5 Meter langen und ca. eine Tonne schweren Bleistift als Symbol für mehr Kreativität.
Graf von Faber-Castell, Sie führen das Unternehmen Faber-Castell AG nun in der achten Generation. Sie tragen also nicht nur für aktuelle Entwicklungen des Unternehmens Verantwortung, sondern stehen in gewisser Weise auch in einer großen Verpflichtung gegenüber ihren Vorfahren, aber auch den nachfolgenden Generationen. Ist das durchaus auch eine schwere Bürde?Es ist eine Verantwortung, aber auch eine Chance. Der Vorteil von Familien bzw. Unternehmen mit Tradition ist der, dass man sich selbst nicht so ernst nimmt, da man nur ein Glied in einer Kette ist. Meine Familie väterlicherseits - meine Casteller Verwandten - sind in der 26. Generation und blicken auf eine 950jährige Geschichte zurück. Sie betrachten das Erbe als filuziarisches Eigentum, das von einer Generation zur anderen weitergegeben und jeweils sorgfältig verwaltet wird. Der Erbe hat also nicht das Recht, was er geerbt hat zu "verscherbeln", sondern er hat eine Verpflichtung gegenüber der nächsten Generation. Das gibt den Unternehmen dauerhafte Stabilität und Kontinuität.
Sie gehören mit Ihrem Unternehmen zu den Globalisierungsgewinnern, sind in 120 Ländern der Welt vertreten und steuern vom Stammhaus in Stein bei Nürnberg aus. Am Standort Deutschland arbeiten etwa 900 von weltweit insgesamt 7.000 Beschäftigten. Wodurch zeichnet sich der hiesige Standort besonders aus? Was macht ihn nach wie vor so attraktiv?In Deutschland gibt es spezielle Bedingungen, die gilt es optimal zu nutzen: Hier gibt es ausgezeichnet qualifiziertes Personal, ein perfektes Zuliefernetz und Mitarbeiter mit hoher Leistungsbereitschaft. Die Arbeits- und Lohnkosten sind hoch, daher ist es natürlich nicht sinnvoll, in Deutschland Niedrigpreisprodukte zu fertigen. Im Gegenteil: Hier entstehen unsere Premium-Produkte, das Beste aus dem Haus Faber-Castell. Edle und höchst funktionale Schreibgeräte, die den Anspruch haben, perfekt zu sein. Und die haben ganz neue Absatzchancen z.B. in Asien, wo ,Made in Germany' eine wirkliche Qualitätskategorie ist. Das ist unsere Chance. Aber auch in Europa sind natürlich die Spitzenprodukte gefragt.
Liegt Ihr Erfolgsrezept auch darin, stets Balance zu halten zwischen Tradition und Fortschritt?Tradition und Fortschritt schließen sich gegenseitig überhaupt nicht aus. Tradition bedeutet, nicht die Asche zu bewahren, sondern die Glut. Unser Erfolg basiert auf der Wertschätzung langjähriger Erfahrung, dem Streben danach, gewöhnliche Dinge außergewöhnlich gut zu machen und der Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen.
Ein Fortschritt war auch die im März 2000 zusammen mit der IG Metall unterzeichnete weltweit gültigen "Sozialcharta", die Rechte der Arbeitnehmer stärkt. Hatte es auch Vorbildcharakter, sodass viele Unternehmen nachgezogen haben oder ist es immer noch eine Ausnahme? Was in der Erklärung steht, ist eigentlich das, was wir schon immer machen, weil es für uns eine Selbstverständlichkeit ist. Als Unternehmer hatte ich Betriebsrat und Gewerkschaften eingeladen, mal unsere Werke im Ausland zu besuchen, um sich ein Bild zu machen. Der bayerische Geschäftsführer der Gewerkschaft Holz und Kunststoff war dann von dem, was wir in Südamerika machen, so beeindruckt, dass er vorschlug, gemeinsam eine Sozialcharta auszuarbeiten und zu unterzeichnen.
Heute gelten wir als Vorreiter in Sachen soziale und ökologische Verantwortung, aber wir wollen keine Musterschüler sein, sondern hoffen auf viele unternehmerische Nachahmer. Auch wollen wir uns nicht auf unseren „Lorbeeren“ ausruhen, sondern planen weitere ökologische und soziale Maßnahmen, etwa arbeiten wir gerade an der vollständigen Einbindung unserer Lieferanten in die Sozialcharta.
Eines Ihrer größten Werke steht in Kuala Lumpur in Malaysia, in dessen Glasturm sich der größte Bleistift der Welt befindet. Als Symbol für einen gigantisch wachsenden Markt in Asien? Möglicherweise sogar der Markt der Zukunft schlechthin?Asien ist für Faber-Castell einer der bedeutendsten Zukunftsmärkte. Es trägt signifikant zum Gruppenumsatz bei. Im asiatischen Markt, der ja einen Großteil der Weltbevölkerung stellt, gibt es ein wachsendes Potential für Schul- und Hobbyprodukte. Aber auch exklusive Schreibinstrumente sind gefragt. Durch die Zunahme des Wohlstandes in Asien werden wir neue Zielgruppen erschließen, die das ‚Made in Germany’ als Qualitätssiegel zu schätzen wissen.
Könnte man sagen, dass wir glücklicherweise doch überwiegend umsichtige, in hoher Verantwortung handelnde Unternehmer und Manager haben, die zusammen mit den sehr vernünftig reagierenden Arbeitnehmern die Krise mittelfristig in den Griff bekommen?
Durchaus. Die derzeitig angeprangerten Exzesse der Finanzkrise sind die Ausnahme und bestätigen die Regel, sprich die im Mittelstand weitverbreiteten Werte, mit dem Unternehmen langfristig erfolgreich geführt werden. Althergebrachte Tugenden wie Fairness, Bescheidenheit, Fleiß sowie die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft bilden in Deutschland ein solides Fundament, auf dem man künftig weiter aufbauen kann.
Zurück zum Erfolg Ihres Unternehmens, der vor allem in der Innovationsfähigkeit und dem sozial und ökologisch verantwortlichen Handeln begründet liegt. Das Unternehmen engagiert sich zudem seit vielen Generationen für Menschen innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Aktuell planen Sie ein großes Projekt für Kinder unter dem Motto "Die Welt ist bunt Tour". Welcher Gedanke steht dahinter?Wir wollen dem Menschen ein kreativer und verlässlicher Lebensbegleiter sein und setzen daher insbesondere auf die spielerische Förderung der Kreativität bei Kindern. Sie ist wichtig für die mentale Entwicklung. Vor diesem Hintergrund wollen wir pädagogisch sinnvolle Materialien für Kinder anbieten, die genau auf die Bedürfnisse ihrer Altersstufe zugeschnitten sind. Außerdem werden Eltern und Lehrer unterstützt, Kinder zu kreativem und differenziertem Denken auszubilden. Die "Die Welt ist Bunt"-Tour soll hier unter anderem didaktische Angebote und Anleitungen liefern.
Im Sinne einer gezielten Förderung der Kreativität, die im Computerzeitalter ein wenig leidet?
Erwiesenermaßen sind Kinder, die regelmäßig mit dem Stift arbeiten oder zeichnen, in der Lage, ihre Gedanken komplexer und differenzierter zu äußern als ihre Altersgenossen, die häufiger auf einer Tastatur tippen. Dies liegt daran, dass Schreiben, genauso wie Zeichnen, Malen und Basteln die Ausbildung von neuronalen Vernetzungen im Gehirn aktiviert – die Lern- und Merkfähigkeit nimmt zu und sogar soziale Kompetenzen prägen sich stärker aus.
Sozusagen als Maskottchen begleitet ein etwa 12,5 Meter langer und ca. eine Tonne schwerer Bleistift das Projekt auf Reisen, das auf einer Strecke von 1600 Kilometern Deutschland, Dänemark und Norwegen bereist. Was erwartet Kinder anlässlich der Veranstaltung und kann sich jedes interessierte Kind anmelden? An jeder Station gibt es Aktionen zu einem anderen regionalen Thema, die spielerisch die Kreativität von Kindern zwischen drei bis zwölf Jahren anregen und ihren Eltern oder Lehrern altersgerechte Ideen zur Förderung von jungen Menschen liefern. Im Laufe der Tour entsteht so in Kreativ-Workshops das größte Kinderkunstbuch der Welt in zehn Bänden. Darüber hinaus wird es viele weitere Programmpunkte für Kinder geben, wie z.B. ein Wissensquiz, Farbspiele und mehr. Kindergruppen und Schulklassen können sich telefonisch anmelden, Familien können einfach vorbeikommen und mitmachen.
Das Gespräch führte: Ursula Pidun
Photos: Faber-Castell; Alle Rechte vorbehalten!
Weitere Informationen zum Projekt "Die Welt ist Bunt-Tour":
Termine und Ansprechpartner
Das pädagogische Konzept
Historische Photografien: Faber-Castell zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Photos: Faber-Castell; Alle Rechte vorbehalten!
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Weitere Interviews:
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Dr. Hermann Bühlbecker, Aachener Printen- und Schokoladenfabrik Henry Lambertz GmbH & Co. KG.:
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Wolfgang Grupp, Deutschlands größter T-Shirt und Tennis-Bekleidungs-Hersteller: Trigema):
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Verweise:
Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza und Prof. Dr. Christoph G. Paulus: Finanzmarktstabilisierung: "Die sich daraus ergebenden Lasten werden uns bleiben"
Dr. Volker Wissing (FDP): Die HRE-Enteigung kann auch zum Super-GAU werden
Dr. Michael Meister (CDU/CSU): "Nichtstun würde uns am Ende teurer zu stehen kommen"
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Sir Quett Ketumile Joni Masire: "The solution could be in dialogue"
Dschungelbuch: Auf den Spuren der Lobbyisten in Berlin
Prof. Dr. Hans-Joachim Selenz, Wirtschaftsethiker
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Andrea Titz, Staatsanwältin Staatsanwaltschaft München II und Mitglied des Deutschen Richterbundes
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Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg
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Dr. Werner Hoyer, Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
Univ.-Prof. Dr. Markus Heintzen, Dekan der Freien Universität Berlin
Dr. Hermann Otto Solms, FDP, Vizepräsident des Deutschen Bundestages
Prof. Dr. iur. Christian Pestalozza, Freie Universität Berlin
Dr. Heinrich Leonhard Kolb (MdB), Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion
Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, Rektor der Universität Konstanz
Stefan Collet, Vorstandsvorsitzender Studentisches Magazin 360 Grad
Hans-Christian Ströbele, Bündnis 90/Die Grünen
Dr. Gregor Gysi, "Die Linke"
Rainer Brüderle, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP
Dr. Alexander Freiherr von Paleske, Jurist und Mediziner, Südafrika
Bernhard Docke, Anwalt von Murat Kurnaz
Dr. Michael Philipp, Historiker und Publizist
Dr. Malte Olschewski, Journalist und Publizist in Wien


























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