Bernard Madoff: Ein Börsen-Guru hinter Gittern
12. März 2009, 23:15AUS NEW YORK CITY:
[Jörg Frhr. von Oldershausen] Großer Gerichtssaal im 24. Stockwerk des Federal Court an der Worth Street in Downtown Manhattan: Kurz nach 10 Uhr eröffnet Richter Denny Chin die Sitzung im Fall U.S. v. Madoff, 09-cr-00213. Dicht drängen sich unzählige Reporter, Opfer und Interessierte auf die Zuschauertribüne. Sie alle haben sich bereits Stunden zuvor vor dem Gericht versammelt, um der Verhandlung im größten Betrugsprozess in der Geschichte der Vereinigten Staaten zu folgen.
Gleich zu Beginn wird Bernard Madoff vereidigt und darauf hingewiesen, dass der Anspruch auf ein reguläres Gerichtsverfahren mit einem Schuldspruch aufgegeben wird. Dann wendet sich Richter Denny Chin mit der Frage an den Angeklagten, ob er sich schuldig bekennen will. Mit kaum hörbarer Stimme bejaht der einstige Börsen-Guru der Wall Street die eindringliche Frage. Nun verliest Richter Chin alle elf Anklagepunkte und Madoff bekennt seine Schuld in allen Fällen. Mit dünner Stimme trägt der einstige Erfolgsfinanzier eine vorbereitete Erklärung vor. Sie soll Reue und eine Entschuldigung für die Opfer bekunden.
Keine Kooperation, kein Deal
Entgegen der allgemeinen Erwartung hat es offenbar kein "cooperation agreement", also eine Vereinbarung zwischen Staatsanwalt Marc O. Litt und Madoff gegeben, der sich durch seinen Anwalt Ira Lee Sorkin vertreten ließ. Ursprünglich wollte die Staatsanwaltschaft den Jahrhundertbetrüger zum Eingeständnis der Konspiration und damit der Benennung von Mittätern zwingen. Doch Madoff verweigerte dies offensichtlich und besteht auch weiterhin auf seiner ursprünglichen Haltung, als Alleintäter gehandelt zu haben. Als Folge musste er sich dann zu allen Anklagepunkte bekennen, zu denen unter anderem illegale Geldwäsche, Diebstahl, illegaler Geldtransfer, Meineid und mehrfacher Betrug zählen. Ohne einen Deal mit der Staatsanwaltschaft sieht Madoff nun einem Strafmaß von maximal 150 Jahren Gefängnis entgegen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass er mit 20 bis 30 Jahren - also lebenslänglich, denn Madoff wird am 29. April bereits 71 Jahre alt - rechnen muss.
Börsen-Guru hinter Gittern
Nach Madoffs Schuldbekenntnis setzt Richter Chin die Verkündung des Strafmaßes für den 16. Juni diesen Jahres fest. Die anschließende Verhandlung darüber, ob Madoff bis zur Strafverkündung wie bislang unter Hausarrest in seinem poschen Penthouse verbleiben kann, endet für den Angeklagten negativ. Richter Chin folgt dem Antrag des Staatsanwaltes und verweist auf die bestehende Fluchtgefahr. Tosender Applaus rauscht auf der Zuschauertribüne auf, als die Verhaftung verkündet wird und die Handschellen klicken. Nun dürfen noch drei Opfer sprechen. George Nierenberg macht den Anfang. Mit kaltem Blick und Drohgebärde wendet er sich an den Angeklagten in Handschellen, was umgehend den Marshal auf den Plan ruft. Doch Richter Chin fordert den Zeugen auf, seine Äußerungen in seine Richtung zu sprechen. So kehrt wieder Ruhe ein. Ganze 75 Minuten dauerte die gesamte Verhandlung davon musste sich Madoff nur eine viertel Stunde den harschen Ausführen der Opfer aussetzen. Dann wird die Sitzung geschlossen und Madoff wird abgeführt. Er ist nun Gefangener Nummer 617087514 in MCC.
Sechs Quadratmeter für einen Jahrhundertbetrüger
Bis zur Urteilsverkündung am 16. Juni wird Madoff vermutlich im Metropolitan Correctional Centre (MCC), gleich gegenüber dem Federal Court, verbringen müssen. Statt 7-Millionen-Dollar-Penthouse und luxuriöses Wohnambiente erwartet ihn eine sechs Quadratmeter kleine Betonzelle. Ausgestattet mit einem Doppelstockbett, einer Toilette aus Edelstahl, einem Schreibtisch mit eingebauten Stuhl und Zellnachbarn, die des Mordes, der Vergewaltigung, des Terrorismus oder anderer Delikte angeklagt oder für schuldig befunden wurden, wird es eine harte Zeit für den erfolgsverwöhnten Master of the Universe. Da es sich hier um eine Einrichtung handelt, die als Übergang genutzt wird, gibt es kaum Möglichkeiten, den Aufenthalt ein wenig angenehmer zu gestalten. Madoff wird wohl Zugang zu TV und möglicherweise dem Internet haben. Eine Stunde jeden zweiten Tag darf er auf der Dachterrasse Runden drehen und für drei Stunden pro Woche Besucher empfangen. Spätestens beim ersten "strip search", dem sich jeder Gefangene unterziehen muss, wird ihm klar werden, dass sich sein Leben unwiderruflich verändert.
Ein Jahrhundertbetrug liegt weiterhin im Dunkeln
Trotz Schuldspruch und Einweisung in die Strafanstalt, über das die Opfer ein Gefühl der Genugtuung empfinden mögen: Zu einer umfassenden Aufklärung hat dieser Jahrhundertbetrug bislang nicht gefunden. Es wird gemunkelt, dass verschiedene ehemalige Mitarbeiter Madoffs inzwischen mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten und schon bald weitere Anklagen – möglicherweise auch gegen Mitglieder der Madoff Familie - erhoben werden. Investoreneinlagen in Höhe von 250 Millionen Dollar, die über London zurück in die US geschleust wurden und teilweise an Madoff privat oder dessen Familie ausgeschüttet wurden, sollen die Basis für eine Anklage darstellen.
Auch die SEC als Aufsichtsbehörde hat ihre Verfahren noch nicht abgeschlossen und der vom Konkursgericht eingesetzte Verwalter Irving Picard versucht noch immer, vermeintliche Gelder ausfindig zu machen. Bislang steht fest, dass 4800 Kundenkonten im November 2008 Guthaben von 64,8 Milliarden US Dollar gezeigt hatten. Davon konnte bisher nur eine Milliarde US Dollar ausfindig gemacht werden. Die Opfer dieses Schwindels versuchen nun durch Klagen eine Mitschuld der SEC aufgrund von Aufsichtsverletzung zu beweisen und damit eine Haftung durch die Regierung zu erreichen. Andere erwarten vom Finanzamt Erstattungen auf versteuerte Gewinne, die sich nun als illusorisch erwiesen. In wieweit diese Strategie Erfolg haben wird, ist völlig offen. Sicher ist nur, dass Tausende Kunden, gemeinnützige Institutionen, Banken und Investmenthäuser Milliarden investiert haben, die sich nun in Luft aufgelöst haben. Dies wird zweifelsfrei als der größte Finanzbetrug in die Geschichte eingehen.

Federal Court an der Worth Street in Downtown Manhattan

Eingang Federal Court an der Worth Street in Downtown Manhattan

Gefängnis: Metropolitan Correctional Centre (MCC)

Eingangsbereich Gefängnis: Metropolitan Correctional Centre (MCC)
Alle Fotorechte: Jörg Frhr. von Oldershausen
Verweise:
Teil I: Bernard Madoff: Vom Börsen-Guru zum größten Anlagebetrüger Amerikas
Teil II: Der Madoff-Skandal: Eintreiber Irving Picard offenbart unvorstellbares Desaster
Teil III: Madoff-Skandal: Pokern, tricksen und ein gigantischer Deal mit der Staatsanwaltschaft
Opel, zu Guttenberg und die süßen Verlockungen der Wählergunst
Amerikas Agenda der Zukunft: Obama sagt, was er meint und meint, was er sagt
Der Madoff-Skandal: Eintreiber Irving Picard offenbart unvorstellbares Desaster
Das Milliardenspiel und die Zeitenwende
Selenz' Kommentar: Wer holte die Finanzblasen über den Teich?
Bernard Madoff: Vom Börsen-Guru zum größten Anlagebetrüger Amerikas
2009: Krisenmanagement, Wahlen und der Weg in eine lebenswerte Moderne
"Armut, Not und wenig Brot" - ein realistischer Ausblick auf die Weltwirtschaftskrise
Sand im Getriebe: Opel in staatlicher Reparaturwerkstatt
G20: Götterdämmerung in Washington
Wundertüten - geheimnisvoll und nichts drin
Verraten und verkauft - Kleinanleger stehen zu Tausenden im Regen
Politiker sonnten sich in Werbeprospekten (ARD-Video)
Banken, Börsen und Regierungen
Das Geld, die Gier und der Hebel
Gipfel der Ratllosigkeit
Das Einmaleins der amerikanischen Finanzkrise
Hypo Real Estate: Krisenmanagement in der Krise
Wall Street letzte Woche: Was nun Amerika?
Sozialisierung der Verluste und Aus für das System?
Amerika, wer bist Du?
Verhalten wider die eigenen Regeln
New York: Wall Street, wie wir es kannten, ist nicht mehr
Steuerzahler stemmen milliardenschwere Zeche
Gauner, Geschädigte und die BaFin
Deutsche Bank, eine Turboanleihe und die Staatsanwaltschaft
Swap-Geschäfte: Kommunen zocken, Bürger haften
Faule Swaps: Die nächste Weltfinanzkrise rückt näher
Der Meinl-Skandal und die verschwundenen Millionen
Amis - Europas gigantischer Betrugsskandal
Skandalbank in Österreich - Die Hypo Alpe Adria
Khashoggi, Hypo Group Alpe Adria und ein Prozess, der (noch?) nicht stattfand
Die BAWAG: Es war einmal eine Arbeiterbank in Wien
Marko Perković und die Hypo-Alpe- Adria Bank
Söldner, Gauner, Waffen und Rohstoffe
BayernLB: Das dicke Ende kommt erst noch
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Gleich zu Beginn wird Bernard Madoff vereidigt und darauf hingewiesen, dass der Anspruch auf ein reguläres Gerichtsverfahren mit einem Schuldspruch aufgegeben wird. Dann wendet sich Richter Denny Chin mit der Frage an den Angeklagten, ob er sich schuldig bekennen will. Mit kaum hörbarer Stimme bejaht der einstige Börsen-Guru der Wall Street die eindringliche Frage. Nun verliest Richter Chin alle elf Anklagepunkte und Madoff bekennt seine Schuld in allen Fällen. Mit dünner Stimme trägt der einstige Erfolgsfinanzier eine vorbereitete Erklärung vor. Sie soll Reue und eine Entschuldigung für die Opfer bekunden.
Keine Kooperation, kein Deal
Entgegen der allgemeinen Erwartung hat es offenbar kein "cooperation agreement", also eine Vereinbarung zwischen Staatsanwalt Marc O. Litt und Madoff gegeben, der sich durch seinen Anwalt Ira Lee Sorkin vertreten ließ. Ursprünglich wollte die Staatsanwaltschaft den Jahrhundertbetrüger zum Eingeständnis der Konspiration und damit der Benennung von Mittätern zwingen. Doch Madoff verweigerte dies offensichtlich und besteht auch weiterhin auf seiner ursprünglichen Haltung, als Alleintäter gehandelt zu haben. Als Folge musste er sich dann zu allen Anklagepunkte bekennen, zu denen unter anderem illegale Geldwäsche, Diebstahl, illegaler Geldtransfer, Meineid und mehrfacher Betrug zählen. Ohne einen Deal mit der Staatsanwaltschaft sieht Madoff nun einem Strafmaß von maximal 150 Jahren Gefängnis entgegen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass er mit 20 bis 30 Jahren - also lebenslänglich, denn Madoff wird am 29. April bereits 71 Jahre alt - rechnen muss.
Börsen-Guru hinter Gittern
Nach Madoffs Schuldbekenntnis setzt Richter Chin die Verkündung des Strafmaßes für den 16. Juni diesen Jahres fest. Die anschließende Verhandlung darüber, ob Madoff bis zur Strafverkündung wie bislang unter Hausarrest in seinem poschen Penthouse verbleiben kann, endet für den Angeklagten negativ. Richter Chin folgt dem Antrag des Staatsanwaltes und verweist auf die bestehende Fluchtgefahr. Tosender Applaus rauscht auf der Zuschauertribüne auf, als die Verhaftung verkündet wird und die Handschellen klicken. Nun dürfen noch drei Opfer sprechen. George Nierenberg macht den Anfang. Mit kaltem Blick und Drohgebärde wendet er sich an den Angeklagten in Handschellen, was umgehend den Marshal auf den Plan ruft. Doch Richter Chin fordert den Zeugen auf, seine Äußerungen in seine Richtung zu sprechen. So kehrt wieder Ruhe ein. Ganze 75 Minuten dauerte die gesamte Verhandlung davon musste sich Madoff nur eine viertel Stunde den harschen Ausführen der Opfer aussetzen. Dann wird die Sitzung geschlossen und Madoff wird abgeführt. Er ist nun Gefangener Nummer 617087514 in MCC.
Sechs Quadratmeter für einen Jahrhundertbetrüger
Bis zur Urteilsverkündung am 16. Juni wird Madoff vermutlich im Metropolitan Correctional Centre (MCC), gleich gegenüber dem Federal Court, verbringen müssen. Statt 7-Millionen-Dollar-Penthouse und luxuriöses Wohnambiente erwartet ihn eine sechs Quadratmeter kleine Betonzelle. Ausgestattet mit einem Doppelstockbett, einer Toilette aus Edelstahl, einem Schreibtisch mit eingebauten Stuhl und Zellnachbarn, die des Mordes, der Vergewaltigung, des Terrorismus oder anderer Delikte angeklagt oder für schuldig befunden wurden, wird es eine harte Zeit für den erfolgsverwöhnten Master of the Universe. Da es sich hier um eine Einrichtung handelt, die als Übergang genutzt wird, gibt es kaum Möglichkeiten, den Aufenthalt ein wenig angenehmer zu gestalten. Madoff wird wohl Zugang zu TV und möglicherweise dem Internet haben. Eine Stunde jeden zweiten Tag darf er auf der Dachterrasse Runden drehen und für drei Stunden pro Woche Besucher empfangen. Spätestens beim ersten "strip search", dem sich jeder Gefangene unterziehen muss, wird ihm klar werden, dass sich sein Leben unwiderruflich verändert.
Ein Jahrhundertbetrug liegt weiterhin im Dunkeln
Trotz Schuldspruch und Einweisung in die Strafanstalt, über das die Opfer ein Gefühl der Genugtuung empfinden mögen: Zu einer umfassenden Aufklärung hat dieser Jahrhundertbetrug bislang nicht gefunden. Es wird gemunkelt, dass verschiedene ehemalige Mitarbeiter Madoffs inzwischen mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten und schon bald weitere Anklagen – möglicherweise auch gegen Mitglieder der Madoff Familie - erhoben werden. Investoreneinlagen in Höhe von 250 Millionen Dollar, die über London zurück in die US geschleust wurden und teilweise an Madoff privat oder dessen Familie ausgeschüttet wurden, sollen die Basis für eine Anklage darstellen.
Auch die SEC als Aufsichtsbehörde hat ihre Verfahren noch nicht abgeschlossen und der vom Konkursgericht eingesetzte Verwalter Irving Picard versucht noch immer, vermeintliche Gelder ausfindig zu machen. Bislang steht fest, dass 4800 Kundenkonten im November 2008 Guthaben von 64,8 Milliarden US Dollar gezeigt hatten. Davon konnte bisher nur eine Milliarde US Dollar ausfindig gemacht werden. Die Opfer dieses Schwindels versuchen nun durch Klagen eine Mitschuld der SEC aufgrund von Aufsichtsverletzung zu beweisen und damit eine Haftung durch die Regierung zu erreichen. Andere erwarten vom Finanzamt Erstattungen auf versteuerte Gewinne, die sich nun als illusorisch erwiesen. In wieweit diese Strategie Erfolg haben wird, ist völlig offen. Sicher ist nur, dass Tausende Kunden, gemeinnützige Institutionen, Banken und Investmenthäuser Milliarden investiert haben, die sich nun in Luft aufgelöst haben. Dies wird zweifelsfrei als der größte Finanzbetrug in die Geschichte eingehen.

Federal Court an der Worth Street in Downtown Manhattan

Eingang Federal Court an der Worth Street in Downtown Manhattan

Gefängnis: Metropolitan Correctional Centre (MCC)

Eingangsbereich Gefängnis: Metropolitan Correctional Centre (MCC)
Alle Fotorechte: Jörg Frhr. von Oldershausen
Verweise:
Teil I: Bernard Madoff: Vom Börsen-Guru zum größten Anlagebetrüger Amerikas
Teil II: Der Madoff-Skandal: Eintreiber Irving Picard offenbart unvorstellbares Desaster
Teil III: Madoff-Skandal: Pokern, tricksen und ein gigantischer Deal mit der Staatsanwaltschaft
Opel, zu Guttenberg und die süßen Verlockungen der Wählergunst
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