Der Madoff-Skandal: Eintreiber Irving Picard offenbart unvorstellbares Desaster
24. Februar 2009, 14:43AUS NEW YORK CITY
[Jörg Frhr. v. Oldershausen] 20. Februar 2009, Auditorium des "Federal Bankruptcy Courts", nahe Wallstreet in New York City: Dicht gedrängt und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen erwarten 460 ehemalige Kunden, Gläubiger, Anwälte und interessierte Bürger Ausführungen von Irving Picard, "Trustee" in der Liquidierung des BLMIS (Bernard L. Madoff Investment Securities LLC.). Es geht um sagenhafte 50 Milliarden verschwundene US Dollar und dem größtem Betrugsskandal in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Bernard L. Madoff (70), ehemaliger Präsident der NASDAQ Börse, hatte sich am 10. Dezember 2008 vor seinen beiden Söhnen eines 50 Milliarden Ponzi-Betruges bekannt und war am folgenden Tag durch das Federal Bureau of Investigation (FBI) verhaftet worden. Nach Hinterlegung einer Kaution in Höhe von zehn Millionen US Dollar durch seine Frau Ruth wurde Madoff aus der Haft entlassen und steht bis heute in seinem Sieben- Millionen Dollar- Penthouse in New York, 133 64th St. unter Hausarrest.
Investitionen in Luft und ein Paukenschlag
Die Sitzung beginnt mit einem Paukenschlag. Seit möglicherweise 13 Jahren hat Bernhard Madoff mit Luft gehandelt. Für diesen Zeitraum kann kein Nachweis irgendeiner Aktivität im Ankauf von Aktien oder anderen "Securities" gefunden werden, berichtet Irving Picard. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass die monatlich an Tausende Kunden verschickten Kontoauszüge aus der Luft gegriffen waren. Sie dienten als vermeintlicher Nachweis über zahllose finanzielle Transaktionen und waren ebenso fiktiv wie die Gewinne, mit welchen Bernard Madoff seine Klientel über Jahrzehnte verwöhnen konnte. Kurzum, Gelder die von neuen Investoren eingelegt wurden, gingen an bestehende Investoren zur Auszahlung von Einlagen oder Gewinnen "cash in and cash out". Damit werden die schlimmsten Erwartungen der Anleger bestätigt, die nun zum größten Teil ihre Lebensersparnisse verloren haben. Doch das sind nicht die einzigen schlechten Nachrichten, die Picard an diesem kalten Wintermorgen verkünden muss.
Irving Picard, der Überbringer der schlechten Nachrichten
Bernhard Madoff’s Firma BLMIS wurde am 15. Dezember zur Liquidation gezwungen. Die "Securities Investor Protection Corp.", eine quasi offizielle Aufsichtbehörde, bestallte Irving Picard damit, die Machenschaften des Jahrhundertbetrügers Madoff zu enthüllen. Scharen von Anwälten schwärmten wie Heuschrecken in die Firmenräume des einstmals anerkannten Börsen-Guru im 17. Stockwerk des Lipstickgebäudes an der Lexington Avenue in Manhattan. Mindestens ein Dutzend Finanzinstitutionen wurden unter “Subpoena” (Strafandrohung) zur Auskunft und Kooperation gezwungen. Unter anderem sollen auch das "Chicago Board of Trade" und das "CME Clearing House" den Weg zum Geld - den vermeintlich 50 Milliarden US Dollar - aufdecken. Bereits am 4. Februar konnte Picard die Sicherstellung von 946.4 Millionen Dollar verkünden. Eine beachtliche Summe, aber im Zusammenhang mit dem Umfang dieses Betruges nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
An diesem Freitag, dem 20. Februar kann Picard weiterhin berichten, dass in einem Lagerhaus in Queens 7000 Kartons mit Unterlagen der BLMIS gefunden und unter Aufsicht des FBI gestellt wurden. Man verspricht sich weitere Einsichten aus diesem Material. Offen bleibt bislang, wo die laut Wall Street Journal etwa 20 Milliarden US Dollar an Einlagen verblieben sind. So manch einer deutet in Richtung Monaco, eines der wenigen verbliebenen Länder, in dem Kontoinhaber mangels gültiger Austauschverträge mit den USA noch Schutz finden können.
Die Liste der Opfer ist lang
Laut Picard können Forderungen gegen BLMIS bis zum 2. Juli 2009 geltend gemacht werden. Bislang haben 2350 Betroffene Ansprüche in Milliardenhöhe beim Konkursgericht angemeldet. Am 5. Februar veröffentlichte das Gericht eine 162 Seiten lange Liste, in welcher die bis dahin bekannten Geschädigten benannt werden. Darunter befinden sich auch Fairfield Greenwich mit 7,5 Milliarden, Tremont Group Holdings mit 3,3 Milliarden, Bank Medici in Österreich mit 2,1 Milliarden, Ascot Partners mit 1,8 Milliarden und Access Int. mit 1,5 Milliarden. Bei diesen Anlagefirmen handelt es sich um sogenannte "Feeder Funds" die ihre Investmentstrategie darauf vereinfacht hatten, alle Gelder - oftmals ohne Wissen der tatsächlichen Anleger - exklusiv mit Bernard Madoff zu investieren. Das garantierte wenig Arbeit und saftige Provisionen.
Doch auch renommierte Banken wie Fortis in Holland, UBP aus der Schweiz, HSBC und RBS aus England und BNP Paribas aus Spanien erlagen den süßen Verlockungen des "Grand Seniors" der Börse, Bernard Madoff, und zwar in Milliardenhöhe. Universitäten, private und gemeinnützige Stiftungen, ja auch Museen und Kirchenstiftungen zählen zu den Geschädigten. Und natürlich taucht auch so mancher der Öffentlichkeit bekannte Name in der ellenlangen Liste der Geschädigten auf. Ob Kevin Bacon, Steven Spielberg, der Schauspieler John Malkovich oder Zsa Zsa Gabor, die vermeintlich 10 Millionen Dollar über Madoff investierte - sie alle reihen sich in die unendliche Liste der Gläubiger ebenso ein, wie Madoffs eigener Anwalt Ira Sorkin. Das Wall Street Journal ging sogar soweit, eigens eine Grafik zu entwickeln. Dort werden Opfer nach Anzahl und Schaden geographisch gelistet. Demnach liegen die größten Schwerpunkte um New York, Miami Florida und Denver Colorado. Dies unterstützt die allgemeine Einschätzung, dass Madoff’s Aktivitäten oftmals auf privaten Kontakten und innerhalb bestimmter Insidergruppen basierten.
Ein Desaster wird offenbart
Irving Picard, Überbringer der schlechten Nachrichten, offenbart den Opfern ein Desaster. Die bislang gesicherten 946 Millionen Dollar reichen zur Abdeckung des Schadens kaum aus. Grundsätzlich sind Einlagen nur bis zu einer Summe von 500.000 US Dollar durch den "Securities Investor Protection Act" gesichert und garantiert. Davi Sheehan, ein Partner in Baken Hostetler, jener Anwaltsfirma, welche die Liquidierung handhabt, reibt weiteres Salz in die Wunden der Kreditoren. Denn die Kanzlei besteht auf Durchsetzung der sogenanten "Clawback"-Prozedur. Demnach werden langjährige Anleger in Regress für all jene Summen genommen, die über den Wert ihrer eigentlichen Anlagen hinausgehen. Weitere Möglichkeiten, an die dicken Taschen der Banken und Investment-Funds heranzukommen und diese per Klage als haftend zu erklären, scheinen nur wenig erfolgversprechend.
Der Kongress hatte in seiner Weisheit bereits 1995 den "Private Securities Ligitation Reform Act" verabschiedet. Dieser schränkt die Chancen für solche Klagen erheblich ein. Damals machte man sich um eine Flut von Klagen vergrauster Kleinanleger Gedanken. Diese hatten sich im Börsenboom der 90ziger verspekuliert und versuchten per Gericht, ihre Verluste wett zu machen. Neben einer Einschränkung solcher Versuche per Gesetz, kommt eine Entscheidung des "Supreme Courts" von 1994 hinzu. Sie legt die Schwelle für eine erfolgreiche Klage auf Haftung von "Feeder Funds" und anderen Mittlern so hoch, dass kriminelles Handeln bewiesen werden muss. Eine Verletzung der Aufsichtspflicht, Nachlässigkeit oder Dummheit allein können somit für eine Klage nicht ausreichen. Dennoch konnte ein gewisser Fortschritt erreicht werden. So erzielte Irving Picard, der für seine Kosten und Bemühungen in dieser Sache lockere 28.1 Millionen US Dollar verlangte und auch bekam, eine Einsparung von immerhin 300.000 US Dollar pro Woche in den laufenden Kosten. Dieses wurde durch die Entlassung von 120 der 180 Angestellten der Madoff-Firma erzielt. Desweiteren wurde ein kurzfristiger Verkauf der immer noch aktiven "Market-Making Operation", die hauptsächlich an der NASDAQ operiert, angekündigt. Picard wies jedoch darauf hin, dass Auszahlungen - abgesehen von den durch die SIPA garantierten ersten 500.000 US Dollar - Jahre in Anspruch nehmen würden.
Der Madoff-Clan und die seltsamen Vorgänge
Bisher wurde nur Bernhard Madoff selbst in einem Fall des Verstoßes gegen die "Securities Laws" angeklagt. Die Frist zur Eröffnung eines umfassenden Verfahrens vor einer "Grand Jury" wurde am 11. Februar auf Antrag des US Staatsanwaltes Marc Litt um 30 Tage verlängert. Als Begründung:wurde angegeben, man benötige ausreichend Zeit, um eine anderweitige Disposition dieses Falles zu schaffen. Klartext, die Staatsanwaltschaft arbeitet auf einen Vergleich mit Bernard Madoff hin. Vielen scheint die Vorstellung völlig abstrus, Bernard Madoff habe über Jahrzehnte lang einen Betrug in dieser Größenordnung eigenhändig - wie bislang behauptet - durchziehen können. Niemand aus dem Familienkreis, alles ehemalig hochbezahlte Mitarbeiter in diversen Funktionen in BLMIS, wurde bislang irgendeiner Beteiligung oder Mitschuld bezichtigt.
Madoff’s Frau Ruth (67) schaffte Aufsehen mit zwei zeitlich perfekt abgestimmten Abbuchungen von einem Konto der Firma "Cohmad Securities", die ebenfalls zum Madoff Reich gehörte. So zog sie am 25. November 5.5 Millionen US Dollar und am 10. Dezember – also dem Tag, an welchem sich Bernard Madoff vor seinen Söhnen zu dem Betrug bekannte - nochmals zehn Millionen US Dollar vom Konto ab. Natürlich – so beeilen sich Beteiligte zu versichern – bestehe hier absolut kein Zusammenhang. Madoff’s Villen in Montauk/New York, Miami Beach/Florida und an der Rivera stehen ebenso wie seine Jachten und das Penthouse in New York auf dem Namen seiner Frau. Weiterhin wurde Madoff bei dem Versuch, Uhren und Juwelen in Millionenwert an verschiedene Familienmitglieder per Briefpost zu verschicken, auf frischer Tat ertappt. Dargestellt wurde es dann als ein "Versehen". Kein Wunder, wenn sich das Gericht gezwungen sah, die Sicherheitsvorkehrungen für Bernhard Madoff zu verschärfen. Offiziell zwar, um die Fluchtgefahr zu reduzieren. Tatsächlich jedoch, um Bernhard Madoff vor den Verzweiflungstaten rachsüchtiger Gläubiger zu schützen.
Ein Fall von vielen Fällen?
Offensichtlich war Bernard Madoff nicht der einzige Verehrer von Charles Ponzi. Am 26. Januar wurde Nicholas Cosmo durch Agenten des FBI und des US Postal Service im Zusammenhang mit einem 370 Millionen US Dollar- Ponzi- Betruges verhaftet. Sein Agape Fund versprach Anlegern Renditen bis zu 80 Prozent auf die Vergabe von kurzfristigen Löhnen. Fast 1500 Anleger hielten dies offensichtlich für eine sichere Investition. Lediglich zehn Millionen US Dollar wurden jemals tatsächlich investiert.
Am 27. Januar wurde der 76-jährige Athur Nadel in Tampa Florida mit dem Verdacht auf "Securities Fraud" (Wertpapierbetrug) verhaftet. 300 Millionen US Dollar, angeblich in sechs verschiedene erzsolide Funds investiert, haben sich vollständig in Luft aufgelöst. Aktuell wurde auch Robert Allen Stanford, eine schillernde Persönlichkeit aus Texas, mit einer "Subpoena", also einer Vorladung bedient. Die SEC will wissen, wo sich die vermeintlichen acht Milliarden US Dollar an Assets seiner "Stanford International Bank" befinden. Die Regierung der Inselrepublik Antigua in der Karibik hatte die Bank Anfang der Woche kassiert, nachdem die SEC auf gravierende Unregelmäßigkeiten hindeutete. Als wäre die Suprime Mortgage Krise, die sich weltweit zur größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg ausweitete, nicht ausreichend, um sich kopfschüttelnd von einem völlig undiskutablen Prozedere im Finanzsektor zu distanzieren; Die alte Weisheit: "If it sounds too good to be true, it probably is!" wird wohl auch weiterhin in den Wind geschlagen und aus begangenen Fehlern nicht gelernt.
Verweise:
Das Milliardenspiel und die Zeitenwende
Selenz' Kommentar: Wer holte die Finanzblasen über den Teich?
Bernard Madoff: Vom Börsen-Guru zum größten Anlagebetrüger Amerikas
2009: Krisenmanagement, Wahlen und der Weg in eine lebenswerte Moderne
"Armut, Not und wenig Brot" - ein realistischer Ausblick auf die Weltwirtschaftskrise
Sand im Getriebe: Opel in staatlicher Reparaturwerkstatt
G20: Götterdämmerung in Washington
Wundertüten - geheimnisvoll und nichts drin
Verraten und verkauft - Kleinanleger stehen zu Tausenden im Regen
Politiker sonnten sich in Werbeprospekten (ARD-Video)
Banken, Börsen und Regierungen
Das Geld, die Gier und der Hebel
Gipfel der Ratllosigkeit
Das Einmaleins der amerikanischen Finanzkrise
Hypo Real Estate: Krisenmanagement in der Krise
Wall Street letzte Woche: Was nun Amerika?
Sozialisierung der Verluste und Aus für das System?
Amerika, wer bist Du?
Verhalten wider die eigenen Regeln
New York: Wall Street, wie wir es kannten, ist nicht mehr
Steuerzahler stemmen milliardenschwere Zeche
Gauner, Geschädigte und die BaFin
Deutsche Bank, eine Turboanleihe und die Staatsanwaltschaft
Swap-Geschäfte: Kommunen zocken, Bürger haften
Faule Swaps: Die nächste Weltfinanzkrise rückt näher
Der Meinl-Skandal und die verschwundenen Millionen
Amis - Europas gigantischer Betrugsskandal
Skandalbank in Österreich - Die Hypo Alpe Adria
Khashoggi, Hypo Group Alpe Adria und ein Prozess, der (noch?) nicht stattfand
Die BAWAG: Es war einmal eine Arbeiterbank in Wien
Marko Perković und die Hypo-Alpe- Adria Bank
Söldner, Gauner, Waffen und Rohstoffe
BayernLB: Das dicke Ende kommt erst noch
Photos:
Jörg Frhr. v. Oldershausen
[Jörg Frhr. v. Oldershausen] 20. Februar 2009, Auditorium des "Federal Bankruptcy Courts", nahe Wallstreet in New York City: Dicht gedrängt und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen erwarten 460 ehemalige Kunden, Gläubiger, Anwälte und interessierte Bürger Ausführungen von Irving Picard, "Trustee" in der Liquidierung des BLMIS (Bernard L. Madoff Investment Securities LLC.). Es geht um sagenhafte 50 Milliarden verschwundene US Dollar und dem größtem Betrugsskandal in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Bernard L. Madoff (70), ehemaliger Präsident der NASDAQ Börse, hatte sich am 10. Dezember 2008 vor seinen beiden Söhnen eines 50 Milliarden Ponzi-Betruges bekannt und war am folgenden Tag durch das Federal Bureau of Investigation (FBI) verhaftet worden. Nach Hinterlegung einer Kaution in Höhe von zehn Millionen US Dollar durch seine Frau Ruth wurde Madoff aus der Haft entlassen und steht bis heute in seinem Sieben- Millionen Dollar- Penthouse in New York, 133 64th St. unter Hausarrest.
Investitionen in Luft und ein Paukenschlag
Die Sitzung beginnt mit einem Paukenschlag. Seit möglicherweise 13 Jahren hat Bernhard Madoff mit Luft gehandelt. Für diesen Zeitraum kann kein Nachweis irgendeiner Aktivität im Ankauf von Aktien oder anderen "Securities" gefunden werden, berichtet Irving Picard. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass die monatlich an Tausende Kunden verschickten Kontoauszüge aus der Luft gegriffen waren. Sie dienten als vermeintlicher Nachweis über zahllose finanzielle Transaktionen und waren ebenso fiktiv wie die Gewinne, mit welchen Bernard Madoff seine Klientel über Jahrzehnte verwöhnen konnte. Kurzum, Gelder die von neuen Investoren eingelegt wurden, gingen an bestehende Investoren zur Auszahlung von Einlagen oder Gewinnen "cash in and cash out". Damit werden die schlimmsten Erwartungen der Anleger bestätigt, die nun zum größten Teil ihre Lebensersparnisse verloren haben. Doch das sind nicht die einzigen schlechten Nachrichten, die Picard an diesem kalten Wintermorgen verkünden muss.
Irving Picard, der Überbringer der schlechten Nachrichten
Bernhard Madoff’s Firma BLMIS wurde am 15. Dezember zur Liquidation gezwungen. Die "Securities Investor Protection Corp.", eine quasi offizielle Aufsichtbehörde, bestallte Irving Picard damit, die Machenschaften des Jahrhundertbetrügers Madoff zu enthüllen. Scharen von Anwälten schwärmten wie Heuschrecken in die Firmenräume des einstmals anerkannten Börsen-Guru im 17. Stockwerk des Lipstickgebäudes an der Lexington Avenue in Manhattan. Mindestens ein Dutzend Finanzinstitutionen wurden unter “Subpoena” (Strafandrohung) zur Auskunft und Kooperation gezwungen. Unter anderem sollen auch das "Chicago Board of Trade" und das "CME Clearing House" den Weg zum Geld - den vermeintlich 50 Milliarden US Dollar - aufdecken. Bereits am 4. Februar konnte Picard die Sicherstellung von 946.4 Millionen Dollar verkünden. Eine beachtliche Summe, aber im Zusammenhang mit dem Umfang dieses Betruges nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
An diesem Freitag, dem 20. Februar kann Picard weiterhin berichten, dass in einem Lagerhaus in Queens 7000 Kartons mit Unterlagen der BLMIS gefunden und unter Aufsicht des FBI gestellt wurden. Man verspricht sich weitere Einsichten aus diesem Material. Offen bleibt bislang, wo die laut Wall Street Journal etwa 20 Milliarden US Dollar an Einlagen verblieben sind. So manch einer deutet in Richtung Monaco, eines der wenigen verbliebenen Länder, in dem Kontoinhaber mangels gültiger Austauschverträge mit den USA noch Schutz finden können.
Die Liste der Opfer ist lang
Laut Picard können Forderungen gegen BLMIS bis zum 2. Juli 2009 geltend gemacht werden. Bislang haben 2350 Betroffene Ansprüche in Milliardenhöhe beim Konkursgericht angemeldet. Am 5. Februar veröffentlichte das Gericht eine 162 Seiten lange Liste, in welcher die bis dahin bekannten Geschädigten benannt werden. Darunter befinden sich auch Fairfield Greenwich mit 7,5 Milliarden, Tremont Group Holdings mit 3,3 Milliarden, Bank Medici in Österreich mit 2,1 Milliarden, Ascot Partners mit 1,8 Milliarden und Access Int. mit 1,5 Milliarden. Bei diesen Anlagefirmen handelt es sich um sogenannte "Feeder Funds" die ihre Investmentstrategie darauf vereinfacht hatten, alle Gelder - oftmals ohne Wissen der tatsächlichen Anleger - exklusiv mit Bernard Madoff zu investieren. Das garantierte wenig Arbeit und saftige Provisionen.
Doch auch renommierte Banken wie Fortis in Holland, UBP aus der Schweiz, HSBC und RBS aus England und BNP Paribas aus Spanien erlagen den süßen Verlockungen des "Grand Seniors" der Börse, Bernard Madoff, und zwar in Milliardenhöhe. Universitäten, private und gemeinnützige Stiftungen, ja auch Museen und Kirchenstiftungen zählen zu den Geschädigten. Und natürlich taucht auch so mancher der Öffentlichkeit bekannte Name in der ellenlangen Liste der Geschädigten auf. Ob Kevin Bacon, Steven Spielberg, der Schauspieler John Malkovich oder Zsa Zsa Gabor, die vermeintlich 10 Millionen Dollar über Madoff investierte - sie alle reihen sich in die unendliche Liste der Gläubiger ebenso ein, wie Madoffs eigener Anwalt Ira Sorkin. Das Wall Street Journal ging sogar soweit, eigens eine Grafik zu entwickeln. Dort werden Opfer nach Anzahl und Schaden geographisch gelistet. Demnach liegen die größten Schwerpunkte um New York, Miami Florida und Denver Colorado. Dies unterstützt die allgemeine Einschätzung, dass Madoff’s Aktivitäten oftmals auf privaten Kontakten und innerhalb bestimmter Insidergruppen basierten.
Ein Desaster wird offenbart
Irving Picard, Überbringer der schlechten Nachrichten, offenbart den Opfern ein Desaster. Die bislang gesicherten 946 Millionen Dollar reichen zur Abdeckung des Schadens kaum aus. Grundsätzlich sind Einlagen nur bis zu einer Summe von 500.000 US Dollar durch den "Securities Investor Protection Act" gesichert und garantiert. Davi Sheehan, ein Partner in Baken Hostetler, jener Anwaltsfirma, welche die Liquidierung handhabt, reibt weiteres Salz in die Wunden der Kreditoren. Denn die Kanzlei besteht auf Durchsetzung der sogenanten "Clawback"-Prozedur. Demnach werden langjährige Anleger in Regress für all jene Summen genommen, die über den Wert ihrer eigentlichen Anlagen hinausgehen. Weitere Möglichkeiten, an die dicken Taschen der Banken und Investment-Funds heranzukommen und diese per Klage als haftend zu erklären, scheinen nur wenig erfolgversprechend.
Der Kongress hatte in seiner Weisheit bereits 1995 den "Private Securities Ligitation Reform Act" verabschiedet. Dieser schränkt die Chancen für solche Klagen erheblich ein. Damals machte man sich um eine Flut von Klagen vergrauster Kleinanleger Gedanken. Diese hatten sich im Börsenboom der 90ziger verspekuliert und versuchten per Gericht, ihre Verluste wett zu machen. Neben einer Einschränkung solcher Versuche per Gesetz, kommt eine Entscheidung des "Supreme Courts" von 1994 hinzu. Sie legt die Schwelle für eine erfolgreiche Klage auf Haftung von "Feeder Funds" und anderen Mittlern so hoch, dass kriminelles Handeln bewiesen werden muss. Eine Verletzung der Aufsichtspflicht, Nachlässigkeit oder Dummheit allein können somit für eine Klage nicht ausreichen. Dennoch konnte ein gewisser Fortschritt erreicht werden. So erzielte Irving Picard, der für seine Kosten und Bemühungen in dieser Sache lockere 28.1 Millionen US Dollar verlangte und auch bekam, eine Einsparung von immerhin 300.000 US Dollar pro Woche in den laufenden Kosten. Dieses wurde durch die Entlassung von 120 der 180 Angestellten der Madoff-Firma erzielt. Desweiteren wurde ein kurzfristiger Verkauf der immer noch aktiven "Market-Making Operation", die hauptsächlich an der NASDAQ operiert, angekündigt. Picard wies jedoch darauf hin, dass Auszahlungen - abgesehen von den durch die SIPA garantierten ersten 500.000 US Dollar - Jahre in Anspruch nehmen würden.
Der Madoff-Clan und die seltsamen VorgängeBisher wurde nur Bernhard Madoff selbst in einem Fall des Verstoßes gegen die "Securities Laws" angeklagt. Die Frist zur Eröffnung eines umfassenden Verfahrens vor einer "Grand Jury" wurde am 11. Februar auf Antrag des US Staatsanwaltes Marc Litt um 30 Tage verlängert. Als Begründung:wurde angegeben, man benötige ausreichend Zeit, um eine anderweitige Disposition dieses Falles zu schaffen. Klartext, die Staatsanwaltschaft arbeitet auf einen Vergleich mit Bernard Madoff hin. Vielen scheint die Vorstellung völlig abstrus, Bernard Madoff habe über Jahrzehnte lang einen Betrug in dieser Größenordnung eigenhändig - wie bislang behauptet - durchziehen können. Niemand aus dem Familienkreis, alles ehemalig hochbezahlte Mitarbeiter in diversen Funktionen in BLMIS, wurde bislang irgendeiner Beteiligung oder Mitschuld bezichtigt.
Madoff’s Frau Ruth (67) schaffte Aufsehen mit zwei zeitlich perfekt abgestimmten Abbuchungen von einem Konto der Firma "Cohmad Securities", die ebenfalls zum Madoff Reich gehörte. So zog sie am 25. November 5.5 Millionen US Dollar und am 10. Dezember – also dem Tag, an welchem sich Bernard Madoff vor seinen Söhnen zu dem Betrug bekannte - nochmals zehn Millionen US Dollar vom Konto ab. Natürlich – so beeilen sich Beteiligte zu versichern – bestehe hier absolut kein Zusammenhang. Madoff’s Villen in Montauk/New York, Miami Beach/Florida und an der Rivera stehen ebenso wie seine Jachten und das Penthouse in New York auf dem Namen seiner Frau. Weiterhin wurde Madoff bei dem Versuch, Uhren und Juwelen in Millionenwert an verschiedene Familienmitglieder per Briefpost zu verschicken, auf frischer Tat ertappt. Dargestellt wurde es dann als ein "Versehen". Kein Wunder, wenn sich das Gericht gezwungen sah, die Sicherheitsvorkehrungen für Bernhard Madoff zu verschärfen. Offiziell zwar, um die Fluchtgefahr zu reduzieren. Tatsächlich jedoch, um Bernhard Madoff vor den Verzweiflungstaten rachsüchtiger Gläubiger zu schützen.
Ein Fall von vielen Fällen?
Offensichtlich war Bernard Madoff nicht der einzige Verehrer von Charles Ponzi. Am 26. Januar wurde Nicholas Cosmo durch Agenten des FBI und des US Postal Service im Zusammenhang mit einem 370 Millionen US Dollar- Ponzi- Betruges verhaftet. Sein Agape Fund versprach Anlegern Renditen bis zu 80 Prozent auf die Vergabe von kurzfristigen Löhnen. Fast 1500 Anleger hielten dies offensichtlich für eine sichere Investition. Lediglich zehn Millionen US Dollar wurden jemals tatsächlich investiert.
Am 27. Januar wurde der 76-jährige Athur Nadel in Tampa Florida mit dem Verdacht auf "Securities Fraud" (Wertpapierbetrug) verhaftet. 300 Millionen US Dollar, angeblich in sechs verschiedene erzsolide Funds investiert, haben sich vollständig in Luft aufgelöst. Aktuell wurde auch Robert Allen Stanford, eine schillernde Persönlichkeit aus Texas, mit einer "Subpoena", also einer Vorladung bedient. Die SEC will wissen, wo sich die vermeintlichen acht Milliarden US Dollar an Assets seiner "Stanford International Bank" befinden. Die Regierung der Inselrepublik Antigua in der Karibik hatte die Bank Anfang der Woche kassiert, nachdem die SEC auf gravierende Unregelmäßigkeiten hindeutete. Als wäre die Suprime Mortgage Krise, die sich weltweit zur größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg ausweitete, nicht ausreichend, um sich kopfschüttelnd von einem völlig undiskutablen Prozedere im Finanzsektor zu distanzieren; Die alte Weisheit: "If it sounds too good to be true, it probably is!" wird wohl auch weiterhin in den Wind geschlagen und aus begangenen Fehlern nicht gelernt.
Verweise:
Das Milliardenspiel und die Zeitenwende
Selenz' Kommentar: Wer holte die Finanzblasen über den Teich?
Bernard Madoff: Vom Börsen-Guru zum größten Anlagebetrüger Amerikas
2009: Krisenmanagement, Wahlen und der Weg in eine lebenswerte Moderne
"Armut, Not und wenig Brot" - ein realistischer Ausblick auf die Weltwirtschaftskrise
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Steuerzahler stemmen milliardenschwere Zeche
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Deutsche Bank, eine Turboanleihe und die Staatsanwaltschaft
Swap-Geschäfte: Kommunen zocken, Bürger haften
Faule Swaps: Die nächste Weltfinanzkrise rückt näher
Der Meinl-Skandal und die verschwundenen Millionen
Amis - Europas gigantischer Betrugsskandal
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Khashoggi, Hypo Group Alpe Adria und ein Prozess, der (noch?) nicht stattfand
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Söldner, Gauner, Waffen und Rohstoffe
BayernLB: Das dicke Ende kommt erst noch
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Jörg Frhr. v. Oldershausen






























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