Bernard Madoff: Vom Börsen-Guru zum größten Anlagebetrüger Amerikas
16. Februar 2009, 12:30
[Jörg Frhr. von Oldershausen] Am 11. Dezember 2008 um 8:30 Uhr war es soweit. FBI Agent Theodore Cacioppi verhaftete Bernard l. Madoff in seinem eleganten, 7- Millionen- Dollar- Heim in 133 East 64th St in New York City. Kurz zuvor hatte sich Madoff des Betruges an seinen Kunden in der Größenordnung von 50 Milliarden Dollar bekannt. Die Nachricht schlug in der Finanzwelt ein wie eine Bombe. Einen Verlust von 6.7 Trillionen an Marktwert des Dow Jones und Wilshire 5000, einer Korrektur des Standard & Poor Indexes von 38 Prozent sowie der Verlust von 1,9 Millionen Arbeitsplätzen in der amerikanischen Wirtschaft waren bisher die bittere Bilanz. Nun brachte der Madoff-Skandal das ohnehin schon katastrophale Finanzjahr 2008 zu einem tragisch-komischen Ende.Wer ist Bernard Madoff?
Bernard Madoff war außerhalb der glitzernden Welt von Wall Street kaum bekannt. In der Finanzwelt der Hedge Funds, Asset Managers und Brokers hingegen war Madoff eine Legende. Seine Firma: "Bernard Madoff Investment Securities LLC" (BMIS), die er 1960 mit nur 5000 US Dollar gegründet hatte, entwickelte sich zu einem der größten "Market-Makers" des NASDAC- Aktienmarktes mit einem Verkaufsvolumen von über 50 Millionen Aktien pro Tag. Sein "Investment Management & Advisory Business" hatte laut Mitteilung der NASD 17,1 Milliarden US Dollar an Anlagewerten unter ihrem Management. Madoff war ein Pionier im elektronischen Aktienhandel, Mitbegründer und später "Chairman of the board of directors" des Nasdaq Aktienmarktes. Als ein prominenter Philantropist, der jährlich Millionen durch seine Familienstiftung verteilte und als "Board Member" für mehrere gemeinnützige Organisationen, wie etwa der Jeshiva Universität diente, genoss er höchstes gesellschaftliches Ansehen. Mit Häusern in Frankreich, Palm Beach, Florida, Upper East Side New York, einem 17 Meter langen Boot und der Mitgliedschaft im poschen "Palm Beach Country Club", bewegte er sich galant und perfekt in den Kreisen der Reichen und Super-Reichen. Und er wusste die brillanten Kontakte bestens und mit Kalkül zu nutzen.
"Bernard Madoff Investment Securities LLC", kurz BMIS
BMIS operierte aus den Stockwerken 17 bis 19 vom berühmten "Lipstick" Gebäude an der 885 Third Ave in New York. Die Firma bestand aus zwei Abteilungen. Dem regulären Broker-Dealer- Bereich, wo Aktien, vornehmlich am Nasdaq Aktienmarkt, gekauft oder verkauft wurden und dem Investment Management mit Investitionen und Anlageberatung. Zusätzlich gab es noch eine Niederlassung in London, die sich hauptsächlich mit Aktienhandel und Analyse beschäftigte. Der Aktienhandel wurde von seinen beiden Söhnen Andrew und Mark geleitet und war von dem Betrug direkt nicht betroffen. Die Anlagenberatung, intern der "Hedge Fund" genannt, wurde vom 17. Stockwerk aus mit nur 24 Mitarbeitern unter direkter Leitung von Bernard Madoff betrieben. Viel Geheimniskrämerei rankte sich um diese Tätigkeiten. Bernard Madoff selbst hat sein Investitionsmodell immer nur sehr vage und mysteriös umschrieben. Wer will schon seine Berufsgeheimnisse preisgeben? Ein Bündel verschiedener Aktien, die dem "Standard & Poor Index" gleichten, wurden gekauft und mit Verkauf und Kaufoptionen abgesichert. Diese sollten vermeintlich sowohl bei einem Anstieg, als auch bei einem Abfall des Aktienpreises Profite garantieren. Allerdings war niemand in der Lage, das Modell jemals realistisch nachzuvollziehen. Dennoch – das Geschäftsmodell florierte und im Jahre 2000 galt BMIS mit über 300 Millionen US Dollar Vermögen als einer der wichtigsten Broker in Aktien und "Securities" in den USA.

Gigantischer Anlagebtrug in der 17. bis 19. Etage des "Lipstick" in New York
Das Geschäftsmodell "Plündern reicher Investoren"
Wer in der Lage ist, nicht nur ausgetrickste Hedge Funds-Manager, Internationale Banken, Universitäten und versierte Kapitäne der Wirtschaft über den Tisch zu ziehen, der muss schon einiges drauf haben. In der Tat wusste Bernard Madoff die Schwächen des Systems und auch den Druck der Anleger, die immer höhere Renditen erwarteten, ebenso geschickt auszunutzen, wie auch die Eitelkeiten der Mitspieler und Investoren. Als einer der größten "Market-Makers"an der NASDAQ unterstellte man ihm intime und vorteilhafte Kenntnisse aller Marktbewegungen. Daher konnte er auch seine Investitionen strategisch wesentlich besser "timen" als seine Konkurrenten. Das "Front Running", wobei Madoff eigene Investitionen denen vorliegender Aufträge vorschaltete, wurde allgemein angenommen. Die unter seiner Führung stehenden Investment Funds erzielten jahrein jahraus und in guten und auch in schlechten Börsenjahren gesicherte Renditen in einer Größenordnung von zehn Prozent. Und dies über sage und schreibe drei Jahrzehnte. Die Funds, ursprünglich von alten Freunden und Mitgliedern der wohlbetuchten, hauptsächlich jüdischen Geld-Elite aus Florida durch Mundpropaganda getragen, wurden zum Geheimtipp unter den Money-Managern der Reichen. Der Umstand, das Madoff viele Anleger abwies, Funds für Investitionen schloss und eine Aura von Exklusivität propagierte, machte seine Funds umso attraktiver.
Direkte individuelle Investoren stellten jedoch nur einen kleinen Teil der Gesamtinvestitionen dar. Das meiste Geld kam durch sogenannte "Feeder Funds", unabhängige Hedge Funds, welche ihre Gelder exklusiv in BMIS investierten. Sie wurden zumeist von reichen Individuen geführt, die innerhalb ihrer Kontakte große Summen poolten, sie zu "Hedge-Funds" erklärten und dann komplett an Madoff weiterleiteten. Oftmals ohne jegliche Kenntnis der Investoren. Der bekannteste unter diesen Finanzjongleuren war mit 7,3 Milliarden US Dollar die "Walter Noel’s Fairfield Sentry Ltd". Unter dem Motto: Warum sich selbst den Kopf zerbrechen und für den Kunden solide Investitionen finden, wenn man das Ganze doch dem Bernard überlassen kann. Bei einer fast 10-prozentigen Rendite, die Madoff garantierte, fielen die jeweils drei Prozent Provision, die man sich für die eigenen "Bemühungen" honorieren ließ, gar nicht auf. So waren alle zufrieden und es herrschte eitel Sonnenschein. Die Freude ist inzwischen gründlich vergangen, seitdem erstaunte Anleger erstmalig erfuhren, wer sich tatsächlich um ihr Geld bemühte. Natürlich sind nicht alle Anleger dumm und so mancher stellte auch Fragen. Doch dann wurde unter den Insidern zwinkernd darauf hingewiesen, das Guru Madoff durch seine Börsentätigkeit doch "gute" - sprich Insiderinformationen - geltend machen konnte.
30 Jahre Schneeballsystem: Haben alle geschlafen?
Wer heute in irgendeiner Weise Investitionen tätigt, wird mittels vielseitiger Broschüren, Erklärungen, Informationen und Zusicherungen durch Dritte bombardiert. So verwalten "Trustees" das Geld, das in "Escrow Accounts" gehalten wird. Steuerprüfer checken die finanziellen Transaktionen und bestätigen, dass der Fund ordnungsgemäß investiert wurde, die Zahlen stimmen und das Geld gesichert ist. Größere Funds unterliegen einem jährlichen Audit, also einer Steuerprüfung. Ein "Peer Review", das mit viel Aufwand die Richtigkeit der gemachten Angaben prüft, bestätigt entweder oder verneint diese. Die SEC verlangt laufend Informationen und Einsicht in die Vorgänge und verfolgt – so zumindest die Idee - Verstöße gegen die Regeln. Industrieorganisationen wie die NASD schaffen zusätzliche Übersicht und Kontrolle. Wie, so fragt man sich verwundert, konnte Madoff über die von der SEC vermuteten drei Jahrzehnte hinweg einen solchen Betrug praktizieren? Noch dazu allein! Einen Betrug, der in dieser Größenordnung angeblich abgezogen wurde, ohne das irgendjemand davon Kenntnis erhielt und etwas dagegen tun konnte. Pikanterweise waren es seine eigenen Söhne Mark und Andrew, die das FBI verständigten und damit zu seiner Verhaftung beitrugen.
Hinweisen nicht nachgegangen
Doch kam es über die Jahre hinweg immer wieder einmal zu Hinweisen und Anschuldigungen. Harry Markopolos, Rampart Management Investment, versuchte in einem 17-seitigen Brief an die SEC mathematische Beweise zu erbringen, wonach Madoff Funds nur auf einem Betrugssystem beruhen könnten. Die SEC leitete zwei Untersuchungen gegen Madoff ein. Die letzte Investigation fand im Jahre 2006 statt. Doch keine dieser Aktionen führte dazu, den Betrug aufzudecken. Man fasst sich an den Kopf: Wie können die vom Wall Street Journal geschätzten tatsächlichen Einlagen in Höhe von 25 Milliarden US Dollar im Sand verschwinden, ohne das irgendjemand dies bemerkt? Die Kunden erhielten in jedem Quartal eine detaillierte Auflistung ihrer Anlagen und Darstellung der einzelnen Investitionen, die der spezielle Fund in verschiedenen Aktien hielt. All dies war, so muss man nun annehmen, reine Phantasie. Denn die Gelder wurden nicht angelegt, sondern zur Auszahlung von Renditen und Abbuchungen benutzt. So wurde das betrügerische Geflecht am Leben erhalten.

Festnahme im Morgengrauen des 11. Dezember in 133 East 64th St New York
Das "Madoff-Clearing"
Entgegen anderer Funds, die für ihre Käufe und Verkäufe von Aktien ein unabhängiges "Clearinghouse" einsetzen, machte Bernard Madoff sein ganz spezielles, eigenes Clearing. Ein Clearing, das schon zu seiner Brokertätigkeit zu seinen Spezialitäten gehörte. Die Steuerprüfung steht an? Hier kam sein alter Freund Jerome Horowitz ins Spiel. Erst über seine Firma Horowitz, dann später zusammen mit seinem Schwiegersohn David Friehling unter dem Firmennamen Friehling & Horowitz wurden die Bücher von BMIS geprüft. Letztmalig für das Jahr 2006 und alles wurde für "in Ordnung" befunden. Das Büro in 337 North Main Street in New York City ist nun geschlossen. In wieweit es da mit rechten Dingen zugehen konnte, wird nun Gegenstand einer Untersuchung des US Attorneys und auch dem American Institute of Certified Accountants ( AICP) sein. Feeder Funds unterlagen ihrerseits der Überprüfung. Diese basierte jedoch auf der Annahme, dass die in BMIS investierten Summen tatsächlich - so wie durch die Firma deklariert - vorhanden waren. Sie bezogen sich sodann nur auf die Abläufe innerhalb des "Feeder Funds". Solange diese Zahlen stimmten, wurden die Bücher stets für korrekt erklärt. Auf die Fragen neugieriger Anleger, warum diese Methoden gewählt wurden, wusste Bernard Madoff zu antworten. Denn er glaubte, es sei besser das Geld an die Investoren auszuschütten, als unnötig an Steuerberater und Anwälte zu verschwenden. Eines ist klar: Nicht nur individuelle und professionelle Investoren haben geschlafen, sondern auch die Aufsichtsbehörden.
Größter Finanzbetrug aller Zeiten
Ob nun 50 Milliarden oder 25 Milliarden US Dollar, der Madoff-Skandal wird sicherlich als einer der größten Finanzbetrugsskadnale in die Geschichte eingehen. Unzählige Anleger, aber auch gemeinnützige Institutionen haben viel Geld verloren und manche mussten Bankrott anmelden. Die Opfer finden sich nicht nur unter den Anlegern, sondern auch unter den Mitarbeitern und der eigenen Familie. Kurzum: All jene, die in Madoff Funds investiert haben, sehen nun dem totalen Verlust entgegen. Es wird spekuliert, dass etliche Summen in "Off-Shore-Accounts" versteckt sind. Bernard Madoff hatte jedoch Schwierigkeiten, die geforderte zehn Millionen US Dollar-Kaution für seine Freilassung zu beschaffen. So scheint diese These eher zweifelhaft. Die gesamte Affäre wirft mehr Fragen als Antworten auf und wird die Aufsichtsbehörden, Gesetzgeber und Horden von Anwälten für Jahre beschäftigen. Viele ausländische Banken und Investment Funds, wie etwa USB, Bank de Medici und viele mehr haben ebenfalls als Feeder Funds agiert und enorme Summen Geld verloren. Die Liste der Opfer dieses Finanz-Debakels wird immer länger und mit dem Selbstmord des französischen "Nobelmannes" Rene-Thierry Magon de la Villehuchet gewinnt der Skandal eine weitere Tragik. Villehuchet, Betreiber des Access International Advisors Hedge Funds, hatte sich am 22. Dezember in New York umgebracht. Angeblich aus Verantwortlichkeit über den Verlust des ihm anvertrauten Geldes.
Neben solchen Tragödien, unzähligen Geschädigten und den nun folgenden strafrechtlichen Abläufen zeigt der Madoff-Betrug einmal mehr den moralischen Kollaps unseres Wirtschaftssystems. Die Auswirkungen werden zu gravierenden Veränderungen führen müssen. Das Finanzsystem, wie wir es kannten, wird es nicht mehr geben. Madoff selbst muss sich trotz Morddrohungen und Gefängnis um seine künftige gesellschaftliche "Nützlichkeit" keine großartigen Gedanken machen. Ohne ihn ist eine Entschlüsselung und Aufklärung dieses Skandals schlichtweg nicht möglich. Danach schlagt man ihn als Präsidenten der Rentenkasse vor.
Verweise:
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Photos: Jörg Frh. v. Oldershausen






























Institut für Staats-



































Klar, dass man da nichts gefunden hat. Offensichtlich versehen alle Beteiligten so wenig von Mathematik, dass sie 1,1 hoch 30 nicht berechnen können. Wenn Geld nur irgendetwas mit Ökonomie zu tun hätte, müssten eineinhalb mal so viel Menschen 17 mal so viel produzieren können. Selbst mit den gesteigerten Produktionsmitteln ist das nicht möglich, weil diese ja nur in den hochtechnologisierten Gesellschaften entsprechend stark optimiert werden könnten.
Die Geschichte ist aus den Märchen wohl bekannt. Rattenfänger von Hameln.