Wall Street letzte Woche: Was nun Amerika?
5. Oktober 2008, 10:35
[Jörg Frhr. v. Oldershausen] Die Illusion, mit einem schnellen und 700 Milliarden Dollar schweren Hilfspaket die sterbenden Kreditmärkte zum Leben zu erwecken, platzte am Montag mit einem gewaltigen Knall. Die Mitglieder des "Houses" konnten trotz Zusicherung durch "Speaker" Nancy Pelosi zu keinem Konsensus finden. Das Volk hatte seinen Unmut lautstark in E-Mails und Telefonaten kundgetan. Mehr als 95 Prozent sprachen sich vehement gegen jeglichen "bail-out" der Wall Street-Bonzen aus und die 335 Mitglieder des Hauses, welche im November zu Wiederwahl stehen, entschieden sich fűrs Űberleben und kniffen.Wall Street straft mit drastischem Kurssturz
Wall Street strafte umgehend. Der DowJonesIndex stürzte mit 778 Punkten ins Bodenlose ab. Ein Verlust von űber 1,2 Trillionen Dollar an Kapital innerhalb von zwei Stunden. Panik und Schock machten sich breit. Übermüdete Politiker mit bleichen Gesichtern und schlotternden Knien suchten unersättliche Kameras und sprachen beruhigende Worte, denen niemand mehr Glauben schenkte. Fingerzeigen, gegenseitige Beschuldigungen und Übertreibungen, die derart opportun von allen verbreitet worden waren, zeigten ihre Wirkung. Die wenigen Stimmen, die versucht hatten das Dilemma und die geplante Rettungsaktion rational zu erklären, gingen im hysterischen Gezeter unter. Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik floss die bőse Ahnung, dass dies das Ende sein könnte, wie ein kalter Schauer über den Rücken. Allen wurde klar, nur unparteiische Zusammenarbeit und bessere Erklärungen konnten diesen Zug noch vor dem Entgleisen retten.
Willkommene Atempause
Dienstag brachte mit Rosh Hashanah, dem jűdischen Neuen Jahr und Wall Street mit einer überraschenden Rally eine willkommene Atempause. Die Berichterstattung in den Medien änderte sich. "Wall Street Bail-Out" wurde nun zum "Credit Market Rescue". Plözlich wurden die möglichen Auswirkungen dieser Krise in drastischen Farben zu Papier gebracht. Banken, die keine Hypotheken geben, Arbeitgeber, die Löhne nicht zahlen können und reihenweise Arbeitnehmer entlassen müssen, Studenten ohne die Fähigkeit, Studiengebűhren zu zahlen. Als Knűller schließlich Geldautomaten (ATM), also Automaten ohne Geld. Wenn das nicht ausreichend Motivation darstellte, dann half ein Blick auf den eigenen "401K", der steuerbegűnstigten Altersversorgung. Solide geglaubte Reserven für den Ruhestand waren dramatisch geschrumpft und stellten die sorgfältige Pensionsplanung in weite Ferne. Die Auswirkungen auf "main street" und die Angst um das eigenen Wohlergehen machten sich breit. Was sind schon 700 Milliarden US-Dollar, wenn der Aktienmarkt 1,2 Trillionen innerhalb eines Tages versenkt? Und war das "Stűtzungspaket", laut Paulson nicht eine solide Investition, die dem Steuerzahler sogar Gewinn bringen würde? Die Amerikanischen Autohersteller berichteten einen Einbruch der Verkaufszahlen für September um bisher unbestätigte 27 Prozent. Unkenrufe einer neuen Depression a la 1928 stiegen im Dezibel.
Neue Hoffnungsschimmer
Der Mittwoch brachte neue Hoffnung. Die Streithähne im Kongress hatten sich auf einen neuen alten, nun jedoch verbesserten Plan geeinigt. Tatkraft und Entschlossenheit wurden suggeriert. Noch am gleichen Tage sollte es zu einer Verabschiedung kommen. Der Senat, eine Institution welcher sich mit einem Durchschnittsalter von 62 Jahren im Gegensatz zum "House" besserer Umgangsformen und grőßerer Weisheit preist, besann sich auf die alte Maxime aller politischen Bewegung: "Das Rad läuft besser, wenn man es kräftig őlt". Unsichere Kandidaten wurden mit "Earmarks", also Ausgaben zugunsten des heimischen Distriktes gekődert und da man schon einmal die Wundertűte aufgemacht hatte, durfte sich jeder bedienen. Was sind schon ein paar extra Milliarden wenn es um das Wohl der Nation geht? Gelernt hatte man auch im Verkauf der Maßnahme: "Earmarks" wurden zu "Extenders" und der unpatriotische Volksverhetzer vom Montag wurde zum lieben und geschätzten Kollegen. Mit all den "goodies" für die Wähler in der Heimat wurde das "Stabilisierungspaket" mit solider Mehrheit abgeschlossen.
Wall Street spielt eigenes Spiel
Die erste Hürde war nun gemeistert und der Ball fiel wieder in die Hände der unzuverlässigen Repräsentanten des "Houses". Gemäß Konstitution bedarf es der Zustimmung beider Kammern - dem Senat und dem Haus - bevor die Vorlage zum Gesetz erklärt und dem Präsidenten zur Unterschrift vorgelegt werden konnte. Das Gekungel ging weiter. Jeder hatte etwas, das er bei dieser letzten Gelegenheit noch unterbringen wollte, immerhin steht der Kongress vor dem Abschluss der Legislaturperiode. So war aus der ursprűnglich drei Seiten betragenden Vorlage, die der Präsident in der vorherigen Woche unterbreitet hatte, ein nun űber 400 Seiten starkes Smorgasbord angewachsen. Und Wall Street spielte sein eigenes Spiel. Runter, rauf, runter, rauf….! Citibank kauft Wachovia, nein Wells Fargo kauft Wachovia. Warren Buffet, das Orakel von Omaha, und der Messias des amerikanischen Kapitalismus kaufte sich zu äußerst günstigen Konditionen bei GE ein. GE wiederum nutzt dieses als Zeichen des Vertrauens und bittet um 12.5 Milliarden US-Dollar an Neukapital. Der hohe Liborsatz macht kurzfristige Kredite fast unerschwinglich und überall gibt es neue Hiobsbotschaften: Fortis, Bradford & Bingley, Hbos und die Aktienmärkte sind weltweit im freien Fall.
Am Horizont braut sich größeres Unheil an
Das "House" stimmte schließlich am Freitag ab. Man wollte dem Aktienmarkt Gelegenheit geben, den Pakt mit einer enthusiastischen Rally abzusegnen und fand zur Erleichterung aller eine solide Mehrheit. Dann wurde das Dokument flugs dem Präsidenten vorgelegt und dieser zeichnete den grőßten Einsatz von Steuergeldern in der Geschichte der Vereinigten Staaten zum Gesetz. Doch wer Jubel an Wall Street erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die neuen Zahlen des Arbeitsmarktes zeigten einen Verlust von 159.000 Arbeitsplätzen für den Monat September und geschätzte über 760.000 für das Jahr 2008. Dies war bei weitem schlechter als erwartet.
Fazit: Die 700 Milliarden Dollar-Rettungsaktion mag die Kreditmärkte vom Tode erwecken, und den Institutionen Mőglichkeiten verschaffen, "toxic assets" an die Regierung zu verkaufen, um sich dann zu rekapitalisieren. Doch dies ist nur ein kleiner Trost. Am Horizont braut sich ein noch grőßeres Unheil zusammen. Amerika steht vor einer Rezession und diese kann sich durchaus in erheblichem Maße weltweit ausbreiten.
Verweise:
Sozialisierung der Verluste und Aus für das System?
Amerika, wer bist Du?
Verhalten wider die eigenen Regeln
New York: Wall Street, wie wir es kannten, ist nicht mehr
Steuerzahler stemmen milliardenschwere Zeche
Gauner, Geschädigte und die BaFin
Deutsche Bank, eine Turboanleihe und die Staatsanwaltschaft
Swap-Geschäfte: Kommunen zocken, Bürger haften
Faule Swaps: Die nächste Weltfinanzkrise rückt näher
Der Meinl-Skandal und die verschwundenen Millionen
Amis - Europas gigantischer Betrugsskandal
Skandalbank in Österreich - Die Hypo Alpe Adria
Khashoggi, Hypo Group Alpe Adria und ein Prozess, der (noch?) nicht stattfand
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Söldner, Gauner, Waffen und Rohstoffe
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Photos: J. v. Olderhausen
Photo-Collage: U. Pidun


























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