Amerika, wer bist Du? Liebeserklärung an ein freiheitliches Land
22. September 2008, 08:30
[Jörg Frhr. v. Oldershausen] Wall Street flirtet mit dem Abgrund und kann nur durch massive Infusionen in die schwarzen Zahlen rücken. Renommierte Investmenthäuser werden wie schlechtes Obst angeboten. Banken suchen krampfhaft nach Liquidität, weil ihnen das Geld ausgeht. Federal Reserve und Treasury werfen Milliarden Dollar wie Wasser ins Feuer. Politiker befinden die jeweils andere Partei als schuldig und beteuern, schon immer vor dieser Krise gewarnt zu haben. Vermögen, die noch zu Anfang der vergangenen Woche solide aussahen, verschwanden Mitte der Woche wie von Geisterhand, um zum Ende der Woche – einem Wunder gleich - wieder zum Leben erweckt zu werden. Die beiden Präsidentschaftskandidaten bewerfen sich wie Kleinkinder in der Sandkiste gegenseitig mit Schmutz. Spekulanten wurden innerhalb einer Woche zu mentalen Greisen. Die Finanzwelt ist in Aufruhr, panische Angst vor einer ungewissen Zukunft macht sich breit. Und die ganze Welt schaut dem Spektakel fassungslos zu.
Was ist los mit Amerika?
Was ist nur los mit Amerika? Wer sind die Schuldigen? Die Politiker,weil sie nicht rechtzeitig mit Regulativen in das absehbare Debakel eingegriffen haben? Die Investmenthäuser, weil sie Hypotheken zu Investitionen machten und diese ohne Rücksicht auf Bonität vermarkteten? Die Banken, weil sie Hypotheken ermöglichten, die unter kritischer Betrachtung nicht vertretbar waren und diese als solide Investition an Dritte verkauft haben? Oder die Bürger, die einen Hauskauf mit “Monopoli” und reales Risiko und Geld mit Spielgeld verwechselten? Wer sind die Schuldigen? Viele Fragen mit nur einer Antwort: Wir alle sind schuldig, weltweit! Doch die Vehemenz dieser Krise wirft ein grelles Licht ganz besonders auf unser Land. Für viele Menschen in der ganzen Welt stellt sich die Frage, was Amerika so anders macht. Vielleicht kann ein Blick hinter die Kulissen und eine subjektive und anekdotische Betrachtung des "American Way of Life" aus der Sicht eines Deutschamerikaners helfen, Unerklärliches transparenter zu machen. Aus zumindest groben Erkenntnissen der Strukturen ergeben sich oft andere Erkenntnisse, als jene des einseitigen Blickwinkels. Schließlich darf und soll auch nicht vergessen werden, dass Finanzjongleure weltweit auf den Zug der maßlosen Gier aufsprangen. Sie steuerten ihren ganz eigenen Teil dazu, auf diesem Ritt auf der weltweiten Straße des "changing capitals".
Amerika umarmt Immigranten wie kein anderer Staat
Ganz gleich aus welchem Land, egal von welchem Hintergrund, sobald Immigranten die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten, fühlen sich ermächtigt. Vielleicht entspringt dies dem Gefühl, nun im Team der Starken mitzuspielen oder als Individuum zu gelten. Der Satz: "I am an American" hat nach wie vor eine besondere Bedeutung. Ob Doktor oder Gärtner, Wissenschaftler oder Putzfrau, jeder fühlt sich "spezial", jeder wird zum "Hotshot". Eben zu einer vermeintlich "very important person", ganz unabhängig davon, ob dies in irgendeiner Weise gerechtfertigt ist. Vom Zeitungsjungen zum Milliardär. Die Möglichkeit, besser die Wahrscheinlichkeit des eigenen Erfolges "destiny" wird durch ein Gefühl unerschütterlicher Zuversicht und von großem Optimismus getragen. Als Amerikaner glaubt man nicht nur an den Erfolg des American ways of Life, man beansprucht ihn. Work hard, play hard. Enjoy life, have fun. Don’t worry, be happy. Alles Slogans, die den Menschen tagtäglich wie eine Mantra durch Werbung und Medien einoktruiert werden. Wem kann man es übelnehmen, wenn diese Sprüche nach hundertfacher Wiederholung Teil der Lebenserwartung werden? Mehr und mehr steigt die Erwartungshaltung. Planungsmethoden und die Einsicht, dass nur entsprechender und langfristiger Einsatz zum Erfolg führen kann, scheinen aus der Mode. "“Instant gratification, here and now", so lautet die allgegenwärtige Devise. Ist dies nicht erreichbar, dann sind die Schuldigen schnell überall ausgemacht, nur nicht im Individuum selbst. Noch immer vermitteln Western das Klischee vom Amerikaner als dem unabhängigen und starken Einzelgänger. Jemand, der nichts von niemandem erwartet und nur auf sich selbst gestellt eine feindliche Welt meistert. In der Realität jedoch scheint jedes Bewusstsein für individuelle Verantwortlichkeit verloren gegangen. Egal wie unsinnig oder monströs die Handlung eines Individuums auch ist, es gibt immer eine Erklärung, die nur eines verdeutlicht: Nicht diese Person ist verantwortlich, es sind die Umstände, die Kindheit, die Eltern, die Armut, der Reichtum und und und...! So weit entfernt sind wir von jeder Eigenverantwortlichkeit, dass der Satz: "the devil made me do it" keinen Scherz aus einem schlechten Film, sondern nicht selten eine solide Basis für die Verteidigung darstellt.
TV und die Verdummung des Volkes
Sollte jemand von einem anderen Planeten die Spezie Amerikaner analysieren wollen und die Beurteilung auf dem basieren, was heute im hiesigen Fernsehen dargeboten wird, dann ließe das nur einen Schluss zu: Eitle, laute, unzivilisierte und ungebildete Idioten die mit nutzlosem Treiben ihr Leben und die Zeit verschwenden. Ratings bestimmen die Thematik und der Zuschauer ist Boss. Nur keine Ansprüche oder Fragen stellen. Selbst vermeintliche Dokumentarsendungen haben sich diesem Trend gebeugt. Künstlicher Hype und hochstilisiertes falsches Drama machen selbst aus dem "Leben der Bienen" einen Krimi. Alles ist schrill und alles verdummt. Natürlich werden da Ereignisse, wie etwa die derzeitige Wirtschaftskrise, entsprechend dargestellt. Analysen und balancierte Betrachtungsweisen haben da keinen Platz. Blitzschnelle Erklärungen - immer mit dem Hammer drauf - vereinfachen und mühelos die Schuldigen finden. Schnelligkeit geht über Gründlichkeit und alles mit dem nötigen "Spin" verpackt. Zur Veranschaulichung dienen einige statistische Daten, die den nachhaltigen Einfluss dieses Mediums ziemlich klar verdeutlichen:
- Nutzung des Fernsehen pro Tag in einem einen typischen US- Haushalt: 6 Stunden und 47 Minuten
- Anzahl Minuten, die Kinder pro Woche vor dem Fernseher verbringen: 1,680
- Schulstunden pro Jahr für einen Durchschnittsschüler: 900
- Fernseh-Stunden pro Jahr für einen Durchschnittsschüler: 1500
- Anzahl von Morden im Fernsehen während der Elementarschulzeit: 8000
- Anzahl von Gewaltakten im Fernsehen bis zum 18 Lebensjahr: 20.0000
- Anzahl aller Amerikaner, die Namen der “Three Stooges” benennen können: 59 Prozent
- Anzahl aller Amerikaner die zumindest drei Mitglieder des "Supreme Courts" benennen koennen: 17 Prozent
Werbung, der treue Wegbegleiter des kommerziellen TV’s, mit 30 Prozent größter Anteil des Fernsehangebots, spielt seine eigene perfide Rolle. Das Durchschnittskind sieht ungefähr 20.000 Werbespots in einem Jahr, das macht über 1,3 Millionen Spots bis zum Alter von 65 Jahren. Ist es da ein Wunder wenn der Durchschnittsbürger Werbung für Wahrheit hält und sein Leben entsprechend ausrichtet? Schon seit langer Zeit wussten schlaue Marketingexperten, dass sich Mist, wenn er nur gut und attraktiv verpackt wird, für viel Geld verkaufen lässt. Marketing ist King und erfasst jede Sparte des Lebens eines Amerikaners. So subversiv ist der Einfluss, dass selbst kritische Konsumenten dem Spiel regulär auf den Leim gehen. Jahrzehntelange Reklame für Zahnpasta haben das Bewusstsein für gesunde Zähne geprägt. Amerikanische Zähne sind heutzutage strahlend weiß, so weiß dass sie blenden. Oder Maßnahmen der Hygiene. Nur Mütterchen aus dem tiefsten Russland würden sich mit Haar unter den Armen oder - noch schlimmer - an den Beinen erwischen lassen. Und so manche Überraschung gibt es auch im ansonsten prüden Amerika, wo schon ein blanker Busen im Fernsehen zu nachhaltigen Protesten führt. Werbung darf es nicht nur zeigen, sondern es darf auch tapfer darüber geplaudert und diskutiert werden. Beispiel: Männliche Impotenz, die Werbung darf diese Kondition nicht nur ins rechte Licht rücken, sondern mit entsprechenden Pillen eine dramatische Besserung versprechen.
Bildung und Ausbildung: Mit kreative Versuchen nach ganz oben
Harvard, Yale, Princeton, Columbia: Weltbekannte Namen ehrwürdiger Institutionen, die für eine erstklassige Ausbildung stehen. Doch das ist nur das letzte Glied in der Bildungskette. Einschulung beginnt in der "elementary school" mit Kindergarten bis zum 6ten Schuljahr (6th Grade), danach Junior High (7tes und 8tes Schuljahr und High School (9tes bis 12tes Schuljahr). Finanziert werden Schulen zumeist durch Grundsteuern, den so genannten real estate taxes. Das erklärt die enormen Unterschiede in der Qualität der Schulen und führt zu oft kreativen Versuchen, die eigenen Kinder in einem besseren Schuldistrikt unterzubringen. Da wird schon mal eine Garage angemietet und als neuer Wohnsitz erklärt oder man erinnert sich einer entfernten Verwandten und quartiert sich symbolisch ein. Die Schulen haben ganz eigene Methoden entwickelt. Dazu zählt auch das Anheuern von privaten Detektiven.
In einer wohlhabenden Kommune in Long Island können pro Schüler und Jahr 20.000 Dollar ausgegeben werden, in Sullivan County, dem “upstate”in New York vielleicht nur 6000 Dollar. In den größeren Städten, wie New York City, versucht man das auszugleichen. Natürlich gibt es für jene, die es sich erlauben können, “private educations”, religioese Schulen (parochial schools) oder - sofern man die Ausbildung selbst in die Hand nehmen will - home schooling. Manche öffentlichen Schulen gehören zur absoluten Spitzenklasse. New York erfreut sich beispielsweise dreier sogenannter “specialized high schools”. Unter ihnen auch die Stuyvesant High School, die mehr Nobelpreisträger unter ihren Alumnis zeigen, als manche Staaten. Die Aufnahme an solchen Schulen basiert auf dem "merit system". Jedes Jahr beißen sich über 25.000 Bewerber die Zähne an einem Aufnahmetest aus. Nur 1800 werden erfolgreich sein.
Jeder dieser Schüler arbeitet darauf hin, an eine der Eliteuniversitäten zu gelangen (Ivy League). Voraussetzung dafür sind akademische Exzellenzen, aber auch die Fähigkeit, ziemlich horrende Studiengebühren (Tuition, etwa 50.000 Dollar pro Jahr) bezahlen zu können. So ist es verständlich, dass der Jubel über die Aufnahme in Havard oftmals nicht nur Tränen der Freude, sondern auch des Schmerzes auslösen, da der Zweitwagen oder das Ferienhaus verkauft werden müssen. Das normale College Programm (undergraduate) laeuft über vier Jahre. Danach graduiert der Student mit einem “bachelors degree” und wird in die Arbeitswelt geschickt. Nach zwei Jahren entscheiden sich viele Absolventen für das "graduate program" und legen weitere Jahre hinzu, um dann mit einem "masters degree" (Diplom) abzuschließen.
Colleges hingegen sind weitestgehend berufsspezifisch ausgerichtet. Es wird wenig Zeit mit Allgemeinbildung verschwendet, daher finden sich unter den Absolventen nicht selten hochqualifizierte Fachidioten mit einem erschreckenden Mangel an Allgemeinbildung. Viele Jahre wurde das Jurastudium bevorzugt da dies einen lukrativen Job garantierte und aufgrund der vielen Fernsehserien mit Anwaltshelden auch ziemlich "cool" erschien. Während der letzten Jahre erfreute sich die Karriere des Investment Bankers großer Popularität. Dies ging einher mir der Erwartung, bereits nach zehn Jahren Arbeit als Multimillionär in einen komfortablen Ruhestand gehen zu können. Aufgrund der aktuellen Ereignisse ist nun allerdings zu erwarten, dass eine andere Sparte an Popularität gewinnen wird.
Lesen Sie in Teil II:
Wirtschaft: Konsum ist eine Bürgerpflicht
Rechtsprechung: Klagen, klagen und nochmals klagen
Politik: Volksvertreter sind Schauspieler
Verweise:
Sozialisierung der Verluste und Aus für das System?
Amerika, wer bist Du?
Verhalten wider die eigenen Regeln
New York: Wall Street, wie wir es kannten, ist nicht mehr
Steuerzahler stemmen milliardenschwere Zeche
Gauner, Geschädigte und die BaFin
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Photos: Jörg Frh. von Oldershausen


























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