New York: Wall Street, wie wir es kannten, ist nicht mehr
23. September 2008, 23:14
[Jörg Frhr. v. Oldershausen/ New York] Die Börse stürzt ab, Lehman Brothers meldet den Bankrott an, Merrill Lynch verliert allen Stolz und die Hälfte seines Kapitalwertes und wirft sich in die schützenden Arme der Bank of America. Die Finanzmärkte geraten in Panik und schauen dieser rapide wachsenden finanziellen Schrecklawine fassungslos entgegen. Die Ereignisse überschlagen sich, alle Hoffnung auf eine Stabilisierung scheinen illusorisch und ein Ende der Misere ist kaum absehbar. Feingeölte Geldmaschine Wall Street
Hektischer Stillstand bei der feingeölten Geldmaschine Wall Street. Vieles ist im Fluss, Regierung, Federal Reserve und finanzielle Institutionen suchen krampfhaft nach Lösungen, um das Schiff Wall Street vor dem Untergang zu retten. Der Elefant im Zimmer AIG, größter Versicherer weltweit, vor dessen Kollaps alle Angst haben, sucht krampfhaft nach einer Kapitalspritze, um ein Schicksal a la Lehman Bros abzuwenden. Der Aktienmarkt gleicht einem JoJo. Weltbekannte, bislang stolze und renommierte finanzielle Institutionen gehen mit dem Hut in der Hand betteln und verscherbeln das Tafelsilber für Groschen. Liquidität ist König und schwer zu finden. Keiner traut dem anderen und vermutet unentdeckte finanzielle Leichen im Keller. Jeder versucht sich abzusichern und hält am Bargeld fest. Die feingeölte Geldmaschine Wall Street kommt zum hektischen Stillstand. Der Fed hält sich zurück, die Leitzinsen bleiben unverändert und die augenblickliche Liquiditätskrise wird sich wahrscheinlich nicht bessern – das Vertrauen fehlt.
Lehman Bros, viertgrößte Investmentbank in den USA mit einer 150-jährigen Geschichte, stürzte sich als Anleger geradezu opportunistisch in die Subprime Hypothekenkrise und wurde zum Champion der CDO’s (Collateralized Debt Obligations). Die Suche nach einem Retter mit tiefen Taschen scheiterte, nun muss es das Handtuch werfen und den Bankrott anmelden. 26.000 Arbeitsplätze und über 600 Milliarden Dollar in Obligationen – es ließ die Regierung kalt. Ein Rettungsring wurde nicht angeboten, wie es beim Zusammenbruch von Bear Stearns noch der Fall war. Was recht harmlos als "Subprime-Hypothekenkrise" begonnen hatte, scheint nun in eine fundamentale Krise des gesamten amerikanischen Finanzsystems ausgeufert zu sein.
Wie konnte das passieren?
9/11 wirkte auch hier indirekt als entscheidender Katalysator. Die große und profitable Romanze mit dem Aktienmarkt - der Dow Jones Index stieg von 3004 in 1991 auf über 11372 in 2001 – hatte sich ohnehin schon abgekühlt. Zu diesem tragischen Datum kam sie praktisch zu einem abrupten Halt. Die Federal Reserve unter Alan Greenspan hatte den Leitzins Federal Funds Rate im Mai 2000 auf sechs Prozent erhöht und im Laufe des Jahres 2001 innerhalb von neun Korrekturen aus Angst vor negativen konjunkturellen Effekten auf schließlich drei Prozent gesetzt. Er stellte nun eindeutig klar, dass der Leitzins weiterhin aggressiv reduziert werden müsse, sodass dieser am 11. Dezember 2001 dann nur noch bei 1,75 Prozent lag. Geld war auf einmal spottbillig und all die Milliarden aus Wall Street suchten nach einer neuen, profitablen Anlage – der Immobilien Bubble begann. Der Immobilienmarkt hatte sich historisch seit Ende des Zweiten Weltkrieges eines soliden und stetigen Wachstums erfreut. Nun ließ die Verfügbarkeit billiger Kredite plötzlich für viele Bürger den Traum vom eigenen Haus Realität werden. Wall Street und vor allem die Investment Banken und Hedgefunds reagierten mit kreativen finanziellen Instrumenten, um an dieser neuen “Bonanza” teilzuhaben. Schnöde Hypotheken wurden gebündelt, neu verpackt und erhielten hipe Namen wie etwa MBS (mortgage-backed securities) oder CDO (collateralized debt obligations).
Der Immobilienboom als Lokomotive
Anleger konnten diese vermeintlich durch Grundbesitz abgesicherten Instrumente kaufen und partizipierten so an den - so schien es - sicheren Zinseinnahmen ohne großes Risiko. Der Immobilienboom war geboren. Wie eine Lokomotive, die erst mühsam, dann aber unaufhaltsam in Schwung kommt und alles mit sich zieht. Billige Kredite brachten neue Käufer, neue Käufer erhöhten die Nachfrage und damit auch die Preise. Häuser wurden zur Spekulation. Begriffe wie “flippen” (Der Kauf und dann unmittelbare Verkauf bei vermeintlichem Gewinn) wurden von Putzfrauen ebenso benutzt, wie von Profis. Jeder profitierte. Die Banken vergaben Kredite in ungeahnten Mengen und Größen und wuchsen zu Giganten. Kapital gab es unbegrenzt, da die Investmentbanken immer neues Anlagekapital generieren konnten. Je mehr Kredite, je mehr Kapital. Bauunternehmer, Gutachter, Architekten, Anwälte und Baumärkte – sie alle rieben sich die Hände und die amerikanische Immobilienlokomotive geriet vollends auf Dampf. Nichts schien sie mehr zu stoppen. Solange, wie die Preise stiegen, schien selbst für den Hauskäufer kein Risiko zu existieren.
Der Subprime Mortgage Market
Die Banken dachten gleichermaßen und lockerten die Anforderungen. Kein Eigenkapital? Keine Kreditwürdigkeit? Kein Einkommen? Alles kein Problem! Wenn das Versprechen auf den schnellen Gewinn und Zuwachs als Motivation zum Kauf eines überteuerten Hauses nicht ausreichte, wurde mit kreativen Lockzinsen gearbeitet. Herkömmliche Hypotheken mit 15- oder 30-jähriger Laufzeit schienen nur für Idioten zu sein. Warum sich also quälen, wenn man den Kredit auch mit Null Prozent für das erste Jahr haben kann. Danach würde der Zins angepasst werden. Doch zu dem Zeitpunkt, so die allgemeine Weisheit, war das Haus doch schon Tausende Dollar mehr wert und man konnte refinanzieren. Der Subprime Mortgage Market war geboren. Selbst gewiefte Anleger fielen auf das Spiel herein und ignorierten das fundamentale Risiko. Im Gegenteil, je mehr Risiko je mehr Rendite und wie ein Ungeheuer aus einem billigen Science Fiction Thriller wurde das Monstrum größer und größer. Irgendwann in 2006 geriet der Immobiliensektor ins Stottern. Zu viele Häuser die Käufer suchten, Hypotheken die auf einmal von Null bis auf sieben Prozent Zinslast angezogen wurden und mehr und mehr Hauseigentümer, die nicht in der Lage waren eine solche Last zu tragen. Die Subprime Mortgage Krise war geboren und der tüchtigen Lokomotive ging der Dampf aus.
"Don’t rock the boat"
Mehr und mehr Insolvenzen führten zu rapiden Korrekturen in der Bewertung der CDO und MBS. Dies wiederum zwang die Banken, Investmenthäuser und Versicherungen zu Korrekturen in den Bilanzen. Riesige Verluste türmten sich inzwischen überall auf. Fast jede Woche eine neue Hiobsbotschaft und keine Bank schien davon ungeschoren. Die Federal Reserve trat ein. Liquidität wurde erhöht, der Leitzins gesenkt.
Banken, wie etwa Lehman Bros, sahen große Vorteile in dem desolaten Zustand des Immobilienmarktes und engagierten sich für "pennies on the dollar", im Glauben, dass die Sonne schon bald wieder scheinen würde und aus Mist Gold entsteht. Heute wissen wir, das diese Spekulation komplett in die Hose ging. Zunächst waren nur Spezialisten betroffen, die direkt im Immobilienbereich tätig waren. Dann kleinere Banken denen finanziell einfach die Luft ausging. Mit Bear Stearns fiel schließlich auch eines der renommierten Investmenthäuser der Krise zum Opfer. Die Regierung wollte proaktiv erscheinen und die Welt der Finanzen beruhigen. Mit Kreditgarantien in Milliardenhöhe nahm sie JP Morgan Chase in den Schwitzkasten und arrangierte eine Übernahme. “Don’t rock the boat” war die Devise. Ruhe und Zeit waren notwendig, doch leider nicht gegeben.
Die letzten Tage stellen unter Beweis, dass der Krebs Metastasen gebildet hatte, die inzwischen in alle Bereiche der Finanzwirtschaft hineinreichen. Zunächst waren die Investmentbanken betroffen, nun Versicherungen und Rating Agencies. Die Lokomotive Wall Street scheint führerlos und rast unkontrollierbar einer unsicheren Zukunft entgegen. Sicherlich war eine allgemeinen Korrektur dringend notwendig. Diese vollzieht sich nun in dramatischer Weise. Weitere Unternehmen werden fallen oder geschluckt werden. Realität, die der Exhuberance Platz machen musste, wird nun durch Angst und Panik ersetzt. Wall Street wie wir es kannten, ist nicht mehr.
Photo: Jörg Frh. von Oldershausen


























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