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Der SPIEGEL-Redakteur und Herausgeber der Publikation "Barschel - Die Akte" geriet 1987 auf dem Höhepunkt des Barschel-Skandals selbst in den Sumpf des Polit-Thrillers, als er den toten Politiker auffand.

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Studiengebühren: "Dort wo der Staub am dicksten ist"

7. August 2008, 13:00
Ursula Pidun im Gespräch mit:
Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg
Initiator "Eppelheimer-Modell"

dm12[Ursula Pidun] So sinnvoll eine Studiengebühr zur besseren Ausstattung von Hochschulen und Konsolidierung des Haushalts auch sein mag, für manche Studenten wird sie durchaus auch zur existenziellen Bedrohung und unüberwindbaren Hürde. Wer dann seinen Erstwohnsitz in Eppelheim hat oder dies in Betracht zieht, ist fein raus. Denn dort, im Rathaus, hat Dieter Mörlein das Sagen und entpuppt sich für Studenten und solche, die es werden wollen, als reiner Glücksfall. Mörlein, parteiloser Bürgermeister dieses beschaulichen Städtchens im Bundesland Baden-Württemberg, macht jungen Studenten mit klammen Budgets ein Angebot auf Gegenseitigkeit. Wer 60 Stunden pro Semester in gemeinnützige Arbeit investiert, muss sich um seine Hochschul-Maut nicht sorgen. Sie wird von der Gemeinde übernommen und direkt an die jeweilige Uni überwiesen.

"Eppelheimer Modell" nennt sich, was nach Bürgernähe, Vernunft und sozialem Engagement klingt. Und - nach Durchblick, Umsicht und Weitblick. Denn Mörlein betrachtet den Nutzwert aller Beteiligten und hat dabei die Zukunft fest im Blick. Und die liegt auch in der Ansiedelung junger Menschen und sichern den Standort Eppelheim. 25 fleißige Helfer sind es derzeit, die auf diese Weise das Gemeinschaftsleben bereichern und dabei sorgenfrei studieren. Dass die Baden-Württemberger "alles können, nur kein Hochdeutsch", wissen wir. Doch wie rechnet sich das Modell, wer profitiert auf welche Weise und warum gibt es bisher nur wenige Nachahmer? Wir haben nachgefragt: Im Gespräch mit Dieter Mörlein, Bürgermeister Eppelheim/Baden-Württemberg:

Seit Anfang 2007 gibt es das von Ihnen initiierte "Eppelheimer Modell". Wie genau funktioniert es?

Studenten und Studentinnen haben die Möglichkeit mit 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit bei der Stadt Eppelheim ihre Studiengebühren zu "erarbeiten". Dies bedeutet, die Stadt übernimmt die Gebühren nach Ableisten der Tätigkeit. Dabei werden die Studenten je nach Studiengang vom Kindergarten bis zum Seniorenheim eingesetzt.

Sie werden also – je nach Studienfach – auch möglichst fachbezogen eingesetzt?

Ja, genau! Beispiel: Eine Sozialpädagogin bemüht sich im Kindergarten insbesondere Migrantenkindern in der deutschen Sprache zu befähigen. In den Grund- und Hauptschulen werden die Schüler in der Mittagspause und bei den Hausaufgaben betreut. Auch werden Nachhilfestunden für schwache Schüler angeboten, kostenlos, versteht sich. Damit helfen wir den Ärmsten der Armen, die sich keine teuren Nachhilfestunden leisten würden oder könnten. Hier setzen wir Studenten der PH Heidelberg ein. In den Vereinen habe ich zudem das Programm: "Das bewegte Kind" aufgelegt. Kinder, die übergewichtig sind können sich unter Anleitung von Sportstudenten bewegen. Wir haben auch ein Programm, indem Kinder - im Grundschulalter - Schwimmen lernen. Jedes Kind das schwimmen kann, ertrinkt nicht.

Die städtischen Einrichtungen beschäftigen Studi`s. In der Bibliothek, in der Verwaltung oder in den Veranstaltungshallen helfen Studenten mit. In den weiterführenden Schulen, wie Realschule oder Gymnasium leiten Studi`s Arbeitsgemeinschaften in Chemie, Physik oder Biologie um ihr Fachwissen weiterzugeben und Defizite bei den Schülern zu beseitigen. Die Kirchen wiederum profitieren von dem Programm. Religions-Studenten helfen den Pfarrern bei der Vorbereitung zum Gottesdienst und betreuen Senioren bei den wöchentlich stattfindenden Zusammenkünften. Handwerklich Begabte erledigen schließlich Aufgaben bei der Feuerwehr und Medizinstudenten kümmern sich im Seniorenheim um die Bewohner. Sie dürfen Blutdruck messen, Essen reichen und füttern und sie begleiten die Senioren zum Friseur oder in die Stadt zum Einkaufen.

Wie wurde das Projekt von der Gemeinde aufgenommen und welche Zwischenbilanz können Sie ziehen?

Das Projekt wurde insbesondere von den begünstigten Einrichtungen sehr gut aufgenommen. In den Schulen sind die Leistungen der Schüler positiv angestiegen. Der Notenschnitt hat sich verbessert. Die Senioren sind über das Zusatzangebot sehr erfreut. Fazit: Positiv.

Ein solches Modell muss sich immer auch rechnen. Das heißt, es kann nur eine begrenzte Anzahl an Studenten pro Semester an diesem Modell teilnehmen?

Leider können wir in unserer Stadt nur 25 Studenten beschäftigen. sonst stehen sie sich gegenseitig auf den Füßen. Wir haben derzeit 15000 Einwohner. Würde jede Stadt ein solches Programm anbieten, könnten viele Studenten von ihrer finanziellen Last befreit werden.

Ich habe allerdings noch ein weiteres Modell aufgelegt, das die Zahlung der Studiengebühren für uns neutral gestaltet, eigentlich haben wir noch einen Überschuss. Wenn sich ein Bewohner mit Zweitwohnsitz in Eppelheim aufhält, bekommt die Stadt keinen finanziellen Ausgleich vom Land. Meldet er sich aber um und nimmt den Erstwohnsitz bei uns, schlägt sich das im Finanzausgleich nieder. Das können schon mal 600 Euro im Jahr mehr sein. Als Belohnung für das Ummelden bekommen die Ummelder dann ihr Semesterticket in Höhe von derzeit 105 Euro von uns bezahlt. Im letzten Jahr haben sich 65 Menschen umgemeldet, 25 Studi`s wurden beschäftigt, also ein finanzielles Plus.

Zahlen Begünstigte Gebühren für die Leistungen der Studenten oder handelt es sich hierbei um ein kostenloses Angebot der Stadt?

Für die Begünstigten – das sind beispielsweise Vereine, Kirchen und Seniorenheime - fallen keine Gebühren an, die Leistungen sind also kostenfrei. Wir finanzieren das Ganze über den Finanzausgleich. Eigentlich zahlt das Land Baden-Württemberg durch meine Aktion ihre Studiengebühren selbst. Das Eppelheimer Modell ist eine " win - win - win - Situation ".

Es gab auch ablehnende Stimmen. So spricht der USTA der Uni Karlsruhe beispielsweise davon, dass durch dieses Modell reguläre Arbeitsplätze vernichtet werden.

Es werden keine regulären Arbeitsplätze vernichtet, weil kein Mensch von 500 Euro in einem Semester leben kann. Das Argument halte ich für ein klassisches Totschlagargument. Getreu dem Gedanken: Es stammt nicht vom ASTA, also kann es gar nicht gut sein.

Die Diskussion nahm teilweise abstruse Formen an. Man sprach sogar von einer Verschleierung der negativen Folgen von Studiengebühren durch dieses Modell.

Ich kann keine Verschleierung erkennen. Mir ging es in erster Linie darum, auch dem Land zu zeigen, dass man mit ein wenig Hirnschmalz den Studenten und den Hochschulen helfen kann. Das Land und alle Kommunen haben so viele Arbeitsangebote, da könnten 70 bis 80 Prozent unserer Studierenden eingesetzt werde.

Es bringt den Studenten neben einem respektablen Stundenlohn von beinahe neun Euro auch Berufspraxis und ein Zeugnis, insofern werden Benachteiligungen, von denen der ASTA Karlsruhe spricht, nicht schlüssig.

Ein Zeugnis bekommen die Studenten zwar nicht, wohl aber Berufspraxis. Die Politik ruft doch stets nach mehr Praxis-Semester. Unser Programm ist zwar kein Ersatz für diese Forderung aber es zeigt den Studierenden auch auf, was sie nach der Uni erwarten kann. Eine Benachteiligung derjenigen, die nicht zum Zuge kommen, sehe ich nur bedingt. Der ASTA wäre gut beraten sich in allen universitätsnahen Städten für meine Idee einzusetzen, dann könnten nicht 1000 sondern 10000 Studenten Erfahrungen sammeln.

Auch die Folgen der Studiengebühren werden doch eher gemildert, und nicht – wie es der ASTA definiert - verschärft.

Die Folgen der Studiengebühren können dadurch eindeutig gemindert werden. Ich gehe einmal von folgender Überlegungen aus: Ein Vater hat zwei intelligente Kinder. Sein Verdienst beträgt 1.400 Euro pro Monat. Davon hat er noch die Miete zu bestreiten, also könnten die Kinder nicht studieren. Die Intelligenz landet in der Fabrik, wie dies vor einhundert Jahren in Deutschland der Fall war. Die Universitäten werden von " reichen Kindern " besetzt, egal ob sie das Zeug haben, um zu studieren. Auch das Argument BAFÖG kann da allein nicht greifen. Für Studenten, die darauf angewiesen sind, bleiben die Studiengebühren eine zusätzliche, kaum überwindbare Hürde. Mit dem Eppelheimer Modell schaffe ich ein klein wenig soziale Gerechtigkeit.

Welche Gründe könnte es darüber hinaus noch geben, warum ein solches Modell nicht wesentlich mehr Nachahmer findet?

Die Mitarbeiter in den großen Städten, in den Ministerien und Präsidien sind einfach zu träge, um solch ein Programm umzusetzen. Wenn die Verwaltungsspitze flexibel ist, kann dieses Modell in jeder Kommune Fuß fassen. Nur: Das ist Arbeit und die lässt man am Besten liegen, dort wo der Staub am dicksten ist!

Für die Zukunft wünschen Sie sich, dass das Eppelheimer-Modell...

Ich wünsche mir, dass das Modell dort, wo Studiengebühren erhoben werden, Anwendung findet. Wir helfen den Hochschulen, den Studenten und den Menschen, die vielleicht ohne das Modell nie in den Genuss der Hilfe gekommen wären.

Verweise:
Weitere Interviews

Photo: Pressestelle Stadt Eppelheim
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