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Nuklear-Banditen und ein Atomschmuggelprozess in Stuttgart

30. Juli 2008, 22:00
g13[Dr. Alexander Freiherr von Paleske] Vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart findet zur Zeit ein Prozess statt, dessen Hintergrund ein fast 30 Jahre bestehendes Atomschmuggelnetzwerk des Vaters der pakistanischen Atombombe, Abdul Quadeer Khan ist. Khan war allerdings nicht nur Vater der pakistanischen Atombombe, sondern auch Vorstandschef einer Nukleartechnologie-Weiterverbreitungsfirma. Zu deren Kunden gehörten Nordkorea, der Iran und Libyen. Der in Stuttgart angeklagte Gotthard Lerch soll Produktionschef im Vorstandsrang dieses Weiterverbreitungsnetzwerks gewesen sein. Da seine angeblichen Missetaten bezüglich Iran und Nordkorea jedoch verjährt sind, stehen jetzt nur noch seine angebliche Hilfestellung bei der atomaren Aufrüstung Libyens in der Anklageschrift. Es handelt sich bereits um den zweiten Anlauf, denn bereits im Jahre 2006 war Lerch in Mannheim angeklagt. Doch damals rückte die Bundesanwaltschaft nur zögerlich mit Beweismaterial heraus, der Prozess platzte. Diesmal soll alles anders werden, denn die Bundesanwaltschaft vertritt höchtpersönlich die Anklage und das vor einem höheren Gericht.

Gadaffi springt ab
Zur Erinnerung: Im Jahre 2003 wurde ein deutsches Schiff auf hoher See aufgebracht, Zielland: Libyen. An Bord befanden sich Teile zur Errichtung einer Urananreicherungsanlage. Daraufhin bekam Libyens Dikator Gadaffi kalte Füße, er befürchtete einen Einmarsch wie in den Irak und verabschiedete sich aus dem Kundenkreis des Abdul Quadeer Khan. Er ließ die Wiener Atomaufsicht IAEA ins Land und alles, was bereits vorhanden war zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen in Kisten verpacken und abtransportieren. Damit ließ Gadaffi auch gleichzeitig das ganze Netzwerk hochgehen. Khan bekam Hausarrest in Pakistan. Das Netzwerk hätte im Jahre 2005 30-jähriges „Jubiläum“ feiern können. Man möchte sich die Augen reiben. 30 Jahre? Wo waren denn die Geheimdienste? Kaum zu glauben, aber sie wussten von Beginn an alles. Unternommen wurde von den Regierungen jedoch so gut wie nichts. Doch alles schön der Reihe nach.

Die deutsche Schiene
Es beginnt auf der deutschen Seite, genauer gesagt mit Gotthard Lerch, der jetzt in Stuttgart auf der Anklagebank sitzt. Lerch fand nach seinem Ingenieurstudium eine verantwortungsvolle Tätigkeit bei der Hanauer Firma Leybold-Heraeus. Für diese Firma, Anlagenbauer und Zulieferer für die Atomindustrie, war er zuletzt als Leiter des Geschäftsbereichs „Große Metallurgie und chemische Verfahrenstechnik“ zuständig. Im Jahre 1985 stieg er jedoch bei Heraeus aus und gründete in Buchs/Schweiz seine eigene Firma die „Apparate Verfahren und Engineering AG“. Und diese AG soll ganz entscheidend bei der Produktion von Komponenten zur Urananreicherung - notwendig für den Bau einer Atombombe - mitgewirkt haben. Und es gab noch einen zweiten Mann, der in Erlangen beheimatet war. Ebenfalls Ingenieur, sein Name: Heinz Mebus.

Die holländische Schiene
Wer so global seine Atomwaffen-Technologie verhökert, kauft natürlich auch global ein. Neben der deutschen Schiene gab es also unter anderem auch die holländische Schiene. Diese beruhte auf einer alten, über 40-jährigen Freundschaft zwischen dem Holländer Henk Slebos sowie Abdul Quadeer Khan. Letzterer, der zunächst im Jahr 1961 sein Physikstudium in Westberlin begonnen hatte, wechselte dann an die Universität von Delft und traf dort auf Slebos, der Beginn der Freundschaft. Beide lebten in Rijswijk und fuhren jeden Tag zusammen zur Universität in Delft. Nach Studienabschluss und fünfjähriger Tätigkeit für die holländische Marine, startete Slebos seine Karriere bei der Firma Metal Works Holland EMWH, ein Subunternehmen der Urananreicherungsfirma URENCO. Zu Henk Slebos Aufgabenbereich gehörten auch Arbeiten am Schnellen Brüter in Kalkar/Deutschland. Im Jahre 1975 fuhren Khan und Slebos zur Fachmesse der Atomindustrie in Basel. Beide forschten danach zusammen an der super geheimen 4-M Ultrazentrifuge und bereits damals geriet Slebos durch einen Bericht des Chefs der EMWH, Nico Zondag auf den Radarschirm der Zollbehörden und der Geheimdienste. Unternommen wurde nichts. Aber auch über Khan gab es mehrere Beschwerden über verdächtiges Verhalten. Khan kehrte 1976 nach Pakistan zurück, mit ordentlichem Gepäck, wie Blaupausen von Hochleistungszentrifugen und ausgestattet mit dem bei URENCO erworbenem Wissen über die Urananreicherung.

Drehscheibe Dubai
Im Jahre 1976 wurde Slebos von EMWH gefeuert, nachdem die URENCO, beziehungsweise deren holländischer Ableger UCN, sich mehrfach bei Besuchern über dessen verdächtiges Verhalten in ihrer Firma beschwert hatte. Er tauchte in Bereichen der UCN auf, in denen er nichts zu suchen hatte. Nun startete Slebos seine eigene Firma, „Slebos Research“, die fester Bestandteil des Khan-Netzwerks wurde. Im Jahre 1977 flog er erstmalig nach Pakistan und lieferte Komponenten die für die Urananreicherung essentiell waren. Für diesen illegalen Export wurde er im Jahre 1985 von einem holländischen Gericht zu sechs Monaten Haft verurteilt. Bereits vorher hatte er versucht seinen ehemaligen Chef Zondag für die Mitarbeit an dem Atomwaffenprojekt Pakistans zu gewinnen und stellte ihm riesige Gewinne in Aussicht. Zondag lehnte dankend ab und berichtete stattdessen URENCO/UCN und diese wiederum dem holländischen Geheimdienst BVD. Dieser nahm das offenbar eher gähnend zur Kenntnis, berichtet Frank Slijper in seinem investigativen Bericht „Project Butter Factory“. Slebos kaufte daraufhin im Ausland ein, Drehscheibe: Dubai.

Die südafrikanische Schiene
Südafrika strebte zur Zeit der Apartheidsregierung in den 70er und 80er Jahren gemeinsam mit Israel danach, eine Atommacht zu werden und zündete auch eine Atombombe. Gedacht war das alles als Abschreckung gegen schwarzafrikanische Staaten und die dort erstarkenden Befreiungsbewegungen. Nelson Mandela setzte diesem Spuk mit seinem Amtsantritt im Jahre 1994 ein Ende. Gleichzeitig ging, unbemerkt von den Staatsorganen, die vornehmlich mit dem Aufbau einer „Rainbow Nation“ beschäftigt waren, ein anderer Spuk weiter: Die Produktion von Komponenten für den Bau von Atombomben, vor allem Zentrifugen zur Urananreicherung und Vakuumpumpen. Und zwar für das internationale Atomschmuggel-Netzwerks, als dessen Chef der "Vater der pakistanischen Atombombe" Abdul Qadeer Khan galt. Die Kunden: Nordkorea, Libyen und der Iran. Die Herren Gerhard Wisser, Daniel Geiges und Johan Meyer waren keine Neuankömmlinge, sie hatten über die Niederlassung der Firma Heraeus/Leybold, die schon die Apartheidregierung mit dem nötigen Rüstzeug für die Atomwaffenherstellung wie Vakuumpumpen versorgt hatte, praktische Produktionserfahrung. Doch der südafrikanische Geheimdienst kam ihnen auf die Schliche, nachdem des Atomschmuggel-Netzwerk ausgeflogen war. Wisser und Meyer gingen Deals mit der südafrikanischen Strafverfolgungsbehörde National Prosecuting Authority (NPA) ein und packten aus. Geiges zierte sich zunächst, aber er ist krebskrank und wollte nicht den Rest des ihm verbliebenen Lebens im südafrikanischen Knast verbringen. Also dealte auch er mit der NPA und packte aus. Und belastete - wie nicht anders zu erwarten war - Gotthard Lerch.

Die schweizer Schiene
Gotthard Lerch konnte jedoch angeblich nicht nur auf die südafrikanische Produktion vertrauen. Ebenfalls als zuverlässige Produzenten mit dabei waren ein Schweizer Trio: Friedrich, Urs und Marco Tinner, Vater und zwei Söhne mit ihrer Firma Traco. Dieses Unternehmen soll die von Khan an den Iran abgegebenen P1 Zentrifugen hinsichtlich der Ersatzteile auf Vordermann gebracht haben. Beide Söhne Tinners sitzen zur Zeit im Untersuchungshaft in der Schweiz ein. Ihnen soll noch dieses Jahr der Prozess gemacht werden. Aber auch Urs Tinner arbeitete - zumindest in seiner letzten Phase - mit dem CIA zusammen, ebenso wie der srilankische Geschäftsmann Buhary Tahir. Er war einstmals rechte Hand Khans und Finanzverwalter des Netzwerks.

Eine leistungsfähige Bankverbindung
Wer so intensiv geschäftlich tätig ist, braucht natürlich auch eine ordentliche und erfahrene Bank. Diese wurde in Liechtenstein gefunden, die LGT. Die LGT-Bank ist uns schon aus der Affäre mit der an den deutschen Geheimdienst verkauften CD mit deutschen Kundennamen samt deren Adressen bekannt. Der Mann am Bankschalter ist Mario Staggl. Der kümmerte sich angeblich nicht nur rührend um deutsche und US-Bürger, die steuerflüchtig waren, sondern auch um die lukrative Investierung der offenbar aus dem globalen Atomschmuggelnetzwerk geschöpften Gewinne. Staggl behauptete, total ahnungslos gewesen zu sein. Und - er war so erfolgreich für Gotthard Lerch tätig, dass Lerch ihn an einer seiner Firmen beteiligte. Fünf Firmen in Liechtenstein managte er allein für diesen angeblichen Nuklearbanditen. Zu Weihnachten tauschten beide gerne persönliche Weihnachtskarten aus. Aber auch der Südafrikaner Gerhard Wisser, der gestanden hat, Komponenten für das Nuklearweiterverbreitungs-Netzwerk auf Anforderung von Lerch geliefert zu haben, war offenbar gerne Kunde von LGT und seinem Manager Staggl. Auch dessen Gewinne investierte Staggl offenbar, ohne natürlich zu wissen, woher das Geld stammte....oder etwa doch?.

Was wussten die Geheimdienste?
Wenn das Netzwerk ein beinahe 30-jähriges „Jubiläum“ hätte feiern können, dann stellen sich Fragen. Dabei interessiert weniger, was zur Zeit vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart verhandelt wird. Dort geht es einzig um die Lieferungen an Libyens Präsident Gaddafi, der als Kunde des Netzwerks absprang. Wie sich herausstellte, hatte die US- Administration bereits 1975, als sich die Verdachtsmomente gegen Khan häuften, die holländischen Behörden gebeten, nicht tätig zu werden. Dies enthüllte der ehemalige holländische Premier Ruud Lubbers. Das gleiche wiederholte sich im Jahre 1986, als klar wurde, dass Slebos der Zulieferer für das pakistanische Atombombenprogramm war. Auch hier kam wieder die Bitte der US-Administration, keine Verhaftungen vorzunehmen. Die holländischen Behörden verlegten sich dann darauf, Slebos bürokratische Knüppel zwischen die Beine zu werfen - allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Es wurden immer Exportlizenzen für Lieferungen von Slebos verlangt, die nach Antragsstellung dann selbstredend abgelehnt wurden. Slebos kaufte daraufhin im Ausland ein. Drehscheibe diesmal: Dubai. Von Interesse ist vielmehr und im Besonderen die iranische Schiene, die auf das Jahr 1987 zurückdatiert ist und damit strafrechtlich irrelevant wurde, da mögliche Straftaten nach deutschem Recht verjährt sind. Was uns besonders interessiert: Was haben die Geheimdienste CIA, MI6 und BND von dem Aufbau des pakistanischen, beziehungsweise iranischen Atomprogramms gewusst?. Seit wann haben sie es gewusst und vor allem was wurde nach Erkenntnisgewinnen unternommen? Diese Frage drängt sich auf, weil bei der Lieferung von chemischen Massenvernichtungswaffen in den Iran - in diesem Falle Sarin und Senfgas in den 90er Jahren - sowohl der britische Geheimdienst MI6, wie der israelische Geheimdienst Shin Bet, als auch offenbar der Bundesnachrichtendienst BND ihre Finger im Spiel hatten. Gilt dies ebenso für das iranische Atomprogramm? Wurde nichts unternommen, weil man Gründe für einen Angriff auf den Iran suchte? Immerhin kaufte Israel bereits im Jahre1996 Langstreckenbomber, weil die Reichweite der vorhandenen Luftflotte für einen Angriff gegen den Iran nicht ausreichte. Mit anderen Worten: Wurde auf einen Angriff gegen den Iran hin gearbeitet unter dem Vorwand des Besitzes von chemischen und atomaren Massenvernichtungswaffen?

Blick zurück auf die iranische Kundenverbindung
Im Jahre 1987 traf offenbar Gotthard Lerch erstmals mit dem Iraner Masud Naraghi zusammen. Naraghi, der in den USA Laser-und Plasmaphysik studierte und ann bei der NASA arbeitete, kehrte schließlich noch zu Schah-Zeiten in den Iran zurück und wurde dort Chef der nationalen iranischen Atomenergiekommission. Naraghi interessierte sich bei seinen Besuchen in der Schweiz für Komponenten zu konventionellen Waffen, aber natürlich auch für die Komponenten zur Herstellung von Atomwaffen. Und hier konnte Lerch angeblich gegen viel Bares behilflich sein. Wie Yossi Melman und Meir Javedanfar in ihrem Buch „The Nuclar Sphinx Of Tehran“ schreiben, hatte Ayatollah Khomeini das von den USA unterstützte Atomprogramm des Schah zunächst eingestellt, Atomwaffen wurden als Teufelszeug des Westens gebrandmarkt. Diese Haltung änderte sich im Laufe der Zeit, nachdem der Irak 1980 den Iran angegriffen hatte und dabei auch chemische Massenvernichtungswaffen zum Einsatz brachte, ohne dass dies größere Proteste in der westlichen Welt ausgelöst hätte. .

1992 lief Naraghi zu den USA über, die Mullahs misstrauten ihm wegen seiner früheren Tätigkeit sowohl für die NASA als auch später für den Schah und er befürchtete das gleiche Schicksal zu erleiden, wie beispielsweise die in den USA ausgebildeten Piloten der iranischen Kampfflugzeuge, von denen viele als angebliche „Spione des Großen Satans“umgebracht wurden. Und Naraghi packte aus. Damit waren die USA bestens und genauesten über den Stand des iranischen Atomprogramms informiert. Eine Weitergabe der Informationen an die internationale Atomenergiebehörde IAEA in Wien unterblieb jedoch. Diese Behörde hätte, gestützt auf diese Informationen, gezielt tätig werden müssen und hätte zu diesem Zeitpunkt das Programm zur Entwicklung von Atomwaffen stoppen können, wie IAEA Vize-Direktor Olli Heikonen erklärte. Die USA waren natürlich auch bestens informiert, ob und welche Rolle Lerch und Khan in diesem Netzwerk spielten und dass Pakistan nicht nur an einem Atombombenprogramm bastelte, sonder auch gebrauchte Zentrifugen P1 samt Blaupausen gegen Bares an den Iran weiterreichte. Man hätte wohl erwarten können, dass Lerchs Laden zugemacht würde, so er denn die Komponenten lieferte oder aber die Lieferung über andere Firmen organisierte. Doch es passierte nichts.

Henk Slebos und Heinz Mebus
Es sollte jedoch noch schlimmer kommen. Der CIA in Zusammenarbeit mit dem MI6 und dem BND überwachte zwei weitere prominente Helfer in diesem Netzwerk, den Niederländer Henk Slebos und den Deutschen Heinz Mebus, sozusagen auf Schritt und Tritt. Der Mossad ließ schon einmal im Jahre 1980 eine Bombe im Vorgarten von Mebus Grundstück hochgehen, aber der Hund hatte sich damals an dem Bombenpaket zu schaffen gemacht, das für sein Herrchen bestimmt war. Daraufhin flog der unbeteiligte Hund in die Luft. Unternommen wurde von den beteiligten Regierungen, für welche die Geheimdienste tätig waren, ansonsten nichts. Auch der britische Geheimdienst MI6 war über den mit ihm verbundenen Geschäftsmann Peter Griffin und seine Firma „Gulf Technical Industries“, die ebenfalls Khan belieferte, bestens informiert – die britische Regierung unternahm ebenfalls nichts. Griffin lebt heute in Südfrankreich, unbehelligt versteht sich.

Fazit:
  • Mindestens drei Geheimdienste, die über fast 30 Jahre das Treiben des Handels mit nuklearer Waffentechnologie beobachtet haben
  • Regierungen, die bestens informiert waren, aber nichts unternahmen
  • Eine internationale Behörde, hier die IAEA, die nicht die nötigen Informationen erhielt
  • Eine Justiz, die keine ordentlichen Prozesse durchführen konnte weil Beweismaterial - wie in den Strafprozessen gegen Lerch in Mannheim und Köln - zurückgehalten wurde
Was ist all dies anderes als ein handfester Skandal? Vor allem aber stellt sich die Frage, was wurde damit beabsichtigt? Darauf wird auch der Prozess in Stuttgart keine Antwort finden.

Verweise:
Nuklear-Banditen und ein Atomschmuggelprozess in Stuttgart
Iran, knapp am Krieg vorbei?
Giftgas und Milliardenbetrug - auf den Spuren des Moshe Regev
Der Iran, das Atomprogramm und Ahmadinejad
Interview mit Alexander Freiherr von Paleske
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