Anne Will und die Pressefreiheit des Friedbert Pflüger
3. Juni 2008, 11:11
[Ursula Pidun] Pressefreiheit ist in Deutschland nicht nur ehernes Gesetz, sondern auch im Grundgesetz verankert. Der CDU Fraktionsvorsitzende in Berlin, Friedbert Pflüger, sieht es indes anders und fordert die ARD auf, Anne Wills sonntägliche Talkshow abzusetzen. Pflüger ist nicht nur irgendein Politiker, der uns "missionarisch-ideologische" Argumentationen zumutet, wenn er in grundgesetzlich verbriefte Rechte eingreifen will. Vielmehr ist er auch Mitglied des Rundfunkrates des rbb Berlin und will sich als solcher für die Ablösung dieser Talkshow einsetzen. Denn Pflüger ist verärgert, sehr verärgert sogar und unterstellt der Moderatorin, die Sendung mit "Halb- und Unwahrheiten" und "bewusster Verzerrung von Sachverhalten" angereichert zu haben. Dabei bezieht er sich auf einen Einspieler, in dem behauptet wurde, die rot-rote Koalition in Berlin habe 2001 von der Großen Koalition 60 Milliarden Euro Schulden "geerbt". Richtig sei jedoch, dass die Verschuldung Berlins "von 38,5 Milliarden Euro im Jahr 2001 auf 61 Milliarden Euro bis zum heutigen Zeitpunkt" angestiegen sei. Auch eine Anmoderation Wills zu Beginn der Sendung ließ wohl den Kamm des Politikers schwellen. Will begrüßte den amtierenden Bürgermeister Berlins und Chef einer rot-roten Koalition Klaus Wowereit mit den schmeichelnden Worten "dass man mit der Linkspartei erfolgreich Politik machen kann". Pflüger benennt schon einmal einen möglichen Nachfolger. Frank Plasberg soll künftig hart aber fair Anne Wills Stuhl einnehmen. Er habe "das Zeug zu harten, aber fairen Fragestellen, da kommt der Journalismus nicht missionarisch-ideologisch daher". Soviel Medien -und Talkrundenkompetenz lässt gar nicht erst die Frage aufkommen, ob sich Pflüger nicht etwas zu weit aus dem christlich-demokratischen Ideologienfenster hängt. Bei rot sieht Pflüger eben rot, da gibt es sozusagen schon reflexartig ein Flügelschlagen. Wer dann als Politiker glaubt, Kraft ausgestatteter Kompetenzen, die er in Wahrheit gar nicht besitzt, ARD-Talkshows plätten zu dürfen, verrennt sich schnell in Verzerrungen von Sachverhalten. Denn weder rbb noch Pflüger haben mit Anne Will irgendetwas zu tun. Die Will-Talkshow ist eine Sendung des NDR. So wird es bei einem Eigentor bleiben, denn ein solches Verhalten beschädigt weniger die Moderatorin, denn den mit geballter Medienkompetenz ausgestatteten Talkshow-Profi der CDU. Ohnehin geht es hier nicht um den Rechen- und/oder Recherchefehler einer Journalistin und einer Wirtschaftsredaktion, die keine ist, sondern um die nackte Tatsache, dass ein Politiker Medien steuern will. Im Wettlauf um die effektivste Werbepräsenz zum besten Sendetermin der Woche sind ihm die tiefroten Genossen schlichtweg zu gut weggekommen. Nun lässt er inakzeptable Muskeln spielen.
Eine ganz andere Sache ist die Frage des Formats. Nein, nicht jenes des Friedbert Pflüger, sondern der sonntäglichen ARD-Talkrunde an sich. Man hatte nach Christiansen die Chance auf etwas ganz Neues, Frisches, Prickelndes und Spannendes. Statt dessen knüpfte man nahtlos an eine zähe, nicht selten tatsächlich stark Ideologien- geprägte Langweiler-Show an. Mit Anne Will kippt die Qualität noch drastischer. Biss, Mut und in Teilen auch Kompetenz, Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit, eine Gesprächsrunde so zu leiten, dass die Gäste im Mittelpunkt stehen und der Moderator unaufdringlich für einen kompetenten Ablauf sorgt, versteckt sie gekonnt. Und sie wiederholt sich mit einstudierten Floskeln, die von "schön, dass Sie da sind" bis "es war heute eine ausgesprochen spannende Runde" reichen und den Zuschauern allenfalls ein müdes Lächeln am späten Abend abringen und die ansonsten fällige Schlaftablette ersetzen. Da bringt auch das abgeschottete Verlierer-Sofa keinen frischen Wind ins Geschehen. "Die da oben" gegen "die da unten" - das sind Schlachten von gestern, out und passé, allenfalls brauchbar für Stammtischrunden.
Könnte der von Pflüger bereits zum Nachfolger gekürte Plasberg das Schiff noch vor dem Untergang retten? Wohl kaum, denn Talkshows in Deutschland sind inzwischen nicht viel mehr, als dem Zuschauer aufgezwungene Werbeveranstaltungen für Politiker. Und so gähnt sich der brave deutsche Bürger durch eine Talkshow-Woche mit Maischbergers, Plasbergs, Illners und Wills, die er gar nicht will. Und er freut sich, dass er einfach abstellen kann. Die Talkshows, versteht sich, die anfallenden GEZ-Gebühren leider nicht.
Photo: Screenshot www.annewill.de


























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