Heinrich Steinfest "Haischwimmerin" - ein kriminalistisches Kunstmärchen
27. November 2011, 12:19
[Gunter Göckenjan] Eine unterirdische Verbrecherrepublik, ein Baumflüsterer und Nutzholzversteher, ein unglaublich dicker und unverwundbarer Detektiv, der wie ein Heiliger verehrt wird, seine elegante, immer bestens gekleidete Kollegin, dazu ein reiches Ensemble von kurz mal vorbeischauenden Personen, wie beispielsweise der Samurai mit Polizeiaufgaben, eine Freifrau und Freidenkerin, ein Professor der Telekommunikation, der ganz ohne Hardware arbeitet, sowie seine stumme Tochter, die nicht nur magische Suppen zusammenbrauen kann… Hier kann es nur um ein Buch von Heinrich Steinfest gehen.
Der neue Steinfest heißt "Haischwimmerin" (Piper Verlag, 2011), und er gehört zu den besten Romanen des Autors, der noch keinen schlechten geschrieben hat. In seinem neusten Streich hat der größte lebende, deutschschreibende Literaturphantast ein Happy End hingelegt, das wie ein Hollywoodmärchen im Zerrspiegel schimmert. Da wird nicht nur ein wunderbar spinnerter Kriminalfall gelöst, der doch kaum ein Krimi ist, die Welt gewinnt auch wieder ihre Farbigkeit zurück. Eine stumme Frau findet ihre Sprache wieder und ein kleiner Junge eine Familie. Auch das Wetter lässt keine Wünsche offen. Dazu trägt Spirou eine rote Mütze. Nein, eine derart zügellose Anhäufung von Wohlfühl-Erfindungen, das würde sich selbst Hollywood nicht trauen, und das ist auch gut so. Denn ohne ein höchstes Maß von verspielt-ironischer Intelligenz kann das nur in die Hose gehen. Die heiter-wilde Verletzung aller Geschmacksimperative (und Genreregeln) verlangt nicht nur Mut und Mutwillen, sondern auch einen kühnen Geist. So etwas sollte sich nur ein Autor wie Heinrich Steinfest trauen.
Bei Steinfest hat die Autorität des Handlungsverlaufs keine Chance. Seine Romane sind antiautoritäre Erzählungen. Da werden auch strenge Gebote verletzt, wie das Dogma, dass der Kriminalroman spannend - Verzeihung: hochspannend - zu sein hat. Bewusst brechen Steinfests Romane Regeln und überschreiten (Genre-)Grenzen, (zweifellos auch) um nicht einen der vielen irre interessanten und aufregend irren Einfälle jenseits der intellektuellen Einzäunungen zu übersehen. So gibt es dann große Gedanken als kleines Nebenbei und auch witzige Beobachtungen und ungewöhnliche Überlegungen. (Ein Beispiel? Hier: "Das Make-up in ihrem Gesicht hatte eine ähnliche Funktion wie die kleinen Texttafeln neben Gemälden, die einem beschreiben, was man da sieht, wer es wann und womit gemalt hat und wieso es hier hängt und nicht beim Sondermüll gelandet ist. Die Schminke erklärt somit die Bedeutung dieses Gesichts, gewissermaßen seinen Rang in der Kunstgeschichte.")
Das gar nicht so kleine Wunder der "Haischwimmerin" besteht darin, dass trotz erzählerischer Umwege und intellektueller Ausflüge ein gradliniger Erzählstrom und ein beachtlicher Spannungsbogen entstehen. Selten erzählt Steinfest seine Geschichten so ökonomisch. Das scheint umso erstaunlicher als er seinen Roman hier dreiteilt in ein Stück über die Vergangenheit, eins über die Gegenwart und eins über die Zukunft.
"Die Haischwimmerin" erzählt die Geschichte der Lilli Steinbeck weiter („Die feine Nase der Lilli Steinbeck“; Piper, 2007). Es beginnt mit dem "Was vorher geschah", was auf Fernsehdeutsch "Prequel" heißt. Hier erfahren wir etwas über ihr frühes Liebesleben und darüber warum die abenteuernde Polizistin sich für diesen Beruf entschieden hat, schließlich auch wo ihre auffällig derangierte Nase herkommt und was sonst noch so alles in der Vergangenheit passiert ist. Hier begegnen wir auch Ivo Berg, der nach der Trennung von Lilli Baumpsychologe wird. Im Mittelteil des Romans reist der Baummeister im Auftrag eines Pharmaunternehmens in den Osten Russlands um dort einen Baum mit zauberhafter Wirkung zu finden. Im dritten Teil, das Sequel zum ersten Lilli-Steinbeck-Roman, finden sich die Hauptdarsteller in der unterirdischen Verbrecherrepublik wieder und lösen alle Rätsel, Rätsel, von deren Existenz vor Steinfest niemand etwas wissen konnte. Ein Buch für alle die wissen, dass Intelligenz und Vergnügen zusammen gehören.
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