Amis – Europas gigantischer Betrugsskandal
10. Juni 2008, 10:00
[Dr. Alexander Freiherr von Paleske] 16.000 Geprellte, die Mehrheit in Österreich aber auch geschätzte 4000 in Deutschland, darunter viele, die ihre Lebensersparnisse verloren haben - das ist die traurige Bilanz eines weiteren Finanzskandals, der von Österreich seinen Ausgang nahm und sich bis nach Osteuropa ausbreitete. Mit einer Schadenssumme:von 165 Millionen Euro handelt es sich um einen dritten großen Finanzskandal, der sich zwischen den BAWAG - und Hypo- Group-Alpe-Adria-Skandalen abspielte und durch zahlreiche Querverbindungen auffällt. So hat alles begonnen
Im Jahre 1991 kam Dagmar Partik-Wordian, Ehefrau des damaligen BAWAG Vorstands Gerhard Partik auf die zündende Idee, eine Vermögensberatungsgesellschaft namens "Asset Management Investment Services GmbH" (AMV) zu gründen. Was lag da näher, als zunächst einmal Geschäfte mit der BAWAG zu machen, zumindest bis 1997, als die flotten Flöttl-BAWAG-Karibik Geschäfte zum ersten Mal in der Presse erwähnt wurden. Also wurde die BAWAG ausgeladen, stattdessen hievte Vorstandsgattin Dagmar die in der Finanzwelt völlig unbekannten Herren Dietmar Böhmer und Harald Loidl an Bord. Sie mischten fortan in ihren Funktionen als Geschäftsführer der AMV den Laden so richtig auf. Solange, bis sozusagen nichts mehr mit rechten Dingen zuging. Im Jahre 1999 übernahmen sie die AMV GmbH mit seinem guten Kundenstamm komplett. Von da an gab es offenbar kein Halten mehr.
Zwei Gesellschaften, ein Betrug
Die neuen Strippenzieher machten aus der alten Gesellschaft AMV zwei neue:die "AMIS Financial Consulting AG" sowie die "AMIS Asset Management Investment Services AG". Zielgruppe waren Bezieher mittlerer Einkommen, also Kunden, die von ihren monatlichen Einkünften etwas zurücklegen konnten, beispielsweise für den Lebensabend. Um diese Ersparnisse sollten sie nun erleichtert werden.
Der Trick war immer der gleiche. Über Akquisiteure wurden den in finanziellen Dingen Unbedarften klargemacht, dass die Rückflüsse ihres Kapitals lachhaft gering seien und sie ihre Anlagen damit entwerten. Die lachenden Dritten seien nur die Banken, hieß es. Dass ein solcher Betrug über fast sechs Jahre bis zum Konkursverfahren über beide Firmen im November 2005 laufen konnte, hing mit dem ausgefeilten System der Betrüger zusammen: Denn wer aussteigen wollte, bekam seine Gewinne ausgezahlt und das sprach sich schnell herum. Warum also auszahlen lassen, wenn man doch scheinbar sicher Gewinne machen konnte. Die Auszahlungen der Gewinne wurden jedoch jeweils aus den Einnahmen der weiter zahlenden Kunden vorgenommen - ein Pyramidensystem also, von einem soliden Investment konnte keine Rede sein.
Eine Bank in Luxembourg
Investiert wurde alles in sogenannte SICAV-Fonds und Vario Investment Fonds, welche wiederum von der AMIS verwaltet wurden. Von diesen Fonds wurde dann das Geld an Scheinfirmen in den Bahamas, Liechtenstein und Florida überwiesen. Deponiert wurden diese "Zertifikate" bei zwei Banken in Luxemburg, der Investment Bank Luxembourg S.A. (IBL) und der Banque Colbert. Die Banque Colbert ging pleite doch deren Geschäftsführer, Sylvain Imperiale und Yves Bayle hatten sich rechtzeitig samt allem Zugehörigen in die IBL abgesetzt. Die IBL wurde Ende 2004 in Sella Bank Luxemborg S.A. umbenannt. Damit wurde deutlich, wer hinter der Bank steht, nämlich die Banco Sella in Italien, eine der größten Privatbanken dort und mittlerweile global tätig.
Die Finanzaufsicht in Luxemburg schlägt zu
Wegen Ungereimtheiten bei der Bewertung der Fonds durch die IBL setzte die Luxemburger Finanzaufsicht am 4.3. 2004 mit sofortiger Wirkung den Handel mit den Dubiosa aus. Und sie benachrichtigte die österreiche Finanzaufsicht FMA, die sich allerdings offenbar für nicht zuständig hielt. Dies sei wohl ein belgisches Problem, glaubte man. Doch erst acht Monate später reiste man nach Belgien, um sich näher zu informieren und erst elf Monate später schlug die FMA endlich zu. Bis zu diesem Zeitpunkt konnten die Gaunereien ungeniert weitergehen, auch in Deutschland.
Raoul Berthaumieu, die IBL und eine Kokain-Luftlinie
Die Querverbindungen zur BAWAG haben wir schon erwähnt, doch auch zur Hypo-Alpe Skandalbank gab es interessante Berührungspunkte. Raoul Berthaumieu, alias Raoul Berthamieu, alias Lee Sanders war bei der IBL durchaus ein alter Bekannter. Er war im Jahre 1992 in den USA wegen Scheckbetrugs zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden und tauchte mit einer teils vorbestraften Crack Crew, die auch Adnan Khashoggi, Rakesh Saxena, Sherman Mazur und Regis Possino umfasste, im Jahre 2000 bei der "General Commerce Bank" in Wien auf und verwandelte sie in ein Zentrum des internationalen Aktienbetrugs. Die Hypo-Alpe gewährte Berthaumieu gerne und reichlich Kredit und der damalige Vorstand der Hypo-Alpe, Dr. Wolfgang Kulterer bezeichnete den einschlägig vorbestraften Berthumieu als seriös, er habe sich das von der Polizei bestätigen lassen. Offenbar war Berthaumieu aber der Luxemburger Polizei nicht seriös genug, denn sie verhaftete ihn kurzerhand im November 2004 wegen angeblicher Geldwäsche im Zusammenhang mit dem Skandal um die Air Holland, besser benannt als der "Fliegende Kokain-Holländer".
Die Luftlinie Air Holland
Diese Fluglinie wurde 1984 von einem Niederländer namens John Block gegründet. Die Airline bediente Routen nach Afrika, Asien und in Mittelmeerländer und operierte als Billig-Fluglinie mit insgesamt acht Boeing-Maschinen. Allerdings konnte die Linie wohl nie ordentliche Gewinne abwerfen und war 1999 finanziell am Ende. Nun startete eine neue Crew von Investoren und prompt geriet die Luftlinie in negative Schlagzeilen. Piloten sollen angeblich gerne zu Marihuana gegriffen haben. Das wirkte sich nicht gerade positiv auf den Ticketverkauf aus, wer fliegt schon gerne mit einem zugedröhnten Piloten. So ließ sich am 25 März 2004 der Pleitegeier auf dem Frimenlogo nieder, die Firma ging in Konkurs. Es stellte sich heraus, dass sich die Firma offenbar durch Kokainverkauf finanziert hatte. Das rief im November 2004 die Polizei in den Niederlanden auf den Plan. Sie verhaftete gleich sieben Personen, darunter auch den ehemaligen Air Holland Vorstandsvorsitzenden Cees van D, der allerdings vor zwei Wochen freigesprochen wurde. Ihm konnte man nicht mit letzter Sicherheit Kenntnisse darüber nachweisen, dass es sich um gewaschenes Drogengeld handelte, was da auf den Konten der Air Holland landete. Das Kokain war angeblich anfangs mit den Fliegern der Air Holland eingeflogen worden, später gelangte es per Schiff zu den Adressaten. Eine der Ladungen von 600 kg Kokain wurde im Rotterdamer Hafen aufgespürt, versteckt in einem Container zwischen Kaffeesäcken.
Verhaftungen auch in Luxembourg
Doch auch in Luxemburg schlug die Polizei zu. Denn das Drogengeld musste in den Bankenkreislauf gelangen und da bot sich der Finanzplatz Luxemburg mit seinem Bankgeheimnis an. Insgesamt wurden vier Banken zur Deponierung des Geldes ausgewählt, darunter auch die Investmentbank Luxembourg. Die Polizei nahm vier mutmassliche Vermittler der Verbankung des Drogengeldes fest, daunter einen belgisch-kanadischen Finanz-Jongleur, der schon im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der General Commerce Bank auf sich aufmerksam mache. Er wurde vom ehemaligen Vorstand der österreichischen Hypo-Alpe-Adria Bank, Wolfgang Kulterer seinerzeit als seriös bezeichnet. Raoul Berthaumieu und zwei Franzosen wurden verhaftet, angeblich leitende Mitarbeiter der IBL.
IBL und Berthaumieu
Mglicherweise machte Berthaumieu auch weitere Geschäfte zusammen mit der IBL, später Sella Bank. In einem Zivilprozess, den Rakesh Saxena gegen einen weiteren vorbestraften Gauner namens Tariq Ahmad in den USA anstrengte, trug er vor, von Berthaumieu und seiner damaligen Frau, der belgischen Anwältin Sylvie Sainlez sowie der IBL hereingelegt worden zu sein. Gleiches behauptete auch Tariq Ahmed in einem Prozess, den er in Nevada gegen die IBL, Berthaumieu und Sylvie Sainlez anstrengte.
Russenmafia bei der IBL?
Doch auch sonst brauchte sich die IBL/Sella Bank über mangelnde Aufmerksamkeit in der Presse nicht zu beklagen. Die Bank, deren Firmengeschichte sich bis in das 16 Jahrhundert zurückverfolgen lässt, gestattete russischen "Geschäftsleuten" - unter ihnen auch der Milliardär Arcady Gaydamak - ein wenig Geld auf der Sella Bank in Luxemburg zu deponieren. Geld, dessen Herkunft angeblich nicht ganz hasenrein war. Dies veranlasste die zuständige Bankenaufsicht, dortige Konten einzufrieren. Der Milliardär Gaydamak wird in Frankreich steckbrieflich gesucht und hält sich vorwiegend in Angola und Israel auf. Angola hatte er 1993 illegal Waffen im Werte von 800 Millionen US Dollar unter Verletzung eines UN Waffenembargos verkauft. Dieser Skandal, das sogenannte Angolagate, in den angeblich auch der Sohn des ehemaligen franöesischen Staatspräsidenten Mitterand verwickelt verwickelt sein soll, wird noch in diesem Jahr vor Gericht verhandelt.
Was wurde aus den Betrügern?
Die Betrüger setzten sich nach Venezuela auf die Ferieninsel Margarita ab, wurden jedoch aufgestöbert, ausgeliefert und vor Gericht gestellt. Böhmer und Loidl wurden wegen schweren Betrugs und Untreue zu jeweils fünfeinhalb Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Die Geschädigten klagen indes nun in verschiedene Richtungen. Zum einen gegen die Finanzaufsicht in Österreich wegen Amtspflichtverletzung und zum anderen gegen die Sella Bank wegen Verletzung der Pflichten einer Depot-Bank. Bis diese Prozesse jedoch durch alle Instanzen gegangen sind, dürften einige der Geschädigten bereits verstorben sein.
Verweise:
Skandalbank in Österreich - Die Hypo Alpe Adria
Khashoggi, Hypo Group Alpe Adria und ein Prozess, der (noch?) nicht stattfand
Die BAWAG: Es war einmal eine Arbeiterbank in Wien
Marko Perković und die Hypo-Alpe- Adria Bank
Söldner, Gauner, Waffen und Rohstoffe
BayernLB: Das dicke Ende kommt erst noch
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Photo: pixelio.de


























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