Neue Affäre um umstrittenes Diabetes Medikament Avandia
1. Februar 2008, 08:02[Dr. Kira Welter] Das Medikament Avandia® (Rosiglitazon) wird bei Diabetes mellitus vom Typ 2 in Form von Tabletten eingesetzt. Doch seit der Veröffentlichung einer belastenden Studie am 21. Mai 2007 verkauft sich der "Bestseller" des britischen Arzneimittelherstellers GlaxoSmithKline (GSK) nicht mehr so gut. Im dritten Quartal 2007 sanken die Umsätze des Konzerns weltweit um 38 Prozent, in den USA sogar um 48 Prozent. Der Grund: Der ehemals populäre Blutzuckersenker steht im Verdacht, das Herzinfarktrisiko von Diabetikern zu erhöhen.
Geheimhaltungspflicht verletzt
Nur zwei Wochen nach der Publikation der kritischen Studie im renommierten "New England Journal of Medicine" (NEJM) erschien eine von GSK geförderte Gegenstudie, die zu ganz anderen Resultaten führte. Das Magazine Nature berichtete in seiner Ausgabe vom 31. Januar 2007, dass einer der Gutachter von NEJM die Geheimhaltungspflicht nicht nachgekommen ist und eine Kopie der kritischen Studie schon vor der Veröffentlichung an einen GSK-Mitarbeiter geschickt haben soll. Dadurch konnte der Pharmakonzern die Gegenstudie schneller veröffentlichen.
Branchenschreck der Pharmamanager
Der US-Kardiologe und frühere Berater der US-Gesundheitsbehörde Steven Nissen von der renommierten Cleveland Clinic gilt mittlerweile als Branchenschreck vieler Pharmamanager. Bereits 2002 - zwei Jahre bevor das Schmerzmittel Vioxx® des US-Konzerns Merck & Co vom Markt genommen wurde - hatte der berühmte amerikanische Arzt vor den tödlichen Risiken des Medikaments gewarnt. Bereits im Jahr 2000 hatte es erste Hinweise auf die Risiken gegeben. Im Mai 2007 publizierte er im NEJM die Ergebnisse einer weiteren Studie. Die Resultate belasteten dieses Mal das Medikament Avandia® vom britischen Konzern GSK. Bei einer Auswertung von 42 Arbeiten, hatten Nissen, der 2007 in die von Time Magazine geführte "Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt" aufgenommen wurde, und seine Mitautorin Kathy Wolski ein um 43 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko (bei einer Einnahmezeit von über 24 Wochen) beobachtet. Daraufhin stellte die FDA eine Sicherheitswarnung für Avandia® aus. Im November 2007 musste der Hersteller der Aufforderung der Arzneimittelbehörde nachkommen und zusätzliche Informationen in die Black-Box-Warnung der Verpackung hinzufügen. Der Aktienkurs von GSK sank um 13 Prozent.
Belastende Studie vorzeitig im Umlauf
Doch die Firma war schon vorbereitet. 17 Tage vor der Veröffentlichung der belastenden Studie hat ein Mitarbeiter von GSK ein wichtiges Fax erhalten. Der Absender: Dr. Steven Haffner, Diabetes-Forscher an der University of Texas Health Science Center in San Antonio. Im Rahmen des Peer-Review-Prozesses sollte Haffner das Manuskript lediglich (vertraulich) begutachten. Doch er entschied sich anders und schickte Alexander Cobitz eine Kopie des Artikels. Er kannte den GSK-Mitarbeiter Cobitz von früher, als sie zusammen eine Klinikstudie für Avandia® durchgeführt hatten. Über die Gründe für sein unethisches Verhalten äußerte sich Haffner nur vorsichtig. "Es ist mir ein Rätsel, warum ich das geschickt habe", sagte er der Zeitschrift Nature. "Ich verstehe es nicht. Mir ging es nicht gut. Es war eine falsche Entscheidung".
Finanzielle Anreize?
Nancy Pekarek, Sprecherin von GSK, behauptet der Pharmakonzern habe dem US-Forscher keinerlei Belohnung für diese Information angeboten. Auch Haffner bestreitet ein finanzielles Interesse hinter seiner Tat. "Ich habe genug Geld. Ich habe es nicht getan, um meine Einkünfte zu erhöhen." Dennoch verlangte US-Senator "Chuck" Grassley am Mittwoch eine detaillierte Beschreibung des Vorfalls seitens des Unternehmens. Tatsache ist, die britische Firma hat in der Vergangenheit oft genug zum finanziellen Wohlstand des Mediziners beigetragen. So gehörte Hoffner beispielsweise zum Leitungskomitee einer GSK-geförderten Klinikstudie für Avandia®. Außerdem hat der US-Forscher zahlreiche Vorträge für die Firma gehalten. Die genaue Summe seiner Honorare wollte Haffner aber nicht nennen. Anhand der bei der FDA vorhandenen Daten sollen es mindestens 75000 US-Dollar gewesen sein.
Konzern bestreitet Vorwürfe
Nach der Veröffentlichung von Nissens Studie im NEJM bestritt der Pharmakonzern die Resultate. Dank der "rechtzeitigen" Information durch Haffner konnten GSK-geförderte Wissenschaftler bereits am 5. Juni 2007 - knapp zwei Wochen nach der Publikation der kritischen Studie - einen Zwischenbericht (ebenfalls im NEJM) publizieren. Es handelte sich dabei um eine Zwischenauswertung der seit 2001 laufenden RECORD-Studie, wobei der Einfluss von Rosiglitazon (dem Werkstoff von Avandia®) auf das Herz-Kreislauf-System untersucht werden soll. Im Zwischenbericht behaupteten die Wissenschaftler um Philip D. Home, keine statistisch relevanten Unterschiede bei der Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Ereignissen beobachtet zu haben. Doch sie bezeichneten die Daten als noch unzureichend, um zu diesem Zeitpunkt ein Urteil über die Gesundheitsrisiken des Präparats zu fällen.
Ergebnisse über die langfristige Sicherheit von Rosiglitazon werden erst im Jahr 2014 erwartet. Bis dahin darf GSK das umstrittene Medikament weiter vertreiben. Haffner wird allerdings bei der Bewertung künftiger Studien wahrscheinlich nicht mehr als unparteiischer Gutachter gelten.
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Geheimhaltungspflicht verletzt
Nur zwei Wochen nach der Publikation der kritischen Studie im renommierten "New England Journal of Medicine" (NEJM) erschien eine von GSK geförderte Gegenstudie, die zu ganz anderen Resultaten führte. Das Magazine Nature berichtete in seiner Ausgabe vom 31. Januar 2007, dass einer der Gutachter von NEJM die Geheimhaltungspflicht nicht nachgekommen ist und eine Kopie der kritischen Studie schon vor der Veröffentlichung an einen GSK-Mitarbeiter geschickt haben soll. Dadurch konnte der Pharmakonzern die Gegenstudie schneller veröffentlichen.
Branchenschreck der Pharmamanager
Der US-Kardiologe und frühere Berater der US-Gesundheitsbehörde Steven Nissen von der renommierten Cleveland Clinic gilt mittlerweile als Branchenschreck vieler Pharmamanager. Bereits 2002 - zwei Jahre bevor das Schmerzmittel Vioxx® des US-Konzerns Merck & Co vom Markt genommen wurde - hatte der berühmte amerikanische Arzt vor den tödlichen Risiken des Medikaments gewarnt. Bereits im Jahr 2000 hatte es erste Hinweise auf die Risiken gegeben. Im Mai 2007 publizierte er im NEJM die Ergebnisse einer weiteren Studie. Die Resultate belasteten dieses Mal das Medikament Avandia® vom britischen Konzern GSK. Bei einer Auswertung von 42 Arbeiten, hatten Nissen, der 2007 in die von Time Magazine geführte "Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt" aufgenommen wurde, und seine Mitautorin Kathy Wolski ein um 43 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko (bei einer Einnahmezeit von über 24 Wochen) beobachtet. Daraufhin stellte die FDA eine Sicherheitswarnung für Avandia® aus. Im November 2007 musste der Hersteller der Aufforderung der Arzneimittelbehörde nachkommen und zusätzliche Informationen in die Black-Box-Warnung der Verpackung hinzufügen. Der Aktienkurs von GSK sank um 13 Prozent.
Belastende Studie vorzeitig im Umlauf
Doch die Firma war schon vorbereitet. 17 Tage vor der Veröffentlichung der belastenden Studie hat ein Mitarbeiter von GSK ein wichtiges Fax erhalten. Der Absender: Dr. Steven Haffner, Diabetes-Forscher an der University of Texas Health Science Center in San Antonio. Im Rahmen des Peer-Review-Prozesses sollte Haffner das Manuskript lediglich (vertraulich) begutachten. Doch er entschied sich anders und schickte Alexander Cobitz eine Kopie des Artikels. Er kannte den GSK-Mitarbeiter Cobitz von früher, als sie zusammen eine Klinikstudie für Avandia® durchgeführt hatten. Über die Gründe für sein unethisches Verhalten äußerte sich Haffner nur vorsichtig. "Es ist mir ein Rätsel, warum ich das geschickt habe", sagte er der Zeitschrift Nature. "Ich verstehe es nicht. Mir ging es nicht gut. Es war eine falsche Entscheidung".
Finanzielle Anreize?
Nancy Pekarek, Sprecherin von GSK, behauptet der Pharmakonzern habe dem US-Forscher keinerlei Belohnung für diese Information angeboten. Auch Haffner bestreitet ein finanzielles Interesse hinter seiner Tat. "Ich habe genug Geld. Ich habe es nicht getan, um meine Einkünfte zu erhöhen." Dennoch verlangte US-Senator "Chuck" Grassley am Mittwoch eine detaillierte Beschreibung des Vorfalls seitens des Unternehmens. Tatsache ist, die britische Firma hat in der Vergangenheit oft genug zum finanziellen Wohlstand des Mediziners beigetragen. So gehörte Hoffner beispielsweise zum Leitungskomitee einer GSK-geförderten Klinikstudie für Avandia®. Außerdem hat der US-Forscher zahlreiche Vorträge für die Firma gehalten. Die genaue Summe seiner Honorare wollte Haffner aber nicht nennen. Anhand der bei der FDA vorhandenen Daten sollen es mindestens 75000 US-Dollar gewesen sein.
Konzern bestreitet Vorwürfe
Nach der Veröffentlichung von Nissens Studie im NEJM bestritt der Pharmakonzern die Resultate. Dank der "rechtzeitigen" Information durch Haffner konnten GSK-geförderte Wissenschaftler bereits am 5. Juni 2007 - knapp zwei Wochen nach der Publikation der kritischen Studie - einen Zwischenbericht (ebenfalls im NEJM) publizieren. Es handelte sich dabei um eine Zwischenauswertung der seit 2001 laufenden RECORD-Studie, wobei der Einfluss von Rosiglitazon (dem Werkstoff von Avandia®) auf das Herz-Kreislauf-System untersucht werden soll. Im Zwischenbericht behaupteten die Wissenschaftler um Philip D. Home, keine statistisch relevanten Unterschiede bei der Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Ereignissen beobachtet zu haben. Doch sie bezeichneten die Daten als noch unzureichend, um zu diesem Zeitpunkt ein Urteil über die Gesundheitsrisiken des Präparats zu fällen.
Ergebnisse über die langfristige Sicherheit von Rosiglitazon werden erst im Jahr 2014 erwartet. Bis dahin darf GSK das umstrittene Medikament weiter vertreiben. Haffner wird allerdings bei der Bewertung künftiger Studien wahrscheinlich nicht mehr als unparteiischer Gutachter gelten.
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