Malte Olschewski: Die modernen Medien sind Manichäer
9. Januar 2008, 19:53Ursula Pidun im Gepräch mit:
Dr. Malte Olschewski,
Journalist, Publizist und Osteuropa-Experte, Wien
Als ORF-Redakteur hat er viele Länder bereist und 17 Dokumentationen zu 45 Minuten gefertigt. Er erzählt, warum er sich als ein "vom Fernsehen geschädigter Journalist" sieht und die Eindimensionalität des Fernsehens immer bekämpfte.
Er sucht für "Alles Geld der Welt" einen Verleger und will seine beachtliche, historische Video-Materialsammlung digitalisieren lassen. Er verrät, was ein "Colt und die Mythologie des Wilden Westens" mit Readers Edition tun hat, und dass er immer viel zuviele Wünsche hat: Im Gespräch mit Dr. Malte Olschewski
Sie waren viele Jahre beim ORF und haben einmal gesagt, Sie seien ein vom Fernsehen geschädigter Journalist. Gab es einen Auslöser für dieses Resumee?
Ich kam von der Tageszeitung zum Fernsehen. Bei einem Grossereignis hiess es in der Zeitung immer zuerst: "Welche Elemente?" Das Ereignis wurde in überschaubare und logisch abzuleitende Elemente zerlegt. Bei dem Massaker von Blacksburg etwa wären das gewesen: 1.Ablauf, 2. Zeitweg-Diagramm mit Skizze, 3.Fotos, 4.Täterprofil, 5.Reaktionen, 6.Ähnliche Massaker der Vergangenheit, 7. Erklärungsversuch, und vieles mehr.
Beim Fernsehen war es bis etwa 1990 möglich, mehrere Aspekte eines Ereignisses darzustellen. Dann aber wurden die Beitragszeiten immer kürzer: Ein paar Sätze in sechzig Sekunden. Das war es dann schon. Die Aspekte fielen unter den Tisch. Durch die Kürze der Beiträge ist in vielen Fällen das Geschehen unverständlich geworden. Ich habe diese Aspektlosigkeit und Eindimensionalität des Fernsehens immer bekämpft. Sehr oft zu meinem eigenen Nachteil, weil das eben nicht der Mainstream war.
Sie gelten als Osteuropa-Experte und haben diesbezüglich als Korrespondent gearbeitet. In welchen Ländern?
Ich war acht Jahre lang Mitglied der "Osteuropa-Redaktion" im ORF. Hauptaufgabe dieser Redaktion war es, Dokumentationen über kommunistische Staaten herzustellen. Das war eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, da man ja im Osten immer einen Bewacher und Begleiter zur Seite gestellt bekam, der genau das verhindern sollte, was man unbedingt drehen wollte. Ich habe insgesamt 17 Dokumentationen zu 45 Minuten gefertigt. Einige davon sind auch von anderen europäischen Stationen wie dem ZDF gezeigt worden. So etwa meine Arbeiten über Nordkorea, Kambodscha und Äthiopien.
Der größte Erfolg war ein Porträt Ceausescus, als dieser noch regierte. Ich habe weitere Dokumentationen über die Jugendkultur in Ungarn und der DDR, über Jalta und Polen, über die Geschichte der UdSSR, über Moldawien und Georgien und auch andere Themen gedreht. Hierbei konnte man gestalten und einen Erzählbogen mit der grössten Wirkung bauen. Was mich am meisten schmerzt, ist der Untergang politischer Dokumentationen im heutigen Fernsehen.
Es gibt von Ihnen eine beachtliche Anzahl an Publikationen. Dabei beschäftigten Sie sich ebenfalls mit osteuropäischer Politik. Wie beurteilen Sie die Situation zum Westen aktuell?
Die derzeitige Situation Osteuropas ist von Servilität gegenüber den USA geprägt. Die Staaten in Osteuropa sehen in einer historischen Verkürzung die USA als Ursache für den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa. Der wirkliche Grund war indes die Zusicherung Gorbatschows, dass Sowjettruppen bei Reformbewegungen in den verbündeten Staaten nicht mehr intervernieren würden. Polen, Tschechien und Ungarn bemühen sich, den USA in allen Dingen dienstbar zu sein, so auch bei der Errichtung eines Raketenabwehrsystems gegen mögliche Angriffe aus dem Iran. Dies, obwohl die iranische "Shabab" nur eine Reichweite von Tausend Kilometern hat. Das Abfeuern einer iranischen Interkontinenalrakete auf amerikanische Städte wird als Schreckgespenst eingesetzt. Während sich das alte Europa immer mehr von den USA abwendet, hat Washington in Osteuropa neue Freunde einkaufen können.
Was ich im Ostblock nicht verstanden habe und bis heute nicht verstehe, war der Mangel an Konsumgütern. Es hat mir damals niemand ausreichend erklären können, warum es in einem reichen Agrarland wie Polen so unendlich schwer war, zu einem "Bigos" oder "Kotlet Mielony" zu kommen. Ich bin einmal auf den Spuren meiner Vorfahren mit dem Ruderboot über die Masurischen Seen gefahren und wäre dabei fast verhungert.
Sobald man den Menschen ein wenig Salami gab, priesen sie sich schon wie die Ungarn als Insassen der "lustigsten Baracke im Sozialismus". Für mich waren die armseligen Auslagen und das Fehlen von Wurst und Fleisch immer das grösste Mysterium des Ostens. Es ist mir immer unverständlich geblieben, dass die diversen Politbüros diese ganz einfache, überall ins Auge springende Tatsache ignoriert haben. Der Westen mir seinen Kaskaden von Kosumgütern hat eine magnetische Anziehungskraft entwickelt.
Ebenfalls von Ihnen stammt die Äußerung, die europäischen Medien hätten - mit wenigen Ausnahmen - die Geschichte des Balkans ignoriert. Was genau meinen Sie damit?
Der Balkan ist eine geschichtsträchtige Ecke. Unter jedem Feld könnte ein Gerippe aus vergangenen Schlachten liegen. Zahllose Rechnungen aus der Vergangenheit sind noch offen gewesen. Tito hatte die miteinander verfeindeten Völkerschaten des Balkans quasi mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen, als "Jugoslawen" miteinander auszukommen. Für nationalistische Agitationen waren schwere Strafen vorgesehen. Europa und der Westen hätten erkennen müssen, dass die Teilrepubliken auseinandergedriftet waren. Und man hätte Belohnungen für Wohlverhalten bei einer langwierigen und komplizierten Teilung Jugoslawiens in Aussicht stellen können.
Die modernen Medien sind Manichäer. In ihrer Berichterstattung brauchen sie einen Guten und einen Bösen. Das wird auch bei anderen Konflikten sichtbar. Im Fall Jugoslawiens sind die Serben in die Rolle des Bösen gedrängt worden, obwohl sie in der Geschichte am meisten gelitten und wahrscheinlich mit ihren Opfern Europa vor den Türken gerettet hatten.
Mit Ihrer Publikation "Von den Karawanken bis zum Kosovo: Die geheime Geschichte der Kriege in Jugoslawien" versuchen Sie, einer solchen Vernachlässigung entgegen zu treten. Mit welchem Erfolg?
Im Krieg um Jugoslawien ist es zu einem dramatischen Ansteigen des Originalmaterials gekommen, das über verschiedene Agenturen und über die EBU (European Broadcasting System) an die einzelnen Stationen geliefert wird. Es hatten ja nicht nur die verschiedenen Stationen der Teilrepubliken ihre Teams ausgesandt. Hinzu kamen Kamerateams aus dem Ausland. Auch die Kriegsteilnehmer hatten zumeist eine Videokamera mit im Marschgepäck. Es war also die Möglichkeit gegeben, den Krieg unparteiisch in all seinen Aspekten darzustellen.
Das alles kam genau zu der Zeit, in der die Beiträge immer kürzer wurden. Ich habe daher eine schon vorher im Fall der kommunistischen Länder begonnene Tätigkeit intensiviert. Ich hatte schon in den Achtzigerjahren alle interessanten und typischen Beiträge, die über die INTERVISION, den TV-Verbund sozialistischer Länder hereinkamen, auf eigene Kassetten gespeichert und privat archiviert, denn sonst wäre dieses Material wohl verloren gewesen.
Im jugoslawischen Krieg ist mein privates Archiv auf gut vierzig Kassetten zu jeweils neunzig Minuten angewachsen. Ich habe diese Materialien als Quelle für das oben genannte Buch benutzt. Mit Hilfe eines jugoslawischen Journalisten und anderern Fachleuten bin ich das ganze Material Sequenz für Sequenz durchgegangen. Und hier öffnet sich die neuen Dimension. Man kann eine Sequenz notfalls zehnmal abspielen. Man kann bei Unklarheiten das Bild anhalten und Details mit einer Lupe vergrössern. Man kann die Sprache oder auch Zurufe genau übersetzen. Man kann auf Geräusche achten, die ausserhalb des Bildes geschehen. Auf diese Art und Weise war es mir möglich, viele Zuordnungen und Klarstellungen zu treffen. So etwa konnte ich die Herkunft fast aller kroatischen Waffen klären. Viele kroatische Soldaten trugen anfangs sogar die unverkennbaren DDR-Helme. Österreicher waren mit Privat-Pkws auf kroatischer Seite tätig usw. Alle Erkenntniss aus diesen unkonventionellen Quellen haben ich dann in meinem Buch verwendet.
Sie schreiben als Profi-Journalist auch für die Readers Edition, einer deutschen Leserzeitung. Was bringt Ihnen das? Welchen Nutzen hat das für Sie, aber möglicherwesie auch für andere?
An Readers-Edition gefällt mir das Schreiben abseits der strengen Nachrichtenhierarchie. Was da in Blacksburg geschehen ist, darüber ist in den Medien des Mainstreams schon mehr oder minder ausführlich berichtet worden. Das zu wiederholen, wäre sinnlos. Aber ich nehme einen Aspekt heraus und schreibe darüber. Also schreibe ich über den "Colt und die Mythologie des Wilden Westens". Zudem gefällt mir, dass es bei der RE in den meisten Fällen zu sofortigen Reaktionen der Leser kommt. Und hier kann man manchmal wertvolle Ergänzungen und Erweiterungen finden.
Welche Verbesserungen würden Sie sich für einen Bürgerjounalismus - wie etwa auf der Readers Edition - wünschen?
Es muss einmal zu einer Honorierung der Beiträge kommen. Überall ist zu lesen, wieviele Milliarden mit dem Internet verdient werden und das diesem Medium Länge mal Breite die Zukunft gehört. Nur die, die im Internet über interesasante Themen schreiben, sollen bei all dem leer ausgehen.
Welche Pläne haben Sie in der Zukunft?
Derzeit überarbeite ich mein Buch "Alles Geld der Welt", für das ich auch einen Verleger suche. Ich habe als Journalist etwa hundert Staaten der Welt besucht. Von überall habe ich als Sammler einige Geldscheine mitgenommen. Diese Sammlung von Geldscheinen ist mittlerweile auf eintausend Stück angewachsen. Da nun jeder Staat auf seinem Geld eine Aussage machen oder sich besonders günstig darstellen will, habe ich ein längeres Buch darüber geschrieben. Warum auf dem Geld dieses Motiv und nicht etwas anderes gezeigt wird und ähnliches. Es werden fast alle Länder der Welt behandelt. Da die schönsten und skurrilsten Banknoten in Farbdruck abgebildet werden müssen, ist die Produktion dieses Buches sehr teuer. Es wird ohne Sponsoren also nicht gehen.
Würde es einen Wunsch geben, der Ihnen auf der Stelle erfüllt werden kann, welcher wäre das?
Einen Verlag zu finden, der dieses Buch herausbringt. Das Thema müsste theoretisch weiteste Kreise interessieren, da ja jedermann mit Geld zu tun hat.
Da ich immer zuviele Wünsche habe, wünsche ich mir an zweiter Stelle, dass mein sehr wertvolles Videoarchiv über kommunistische Länder in irgendeiner Form digitalisiert und für eine Forschungsstelle gerettet werden kann. Doch auch für das TV ist das Material mehr als nur interessant 2009 eine Fernseh-Produktion geplant, welche die 20.Wiederkehr des Zusammenbruchs des Kommunismus abhandelt. Etwa zehn Stunden Videomaterial könnte ich für die Gestaltung Produktion zur Verfügung stellen. Anfragen sind ausdrücklich erwünscht.
Dr. Malte Olschewski ist unter der Mailadresse:
malte.olschewski@chello.at
erreichbar.
Verweise:
Fussball, Politik und Krieg
Dr. Malte Olschewski,
Journalist, Publizist und Osteuropa-Experte, Wien
Als ORF-Redakteur hat er viele Länder bereist und 17 Dokumentationen zu 45 Minuten gefertigt. Er erzählt, warum er sich als ein "vom Fernsehen geschädigter Journalist" sieht und die Eindimensionalität des Fernsehens immer bekämpfte.
Er sucht für "Alles Geld der Welt" einen Verleger und will seine beachtliche, historische Video-Materialsammlung digitalisieren lassen. Er verrät, was ein "Colt und die Mythologie des Wilden Westens" mit Readers Edition tun hat, und dass er immer viel zuviele Wünsche hat: Im Gespräch mit Dr. Malte Olschewski
Sie waren viele Jahre beim ORF und haben einmal gesagt, Sie seien ein vom Fernsehen geschädigter Journalist. Gab es einen Auslöser für dieses Resumee?
Ich kam von der Tageszeitung zum Fernsehen. Bei einem Grossereignis hiess es in der Zeitung immer zuerst: "Welche Elemente?" Das Ereignis wurde in überschaubare und logisch abzuleitende Elemente zerlegt. Bei dem Massaker von Blacksburg etwa wären das gewesen: 1.Ablauf, 2. Zeitweg-Diagramm mit Skizze, 3.Fotos, 4.Täterprofil, 5.Reaktionen, 6.Ähnliche Massaker der Vergangenheit, 7. Erklärungsversuch, und vieles mehr.
Beim Fernsehen war es bis etwa 1990 möglich, mehrere Aspekte eines Ereignisses darzustellen. Dann aber wurden die Beitragszeiten immer kürzer: Ein paar Sätze in sechzig Sekunden. Das war es dann schon. Die Aspekte fielen unter den Tisch. Durch die Kürze der Beiträge ist in vielen Fällen das Geschehen unverständlich geworden. Ich habe diese Aspektlosigkeit und Eindimensionalität des Fernsehens immer bekämpft. Sehr oft zu meinem eigenen Nachteil, weil das eben nicht der Mainstream war.
Sie gelten als Osteuropa-Experte und haben diesbezüglich als Korrespondent gearbeitet. In welchen Ländern?
Ich war acht Jahre lang Mitglied der "Osteuropa-Redaktion" im ORF. Hauptaufgabe dieser Redaktion war es, Dokumentationen über kommunistische Staaten herzustellen. Das war eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, da man ja im Osten immer einen Bewacher und Begleiter zur Seite gestellt bekam, der genau das verhindern sollte, was man unbedingt drehen wollte. Ich habe insgesamt 17 Dokumentationen zu 45 Minuten gefertigt. Einige davon sind auch von anderen europäischen Stationen wie dem ZDF gezeigt worden. So etwa meine Arbeiten über Nordkorea, Kambodscha und Äthiopien.
Der größte Erfolg war ein Porträt Ceausescus, als dieser noch regierte. Ich habe weitere Dokumentationen über die Jugendkultur in Ungarn und der DDR, über Jalta und Polen, über die Geschichte der UdSSR, über Moldawien und Georgien und auch andere Themen gedreht. Hierbei konnte man gestalten und einen Erzählbogen mit der grössten Wirkung bauen. Was mich am meisten schmerzt, ist der Untergang politischer Dokumentationen im heutigen Fernsehen.
Es gibt von Ihnen eine beachtliche Anzahl an Publikationen. Dabei beschäftigten Sie sich ebenfalls mit osteuropäischer Politik. Wie beurteilen Sie die Situation zum Westen aktuell?
Die derzeitige Situation Osteuropas ist von Servilität gegenüber den USA geprägt. Die Staaten in Osteuropa sehen in einer historischen Verkürzung die USA als Ursache für den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa. Der wirkliche Grund war indes die Zusicherung Gorbatschows, dass Sowjettruppen bei Reformbewegungen in den verbündeten Staaten nicht mehr intervernieren würden. Polen, Tschechien und Ungarn bemühen sich, den USA in allen Dingen dienstbar zu sein, so auch bei der Errichtung eines Raketenabwehrsystems gegen mögliche Angriffe aus dem Iran. Dies, obwohl die iranische "Shabab" nur eine Reichweite von Tausend Kilometern hat. Das Abfeuern einer iranischen Interkontinenalrakete auf amerikanische Städte wird als Schreckgespenst eingesetzt. Während sich das alte Europa immer mehr von den USA abwendet, hat Washington in Osteuropa neue Freunde einkaufen können.
Was ich im Ostblock nicht verstanden habe und bis heute nicht verstehe, war der Mangel an Konsumgütern. Es hat mir damals niemand ausreichend erklären können, warum es in einem reichen Agrarland wie Polen so unendlich schwer war, zu einem "Bigos" oder "Kotlet Mielony" zu kommen. Ich bin einmal auf den Spuren meiner Vorfahren mit dem Ruderboot über die Masurischen Seen gefahren und wäre dabei fast verhungert.
Sobald man den Menschen ein wenig Salami gab, priesen sie sich schon wie die Ungarn als Insassen der "lustigsten Baracke im Sozialismus". Für mich waren die armseligen Auslagen und das Fehlen von Wurst und Fleisch immer das grösste Mysterium des Ostens. Es ist mir immer unverständlich geblieben, dass die diversen Politbüros diese ganz einfache, überall ins Auge springende Tatsache ignoriert haben. Der Westen mir seinen Kaskaden von Kosumgütern hat eine magnetische Anziehungskraft entwickelt.
Ebenfalls von Ihnen stammt die Äußerung, die europäischen Medien hätten - mit wenigen Ausnahmen - die Geschichte des Balkans ignoriert. Was genau meinen Sie damit?
Der Balkan ist eine geschichtsträchtige Ecke. Unter jedem Feld könnte ein Gerippe aus vergangenen Schlachten liegen. Zahllose Rechnungen aus der Vergangenheit sind noch offen gewesen. Tito hatte die miteinander verfeindeten Völkerschaten des Balkans quasi mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen, als "Jugoslawen" miteinander auszukommen. Für nationalistische Agitationen waren schwere Strafen vorgesehen. Europa und der Westen hätten erkennen müssen, dass die Teilrepubliken auseinandergedriftet waren. Und man hätte Belohnungen für Wohlverhalten bei einer langwierigen und komplizierten Teilung Jugoslawiens in Aussicht stellen können.
Die modernen Medien sind Manichäer. In ihrer Berichterstattung brauchen sie einen Guten und einen Bösen. Das wird auch bei anderen Konflikten sichtbar. Im Fall Jugoslawiens sind die Serben in die Rolle des Bösen gedrängt worden, obwohl sie in der Geschichte am meisten gelitten und wahrscheinlich mit ihren Opfern Europa vor den Türken gerettet hatten.
Mit Ihrer Publikation "Von den Karawanken bis zum Kosovo: Die geheime Geschichte der Kriege in Jugoslawien" versuchen Sie, einer solchen Vernachlässigung entgegen zu treten. Mit welchem Erfolg?
Im Krieg um Jugoslawien ist es zu einem dramatischen Ansteigen des Originalmaterials gekommen, das über verschiedene Agenturen und über die EBU (European Broadcasting System) an die einzelnen Stationen geliefert wird. Es hatten ja nicht nur die verschiedenen Stationen der Teilrepubliken ihre Teams ausgesandt. Hinzu kamen Kamerateams aus dem Ausland. Auch die Kriegsteilnehmer hatten zumeist eine Videokamera mit im Marschgepäck. Es war also die Möglichkeit gegeben, den Krieg unparteiisch in all seinen Aspekten darzustellen.
Das alles kam genau zu der Zeit, in der die Beiträge immer kürzer wurden. Ich habe daher eine schon vorher im Fall der kommunistischen Länder begonnene Tätigkeit intensiviert. Ich hatte schon in den Achtzigerjahren alle interessanten und typischen Beiträge, die über die INTERVISION, den TV-Verbund sozialistischer Länder hereinkamen, auf eigene Kassetten gespeichert und privat archiviert, denn sonst wäre dieses Material wohl verloren gewesen.
Im jugoslawischen Krieg ist mein privates Archiv auf gut vierzig Kassetten zu jeweils neunzig Minuten angewachsen. Ich habe diese Materialien als Quelle für das oben genannte Buch benutzt. Mit Hilfe eines jugoslawischen Journalisten und anderern Fachleuten bin ich das ganze Material Sequenz für Sequenz durchgegangen. Und hier öffnet sich die neuen Dimension. Man kann eine Sequenz notfalls zehnmal abspielen. Man kann bei Unklarheiten das Bild anhalten und Details mit einer Lupe vergrössern. Man kann die Sprache oder auch Zurufe genau übersetzen. Man kann auf Geräusche achten, die ausserhalb des Bildes geschehen. Auf diese Art und Weise war es mir möglich, viele Zuordnungen und Klarstellungen zu treffen. So etwa konnte ich die Herkunft fast aller kroatischen Waffen klären. Viele kroatische Soldaten trugen anfangs sogar die unverkennbaren DDR-Helme. Österreicher waren mit Privat-Pkws auf kroatischer Seite tätig usw. Alle Erkenntniss aus diesen unkonventionellen Quellen haben ich dann in meinem Buch verwendet.
Sie schreiben als Profi-Journalist auch für die Readers Edition, einer deutschen Leserzeitung. Was bringt Ihnen das? Welchen Nutzen hat das für Sie, aber möglicherwesie auch für andere?
An Readers-Edition gefällt mir das Schreiben abseits der strengen Nachrichtenhierarchie. Was da in Blacksburg geschehen ist, darüber ist in den Medien des Mainstreams schon mehr oder minder ausführlich berichtet worden. Das zu wiederholen, wäre sinnlos. Aber ich nehme einen Aspekt heraus und schreibe darüber. Also schreibe ich über den "Colt und die Mythologie des Wilden Westens". Zudem gefällt mir, dass es bei der RE in den meisten Fällen zu sofortigen Reaktionen der Leser kommt. Und hier kann man manchmal wertvolle Ergänzungen und Erweiterungen finden.
Welche Verbesserungen würden Sie sich für einen Bürgerjounalismus - wie etwa auf der Readers Edition - wünschen?
Es muss einmal zu einer Honorierung der Beiträge kommen. Überall ist zu lesen, wieviele Milliarden mit dem Internet verdient werden und das diesem Medium Länge mal Breite die Zukunft gehört. Nur die, die im Internet über interesasante Themen schreiben, sollen bei all dem leer ausgehen.
Welche Pläne haben Sie in der Zukunft?
Derzeit überarbeite ich mein Buch "Alles Geld der Welt", für das ich auch einen Verleger suche. Ich habe als Journalist etwa hundert Staaten der Welt besucht. Von überall habe ich als Sammler einige Geldscheine mitgenommen. Diese Sammlung von Geldscheinen ist mittlerweile auf eintausend Stück angewachsen. Da nun jeder Staat auf seinem Geld eine Aussage machen oder sich besonders günstig darstellen will, habe ich ein längeres Buch darüber geschrieben. Warum auf dem Geld dieses Motiv und nicht etwas anderes gezeigt wird und ähnliches. Es werden fast alle Länder der Welt behandelt. Da die schönsten und skurrilsten Banknoten in Farbdruck abgebildet werden müssen, ist die Produktion dieses Buches sehr teuer. Es wird ohne Sponsoren also nicht gehen.
Würde es einen Wunsch geben, der Ihnen auf der Stelle erfüllt werden kann, welcher wäre das?
Einen Verlag zu finden, der dieses Buch herausbringt. Das Thema müsste theoretisch weiteste Kreise interessieren, da ja jedermann mit Geld zu tun hat.
Da ich immer zuviele Wünsche habe, wünsche ich mir an zweiter Stelle, dass mein sehr wertvolles Videoarchiv über kommunistische Länder in irgendeiner Form digitalisiert und für eine Forschungsstelle gerettet werden kann. Doch auch für das TV ist das Material mehr als nur interessant 2009 eine Fernseh-Produktion geplant, welche die 20.Wiederkehr des Zusammenbruchs des Kommunismus abhandelt. Etwa zehn Stunden Videomaterial könnte ich für die Gestaltung Produktion zur Verfügung stellen. Anfragen sind ausdrücklich erwünscht.
Dr. Malte Olschewski ist unter der Mailadresse:
malte.olschewski@chello.at
erreichbar.
Verweise:
Fussball, Politik und Krieg


























Institut für Staats-






























