Zeit für politische Rücktritte
9. Oktober 2007, 15:40
[Ursula Pidun] Zugegeben, ein bisschen Zeit muss investieren, wer Michael Philipps aufgeperlte politische Rücktritte in Deutschland von 1950 bis heute genießen will. Der Aufwand lohnt, denn Philipps aktuelle und 450 Seiten starke Publikation "Persönlich habe ich mir nichts vorzuwerfen" ist in der Tat ein purer Lese-Genuss. Und dies nicht etwa, weil die akribisch recherchierten Rücktritte hochrangiger Politiker seit Bestehen der Bundesrepublik bis heute durchweg appetitlich waren. Vielmehr gelingt es Philipp, seine erhebliche Recherchearbeit derart aufzubereiten, dass Umstände und Zustände, Konflikte und Defizite die zu dem jeweiligen Rücktritt führen, klarer werden. Der Autor verknüpft auf brillante Weise Politikerprofile, Sachverhalte und Abhängigkeiten zu Parteien und Medien und verwebt sie zu spannenden politischen Psychogrammen. Nicht selten derart prickelnd, dass sich ganze Passagen nüchterner Fakten und klarer Tatsachen, die sich zu Skandalen aufzwirbelten, beinahe wie ein Thriller lesen.
Peinliche Begleitumstände und endloses Tauziehen
Etwa 250 Rücktritte skandalisierter Politiker oder deren Rücktritts-Beförderer beleuchtet Philipp, inklusive peinlicher Begleitumstände und dem oftmals endlosen Tauziehen, bis es endlich soweit ist. Adenauer, Brandt, Filbinger, Barschel, Lafontaine oder Stoiber - können solche Politikerbiografien Auskunft geben darüber, was Politiker dazu treibt, einen längst fälligen Rücktritt so lange heraus zu zögern? Wer verfügte über eine, in diesen Ämtern dringend erforderliche Selbstdistanz und wer nicht?
Philipp verzichtet bei seinen Analysen auf jegliche Form von Polemik und Effekthascherei, berichtet authentisch, sachlich, meinungsfrei und formuliert einen präzisen Anspruch: eine Kultur des Rücktritts. Dabei vergisst er nicht, gelungene Rücktritte zu erwähnen und spricht sie Heinemann, Seiters und Genscher zu. Letzterem bescheinigte die "Süddeutsche" gar, "in Schönheit" zurückgetreten zu sein. Politiker mit einem "Amtsverständnis, von dem sich mancher Sesselkleber eine Scheibe abschneiden könnte". Der Journalist und Publizist Heribert Prantl, der ebenfalls einmal Überlegungen zu einer Rücktrittskultur formulierte, äußerte mit Blick auf solche Persönlichkeiten: “Wenn das Wort von der Glaubwürdigkeit der Politik noch nicht ganz verkommen ist, dann liegt das an solchen Namen“.
Viel mehr als eine Typologie der Rücktrittsgründe
Dem Autor ist zweifelsfrei eine präzise Typologie der Rücktrittsgründe gelungen. Doch bietet die Publikation viel mehr. Wer sich von Fall zu Fall, von Rücktritt zu Rücktritt und durch Skandale von "Spiegel" über Amigo, dem Barschel-Sumpf und die Todessurteile des Marinerichters Filbinger durcharbeitet, erlebt hautnah die Geschichte der Bundesrepublik. Und es ist schon jetzt ein zeitgenössisches Werk an der Schwelle zu einer Wende. Denn Frauen spielen im machtvollen kulturgeschichtlichen Ablauf der vergangenen Jahrzehnte noch keine so dominante Rolle. Zwar werden einige Politikerinnen wie etwa Annemarie Renger und Heide Simonis erwähnt, es reicht jedoch noch nicht für eine Feststellung, ob Frauen möglicherweise dem Anspruch des Autors nach einer Rücktrittskultur schon jetzt entsprechen. Wir werden es in nicht allzu ferner Zeit erleben.
Und wie sieht eine solche Kultur idealerweise aus? Einer kritischen Selbstprüfung des Amtsinhabers sollte die in regelmäßigen Abständen gestellte Frage folgen, ob er noch die richtige Person am Platz ist. "Wer zu dieser kritischen Selbstbefragung fähig ist, würde in vielen Fällen frühzeitig erkennen, dass ein Verbleiben im Amt sinnlos und fatal ist", schreibt Philipp.
Spätestens bei solchen wertvollen Einsichten ist es also höchste Zeit für den Rücktritt jener Poltiker, die sich nicht nur in einer späteren Neuauflage dieser Publikation "in Schönheit" aufgeperlt sehen wollen. Sie folgen ganz selbstverständlich dem vom Autor geforderten und berechtigten gesellschaftlichen Anspruch einer Kultur, die wahre Größe und Stärke beweist: der Kultur des Rücktritts.
Süddeutsche Zeitung Edition:
Michael Philipp
Persönlich habe ich mir nichts vorzuwerfen
Politische Rücktritte in Deutschland von 1950 bis heute
Erscheinungstermin: 14. September 2007
19,90 Euro
ISBN 978-3-86615-485-8
Verweise:
Interview mit Dr. Michael Philipp: Der Rücktritt ist ein Ritual
Photo: Cover SZ-Edition






























Institut für Staats-


































