Indischer IT-Industrie geht das Personal aus
19. Juni 2007, 06:00[Jürgen Vielmeier] Seit gut zehn Jahren boomt indische Informationstechnik (IT). Fast alle europäischen und nordamerikanischen IT-Konzerne wie IBM, Hewlett-Packard oder Capgemini haben Aufgaben auf den Subkontinent verlegt oder Standorte dort eröffnet. Die Preise sind niedrig und das Personal ist verhältnismäßig gut ausgebildet.
Die Nachfrage ist aber so groß, dass sich das Blatt nun gewendet hat: Die Inder müssen Aufgaben ins Ausland verlagern, weil die Fachkräfte knapp werden. Als Zielländer kommen Singapur und Hongkong in Frage - und die USA.
Jährlich werden in Indien immer mehr IT-Fachkräfte ausgebildet, doch der Bedarf ist größer. Nach Zahlen der Nasscom (Indische National Association of Software and Service Companies) kamen zwischen März 2005 und März 2006 fast 240.000 neue IT-Fachleute auf den indischen Markt. Zahlen für das im März beendete Geschäftsjahr 2006/07 liegen noch nicht vor. Nasscom erwartet aber, dass die Zahl um weitere 340.000 gestiegen ist. Insgesamt würden dann in der indischen Software- und IT-Services-Industrie 1,63 Millionen Menschen arbeiten. Der traditionell in Indien weniger bedeutende Hardware-Sektor ist in dieser Rechnung nicht enthalten.
Die Qualität leidet
Die schnell wachsende Zahl neuer IT-Fachkräfte legt den Schluss nahe, dass die Qualität der Ausbildung leidet. So ist ein weiterer Grund, warum die großen indischen IT-Unternehmen nun ins Ausland gehen, die oft nicht ausreichende Kompetenz heimischer Dienstleister. Henning Kagermann, Vorstandsvorsitzender des größten deutschen Softwareherstellers SAP hat sich erst vergangene Woche über die mangelnde Qualität indischer Programmierer beklagt. Der New York Times sagte er in einem Interview, man könne im indischen Silicon Valley in Bengaluru (vormals: Bangalore) nicht einfach 2.000 Programmierer anwerben und erwarten, dass sie hochwertige Software-Anwendungen entwürfen. Die Qualität des Talentpools nannte er “durchwachsen”.
Das hinderte die indische IT-Industrie nicht daran, einen Aufstieg par excellence hinzulegen, wie Zahlen der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) belegen. Traditionell endet das indische Geschäftsjahr im März eines Jahres. Im Geschäftsjahr 1997/98 setzten die indischen IT-Unternehmen mit Software, Hardware und Dienstleistungen 4,8 Milliarden US-Dollar um. Im Geschäftsjahr 2006/07 waren es bereits 47,8 Milliarden - zehnmal so viel.
IT bringt die Wirtschaft voran und eigene Anbieter hervor
Das Vertrauen und die hohen Investitionen aus dem Ausland hat die indische IT-Industrie zu einer der stärksten der Welt gemacht. Davon profitieren große US-amerikanische und europäische Unternehmen, die dort Standorte für Outsourcing-Dienstleistungen eröffnen und IT-Personal abwerben. Das Konzept ist einfach: Sie bieten ihren Kunden in der Heimat vergleichbare Leistungen an wie bisher, lassen aber viel davon in Indien erledigen, manchmal auch ohne dass die Kunden davon wissen, wie Gartner kürzlich herausfand. Die Kunden sind skeptischer geworden und wollen mehr für ihr Geld bekommen. Zum gleichen Preis, so die etablierten IT-Dienstleister, können sie die bewährten Aufgaben ohne Kapazitäten in Indien aber nicht mehr erledigen.
Doch der Trend funktioniert auch anders herum: Vom Boom in Indien profitieren auch die dortigen IT-Riesen wie Tata Consultancy Services (TCS), Satyam, Infosys und Wipro. Sie sprechen die Kunden direkt in Europa oder Nordamerika an und werden damit immer erfolgreicher. Es ist ein direkterer Schritt, als wenn sich die Kunden an Atos Origin, IBM oder EDS wenden, die die Aufgaben dann nach Indien weiterreichen. Denn dass sie um Indien nicht herumkommen, scheinen die Kunden von Software und IT-Services inzwischen einzusehen.
Die Kapazitäten sind ausgeschöpft, die Arbeit kommt zurück
Heute gibt es kaum noch westliche IT-Konzerne, die keinen eigenen Standort in Indien haben oder zumindest Aufgaben an dortige Anbieter delegieren. Auch deutsche IT-Unternehmen wie T-Systems, Siemens IT Solutions and Services (SIS) und die Walldorfer Softwareschmiede SAP lassen im kleinen oder großen Maße in Indien arbeiten. Der französische IT-Services-Dienstleister und -Berater Capgemini hat vor kurzem angekündigt, Indien schon Ende des Jahres zum personell größten Firmenstandort zu machen. Beim US-Anbieter Accenture ist das bereits jetzt der Fall.
Mittlerweile sind die Kapazitäten in Indien aber ausgeschöpft. Die besten Colleges können nicht schnell genug Nachwuchs ausbilden, um der Nachfrage gerecht zu werden. Jetzt wollen die indischen Anbieter kurzfristig Aufgaben in weiter östlich liegende Länder legen, in denen hoch ausgebildetes Personal vorhanden ist: Singapur, Hongkong und die USA. Letztere hatten am frühesten erkannt, dass sich in Indien gut Geld sparen lässt. Zahlreiche Stellen wurden und werden derzeit in der Heimat gestrichen und nach Indien verlagert. Nun schließt sich der Kreis, und die Projekte kommen zur Quelle zurück.
Auf in das nächst günstigere Land
Der Wirtschaftsfaktor Hightech - auch in der Bio- und Medizintechnik hat Indien zur Weltspitze aufgeschlossen - wird also zum Wirtschaftsmotor einer immer noch armen Nation. Und alles was es dazu braucht, ist ein schnelles Ausbildungssystem, ein gutes Marketing - und vor allem ein niedriges Lohnniveau. Deswegen ist der Trend nicht ohne weiteres auf Deutschland, Frankreich oder die USA übertragbar, selbst wenn man dort die IT-Ausbildung besser fördern würde.
Auch Indien kennt inzwischen das Problem eines höheren Lohnniveaus, das mit der größeren Nachfrage natürlich gestiegen ist. Je teurer Indien wird, desto eher werden sich die weltumspannenden IT-Konzerne - zu denen jetzt auch die indischen gehören - wieder nach neuen Standorten umsehen: Pakistan, Malaysia, Vietnam, Marokko, … Es wird immer ein Land geben, in dem man noch billigere Arbeitskräfte findet. Und die großen IT-Konzerne suchen munter weiter nach dem günstigsten Standort.
Der Autor dieser Publikation ist Freier Journalist in Bonn
Photo: Gründer der Firma Infosys, Quelle: Infosys
Die Nachfrage ist aber so groß, dass sich das Blatt nun gewendet hat: Die Inder müssen Aufgaben ins Ausland verlagern, weil die Fachkräfte knapp werden. Als Zielländer kommen Singapur und Hongkong in Frage - und die USA.
Jährlich werden in Indien immer mehr IT-Fachkräfte ausgebildet, doch der Bedarf ist größer. Nach Zahlen der Nasscom (Indische National Association of Software and Service Companies) kamen zwischen März 2005 und März 2006 fast 240.000 neue IT-Fachleute auf den indischen Markt. Zahlen für das im März beendete Geschäftsjahr 2006/07 liegen noch nicht vor. Nasscom erwartet aber, dass die Zahl um weitere 340.000 gestiegen ist. Insgesamt würden dann in der indischen Software- und IT-Services-Industrie 1,63 Millionen Menschen arbeiten. Der traditionell in Indien weniger bedeutende Hardware-Sektor ist in dieser Rechnung nicht enthalten.
Die Qualität leidet
Die schnell wachsende Zahl neuer IT-Fachkräfte legt den Schluss nahe, dass die Qualität der Ausbildung leidet. So ist ein weiterer Grund, warum die großen indischen IT-Unternehmen nun ins Ausland gehen, die oft nicht ausreichende Kompetenz heimischer Dienstleister. Henning Kagermann, Vorstandsvorsitzender des größten deutschen Softwareherstellers SAP hat sich erst vergangene Woche über die mangelnde Qualität indischer Programmierer beklagt. Der New York Times sagte er in einem Interview, man könne im indischen Silicon Valley in Bengaluru (vormals: Bangalore) nicht einfach 2.000 Programmierer anwerben und erwarten, dass sie hochwertige Software-Anwendungen entwürfen. Die Qualität des Talentpools nannte er “durchwachsen”.
Das hinderte die indische IT-Industrie nicht daran, einen Aufstieg par excellence hinzulegen, wie Zahlen der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) belegen. Traditionell endet das indische Geschäftsjahr im März eines Jahres. Im Geschäftsjahr 1997/98 setzten die indischen IT-Unternehmen mit Software, Hardware und Dienstleistungen 4,8 Milliarden US-Dollar um. Im Geschäftsjahr 2006/07 waren es bereits 47,8 Milliarden - zehnmal so viel.
IT bringt die Wirtschaft voran und eigene Anbieter hervor
Das Vertrauen und die hohen Investitionen aus dem Ausland hat die indische IT-Industrie zu einer der stärksten der Welt gemacht. Davon profitieren große US-amerikanische und europäische Unternehmen, die dort Standorte für Outsourcing-Dienstleistungen eröffnen und IT-Personal abwerben. Das Konzept ist einfach: Sie bieten ihren Kunden in der Heimat vergleichbare Leistungen an wie bisher, lassen aber viel davon in Indien erledigen, manchmal auch ohne dass die Kunden davon wissen, wie Gartner kürzlich herausfand. Die Kunden sind skeptischer geworden und wollen mehr für ihr Geld bekommen. Zum gleichen Preis, so die etablierten IT-Dienstleister, können sie die bewährten Aufgaben ohne Kapazitäten in Indien aber nicht mehr erledigen.
Doch der Trend funktioniert auch anders herum: Vom Boom in Indien profitieren auch die dortigen IT-Riesen wie Tata Consultancy Services (TCS), Satyam, Infosys und Wipro. Sie sprechen die Kunden direkt in Europa oder Nordamerika an und werden damit immer erfolgreicher. Es ist ein direkterer Schritt, als wenn sich die Kunden an Atos Origin, IBM oder EDS wenden, die die Aufgaben dann nach Indien weiterreichen. Denn dass sie um Indien nicht herumkommen, scheinen die Kunden von Software und IT-Services inzwischen einzusehen.
Die Kapazitäten sind ausgeschöpft, die Arbeit kommt zurück
Heute gibt es kaum noch westliche IT-Konzerne, die keinen eigenen Standort in Indien haben oder zumindest Aufgaben an dortige Anbieter delegieren. Auch deutsche IT-Unternehmen wie T-Systems, Siemens IT Solutions and Services (SIS) und die Walldorfer Softwareschmiede SAP lassen im kleinen oder großen Maße in Indien arbeiten. Der französische IT-Services-Dienstleister und -Berater Capgemini hat vor kurzem angekündigt, Indien schon Ende des Jahres zum personell größten Firmenstandort zu machen. Beim US-Anbieter Accenture ist das bereits jetzt der Fall.
Mittlerweile sind die Kapazitäten in Indien aber ausgeschöpft. Die besten Colleges können nicht schnell genug Nachwuchs ausbilden, um der Nachfrage gerecht zu werden. Jetzt wollen die indischen Anbieter kurzfristig Aufgaben in weiter östlich liegende Länder legen, in denen hoch ausgebildetes Personal vorhanden ist: Singapur, Hongkong und die USA. Letztere hatten am frühesten erkannt, dass sich in Indien gut Geld sparen lässt. Zahlreiche Stellen wurden und werden derzeit in der Heimat gestrichen und nach Indien verlagert. Nun schließt sich der Kreis, und die Projekte kommen zur Quelle zurück.
Auf in das nächst günstigere Land
Der Wirtschaftsfaktor Hightech - auch in der Bio- und Medizintechnik hat Indien zur Weltspitze aufgeschlossen - wird also zum Wirtschaftsmotor einer immer noch armen Nation. Und alles was es dazu braucht, ist ein schnelles Ausbildungssystem, ein gutes Marketing - und vor allem ein niedriges Lohnniveau. Deswegen ist der Trend nicht ohne weiteres auf Deutschland, Frankreich oder die USA übertragbar, selbst wenn man dort die IT-Ausbildung besser fördern würde.
Auch Indien kennt inzwischen das Problem eines höheren Lohnniveaus, das mit der größeren Nachfrage natürlich gestiegen ist. Je teurer Indien wird, desto eher werden sich die weltumspannenden IT-Konzerne - zu denen jetzt auch die indischen gehören - wieder nach neuen Standorten umsehen: Pakistan, Malaysia, Vietnam, Marokko, … Es wird immer ein Land geben, in dem man noch billigere Arbeitskräfte findet. Und die großen IT-Konzerne suchen munter weiter nach dem günstigsten Standort.
Der Autor dieser Publikation ist Freier Journalist in Bonn
Photo: Gründer der Firma Infosys, Quelle: Infosys

































































