DIE FINKLER FRAGE - Anders?
12. November 2011, 01:00
[Gunter Göckenjan] Leicht fällt es nicht, die komische Seite schwerwiegender Fragen, komplizierter Probleme, tragischer Verstrickungen, weltgeschichtlicher Dramen gar, zu finden. Es ist jedoch eine große Kunst, diese Komödien dann mitreißend in Szene zu setzen, ohne den Gegenstand dabei kleinzureden oder zu beschmutzen. Wer kann das schon? Howard Jacobson kann es. Sein Roman DIE FINKLER-FRAGE (Deutsche Verlagsanstalt) stellt große Fragen und behandelt sie mit noch größerer Leichtigkeit und wissender Heiterkeit. Traurig ist er manchmal auch. Jacobson ist kein Gag-Artist. Statt jede Situation auf den Lacher zuzuschreiben, legt er die zuweilen lächerlichen Absurditäten in den Beziehungen frei. Jacobsons Humor bewegt, weil es bei ihm um etwas geht, nämlich um Rassismus und Identitätssuche. Wohlwollend witzig, freundlich ironisch schaut er auf seine Figuren, und diskutiert dabei en passant auch einige weltbewegende Probleme, darunter auch die Finkler-Frage. Jacobson stellt hier Julian Treslove als Erfinder der Finkler-Frage ins Zentrum seiner Drei-Männer-Geschichten, die gleichwohl die Welt bedeuten. Schon in dieser Konstruktion leuchtet Jacobsons Ironie freundlich auf: Julian ist Außenseiter und die gehören doch nicht in die Mitte. Oder doch? Immerhin versucht er die Assimilation an eine Minderheit.
Julian Treslove war in seinem Leben schon dies und das, darunter auch schon einmal Mitarbeiter der BBC oder Kulturmanager. Heute verdient er sein Geld als Doppelgänger. Im Auftrag einer Agentur verwandelt er sich in verschiedene Berühmtheiten und wird so für Partys und Events vermietet. Treslove ist ein Mann ohne Eigenschaften, ein Mann ohne Identität. Ihm fehlt nicht nur die Arbeit, die das Selbst definiert, auch mit der Familie hat es nicht hingehauen, die schließlich auch einen wesentlichen Beitrag zum Selbstverständnis bieten könnte. Aber Treslove hat zwei Freunde. Diese sind Juden. Anders als Treslove. Doch das wäre Treslove auch sehr gerne. "Juden, dachte Treslove voller Bewunderung. Juden und Musik. Juden und Familie. Juden und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl." Er wird jedoch nie so sein, das zeigt der Verlauf der Geschichte, auch weil er seine Freunde und selbst seine (jüdische) Geliebte, die er erobern wird, immer als "Die Anderen" sieht. "Die Anderen" kannst Du nicht sein. Aber das wird Treslove nicht verstehen.
Sam Finkler und Treslove kennen sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Der Goi bewundert den Freund und hasst ihn dafür auch ein bisschen. Finkler ist eloquent und selbstbewusst - also anders als Treslove. Treslove sieht seinen Freund nur als Prototypen. Individualität? Eigenschaften? Ach was. Treslove sieht überall nur Gruppenidentität. Finkler ist Jude, also muss denn wohl alles, was er tut und lässt, jüdisch sein. Juden nennt Treslove nun Finkler. Treslove bearbeitet seine Unfähigkeiten und Minderwertigkeitskomplexe indem er die Personen, an denen er sich misst, zu Gemeinschaften umdefiniert: "Rechnete man mit einem Finkler-Witz, brachten sie einen mit finklerischer Gelehrsamkeit aus dem Konzept. Die ließen sich einfach nicht die Show stehlen. Immer hatten sie was, was man selbst nicht hatte, irgendeine verbale oder theologische Reserve, die sie anzapfen konnten, sodass man selbst sprachlos dastand." So wie Treslove sein Freundbild schafft, so werden auch Feindbilder gebaut.
Sam Finkler ist Familienvater und ein erfolgreicher Fernseh-Philosoph und routinierter Frauenheld. Finkler ist Gründungsmitglied einer jüdischen Organisation, die Israels Politik kritisch gegenübersteht. Sie nennt sich im Original-Text ASHamed, was deutlich einfacher ist (und auch bösartiger) und zudem besser klingt als die deutsche Übersetzung. Da heißt sie A-SCHandjiddn. Dies und andere Einfälle nutzt Jacobson, um verschiedene Perspektiven jüdischer Identität aus der Sicht unterschiedlicher Juden zu diskutieren. (Keine Angst: Sein Text bleibt auch dabei leicht und heiter.) Zu diesen gehört auch Finklers verstorbene Frau, die zum Judentum übergetreten war. Sie hat die Haltung Finklers oft kritisiert. Ein Leben lang hat ihr Gatte sie betrogen. Jetzt fehlt sie ihm – irgendwie.
Libor Sevcik ist der älteste in diesem Trio. Früher war er erfolgreicher Hollywood Reporter, der mit Marlene Dietrich und Greta Garbo tändeln durfte. Ihrer Verführungskraft erlag er nicht. All die Jahrzehnte im Glamour-Paradies war er seiner wunderschönen Ehefrau treu geblieben. Vor kurzem ist seine Malkie gestorben. Libor Sevcik leidet, denn jetzt kann er in seinem Leben keinen Sinn mehr finden. Selbst dieses Gefühl würde Treslove auch gerne übernehmen. Stattdessen zieht er mit Libors Sevciks Nichte zusammen, die überzeugte Jüdin ist und ein entspanntes Verhältnis zum Judentum hat. Er scheint zu hoffen, im Geschlechtsverkehr dem Judentum am nächsten zu kommen.
Jacobson hat so nicht nur seinem absurden Möchtegernjuden, der immer auf der Suche nach "typisch jüdisch" ist, und seiner Kollektivverehrung des Jüdischen, sehr unterschiedliche Individuen mit eigenem Verständnis von jüdischer Identität gegenüber gestellt, an denen er sich reiben und verzweifeln kann. Der Autor verschafft sich damit auch einige Gelegenheit, die "Finkler-Frage" aus verschiedenen Blickwinkeln zu stellen und sie auch direkt zu beantworten. Immer geht es um Identität, Selbstverständnis, Anpassung und das auch immer wieder im Zusammenhang mit rassistischen Übergriffen und brutaler Ausgrenzung.
Und natürlich hält sich der Möchtegern immer für den Bessere. "Und doch war er mehr sie, als sie es waren, empfand mehr für sie und für das, wofür sie standen, als sie seiner Meinung nach für sich empfinden konnten. Er wollte nicht so weit gehen zu behaupten, dass sie ihn brauchten, aber eigentlich stimmte das doch, nicht wahr? Sie brauchten ihn", findet Treslove.
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