Die Piratenpartei, das Establishment und der Reality Check
14. Februar 2012, 08:00
[Ursula Pidun] Als am vergangenen Sonntag die Piraten das Abgeordnetenhaus in Berlin stürmten, gab sich das mediale und politische Establishment modern, liberal und aufgeschlossen. Herzlich Willkommen fein, so jung, so modern, so frisch und vor allem dynamisch..., echote es aus allen Ecken und Winkeln der Republik. Keine drei Tage später suchen Politik und Medien landauf- und landab bereits eifrig nach Haaren in der Piraten-Suppe. Schließlich will man sich in selbige nicht reinspucken lassen. Die rüde Erkenntnis, dass hier ein dynamisches Team die Verkrustungen, Verbandelungen und tiefliegenden Abhängigkeiten in Politik und Medien möglicherweise ein wenig aufkratzen will, scheucht die alteingesessene Garde heftig auf. Anne Will widmete gar eine ganze Talkrunde den vermeintlichen Sonderlingen auf dem politischen Parkett mit dem griffigen Titel: "Piraten entern Berlin - Meuterei auf der Deutschland?" Er allein spricht Bände und impliziert - politisch wenig korrekt aber vorsichtshalber mit Fragezeichen wegen der schwierigen Rechtslage der Unterstellung - gleich seltsame Untertöne mit. Summa summarum signalisierte das Establishment in dieser illustren Runde allerdings eilfertig ein beinahe überbordendes Verständnis für die normalste Sache der Welt - dem Nachrücken der Jüngeren in der Politik. Zwar wirkte so manche Miene noch etwas gequält, immerhin wurde aber Jahrzehnte nach der eigentlichen Erfindung das Internet entdeckt.
Jung, gebildet und ohne Schwarzer-Syndrom
Wenn junge, gebildete und dynamische Jungpolitiker mit dem Ruf nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, Mindestrenten und einer sozialen Gerechtigkeit eine neue Zeit einläuten, müssen sich die Alteingesessenen wehren. Ansonsten stürzt das Weltbild in sich zusammen und die Autorität wird in Frage gestellt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, kommt es schon einmal zu heftiger Kritik, da haben die Piraten nicht einmal ihren Koffer im Abgeordnetenhaus abgestellt. Allen voran stellt sich ein vielgelesenes Nachrichtenmagazin mit dem aufreizenden Titel: "Jung, dynamisch, frauenfeindlich?" Vorsorglich steht hier natürlich auch das Fragezeichen dahinter. Man möchte zwar kritisieren, es aber später keinesfalls gewesen sein.
Nun ist das Thema Frauenfeindlichkeit generell so eine Sache. Das Wort klingt bedrohlich. Allerdings gibt es inzwischen viele Frauen, denen solche Diskussionen gewaltig auf den Wecker gehen. Es soll tatsächlich weibliche Wesen geben, die auch ohne Schwarzer-Syndrom ihre Frau stehen und Quoten eher als fixe und wenig erhellende Idee abtun. Eine Quote trägt zu nichts Erbaulichem bei, denn zur Erfüllung bestimmter Aufgaben müssen sich Kandidaten erst einmal zur Verfügung stellen. Das ist auch bei Abgeordneten-Posten so. Auch spielt Können und Talent eine Rolle und weniger das Geschlecht. Durchaus möglich, dass in einigen Jahren überwiegend Piratinnen die neue Partei steuern - so sich die Piratenpartei bis dahin nicht vom harten und etablierten Kern der Politik hat verscheuchen lassen. Vermutlich wird dann niemand Beiträge mit dem Titel: "Jung, dynamisch, männerfeindlich?" publizieren und das ist auch gut so.
Jung, gebildet und mit Latzhose
Andere Medien drohen schon mal vorsorglich und titeln: "Berliner Piraten dürfen im Parlament nicht alles". Das hatten die Jung-Abgeordneten sicher auch gar nicht vor und können Privates vom Berufsleben trennen. Auch die blaue Latzhose, auf die Gerwald Claus-Brunner auch im Abgeordnetenhaus nicht verzichten will, war nicht gemeint. Er darf sie anbehalten. Erst ganz am Ende des Beitrags erfahren wir, dass es um das Twittern und Bloggen geht. Schließlich könnte damit auch Geheimes aus den Plenar- und Ausschusssitzungen in die Öffentlichkeit wabern und dies könne strafrechtliche Folgen für die twitternde und bloggende Truppe haben.
So blickt alle Welt auf die Internet- und IT-affine Truppe, die sich Transparenz auf die Piratenfahne geschrieben hat. Entert sie nicht nur das Abgeordnetenhaus sondern auch alte Zöpfe? Bootet sie gar das Establishment aus? Die meisten neuen Parteien werden schnell wie die alten. Diese auch? Wir lassen uns überraschen und wünschen Ahoi und viel Glück!
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Foto: Rik Aulfes / flickr-Account "Piratenpartei Deutschland


































































Will