Aktuell

Aktuelles Video

Gerd Heidemann

Mehrteiliges Interview mit dem Ex-"Stern"-
Reporter und einstiegem Kriegsbericht-
erstatter Gerd Heidemann, dessen Karriere mit dem Medien-Flop um die gefäl-
schten Hitler-Tagebücher ein jähes Ende fand.

Zum Interview


Hans Wall (Wall AG)

Die außer-
gewöhnliche Erfolgsge-
schichte des einstigen Mechanikers, der zu einem der bekann-
testen Werbegiganten Deutsch-
lands aufstieg, begann Ende der 70er Jahre mit einer cleveren und gleichsam ungewöhnlichen Idee.

Zum Interview


Dr. Volker Wissing (FDP)

MdB und Mitglied des FDP-Bundes-
vorstandes spricht über das Desaster HRE, Enteigungen, Versäumnisse, Intransparenz und einen Untersuchungsausschuss

Zum Interview


Graf von Faber-Castell

Der Top-
manager und Vorstands-
vorsitzende der Faber-Castell AG in Stein äußert sich im Interview zu Tradition und Fortschritt, unternehmerische Verantwortung und Nachwuchsförderung

Zum Interview


Dr. Hermann Bühlbecker

Der Top-Unter-
nehmer steht seit 1977 an der Spitze des Unternehmens Lambertz in Aachen. Im Interview spricht er über Standorte, Verantwortung und den Wert guter Beziehungen.

Zum Interview


Prof. Dr. C. Pestalozza
Prof. Dr. C. G. Paulus

FU Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin beantworten Fragen zum Finanzmarktstabili-
sierungsgesetz

Zum Interview




Wolfgang Grupp, Trigema

Der schwäbische Unternehmer spricht über Globalisierung, Exportwelt-
meister, Hoch-
lohnland Deutschland, Ethik, persönliche Haftungen und erfolgreiche Unternehmensführung.

Zum Interview


Dr. Michael Meister (CDU)

Dr. Michael Meister, Stellver-
tretender Vorsitz-
ender der CDU/
CSU-Bundestags-
fraktion über Wirtschafts- und Sozialkompetenz, staatliche Eingriffe und die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft.

Zum Interview


Dirk Niebel (FDP)

Generalsekretär der FDP-Bundes-
partei über Ankerplätze, Krisen, Politik-
verdrossenheit und einer bedenklichen Entwicklung zu einer sozialistischen Marktwirtschaft.

Zum Interview


Prof. Markus Heintzen

Dekan des Fachbereichs Rechtswissen-
schaft der Freien Universität Berlin über die umstrittene Pendlerpauschale und Verfassungskonformität.

Zum Interview


Sir Quett K. J. Masire

Masire war von 1980 bis 1998 Präsident von Botswana. In einem ausführ-
lichen Interview mit uns äußert sich Masire zur schwierigen Lage im Kongo.

Zum Interview




DER MADOFF-SKANDAL

FLOP des Jahres

CDU und SPD schmettern Volksentscheide ab

TOP des Jahres

Vorgänge um Hypo Real Estate unter der Lupe

DIE FINANZKRISE
br>
Ulrich Müller

Wer regiert in Berlin? Vor allem auch Lobbyisten! Ulrich Müller, Vor-
standsmitglied von LobbyControl auf den Spuren der Lobbyisten in Berlin.

Zum Interview


Dr. Timo Grunden

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen über die Studie: "Politikberatung im Innenhof der Macht".

Zum Interview




Andrea Titz/Richterbund

Staatsanwältin und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Richterbundes über Weisungs-
gebundenheit der Staatsanwälte.

Zum Interview


Dr. Werner Hoyer (FDP)

Stellvertretender Vorsitzender und außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundes-
tagsfraktion zur aktuellen Situa-
tion in Georgien.

Zum Interview


    follow me on Twitter

    Prof. Dr. H. J. Selenz

    Der Wirtschafts-
    ethiker und Gründer des Vereins "CLEANSTATE e.V." über Moral, Ethik, Brandstifter und Defizite im Rechtssystem.

    Zum Interview




    Prof. Dr. P. Reisewitz

    "Pressefreiheit unter Druck – Gefahren, Fälle, Hintergründe"

    Zum Interview

    Im Gespräch mit:

    Prof. Dr. C. Pestalozza
    Institut für Staats-
    lehre, Staats- und Verwaltungsrecht, Freie Universität Berlin zur Vorrats-
    datenspeicherung.

    Zum Interview


    Rainer Brüderle

    Stellvertretender Fraktionsvor- sitzender der FDP über Mindestlöhne, Investivlohn und Fachkärftemangel.


    Zum Interview


    Stefan Collet

    Student der Uni Münster und Vorstand des Magazins 360 Grad über die Anfänge, große Erfolge, Preise und Ausblicke

    Zum Interview

    Wetter

    Aktuelles Wetter in Berlin:


    Temperatur: 26 C
    UV Index: 6
    Luftfeuchte: 61 %
    Sichtweite: 10.0 km
    Luftdruck: 1008.1 mb
    Windstärke: 14 km/h

    Weather data provided by weather.com

    Counter

    senden

    Menschenrecht als Gnadenakt

    2. Juni 2007, 11:33
    Ursula Pidun im Gespräch mit:
    Bernhard Docke,
    Anwalt von Murat Kurnaz

    [Ursula Pidun] Guantánamo ist eine menschenverachtende Einrichtung und agiert jenseits jeglicher demokratischer Instrumente. Bisher konnte kein demokratisches Land derart Einfluss auf die USA nehmen, dass es zu einer Schließung kommt. Im Gegenteil, Guantánamo wird weiter ausgebaut.

    Aus einem anfänglichen provisorischen Camp X-Ray in Guantánamo, in dem zu "feindlichen Kämpfern" erklärte Menschen jenseits der Genfer Konventionen unter sengender Hitze in Käfigen eingesperrt, gefoltert und gedemütigt wurden, entstand der so genannte Block Delta. In dem aus verschiedenen Disziplinar-Blöcken bestehenden Komplex leben noch immer Hunderte "Verdächtige", die nach wie vor unter Maßnahmen grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung leiden.

    Murat Kurnaz wurde fünf lange Jahre unrechtmäßig festgehalten, gefoltert und gedemütigt. Es ist völlig ausgeschlossen, im Namen vermeintlicher Präventionsmaßnahmen eine Legitimation zu erzwingen. Nicht für Guantánamo, aber auch nicht für Entscheidungen, die möglicherweise dazu beigetragen haben, dass Kurnaz diese Hölle so viele Jahre durchlebten musste. Guantánamo ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

    Bernhard Docke, Anwalt von Murat KurnazAls im Frühjahr 2002 Rbiye Kurnaz mit einer durch das Rote Kreuz vermittelten und von Amerikanern zensierten Postkarte ihres Sohnes aus Gantánamo in ihrer Kanzlei stand, wie lange haben Sie überlegt, den Fall zu übernehmen? Bei dem zu erwartenden hohen Aufwand war das ja auch ein finanzielles Risiko?

    Auch wenn die Ausgangssituation denkbar schwierig war - ich habe keine Sekunde gezögert, den Fall anzunehmen. Herr Kurnaz befand sich in einem künstlich geschaffenen rechtsfreien Raum. Es gab keinen Haftbefehl, keine Anklage, kein Gericht, kein Verfahren, keine Behörde, an die ich mich wenden konnte. Wir wussten nicht, wann und warum Herr Kurnaz festgenommen wurde und warum er in Haft saß. Wir mussten mit den relativ stumpfen Mitteln des Rechts und der Moral gegen die Arroganz der Macht, gegen den mächtigsten Mann der Welt antreten.

    Damals hatte ich keine Vorstellung, in welchem Ausmaß mich dieser Fall beschäftigen und wie lange das Martyrium von Herrn Kurnaz dauern würde. Es war eigentlich schon am Anfang klar, dass die Familie den enormen Arbeitsaufwand nicht wird bezahlen können. Ich bin sehr dankbar dafür, dass alle unsere Reisen und internationalen Aktivitäten von amerikanischen und britischen Bürgerrechtsorganisationen (American Civil Liberties Union, Center for Constitutional Rights, Guantanamo Human Rights Coalition) bezahlt worden sind. Unterstützung habe ich auch von amnesty international erhalten, auch einzelne Personen haben mir Spenden zukommen lassen.

    Sie äußerten einmal, dass Sie in der Bearbeitung dieses Falls alles vergessen mussten, was mit Recht und Ordnung zu tun hat. Wie kann das sein in vermeintlichen Demokratien? Hat sich durch 9/11 ein solches Chaos gebildet, dass demokratische Grundelemente keine Bedeutung mehr haben?

    Der 11.09.2001 hat in der amerikanischen Rechtskultur großen Schaden angerichtet. Die USA sind ein Land mit jahrhundertelanger Tradition für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie. Zwischen Mittelalter und Moderne liegen Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit, bestimmte menschenrechtliche Grundstandards sind völkerrechtlich manifestiert und unverrückbar. Die Bush-Regierung hat diese Standards nach 9/11 unter Kriegsvorbehalt gestellt. Die Folge war die Versagung jeglicher Verfahrensrechte sowie Folter. Glücklicherweise hat der Supreme Court unserer Klage, dass die Verschleppung und Inhaftierung von Menschen ohne Anklage auf unbestimmte Zeit ohne Rechtsschutz gegen Völkerrecht und die US-Verfassung verstößt, stattgegeben. Dies war auch ein wichtiger Schritt, um die Balance zwischen den einzelnen Gewalten in den USA wieder herzustellen. Der Supreme Court machte klar, dass auch der Krieg gegen den Terror keinen Blankoscheck für den Präsidenten und die Exekutive bedeutet, sich aus Recht und Gesetz zu verabschieden.

    Im Sommer 2006 wurde Murat Kurnaz nach einem fünfjährigen Marthyrium in Gantánamo in Folge eines Gnadenakts freigelassen. Den Rückflug in die Freiheit erlebte er angekettet und mit verbundenen Augen in einer Militärmaschine. Mit welcher, auch rechtlicher Legitimation werden Gantánamo-Häftlinge auf diese Weise in die Freiheit entlassen?

    Für die Inhaftierung gibt es keine Rechtsgrundlage, ebenso liegt der Entlassung kein ordentliches Verfahren zugrunde. Aus mir vorliegenden Aktenteilen geht hervor, dass die USA Herrn Kurnaz schon im Jahre 2002 als ungefährlich und unschuldig angesehen haben. Trotzdem wurde er wider besseres Wissen nach außen immer als "feindlicher Kämpfer" bezeichnet. Als solcher wurde er dann angekettet und mit verbundenen Augen wie ein Stück gefährliche Luftfracht nach Deutschland überstellt.

    Sie haben Kurnaz schwer traumatisiert und menschenscheu am Flughafen in Empfang genommen. Welche Hilfen seitens Deutschland wurden Kurnaz bisher zuteil, um mit dem Verbrechen, das ihm wiederfahren ist, irgendwie zurecht zu kommen?

    Für eine medizinische oder psychologische Nachsorge gab es von Seiten der Regierung keinerlei Angebote. Man sorgte sich um Kurnaz, indem man ihm nachspionierte und durch den Verfassungsschutz auch weiterhin beobachten ließ.

    Positiv aufgefallen ist das Verhalten des Bremer Bürgermeisters Jens Böhrnsen, der Herrn Kurnaz persönlich aufsuchte und ihn als Bremer Bürger willkommen hieß. Eine große Hilfe für die Wiedereingliederung von Herrn Kurnaz ist die Nestwärme seiner Familie, Freunde sowie diverse unterstützende Privatpersonen und Organisationen. Man half ihm auch, eine Arbeit aufzunehmen. Ruhe ist bei Herrn Kurnaz bislang nicht eingekehrt. Ich erinnere an den Auftritt bei Beckmann, das Interview im Stern, die Aussagen vor dem Europaparlament, die Vernehmungen im Untersuchungsausschuss - all dies zwang Herrn Kurnaz, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, all dies geschah in einem helfenden Umfeld. Auch das Buch ist ein Ventil, die Schrecken der Vergangenheit abzuarbeiten. Hinzu kommt seine starke Physis und sein tiefer Glaube. Beides hat ihn letztlich überleben lassen, beides hat ein einigermaßen stabiles Korsett geschaffen.

    Im BND Untersuchungsausschuss reichen Aussagen von Äußerungen, man habe nichts gewußt, bis zur Aussage des früheren Innen-Staatssekretär Lutz Diwell, man habe bereits innerhalb der so genannten Präsidentenrunde im Jahr 2002 entschieden, Kurnaz nicht wieder nach Deutschland einreisen zu lassen. Als Begründung nannte man eine Präventionsmaßnahme, insbesondere in Hinblick auf die Anschläge in der Vergangenheit. Wurde bei dieser Entscheidungsfindung mit den benannten Gründen eine allgemeine Unschuldsvermutung mit allen daraus resutierenden Rechten einfach außer Kraft gesetzt?

    Die USA erwogen im Herbst 2002, Herrn Kurnaz nach Deutschland auszuliefern. Die Entscheidung in der Präsidentenrunde im Kanzleramt, keine Verhandlungen mit den USA über die Freilassung von Herrn Kurnaz aufzunehmen und ihn nicht nach Deutschland zurückzulassen, war zweifelsfrei skandalös. Das Argument, er sei gefährlich, wurde weder von den BNDlern und dem Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, die Herrn Kurnaz in Guantanamo besucht haben, geteilt noch hatte die Staatsanwaltschaft Bremen konkrete Anhaltspunkte für Straftaten ermitteln können. Wenn es hier ein Restrisiko gegeben hätte, hätte dies in Deutschland geklärt werden müssen, gegebenenfalls in einem Gerichtsverfahren. Die Präsidentenrunde hat mit ihrer Entscheidung die von ihr reklamierten Sicherheitsinteressen in Guantanamo absichern lassen, eine moralische und politische Katastrophe mit fatalen Folgen für Herrn Kurnaz, der vier Jahre länger in Guantanamo bleiben musste. Und die von der Präsidentenrunde vorgenommene kalte Entziehung der Aufenthaltsrechte war - wie später das Verwaltungsgericht Bremen rechtskräftig feststellte - rechtswidrig. Wie vor diesem Hintergrund behauptet werden kann, wir haben alles richtig gemacht und würden wieder so handeln, bleibt mir ein Rätsel.

    Die Medien berichteten, der am 20. Februar 2002 verfasste Bericht der Geheimdienste sei Jahre später, am 16. Dezember 2005, umgeschrieben worden. Aus Konjunktiven seien Indikative geworden, die indirekte Rede zu Tatsachenbehauptungen verdreht und vage Gerüchte in harte Fakten abgeändert worden. Es heißt, man habe dem damaligen Innenminister Schily Gründe für ein Einreiseverbot gegen Kurnaz liefern sollen?

    Das ist richtig, der Verfassungsschutzbericht vom 20.02.2002 ist - ohne, dass neue belastende Erkenntnisse vorgelegen haben - im Dezember 2005 umgeschrieben und verschärft worden. Autor dieses Münchhausen-Berichtes ist der Chef des Bremer Verfassungsschutzes, Herr Wilhelm. Als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss räumte er ein, den Bericht verschärft zu haben, er sprach in diesem Zusammenhang von "schriftstellerischen Schwächen". Hintergrund dieses Berichts war der Versuch, Herrn Kurnaz - da das Verwaltungsgericht entschieden hat, dass er nach wie vor Aufenthaltsrechte hat - im Falle einer Rückkehr nach Deutschland auszuweisen. Auf abenteuerliche Weise wurde Verdacht gegen Herrn Kurnaz konstruiert. Letztlich hat man aber von einem Ausweisungsverfahren abgesehen, da man selber zu dem Schluss kam, dass das Belastungsmaterial vor Gericht nicht tragen würde.

    Der bisherige Verlauf im Untersuchungsausschuss stellt sich als sehr unbefriedigend dar. Insbesondere auch für die Oppositionsparteien, die ein überaus großes Informationsdefizit bemängeln, das von der Bundesregierung mit einem „Kernbereich der exekutiven Eigenverantwortung“ legitimiert wird. Welche Chancen räumen Sie einer Organklage ein, die von den Oppositionen auf den Weg gebracht wurde?

    Ich hoffe, dass das Verfassungsgericht im Sinne einer effektiven Kontrolle der Regierungsarbeit der Organklage stattgibt, damit die verbliebenen Blindstellen noch aufgeklärt werden können.

    Fühlt sich Kurnaz auch jetzt noch von Behörden diskriminiert? Wenn ja, wodurch?

    Für Herrn Kurnaz ist es schwer zu ertragen, dass er nach fünfjährigem Martyrium ab dem Moment, als er die deutsche Mitverantwortung thematisierte, als Terrorverdächtiger und Lügner bezeichnet wurde. Hier gab es eine ganz gezielte Kampagne, insbesondere von den politischen Freunden des damaligen Kanzleramtsministers. Immer und immer wieder wurden bestimmte Medien mit alten Kamellen gefüttert, die Unschuldsvermutung galt nur für Herrn Steinmeier, nie für Herrn Kurnaz.
    .
    Gibt es Schuldeingeständnisse für eine Mitverantwortlichkeit oder zumindest Einlassungen, dass Fehler passiert sind mit diesen verheerenden Folgen? Wenn ja, durch wen? Oder muss sich auf Grund der Tatsache, dass Kurnaz kein deutscher Staatsbürger ist, niemand verantworten und sich demzufolge auch nicht verantwortlich fühlen?

    Von Seiten der Regierung gibt es keinerlei Eingeständnis einer Mitverantwortung für das Schicksal von Herrn Kurnaz. Selbstherrlich wird die Position vertreten, man habe keinerlei Fehler gemacht und würde genauso wieder handeln. Warum ist es für Politiker so schwer, Fehler einzugestehen? Warum ist Selbstkritik eher Schwäche als Tugend? Die kanadische Regierung hat gezeigt, dass es auch anders geht.

    Hört man sich in der Gesellschaft um, gibt es zwar ein Bedauern bezüglich dessen, was passiert ist. Einen deutlichen Aufschrei, der durch die Menge geht, kann man nicht erkennen. Fühlst sich das Volk in Ihrer Sicht so ohnmächtig, das es sich selbst als handlungsunfähig und ohne jeglichen Einfluss auf solche Geschehnisse einstuft? Oder gibt es andere Gründe für diese Form der Passivität?

    Herr Kurnaz hat während seiner Zeit in Guantanamo Bedauern und Mitleid in der deutschen Presselandschaft erfahren. Dies kippte in dem Moment, als die alte rot-gründe Regierung angegriffen wurde. Ein Teil der Medien machte Herrn Kurnaz faktenwidrig zu einem gefährlichen Mann, dabei spürte man auch eine latent ausländerfeindliche Stimmung. So wurde in Presseartikeln gefragt, warum Deutschland sich denn für einen Türken einsetzen solle, gerade so, als wären Menschenrechte an den Pass gebunden. Verächtliche Äußerungen über die langen Haare und den langen Bart stellten unserer Gesellschaft kein Reifezeugnis aus.

    Es gab aber auch viel Unterstützung und Zuspruch. Unfreiwillig wurde Herr Kurnaz so zu einer polarisierenden öffentlichen Reizfigur.

    Kein demokratisches Land hat es bisher geschafft, die USA vom Irrweg Gantánamo abzubringen, im Gegenteil, das Lager wird weiter ausgebaut. Was müsste in Ihrer Sicht passieren, damit solche Lager, von Demokratien initiiert und geduldet, keine Chance haben?

    Es hat viel zu lange gedauert, bis Europa die USA offen kritisierte. Guantanamo ist ein Kulturbruch, ein Rechtsbruch, ein Bruch mit den ganzen nicht nur westlichen Werten, sondern mit den völkerrechtlich sanktionierten zivilisatorischen Errungenschaften. Durch den Schock von 9/11 hat man die USA viel zu lang gewähren lassen. Guantanamo ist weltweit zu einem Symbol der Schande geworden, politisch und moralisch hat es den USA extrem geschadet.

    Historisch gibt es immer wieder Parallelen. Unschuldige Menschen werden zu Terroristen und für vogelfrei erklärt. Das bekannteste Beispiel ist wohl jenes des antiken jüdischen Joshua von Nazareth. Das ist über 2000 Jahre her. Hat sich dahingehend die Menscheit nicht weiter entwickelt?

    Doch, die Menschheit hat sich weiterentwickelt. Im Hinblick auf die Menschenrechte ist in den letzten Jahrhunderten viel passiert. Es gibt aber keine Garantie, dass ein errungener Standard eingehalten wird. In Krisen droht Gefahr, unter einer dünnen Haut lauert der Ausnahmezustand, dann droht der Zweck die Mittel zu heiligen. So war es in den USA nach 9/11. Um ähnliche Entwicklungen in anderen Ländern zu vermeiden, ist die Kultur der Menschenrechte viel intensiver im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Wir müssen diese Rechte quasi tagtäglich neu einfordern. Ohne diese permanenten Anstrengungen droht immer ein neues Guantánamo.

    Das Gespräch führte Ursula Pidun,
    Photo: Ursula Pidun
    Fügen Sie diesen Artikel folgenden Diensten hinzu:

    Mister Wong del.icio.us Furl YiGG Yahoo MyWeb Taggle Folkd BlinkList Linkarena Google ShortNews

    Wir freuen uns über sachliche Kommentierungen. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren, insbesondere wenn sie ehrverletzende, beleidigende, rassistische sowie anderweitig strafrechtlich relevante Inhalte enthalten. Eine Korrespondenz hierzu seitens der Redaktion entfällt.

    Suche

     

    spotlight

    SPREERAUSCHEN.net
    +++Sommerpause+++











    Volker Beck (Grüne)

    Abgeordneter Bündnis 90/ Die Grünen über Klima-
    schutz, Pseudo-
    reformen und soziale Schief-
    lagen.

    Zum Interview


    Ulrich Maurer (PDL)

    Ulrich Maurer (MdB), Parlamen-
    tarischer Geschäfts-
    führer der Links-
    fraktion im Bundestag über Politikwechsel und Lasten der Krise.

    Zum Interview








    Powered by GOYAX

    Ressorts:

    Spotlight: Der wöchentliche Überblick Reprtagen und Dokumentationen Im Gespräch mit: Podcast: Audios auf Spreerauschen Unter uns: Der Kommentar Archiv. Suchen und Finden

    Nachgefragt:

    Bernhard Docke

    Anwalt von Murat Kurnaz über den Kampf gegen die Arroganz der Macht.

    Zum Interview


    Dr. Michael Philipp
    Historiker und Autor der Publikation: "Persönlich habe ich mir nichts vorzu-
    werfen".

    Zum Interview


    Dr. Gregor Gysi (PDL)

    Fraktionsvor-
    sitzender DIE LINKE über die Fusion von WASG und PDS, Pläne der neuen Partei und Sozialpolitik.

    Zum Interview


    Satire exklusiv:



    YouTube-Channel

    Prof. Dr. Joachim Bohnert
    Experte für Straf-
    recht, Strafprozess-
    recht und Rechts-
    philosophie an der Freien Universität Berlin

    Zum Interview


    Dieter Mörlein
    Bürgermeister von Eppelheim über das Eppelheimer-
    Modell für Studien-
    gebühren

    Zum Interview


    Stephan Braun (MdL)
    SPD-Politiker und Journalist über die „Junge Freiheit “: „De facto bleibt das Blatt gefährlich“.

    Zum Interview




    NEW YORK CITY

    Politik-Hotspots

    Dr. Heinrich L. Kolb

    Unternehmer und Abgeordneter der FDP-Bundestags-
    fraktion

    Zum Interview


    Hans-Christian Ströbele

    Stellvertretender Fraktionsvor- sitzender Bündnis 90/Die Grünen über Geheimdienste und Mindestlöhne.

    Zum Interview


    Dr. Alexander v. Paleske

    Mediziner, Jurist und Verteidiger einer der Angeklagten im so genannten dpa-
    Prozess.

    Zum Interview


    Dr. H.O. Solms (FDP)

    Vizepräsident des Deutschen Bundestages über Steuerskandale, Steuerverschwen-
    dung und erfor-
    derliche Steuer-
    Reformen.

    Zum Interview




    Prof. Dr. G. v. Graevenitz

    Rektor der Uni Konstanz über das Gesetz der Studien-gebühren.

    Zum Interview


    Dr. Malte Olschewski

    ORF-Redakteur und ein vom Fernsehen geschädigter Journalist sucht "alles Geld der Welt".

    Zum Interview

    RSS-Feeds

    Machtkampf mit VW: Wiedeking wehrt sich gegen Porsche-Verkauf
    Porsche-Chef Wendelin Wiedeking macht nach SPIEGEL-Informationen...
    4. Jul, 14:44
    Piusbruderschaft - Nazi-Vergleich „falsch verstanden“
    Die Piusbruderschaft versteht nicht, warum ihr Nazi-Vergleich...
    4. Jul, 14:37
    DIW - Gas wird um ein Viertel teurer
    Die Gaspreise in Deutschland werden nach der zwischenzeitlichen...
    4. Jul, 14:33
    Konjunkturflaute: Guttenberg droht Banken mit Zwangsregeln gegen...
    Trotz Niedrigzinsen und Bad-Bank-Gesetz geizen viele...
    4. Jul, 14:29
    Chinas Zensur am Drachentor: Oliver Kahn nennt Show-Eingriffe...
    Er castet nur Torhüter - das klingt überaus...
    4. Jul, 14:25
    Glasfasernetz - Vodafone-Chef rügt Telekom
    Telekom-Konkurrenten kämpfen um den Zugang zum...
    Matthias Kietzmann - 4. Jul, 14:18
    Dopingverdacht: Pechstein spricht von "öffentlicher Hinrichtung"
    Claudia Pechstein geht in die Offensive. Die wegen...
    4. Jul, 14:08
    Siemens: Ex-Manager erläutert Schmiergeldaktion vor Olympischen...
    Neue Entwicklungen im Skandal um Schmiergelder bei...
    4. Jul, 14:06
    Flugzeugunglück: Yemenia-Absturz offenbart Mängel in...
    Wie sicher ist der europäische Luftraum? Der Absturz...
    4. Jul, 14:05
    Iran - Regime diffamiert Mussawi
    Die Regierung in Teheran verschärft den Ton gegen...
    4. Jul, 13:59
    Personal-Rochaden: Merkel will Schavan abschieben
    Die Bundeskanzlerin hat nach SPIEGEL-Informationen...
    4. Jul, 13:55
    Afghanistan: Taliban attackieren US-Militärstützpunkt
    Die Aufständischen schlagen zurück. Zwei...
    4. Jul, 13:51
    Solid-State-Disks - Flash-Speicher statt Festplatten
    Flash-Speicher stecken in USB-Sticks, Digitalkameras...
    4. Jul, 13:31
    ARD - Duell ums TV-Duell
    Anne Will oder Frank Plasberg? Die ARD-Intendanten...
    4. Jul, 13:21