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Der ehemalige Chefredakteur der NETZEITUNG ist sich sicher: Das Ende der Netzeitung ist auch ein Menetekel für die Branche.

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Der SPIEGEL-Redakteur und Herausgeber der Publikation "Barschel - Die Akte" geriet 1987 auf dem Höhepunkt des Barschel-Skandals selbst in den Sumpf des Polit-Thrillers, als er den toten Politiker auffand.

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Giftgas, Aids und Leichen

8. Mai 2007, 08:40
Ursula Pidun im Gespräch mit:
Dr. Alexander Freiherr von Paleske

Dr. Alexander Freiherr von PaleskeEr wollte für drei Jahre nach Afrika, daraus wurden bis heute zwei Jahrzehnte. Als Leiter der Abteilung für Krebskrankheiten im grössten staatlichen Krankenhaus Botswanas bemüht er sich um HIV-infizierte Patienten und Krebskranke.

Er erzählt, warum er schreibt und glaubt, "der deutsche Journalismus sei etwas auf den Hund gekommen". Warum ihn die mysteriöse Geschichte um den Deutschen Gerhard Eugen Merz noch immer beschäftigt, wird auch verraten.

Alexander von Paleske, Sie sind Jurist und Mediziner. Beide Berufe haben Sie ausgeführt, ja man kann sagen, intelligent miteinander verzahnt. War das so geplant oder hat sich das am Ende beider Studien erst so für Sie heraus kristallisiert? Welche Vorteile sehen Sie in dieser Kombination?

Das war nicht geplant. Ich hatte nach einem siebensemestrigen Jurastudium, also in der kürzestmöglichen Zeit mein erstes Staatsexamen gemacht und wollte es damit einfach nicht bewenden lassen. Medizin hatte ich eigentlich nach meinem Abitur studieren wollen, aber meine Abiturnoten waren so miserabel. Der Grund dafür lag darin, dass ich Amateurfunker war und die meiste Zeit mit dem Bau und Betrieb meiner Kurzwellenstation verbrachte. Ursprünglich wollte ich Ingenieur für Nachrichtentechnik werden. So aber habe ich dann mein Medizinstudium angefangen, mittels einer einstweiligen Anordnung des Verwaltungsgericht Frankfurt. Ich hatte eine Gesetzeslücke für das Zweitstudium in Hessen entdeckt. Damals wurde die Referendarzeit noch ordentlich bezahlt, also habe ich dann Referendarzeit und Medizinstudium parallel gemacht.

Vorteile sehe ich in dieser Kombination nur, wenn man entweder Rechtsmediziner werden will, oder aber sich als Rechtsanwalt auf Medizinrecht spezialisiert. Beides wollte ich aber nach dem Abschluss meines Medizinstudiums nicht. Zu Beginn meines Medizinstudiums hatte ich allerdings sehr wohl den Rechtsmediziner im Auge.

Nach beruflichen Stationen in Deutschland, unter anderem als Rechtsanwalt am Landgericht in Frankfurt, als Teilhaber einer Sozietät und weiteren Tätigkeiten im Krankenhaus in Limburg wurde Ihnen schließlich nach längerer Tätigkeit als Assistenzarzt am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf von dem Abteilungsleiter Prof D. K. Hossfeld eine Habilitation angeboten. Sie haben abgelehnt, warum?

Professor Hossfeld, der vor drei Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde, wollte grundsätzlich, dass seine Assistenten, denen er das zutraute, sich habilitieren. Ich habe relativ spät an der Uniklinik angefangen, war damals schon 34 Jahre und Vollblutkliniker, der seine Zeit nicht in Laboren verbringen wollte. Also gab es zwei Gründe, die klar dagegen sprachen. Wenn ich eine Universitätslaufbahn hätte einschlagen wollen, dann wäre das im Bereich der Rechtsmedizin erheblich einfacher gewesen.

1987 sind Sie nach Zimbabwe gegangen. Welche Aufgaben haben Sie dort übernommen?

Ich wurde in Zimbabwe Leiter der Haematologie am Mpilo-Hospital in Bulawayo, dem zweitgrössten Krankenhaus des Landes. Dort arbeitete ich für 14 Jahre und hatte eigentlich nicht vor, Zimbabwe wieder zu verlassen. Aber mit diesem Terror und der Misswirtschaft Mugabes konnte man nicht unbedingt rechnen. Ich bewarb mich daraufhin im Nachbarland Botswana, ein Land, das zurecht den Namen „Schweiz Afrikas“ verdient und wurde Leiter der neueröffneten Abteilung für Krebskrankheiten im grössten staatlichen Krankenhaus Botswanas, dem Princess Marina Krankenhaus in Gaborone.

Die Feinnadelpunktionen, die ich am Mpilo Krankenhaus einführte, gehörte hier dann auch rasch zum Standard. Wir haben es in den Ländern, die wie Botswana von der HIV-Seuche heimgesucht sind, mit einer ständig steigenden Zahl von Krebspatienten zu tun. Etwa 60 Prozent meiner Patienten sind HIV positiv, der häufigste Krebs bei Männern und Frauen ist jetzt das Kaposi-Sarkom, ein Hautkrebs, der auch innere Organe wie die Lunge befallen kann. Wir haben es, man könnte das so sagen, auch mit einer "Krebsepidemie" als Folge der HIV Epidemie zu tun.

Ursprünglich wollten Sie nur drei Jahre in Afrika arbeiten. Daraus wurden bis heute zwei Jahrzehnte. Gab es für die Entscheidung, in Afrika zu bleiben, einen speziellen Auslöser?

Nein, es gab keinen speziellen Auslöser, das hat sich so ergeben. Man wird gebraucht. Aus drei Jahren wurden mehr, dann erneut die Entscheidung, weiterzumachen.

Es ist sicher richtig, wenn man Sie als einen politisch engagierten Menschen beschreibt. Dies beweisen auch viele Artikel, die sie nicht nur geschrieben, sondern auch in der lokalen Zeitung "Mmegi", dem "Sunday Standard" und auf investigativ ausgerichteten Blogs, wie etwa bei Stephan Fuchs veröffentlicht haben. Konnten Sie damit etwas bewegen?

Ob man etwas bewegen kann, ist schwer zu sagen. Aufklärung betreiben, das halte ich nach wie vor für wichtig. Gerade auch in Bereichen, die von den Mainstream Medien vernachlässigt werden. Und dazu gehören afrikanische Themen. Aber auch, wie ich feststellen musste, diese furchtbaren "alternativen" Konzepte zu HIV-AIDS, die in Deutschland von dem Mediziner Köhnlein und dem Journalisten Engelbrecht verbreitet wurden. Internationale Themen und Hintergrundinformationen kommen in der lokalen Presse hier in Botswana etwas kurz, und ich versuche solche Themen einzubringen.

Sie haben sich auch mit der Geschichte um den Deutschen Gerhard Eugen Merz befasst, der von 1992 bis 1994 zusammen mit einem internationalen Kriminellen namens Moshe Regenstreich den Transport von Rohstoffen für die Herstellung von Giftgasen als Massenvernichtungswaffen von China in den Iran organisierte. Es wird angenommen, dass die damalige Bundesregierung und der Bundenachrichtendienst über diese Tätigkeit informiert waren, aber nichts unternommen wurde. Was hatte man in Ihrer Sicht davon, die ganze Geschichte unter den Tisch zu kehren?

Das ist ein handfester Skandal. Im übrigen habe ich Herrn Rechtsanwalt und MdB Hans Christian Ströbele die ganzen Informationen gegeben, und er wollte sich weiter darum kümmern. Vielleicht rufen Sie ihn mal an. Angefangen hatte alles mit Gerhard Merz. Auch meine Schreiberei. Nach dem fehlgeschlagenen Putschversuch in Äquatorial Guinea tauchte die Information auf, dass auch ein Deutscher daran beteiligt war, Gerhard Merz. Versuche, über einen ehemaligen Botschafter etwas zu erfahren, führten zu der Auskunft des Auswärtigen Amtes, die Angelegenheit sei unbekannt. Auch ein zweiter Versuch über den Leiter der Afrika-Abteilung ergab eine negative Auskunft. Erst nachdem ich Strafanzeige bei der Generalstaatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin erstattet hatte, um eine Sektion der Leiche nach dem Rücktransport nach Deutschland zu erreichen, wusste man auif einmal Bescheid.

Der damalige Generalsstaatsanwalt Dr. Karge war übringens mein Ausbilder während meiner Referendarzeit, die ich in Darmstadt ableistete. Nach mühsamen weiteren Recherchen, etwas über die Vorgeschichte des Herrn Merz herauszubekommen, fand ich in dem Archiv der südafrikanischen Zeitung "Mail and Guardian" den Hinweis, dass Merz zusammen mit Regenstreich an diesen Chemiewaffentransporten beteiligt war. Von da an war ich überzeugt, dass hier was unter den Teppich gekehrt werden sollte und begann meine eigenen Recherchen, zu denen auch gehörte, dass ich die Witwe von Gerhard Merz in Frankfurt vor zwei Jahren besuchte.

Dieser Besuch ergab neue Erkenntnisse?

Ja, Frau Merz, die in sehr bescheidenen finanziellen Verhältnissen lebte, berichtete mir, wie sie vom Auswärtigen Amt in Berlin seinerzeit "abgefertigt" worden sei. Den Tod ihres Mannes hatte sie aus der Zeitung erfahren. Umgekehrt hatte aber das Auswärtige Amt am Tage nach dem Tod von Merz, der offenbar schwer gefoltert worden war, die für "Aequatorial Guinea" zuständig deutsche Botschaft in dem Nachbarland Kamerun umfassend über die Hintergründe von Merz informiert. Das berichtete mir der dortige deutsche Botschaftsarzt während seines Besuches hier in Gaborone vor zwei Jahren. Den Herrn Regenstreich kannte die Witwe, aber von den Giftwaffentransporten wusste sie offenbar nichts. Als ich schon gehen wollte, gab sie mir eine E-Mail, die von einem Greg Wales, einem der angeblichen Mitverschwörer in dem fehlgeschlagenen Putsch und Bekannten von Mark Thatcher, an Thomas Rinnert, dem Inhaber der Luftfrachtfirma CAL in Offenbach gerichtet war. Daraus ergibt sich eindeutig die Beteiligung des Herrn Wales, der seine Beteiligung immer abgestritten hatte und der dringende Verdacht, dass auch Herr Rinnert knietief mit drinnensteckte.

Von Ihnen stammt die Äußerung, "der deutsche Journalismus sei etwas auf den Hund gekommen". Können Sie das etwas genauer erklären?

Sehen Sie sich mal an, wie viele investigative Jornalisten es in Deutschland gibt. Manche behaupten, es sind weniger als zehn. Ganze Redaktionen werden ausgelagert und outgesourct, immer mehr wird auch Rückgriff genommen auf freie, manchmal möchte man sagen vogelfreie Mitarbeiter. Vieles wird über das Internet hereingeholt. Die "FAZ" hat für Afrika einen einzigen Journalisten vor Ort, für einen ganzen Kontinent! "Die ZEIT"- Redakteur Grill hat Südafrika gerade verlassen. Bisher kein Ersatz. Dann kommen noch die Blogs dazu, wo vieles berichtet wird, aber Geld lässt sich damit nicht verdienen, höchstens Anerkennung. Aber davon kann man ja wohl als Journalist nicht leben. Es ist also nicht der Journalismus als solcher, sondern oftmals die Bedingungen, unter denen viele Journalisten jetzt arbeiten müssen. Herr Dieterich, ein deutscher Journalist in Johannesburg sagte mir, als ich ihn anlässlich des Besuches von Bundepräsident Koehler hier letztes Jahr traf, "investigativer Journalismus ist zeitaufwändig und lohnt sich nicht".

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Wird es irgendwann eine Rückkehr nach Deutschland geben, oder bleiben Sie vielleicht für immer in Afrika?

Ich bin jetzt 60 . Eine berufliche Rückkehr nach Deutschland sehe ich nicht. Es klingt für mich eigentlich zu sentimental, wenn ich sage, dass Afrika meine Heimat geworden ist. Ich liebe dieses Land und kann mir nicht vorstellen, hier nicht mehr zu leben. Immer, wenn ich nach Deutschland zu Besuch komme, fallen mir die verkniffenen Gesichter und die Unfreundlichkeit auf. Hier geht es den Menschen ungleich schlechter und Dank Satellitenfersehen und Internet wissen sie das auch. Das Lachen und die Freundlichkeit haben sie gleichwohl nicht verlernt.

Das Interview führte Ursula Pidun

Weitere Publikationen von Dr. Alexander von Paleske

Photo: Mit freundlicher Genehmigung von "Sunday Standard"
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