Heinrich George: Arrangement mit Goebbels & Co (2)
4. Februar 2012, 08:34[Ursula Pidun] Im zweiten Teil unseres Gesprächs zu Heinrich George dreht sich alles um Arrangements mit Goebbels & Co. Waren sie für den Schauspieler tatsächlich unvermeidbar? Was wäre passiert, wenn sich der Schauspieler und spätere Intendant des Schiller-Theaters verweigert hätte? Goebbels & Co. unterbanden alles, was ihren Zielen nicht entsprach. Repressalien drohten. Gab es dennoch keine wie auch immer gearteten Fluchtwege, um sich den manipulativen und menschenverachtenden Forderungen des totalitären Systems zu entziehen? Im Gespräch mit dem Historiker Dr. Kurt Fricke*.
Wenn Sie Heinrich George beschreiben sollten, welche Eigenschaften waren nach Ihren Recherchen besonders prägnant?
George war in meinen Augen ein sehr extremer Mensch, er hat versucht, das Leben in allen seinen Polen auszukosten. Er hatte in der Schauspielerei seinen Lebensinhalt gefunden, und er konnte in den Rollen in gewissem Maße auch die Schattierungen des Lebens ergründen. Diese Lebenslust hat sich auch in seinem Privatleben wiedergefunden, auch wenn er nach der Verbindung mit Berta Drews und der Geburt seiner zwei Söhne da etwas ruhiger geworden ist.
Dazu zählte auch sein generelles Engagement, beispielsweise in politischer Hinsicht zu Zeiten der Weimarer Republik und in menschlicher Weise, indem er sich immer wieder für Berufskollegen einsetze?
Ja, George hat sich immer wieder für seine Mitmenschen interessiert und engagiert. In der Weimarer Republik war er etwa für die Arbeiter eingetreten, bei Benefizveranstaltungen und vielem mehr. Aber er hat sich nicht vor einen parteipolitischen Karren spannen lassen, was ihm 1933 zunächst Schwierigkeiten einbrachte. Auch als er sich mit den neuen Verhältnissen arrangiert hatte – und dieses Arrangement muss man ganz klar vor dem zeithistorischen Hintergrund sehen, die NS-Diktatur hat sich ja fast bis zum Ende auf eine Bevölkerungsmehrheit stützen können – wieder bedeutende Rollen bekam und schließlich die Intendantur des Schiller-Theaters in Berlin, war er für Freunde, aber auch Bekannte und Unbekannte da. Vielleicht hat er mit der Geburt seiner beiden Söhne auch eine "Vaterrolle" angenommen und sie nicht etwa gespielt (!), für sich verinnerlicht und die daraus resultierende Verantwortung auch auf sein Berufsleben als Intendant übertragen. Er ist in den Erinnerungen seiner früheren Kollegen und Angestellten ja auch immer der Prinzipal, streng, aber gerecht, gewesen.
Diesem Engagement fehlte mitunter die Bremse, die vor den indiskutablen Vorkommnissen hätte halt machen sollen/müssen/können?
Das gehört wohl zur Tragik von Georges Wirken im "Dritten Reich" bis zu seinem Ende in einem sowjetischen Internierungslager, dass er das Edle in seiner Kunst, in seinem Privatleben nicht vollständig bewahren konnte, dass er sich bestimmten Dingen nicht verweigert hat, nicht verweigern wollte und oft auch nicht konnte. Aber das ist eine Erfahrung, die auch Millionen anderer Deutscher in diesen Jahren gemacht haben, der Preis
für das häufig blinde Vertrauen in Hitler und seine Gesinnungsgenossen.
In seinen letzten Monaten in sowjetischer Haft war George aber wohl für viele ein Vorbild, er organisierte Theateraufführungen, um selbst (geistig) zu überleben, und half damit anderen zu überleben. Am Ende war er wieder bei sich, bei seiner Kunst.
Dabei zählte George aber doch wohl zu den Privilegierten
mit scharfem Intellekt, der einem Zeitgeist Verstand hätte einflößen können, der den Verstand offensichtlich verloren hatte?
Auch wenn George durchaus in der Weimarer Republik politische Äußerungen tätigte und sich in Aktionen wie den Schauspielerstreik 1922 einband, so war er doch kein kühler, klarsichtiger Beobachter der Zeitumstände wie etwa Harry Graf Kessler. George wirkte im Politischen eher aus dem Bauch heraus, aus einem Gefühl für Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Verantwortung. So nimmt es nicht Wunder, dass er das Jahr 1933 nicht als eine Zäsur im Negativen begriff, sondern sich in die Volksmehrheit einreihte, die in Hitler einen fähigen, willensstarken Politiker sah, der – unter mäßigender "Kontrolle" des Reichspräsidenten Hindenburg – die Verhältnisse zum Besseren wenden könnte. Dass dies eine Illusion war, gehörte sicher zu den schmerzlichsten Erkenntnissen Georges in den nächsten Jahren, vor allem in den letzten Kriegsmonaten und der Zeit der Internierung in Sachsenhausen.
Er verweigerte sich bestimmten Dingen also nicht vorsätzlich, sondern eher in der Absicht, nichts Falsches zu tun? In gewisser Weise zu bedenkenlos?
Ja, das lässt sich so sehen. Dieser Widerspruch zwischen dem privat Gewollten und den Zielen der politischen Machthaber, der Goebbels & Co zeigt sich auch an folgendem Beispiel. In Georges Nachlass befindet sich ein Zettel, der ihm bei einem Gastspiel im besetzten Paris, an der Comédie Française zugespielt wurde:
"Alles, was Sie sehen, Fassade! In glücklicher Zeit hätten wir Sie, mein Herr, mit der Bewunderung empfangen, die einem großen Schauspieler geziemt. In dieser leidvollen Zeit ist eine Truppe deutscher Schauspieler auf der Bühne der Comédie Française keine Manifestation der Kunst mehr, das wissen Sie wohl, es ist eine Herausforderung, eine Sache, die uns aufgezwungen ist […] Sie persönlich sind für mich nicht verantwortlich für all unser Unglück, aber mögen Sie es nur wissen, mögen Sie wissen, wenn Sie zurückkehren, dass bei uns das französische Volk Ihren Hitler haßt, dieses Ungeheuer, das alles entfesselt, wo er vorbeikommt, das Elend, die Tränen, den Tod."
Ein für mich interessantes Detail am Rande. Der Originalzettel befindet sich wie erwähnt im Nachlass, George hat ihn also mit Sicherheit nicht an offizielle Stellen weitergeben. Wenn er damit möglicherweise den anonymen Absender schützen wollte, hätte er das Papier auch vernichten können. Er hat den Zettel behalten, der von Hitler als dem "Ungeheuer, das Elend, die Tränen, den Tod" verantwortet, spricht. Damit konnte man sich in dieser Zeit, also zu Beginn der 1940er Jahre, in starke Schwierigkeiten bringen – auch als Filmstar.
Lässt sich in Ihrer Sicht ermessen, was genau passiert wäre, wenn George ein Mitwirken in dem Film "Jud Süß" oder ähnlichen Streifen rigoros abgelehnt hätte? Wie hätte das Leben dieses Künstlers dann ausgesehen?
Man muss sicherlich unterscheiden zwischen der Situation vor und im Krieg. Die Weigerung, etwa an Propagandafilmen mitzuwirken, hätte sicherlich in der Vorkriegszeit schon einen Karriereknick bedeutet. Konkret wären möglich gewesen, dass George keine Filmrollen mehr bekommen hätte oder zumindest nur noch kleine Rollen. Es wäre fraglich gewesen, ob er noch in Berlin an großen Bühnen hätte spielen können. Das wäre für ihn als Künstler natürlich schwierig gewesen. Als Familienoberhaupt musste er den entsprechenden Wegfall von Einnahmen ins Kalkül fassen und ebenso bedenken, welche Folgen das für seine Frau Berta Drews, die ja ebenfalls Schauspielerin war, und für seine Kinder bedeutete.
Zusätzlich wirkten die vielfältigen Instrumente eines totalitären Systems?
Das nationalsozialistische System war unter anderem auch in dem Sinne, dass man sicherlich staatlicherseits – beispielsweise am Theater der Frau, in der Schule etc. – die Familie geschnitten hätte, die sich nicht am nationalen Wiederaufbau – das war ja die parteioffizielle Sicht und in der Mehrheit auch die Auffassung der deutschen Bevölkerung – beteiligen wollte. Man muss allerdings bedenken, dass George sicherlich in den Anfangsjahren der NS-Diktatur keinen Grund zu so einem Verhalten sah. Wie viele andere schluckte er die Repressionsmaßnahmen als notwendig und temporär.
Die "Repressalien" verschärften sich dann zu Beginn des Zweiten Weltkrieges noch weiter?
Ja, unbedingt. Mit Kriegsbeginn änderte sich das nochmals rigoros. Dem Krieg wurde alles untergeordnet, wer sich nicht fügte, galt als Volksfeind, der entsprechend zu behandeln war. Auch wenn gerade die Film- und Theaterstars ihre Popularität in einem gewissen Maß "schützte, so waren sie dennoch nicht narrenfrei. Goebbels als oberster Dienstherr der Kulturschaffenden und seine Mitarbeiter, häufig SS-Angehörige, unterbanden alles, was ihren Zielen nicht genehm war. Die Mittel waren vielfältig, sie reichten von verbalen Drohungen, über die Aufhebung der uk-Stellung (d.h. die Zurückstellung vor dem Wehrdienst), die Gestapoüberwachung bis zur offenen Verfolgung und Aburteilung durch den Volksgerichtshof. Nicht wenige, die denunziert worden waren, begingen daher Selbstmord, so auch der Regisseur Herbert Selpin. Andere wurden zum Tode verurteilt, etwa der UFA-Pressechef Richard H. Düvell.
Für die Propaganda-Werke waren damals vor allem Charakterdarsteller gefragt?
Ja, richtig, und dabei traf es neben George, der unter anderem "Unternehmen Michael", "Jud Süß" und "Kolberg" drehte, weitere Stars wie Otto Gebühr, Werner Krauß, Eugen Klöpfer oder Paul Wegener. Die wenigsten haben sich um diese Filme gerissen. Namentlich bei "Jud Süß" ist der umfassende Widerstand der Schauspieler gegen eine Mitwirkung an diesem Film bekannt geworden. Zu dieser Zeit herrschte aber schon Krieg, die Filmproduktion war vonseiten des Reichspropagandaministeriums "ausdrücklich kriegsentscheidende Bedeutung" zugemessen worden. Entsprechend reagierte Goebbels bei Weigerung an der Mitwirkung von Propagandafilmen.
Die Folgen einer Verweigerung waren also jedermann klar, dennoch versuchten sich George und andere ja durchaus auch, sich zu entziehen.
Es ist klar, dass eine kategorische Weigerung, in Propagandafilmen mitzuspielen, ernste Konsequenzen hatte. Trotzdem versuchten viele Schauspieler sich vor solchen Rollen zu drücken. Natürlich wurden dabei nicht die wirklichen Beweggründe genannt, sondern verschiedene Ausflüchte gesucht. George versuchte bei "Jud Süß" künstlerische Bedenken ebenso wie Terminprobleme vorzuschieben, musste die Rolle aber am Ende annehmen, auch weil Goebbels persönlich auf die Schauspieler einwirkte, die sein Projekt behinderten. Was konkret geschehen wäre, wenn George etwa die Rolle des Herzogs in "Jud Süß" nicht gespielt hätte, muss spekulativ bleiben. Es ist aber kaum davon auszugehen, dass Goebbels das hätte durchgehen lassen. Vielleicht hätte es unmittelbare Konsequenzen, wie oben angedeutet gegeben, vielleicht hätte der Propagandaminister George eine andere Kröte schlucken lassen.
Weiter zu Teil III: Heinrich George - Freunde, Feinde und Denunzianten
Kommentare möglich unter Teil IV *Dr. Kurt Fricke wurde 1967 in Halle geboren. Nach einer Berufsausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur absolvierte Fricke von 1989 bis 1995 ein Studium der Geschichte und Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 1995 bis 1997 arbeitete er als freiberuflicher Historiker und promovierte im Jahre 2000. Seit 2000 ist Dr. Kurt Fricke als Lektor im Mitteldeutschen Verlag Halle tätig.
Fotorechte:
(1)mit frdl. Genehmigung Bundesarchiv
(2) Verwendung von Abbildungen aus Original-Theater-Programmheften aus dem Besitz von Dr. Kurt Fricke
(3) Verwendung von Abbildungen aus Original-Printheften N.S. Funk aus dem Privatbesitz von Dr. Kurt Fricke
Anm. der Redaktion:
"Meister deutscher Schauspielkunst" ist erschienen im Carl Schünemann Verlag Bremen/Wien
N.S.Funk war das Amtliche Organ der Reichsrundfunkkammer und
Parteiamtliche Rundfunkzeitschrift der NSDAP
Fotobearbeitung: U. Pidun/SPREERAUSCHEN.net
Wenn Sie Heinrich George beschreiben sollten, welche Eigenschaften waren nach Ihren Recherchen besonders prägnant? George war in meinen Augen ein sehr extremer Mensch, er hat versucht, das Leben in allen seinen Polen auszukosten. Er hatte in der Schauspielerei seinen Lebensinhalt gefunden, und er konnte in den Rollen in gewissem Maße auch die Schattierungen des Lebens ergründen. Diese Lebenslust hat sich auch in seinem Privatleben wiedergefunden, auch wenn er nach der Verbindung mit Berta Drews und der Geburt seiner zwei Söhne da etwas ruhiger geworden ist.
Dazu zählte auch sein generelles Engagement, beispielsweise in politischer Hinsicht zu Zeiten der Weimarer Republik und in menschlicher Weise, indem er sich immer wieder für Berufskollegen einsetze?
Ja, George hat sich immer wieder für seine Mitmenschen interessiert und engagiert. In der Weimarer Republik war er etwa für die Arbeiter eingetreten, bei Benefizveranstaltungen und vielem mehr. Aber er hat sich nicht vor einen parteipolitischen Karren spannen lassen, was ihm 1933 zunächst Schwierigkeiten einbrachte. Auch als er sich mit den neuen Verhältnissen arrangiert hatte – und dieses Arrangement muss man ganz klar vor dem zeithistorischen Hintergrund sehen, die NS-Diktatur hat sich ja fast bis zum Ende auf eine Bevölkerungsmehrheit stützen können – wieder bedeutende Rollen bekam und schließlich die Intendantur des Schiller-Theaters in Berlin, war er für Freunde, aber auch Bekannte und Unbekannte da. Vielleicht hat er mit der Geburt seiner beiden Söhne auch eine "Vaterrolle" angenommen und sie nicht etwa gespielt (!), für sich verinnerlicht und die daraus resultierende Verantwortung auch auf sein Berufsleben als Intendant übertragen. Er ist in den Erinnerungen seiner früheren Kollegen und Angestellten ja auch immer der Prinzipal, streng, aber gerecht, gewesen.
Diesem Engagement fehlte mitunter die Bremse, die vor den indiskutablen Vorkommnissen hätte halt machen sollen/müssen/können?
Das gehört wohl zur Tragik von Georges Wirken im "Dritten Reich" bis zu seinem Ende in einem sowjetischen Internierungslager, dass er das Edle in seiner Kunst, in seinem Privatleben nicht vollständig bewahren konnte, dass er sich bestimmten Dingen nicht verweigert hat, nicht verweigern wollte und oft auch nicht konnte. Aber das ist eine Erfahrung, die auch Millionen anderer Deutscher in diesen Jahren gemacht haben, der Preisfür das häufig blinde Vertrauen in Hitler und seine Gesinnungsgenossen.
In seinen letzten Monaten in sowjetischer Haft war George aber wohl für viele ein Vorbild, er organisierte Theateraufführungen, um selbst (geistig) zu überleben, und half damit anderen zu überleben. Am Ende war er wieder bei sich, bei seiner Kunst.
Dabei zählte George aber doch wohl zu den Privilegierten
mit scharfem Intellekt, der einem Zeitgeist Verstand hätte einflößen können, der den Verstand offensichtlich verloren hatte?
Auch wenn George durchaus in der Weimarer Republik politische Äußerungen tätigte und sich in Aktionen wie den Schauspielerstreik 1922 einband, so war er doch kein kühler, klarsichtiger Beobachter der Zeitumstände wie etwa Harry Graf Kessler. George wirkte im Politischen eher aus dem Bauch heraus, aus einem Gefühl für Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Verantwortung. So nimmt es nicht Wunder, dass er das Jahr 1933 nicht als eine Zäsur im Negativen begriff, sondern sich in die Volksmehrheit einreihte, die in Hitler einen fähigen, willensstarken Politiker sah, der – unter mäßigender "Kontrolle" des Reichspräsidenten Hindenburg – die Verhältnisse zum Besseren wenden könnte. Dass dies eine Illusion war, gehörte sicher zu den schmerzlichsten Erkenntnissen Georges in den nächsten Jahren, vor allem in den letzten Kriegsmonaten und der Zeit der Internierung in Sachsenhausen.
Er verweigerte sich bestimmten Dingen also nicht vorsätzlich, sondern eher in der Absicht, nichts Falsches zu tun? In gewisser Weise zu bedenkenlos?
Ja, das lässt sich so sehen. Dieser Widerspruch zwischen dem privat Gewollten und den Zielen der politischen Machthaber, der Goebbels & Co zeigt sich auch an folgendem Beispiel. In Georges Nachlass befindet sich ein Zettel, der ihm bei einem Gastspiel im besetzten Paris, an der Comédie Française zugespielt wurde:
"Alles, was Sie sehen, Fassade! In glücklicher Zeit hätten wir Sie, mein Herr, mit der Bewunderung empfangen, die einem großen Schauspieler geziemt. In dieser leidvollen Zeit ist eine Truppe deutscher Schauspieler auf der Bühne der Comédie Française keine Manifestation der Kunst mehr, das wissen Sie wohl, es ist eine Herausforderung, eine Sache, die uns aufgezwungen ist […] Sie persönlich sind für mich nicht verantwortlich für all unser Unglück, aber mögen Sie es nur wissen, mögen Sie wissen, wenn Sie zurückkehren, dass bei uns das französische Volk Ihren Hitler haßt, dieses Ungeheuer, das alles entfesselt, wo er vorbeikommt, das Elend, die Tränen, den Tod."
Ein für mich interessantes Detail am Rande. Der Originalzettel befindet sich wie erwähnt im Nachlass, George hat ihn also mit Sicherheit nicht an offizielle Stellen weitergeben. Wenn er damit möglicherweise den anonymen Absender schützen wollte, hätte er das Papier auch vernichten können. Er hat den Zettel behalten, der von Hitler als dem "Ungeheuer, das Elend, die Tränen, den Tod" verantwortet, spricht. Damit konnte man sich in dieser Zeit, also zu Beginn der 1940er Jahre, in starke Schwierigkeiten bringen – auch als Filmstar.Lässt sich in Ihrer Sicht ermessen, was genau passiert wäre, wenn George ein Mitwirken in dem Film "Jud Süß" oder ähnlichen Streifen rigoros abgelehnt hätte? Wie hätte das Leben dieses Künstlers dann ausgesehen?
Man muss sicherlich unterscheiden zwischen der Situation vor und im Krieg. Die Weigerung, etwa an Propagandafilmen mitzuwirken, hätte sicherlich in der Vorkriegszeit schon einen Karriereknick bedeutet. Konkret wären möglich gewesen, dass George keine Filmrollen mehr bekommen hätte oder zumindest nur noch kleine Rollen. Es wäre fraglich gewesen, ob er noch in Berlin an großen Bühnen hätte spielen können. Das wäre für ihn als Künstler natürlich schwierig gewesen. Als Familienoberhaupt musste er den entsprechenden Wegfall von Einnahmen ins Kalkül fassen und ebenso bedenken, welche Folgen das für seine Frau Berta Drews, die ja ebenfalls Schauspielerin war, und für seine Kinder bedeutete.
Zusätzlich wirkten die vielfältigen Instrumente eines totalitären Systems?
Das nationalsozialistische System war unter anderem auch in dem Sinne, dass man sicherlich staatlicherseits – beispielsweise am Theater der Frau, in der Schule etc. – die Familie geschnitten hätte, die sich nicht am nationalen Wiederaufbau – das war ja die parteioffizielle Sicht und in der Mehrheit auch die Auffassung der deutschen Bevölkerung – beteiligen wollte. Man muss allerdings bedenken, dass George sicherlich in den Anfangsjahren der NS-Diktatur keinen Grund zu so einem Verhalten sah. Wie viele andere schluckte er die Repressionsmaßnahmen als notwendig und temporär.
Die "Repressalien" verschärften sich dann zu Beginn des Zweiten Weltkrieges noch weiter? Ja, unbedingt. Mit Kriegsbeginn änderte sich das nochmals rigoros. Dem Krieg wurde alles untergeordnet, wer sich nicht fügte, galt als Volksfeind, der entsprechend zu behandeln war. Auch wenn gerade die Film- und Theaterstars ihre Popularität in einem gewissen Maß "schützte, so waren sie dennoch nicht narrenfrei. Goebbels als oberster Dienstherr der Kulturschaffenden und seine Mitarbeiter, häufig SS-Angehörige, unterbanden alles, was ihren Zielen nicht genehm war. Die Mittel waren vielfältig, sie reichten von verbalen Drohungen, über die Aufhebung der uk-Stellung (d.h. die Zurückstellung vor dem Wehrdienst), die Gestapoüberwachung bis zur offenen Verfolgung und Aburteilung durch den Volksgerichtshof. Nicht wenige, die denunziert worden waren, begingen daher Selbstmord, so auch der Regisseur Herbert Selpin. Andere wurden zum Tode verurteilt, etwa der UFA-Pressechef Richard H. Düvell.
Für die Propaganda-Werke waren damals vor allem Charakterdarsteller gefragt?
Ja, richtig, und dabei traf es neben George, der unter anderem "Unternehmen Michael", "Jud Süß" und "Kolberg" drehte, weitere Stars wie Otto Gebühr, Werner Krauß, Eugen Klöpfer oder Paul Wegener. Die wenigsten haben sich um diese Filme gerissen. Namentlich bei "Jud Süß" ist der umfassende Widerstand der Schauspieler gegen eine Mitwirkung an diesem Film bekannt geworden. Zu dieser Zeit herrschte aber schon Krieg, die Filmproduktion war vonseiten des Reichspropagandaministeriums "ausdrücklich kriegsentscheidende Bedeutung" zugemessen worden. Entsprechend reagierte Goebbels bei Weigerung an der Mitwirkung von Propagandafilmen.
Die Folgen einer Verweigerung waren also jedermann klar, dennoch versuchten sich George und andere ja durchaus auch, sich zu entziehen.
Es ist klar, dass eine kategorische Weigerung, in Propagandafilmen mitzuspielen, ernste Konsequenzen hatte. Trotzdem versuchten viele Schauspieler sich vor solchen Rollen zu drücken. Natürlich wurden dabei nicht die wirklichen Beweggründe genannt, sondern verschiedene Ausflüchte gesucht. George versuchte bei "Jud Süß" künstlerische Bedenken ebenso wie Terminprobleme vorzuschieben, musste die Rolle aber am Ende annehmen, auch weil Goebbels persönlich auf die Schauspieler einwirkte, die sein Projekt behinderten. Was konkret geschehen wäre, wenn George etwa die Rolle des Herzogs in "Jud Süß" nicht gespielt hätte, muss spekulativ bleiben. Es ist aber kaum davon auszugehen, dass Goebbels das hätte durchgehen lassen. Vielleicht hätte es unmittelbare Konsequenzen, wie oben angedeutet gegeben, vielleicht hätte der Propagandaminister George eine andere Kröte schlucken lassen.
Weiter zu Teil III: Heinrich George - Freunde, Feinde und Denunzianten
Kommentare möglich unter Teil IV *Dr. Kurt Fricke wurde 1967 in Halle geboren. Nach einer Berufsausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur absolvierte Fricke von 1989 bis 1995 ein Studium der Geschichte und Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 1995 bis 1997 arbeitete er als freiberuflicher Historiker und promovierte im Jahre 2000. Seit 2000 ist Dr. Kurt Fricke als Lektor im Mitteldeutschen Verlag Halle tätig.
Fotorechte:
(1)mit frdl. Genehmigung Bundesarchiv
(2) Verwendung von Abbildungen aus Original-Theater-Programmheften aus dem Besitz von Dr. Kurt Fricke
(3) Verwendung von Abbildungen aus Original-Printheften N.S. Funk aus dem Privatbesitz von Dr. Kurt Fricke
Anm. der Redaktion:
"Meister deutscher Schauspielkunst" ist erschienen im Carl Schünemann Verlag Bremen/Wien
N.S.Funk war das Amtliche Organ der Reichsrundfunkkammer und
Parteiamtliche Rundfunkzeitschrift der NSDAP
Fotobearbeitung: U. Pidun/SPREERAUSCHEN.net

































































