Heinrich George: Ausnahmetalent zwischen Ruhm und Verachtung (1)
1. August 2011, 08:35[Ursula Pidun] Der Schauspieler Götz George wird voraussichtlich in einem ARD-Film seinen Vater Heinrich George verkörpern und die letzten Lebensjahre dieses schauspielerischen Ausnahmetalents darstellen. Heinrich Georges künstlerisches Wirken zu Zeiten des Nationalsozialismus war nie unumstritten und wird es möglicherweise auch nie sein. George habe sich instrumentalisieren und vom damaligen Regime zu Propagandazwecken vereinnahmen lassen, erklären Kritiker. Anlass, die geschichtlichen Hintergründe einmal näher zu beleuchten und einige Aspekte kritisch zu hinterfragen. Die Journalistin Ursula Pidun im Gespräch mit dem Historiker Dr. Kurt Fricke*.
Herr Dr. Fricke, Sie haben unter anderem eine politische Biografie zum berühmten Heinrich George ("Spiel am Abgrund") veröffentlicht. Haben Sie sich durch Ihre umfangreiche Recherchen auch der Persönlichkeit Heinrich George nähern können?
Die Persönlichkeit eines so komplexen Menschen wie Heinrich George einzuschätzen ist grundsätzlich schwer – noch dazu, wenn er in einer Epoche kurz aufeinander folgender Extreme mit zwei Weltkriegen und drei Gesellschaftsformen, also Monarchie, Demokratie und Diktatur, gelebt hat. Ich habe mich in meiner Biographie vor allem dem politischen Handeln Georges genähert, aber natürlich bleibt es nicht aus, dass auch charakterliche Aspekte in den Blick geraten, etwa in Memoiren von Kollegen, in seinen eigenen Zeugnissen (Briefen etc.) oder auch in den Erinnerungen seines ältesten Sohnes Jan George. Und natürlich schafft man sich ein gewisses Bild von einem Menschen, mit dem man sich fast drei Jahre intensiv beschäftigt. Dieses Bild ist aber das eines Historikers, eines Menschen, der Jahrzehnte nach Georges Tod auf die Welt gekommen ist.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Idee der Verfilmung und der Besetzung der Hauptrolle hörten?
Dass nunmehr Götz George für ein Filmprojekt unterschrieben hat, in dem er selbst George in den letzten Jahren seines Lebens darstellen wird, ist wohl ein einmaliges künstlerisches Experiment. Götz George hat in meinen Augen viel von der Art des Schauspielens von seinem Vater, seine starke körperliche Präsenz etwa. Und
gerade in den letzten Jahren, in einigen seiner Altersrollen wie etwa in "Der Totmacher", hat er eine neue künstlerische Reife erlangt, ist als Schauspieler sicher in der Lage, einen genialen Schauspieler "zu spielen".
Gibt es – neben den Erwartungen kritischer Zuschauer, die vielleicht nicht
immer unvoreingenommener Natur sein werden – in Ihrer Sicht auch die Erwartungshaltung des Sohnes und Schauspielers Götz George auf eine sehr verdeutlichte und spürbare Rehabilitation des Vaters?
Inwieweit sich die Hoffnung von Götz George, "für meinen völlig zu Unrecht beschuldigten Vater […] einen Freispruch zu erwirken", erfüllt, bleibt abzuwarten. Denn es gibt ja keinen Prozess gegen George, sondern eine hoffentlich genaue Nachzeichnung eines Teils seines Lebens, die vor allem eine Annäherung an die
Zeit der NS-Diktatur ermöglicht.
Benötigt George in Ihrer Sicht denn einen Freispruch?
Nein, aus meiner Warte benötigt George keinen Freispruch. Wer sich ernsthaft und unvoreingenommen mit seinem Leben beschäftigt, der wird Tadelnswertes und Lobenswertes finden, der wird erkennen, dass George insbesondere in seinem filmischen Schaffen in der NS-Zeit einiges auf sich geladen hat, das ihm später zum Verhängnis wurde. Und er wird erkennen, dass er daneben vieles für Bedrängte getan hat, dass er – man kann es naiv, dumm oder auch hoffnungsvoll nennen – insbesondere auf seinen Gastspielreisen auch versucht hat, für den Frieden zu wirken, für ein friedliches, respektvolles Miteinander der Völker.
Gab es nach Ihren Recherchen Hinweise auf einen Auslöser für das "Arrangement mit der NS-Diktatur", das ja tatsächlich stattgefunden hat? George war wohl im Grunde alles andere als ein Mensch, der sich vor einen parteipolitischen Karren spannen ließ.
Wenn man sich dieser Frage nähert, muss man zunächst bedenken, dass man das "Arrangement mit der NS-Diktatur" nicht aus der heutigen Zeit betrachten kann, sondern von den damaligen Verhältnissen ausgehen muss. Die Nazis kamen ja während und auch infolge einer schweren Welt-Wirtschaftskrise an die Macht, zu einem Zeitpunkt, als Millionen arbeitslos waren und für die Mehrheit noch nicht abzusehen war, dass diese Krise sich ihrem Ende näherte. Davon betroffen waren natürlich auch die künstlerischen Berufe. Noch schwerer wog aber wohl noch die dauerhafte politische Krise der Weimarer Republik, die vor allem durch außenpolitische Einflüsse bedingt war und – Hitler nicht mitgerechnet – in 14 Jahren 20 Regierungen hervorbrachte!
Es gab also so etwas wie einen unbedingten Wunsch nach Ordnung fast in der ganzen Bevölkerung und also auch bei Heinrich George?
Mit der Regierung der Nationalsozialisten verband sich für eine Bevölkerungsmehrheit der Wunsch nach einer stabilen Ordnung, wirtschaftlichem Aufschwung und nationaler Selbstbestimmung. Und die Nationalsozialisten taten viel, um diese Ziele – im Sinne ihrer politischen Programmatik - zu verwirklichen und dadurch weiter Rückhalt in der Bevölkerung zu erlangen.
Umgarnt wurden insbesondere Künstler, die dann zu Zeiten der Nazi-Diktatur gerne als Sprachrohr des Regimes genutzt wurden, also zu Propagandazwecken dienlich erschienen?
Das ist richtig. Insbesondere Goebbels widmete sich dabei dem Kultursektor, umwarb die Schauspieler wie kein anderer. Die Schauspieler, die Anfang der 1930er Jahre während der sogenannten Theaterkrise entlassen wurden oder starke Einkommenseinbußen hinnehmen mussten, deren soziale Absicherung im Alter ungenügend war, wurden nun hofiert. Theater wurden wiedereröffnet, die Künstler wurden staatlich geehrt, etwa mit dem Titel Staatsschauspieler, und ihnen wurde das Gefühl vermittelt, wie Millionen anderer Deutscher am gesellschaftlichen Umbruch teilzuhaben. Auch wenn sich der Antisemitismus der Nazis geradezu deckungsgleich mit Hitlers Regierungsantritt auch in kulturellen Einrichtungen, insbesondere des Films (UFA) Bahn brach, so war er doch zunächst in den
Augen vieler Zeitgenossen eher ein zeitlich befristetes Übel.
Die bestehende Gefahr hinsichtlich der Judenfrage wurde zu dem Zeitpunkt nicht erkannt, nicht einmal von den jüdischen Künstlern selbst?
Nur wenige jüdische Schauspieler verließen Deutschland in der
Anfangszeit aus eigenem Antrieb, sozusagen aus Protest vor dem Antisemitismus in Deutschland, wie etwa Elisabeth Bergner; die meisten verließen die Heimat erst mit der beginnenden Ausgrenzung im Rahmen der Regelungen durch das Reichspropagandaministerium resp. die Reichskulturkammer, das "nichtarische" Künstler nur mit Sondergenehmigungen arbeiten ließ.
Allerdings wurden zu dem Zeitpunkt doch auch schon politische
Gegner bekämpft, und zwar deutlich erkennbar?
Durchaus, und die damals sofort einsetzende Verfolgung politischer Gegner durch die NSDAP wurde von der breiten Masse toleriert, denn es traf vor allem die Kommunisten, die in der Weimarer Republik in den Augen der bürgerlichen Schichten ebenso als gewalttätige Radikale verschrien waren.
Wie verhielt sich in diesen Zeiten Heinrich George, der den Kommunisten in der Vergangenheit ja durchaus nahestand?
In diesem Klima der gesellschaftlichen Neuordnung – die auf der einen Seite mit terroristischen Elementen erreicht wurde, auf der anderen Seite aber bald in ein nationales Hochgefühl mündete, je mehr das neue Regime die Bestimmungen des Versailler Vertrages aushöhlte – musste sich auch Heinrich George neu einfügen. Er war in Berlin prinzipiell als Schauspieler etabliert, hatte ein Haus, Frau und Kind. Es ist nicht anzunehmen, dass sich George 1933 in Opposition zur neuen Regierung gesehen hat, vielmehr tastete er sich wohl wie viele andere in die neuen Verhältnisse hinein.
Wie sah zu dem Zeitpunkt die berufliche Situation Georges aus?
Heinrich George spielte Anfang 1933 in keinem festen Ensemble, Ende 1932 war er bei Filmaufnahmen, unter anderem für seine erste eigene Regiearbeit "Schleppzug M 17". So musste er sich neu orientieren; im Frühjahr 1933 arbeitete er zunächst am Deutschen Theater. Dann, in der sommerlichen Theaterpause, stand er mit seiner Frau Berta Drews für den UFA-Film "Hitlerjunge Quex" vor der Kamera. In dem Film verkörpern die beiden ein Ehepaar, George spielt dabei einen alten Kommunisten. Dieser Film und das folgende "Bekenntnis" zu Hitler, das der "Völkische Beobachter" am 3. November 1933 unter dem Titel "Kundgebungen deutscher Künstler für Adolf Hitler" (als Reaktion auf den deutschen Völkerbundaustritt im Oktober) abdruckte, stehen praktisch am Anfang von Georges genereller Stigmatisierung als treuer Gefolgsmann der Nazis insbesondere durch die linke Emigrantenszene. Dieses Bild wurde dann unter andrem fortgeführt durch den sogenannten "Offenen Brief an den Schauspieler Heinrich George" von Bert Brecht und wirkt bis heute fort.
Für George kam jedoch eine generelle Abkehr von solchen schauspielerischen Einsätzen durch das damalige Regime nicht in Frage? Zum Beispiel dadurch, in das Ausland zu gehen?
Aus heutiger Sicht mag George 1933 oder in den folgenden Jahren die Chance, wenn nicht gar die Pflicht gehabt haben, ins Ausland zu gehen oder die Schauspielerei aufzugeben oder sich nicht weiter zu arrangieren. Das Ausland kam aber für George aus künstlerischen Erwägungen nicht infrage. Das hatte er schon im Zusammenhang mit früheren Bemühungen, ihn nach Hollywood zu lotsen, betont. Ebenso nicht die Aufgabe der Schauspielerei, die sein Leben, aber eben auch sein Lebensunterhalt war. Und die Auswahlmöglichkeiten, besser Ausweichmöglichkeiten hinsichtlich politisch gewollter Filme waren ebenso stark beschränkt, dafür sorgte Goebbels nicht erst im Notfall häufig persönlich.
Es gab allerdings Kollegen, die gegangen sind.
Sicher, es gab nicht wenige, die ins Exil gingen, die Mehrheit aber ging nicht freiwillig, im Sinne einer Flucht vor einem abzulehnenden Regime, sondern sie fand sich notgedrungen dazu bereit. Insbesondere die Schauspieler, die Sprechkünstler, hatten beruflich nicht mehr viel zu erwarten, nur die Allerwenigsten konnten sich im fremdsprachigen Ausland behaupten. Und auch die, die es zunächst nach Österreich oder in die Schweiz verschlagen hatte, waren dort alles andere als glücklich. Die von George arrangierte Rückkehr von Walter Felsenstein nach Deutschland mit seiner jüdischen Frau und seinem Sohn zunächst für ein Gastspiel im Sommer 1939 – kein Jahr nach der Reichspogromnacht – spricht diesbezüglich Bände. Weiter zu Teil II: Heinrich George - Arrangement mit Goebbels & Co
Kommentare möglich unter Teil IV *Dr. Kurt Fricke wurde 1967 in Halle geboren. Nach einer Berufsausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur absolvierte Fricke von 1989 bis 1995 ein Studium der Geschichte und Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 1995 bis 1997 arbeitete er als freiberuflicher Historiker und promovierte im Jahre 2000. Seit 2000 ist Dr. Kurt Fricke als Lektor im Mitteldeutschen Verlag Halle tätig.
Fotorechte:
(1)mit frdl. Genehmigung Bundesarchiv
(2) Verwendung von Abbildungen aus Original-Theater-Programmheften aus dem Besitz von Dr. Kurt Fricke
(3) Verwendung von Abbildungen aus Original-Printheften N.S. Funk aus dem Privatbesitz von Dr. Kurt Fricke
Anm. der Redaktion:
"Meister deutscher Schauspielkunst" ist erschienen im Carl Schünemann Verlag Bremen/Wien
N.S.Funk war das Amtliche Organ der Reichsrundfunkkammer und
Parteiamtliche Rundfunkzeitschrift der NSDAP
Fotobearbeitung: U. Pidun/SPREERAUSCHEN.net
Herr Dr. Fricke, Sie haben unter anderem eine politische Biografie zum berühmten Heinrich George ("Spiel am Abgrund") veröffentlicht. Haben Sie sich durch Ihre umfangreiche Recherchen auch der Persönlichkeit Heinrich George nähern können? Die Persönlichkeit eines so komplexen Menschen wie Heinrich George einzuschätzen ist grundsätzlich schwer – noch dazu, wenn er in einer Epoche kurz aufeinander folgender Extreme mit zwei Weltkriegen und drei Gesellschaftsformen, also Monarchie, Demokratie und Diktatur, gelebt hat. Ich habe mich in meiner Biographie vor allem dem politischen Handeln Georges genähert, aber natürlich bleibt es nicht aus, dass auch charakterliche Aspekte in den Blick geraten, etwa in Memoiren von Kollegen, in seinen eigenen Zeugnissen (Briefen etc.) oder auch in den Erinnerungen seines ältesten Sohnes Jan George. Und natürlich schafft man sich ein gewisses Bild von einem Menschen, mit dem man sich fast drei Jahre intensiv beschäftigt. Dieses Bild ist aber das eines Historikers, eines Menschen, der Jahrzehnte nach Georges Tod auf die Welt gekommen ist.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von der Idee der Verfilmung und der Besetzung der Hauptrolle hörten?
Dass nunmehr Götz George für ein Filmprojekt unterschrieben hat, in dem er selbst George in den letzten Jahren seines Lebens darstellen wird, ist wohl ein einmaliges künstlerisches Experiment. Götz George hat in meinen Augen viel von der Art des Schauspielens von seinem Vater, seine starke körperliche Präsenz etwa. Und
gerade in den letzten Jahren, in einigen seiner Altersrollen wie etwa in "Der Totmacher", hat er eine neue künstlerische Reife erlangt, ist als Schauspieler sicher in der Lage, einen genialen Schauspieler "zu spielen".
Gibt es – neben den Erwartungen kritischer Zuschauer, die vielleicht nicht immer unvoreingenommener Natur sein werden – in Ihrer Sicht auch die Erwartungshaltung des Sohnes und Schauspielers Götz George auf eine sehr verdeutlichte und spürbare Rehabilitation des Vaters?
Inwieweit sich die Hoffnung von Götz George, "für meinen völlig zu Unrecht beschuldigten Vater […] einen Freispruch zu erwirken", erfüllt, bleibt abzuwarten. Denn es gibt ja keinen Prozess gegen George, sondern eine hoffentlich genaue Nachzeichnung eines Teils seines Lebens, die vor allem eine Annäherung an die
Zeit der NS-Diktatur ermöglicht.
Benötigt George in Ihrer Sicht denn einen Freispruch?
Nein, aus meiner Warte benötigt George keinen Freispruch. Wer sich ernsthaft und unvoreingenommen mit seinem Leben beschäftigt, der wird Tadelnswertes und Lobenswertes finden, der wird erkennen, dass George insbesondere in seinem filmischen Schaffen in der NS-Zeit einiges auf sich geladen hat, das ihm später zum Verhängnis wurde. Und er wird erkennen, dass er daneben vieles für Bedrängte getan hat, dass er – man kann es naiv, dumm oder auch hoffnungsvoll nennen – insbesondere auf seinen Gastspielreisen auch versucht hat, für den Frieden zu wirken, für ein friedliches, respektvolles Miteinander der Völker.
Gab es nach Ihren Recherchen Hinweise auf einen Auslöser für das "Arrangement mit der NS-Diktatur", das ja tatsächlich stattgefunden hat? George war wohl im Grunde alles andere als ein Mensch, der sich vor einen parteipolitischen Karren spannen ließ.
Wenn man sich dieser Frage nähert, muss man zunächst bedenken, dass man das "Arrangement mit der NS-Diktatur" nicht aus der heutigen Zeit betrachten kann, sondern von den damaligen Verhältnissen ausgehen muss. Die Nazis kamen ja während und auch infolge einer schweren Welt-Wirtschaftskrise an die Macht, zu einem Zeitpunkt, als Millionen arbeitslos waren und für die Mehrheit noch nicht abzusehen war, dass diese Krise sich ihrem Ende näherte. Davon betroffen waren natürlich auch die künstlerischen Berufe. Noch schwerer wog aber wohl noch die dauerhafte politische Krise der Weimarer Republik, die vor allem durch außenpolitische Einflüsse bedingt war und – Hitler nicht mitgerechnet – in 14 Jahren 20 Regierungen hervorbrachte! Es gab also so etwas wie einen unbedingten Wunsch nach Ordnung fast in der ganzen Bevölkerung und also auch bei Heinrich George?
Mit der Regierung der Nationalsozialisten verband sich für eine Bevölkerungsmehrheit der Wunsch nach einer stabilen Ordnung, wirtschaftlichem Aufschwung und nationaler Selbstbestimmung. Und die Nationalsozialisten taten viel, um diese Ziele – im Sinne ihrer politischen Programmatik - zu verwirklichen und dadurch weiter Rückhalt in der Bevölkerung zu erlangen.
Umgarnt wurden insbesondere Künstler, die dann zu Zeiten der Nazi-Diktatur gerne als Sprachrohr des Regimes genutzt wurden, also zu Propagandazwecken dienlich erschienen?
Das ist richtig. Insbesondere Goebbels widmete sich dabei dem Kultursektor, umwarb die Schauspieler wie kein anderer. Die Schauspieler, die Anfang der 1930er Jahre während der sogenannten Theaterkrise entlassen wurden oder starke Einkommenseinbußen hinnehmen mussten, deren soziale Absicherung im Alter ungenügend war, wurden nun hofiert. Theater wurden wiedereröffnet, die Künstler wurden staatlich geehrt, etwa mit dem Titel Staatsschauspieler, und ihnen wurde das Gefühl vermittelt, wie Millionen anderer Deutscher am gesellschaftlichen Umbruch teilzuhaben. Auch wenn sich der Antisemitismus der Nazis geradezu deckungsgleich mit Hitlers Regierungsantritt auch in kulturellen Einrichtungen, insbesondere des Films (UFA) Bahn brach, so war er doch zunächst in den
Augen vieler Zeitgenossen eher ein zeitlich befristetes Übel.
Die bestehende Gefahr hinsichtlich der Judenfrage wurde zu dem Zeitpunkt nicht erkannt, nicht einmal von den jüdischen Künstlern selbst?Nur wenige jüdische Schauspieler verließen Deutschland in der
Anfangszeit aus eigenem Antrieb, sozusagen aus Protest vor dem Antisemitismus in Deutschland, wie etwa Elisabeth Bergner; die meisten verließen die Heimat erst mit der beginnenden Ausgrenzung im Rahmen der Regelungen durch das Reichspropagandaministerium resp. die Reichskulturkammer, das "nichtarische" Künstler nur mit Sondergenehmigungen arbeiten ließ.
Allerdings wurden zu dem Zeitpunkt doch auch schon politische
Gegner bekämpft, und zwar deutlich erkennbar?
Durchaus, und die damals sofort einsetzende Verfolgung politischer Gegner durch die NSDAP wurde von der breiten Masse toleriert, denn es traf vor allem die Kommunisten, die in der Weimarer Republik in den Augen der bürgerlichen Schichten ebenso als gewalttätige Radikale verschrien waren.
Wie verhielt sich in diesen Zeiten Heinrich George, der den Kommunisten in der Vergangenheit ja durchaus nahestand?
In diesem Klima der gesellschaftlichen Neuordnung – die auf der einen Seite mit terroristischen Elementen erreicht wurde, auf der anderen Seite aber bald in ein nationales Hochgefühl mündete, je mehr das neue Regime die Bestimmungen des Versailler Vertrages aushöhlte – musste sich auch Heinrich George neu einfügen. Er war in Berlin prinzipiell als Schauspieler etabliert, hatte ein Haus, Frau und Kind. Es ist nicht anzunehmen, dass sich George 1933 in Opposition zur neuen Regierung gesehen hat, vielmehr tastete er sich wohl wie viele andere in die neuen Verhältnisse hinein.
Wie sah zu dem Zeitpunkt die berufliche Situation Georges aus?
Heinrich George spielte Anfang 1933 in keinem festen Ensemble, Ende 1932 war er bei Filmaufnahmen, unter anderem für seine erste eigene Regiearbeit "Schleppzug M 17". So musste er sich neu orientieren; im Frühjahr 1933 arbeitete er zunächst am Deutschen Theater. Dann, in der sommerlichen Theaterpause, stand er mit seiner Frau Berta Drews für den UFA-Film "Hitlerjunge Quex" vor der Kamera. In dem Film verkörpern die beiden ein Ehepaar, George spielt dabei einen alten Kommunisten. Dieser Film und das folgende "Bekenntnis" zu Hitler, das der "Völkische Beobachter" am 3. November 1933 unter dem Titel "Kundgebungen deutscher Künstler für Adolf Hitler" (als Reaktion auf den deutschen Völkerbundaustritt im Oktober) abdruckte, stehen praktisch am Anfang von Georges genereller Stigmatisierung als treuer Gefolgsmann der Nazis insbesondere durch die linke Emigrantenszene. Dieses Bild wurde dann unter andrem fortgeführt durch den sogenannten "Offenen Brief an den Schauspieler Heinrich George" von Bert Brecht und wirkt bis heute fort.
Für George kam jedoch eine generelle Abkehr von solchen schauspielerischen Einsätzen durch das damalige Regime nicht in Frage? Zum Beispiel dadurch, in das Ausland zu gehen? Aus heutiger Sicht mag George 1933 oder in den folgenden Jahren die Chance, wenn nicht gar die Pflicht gehabt haben, ins Ausland zu gehen oder die Schauspielerei aufzugeben oder sich nicht weiter zu arrangieren. Das Ausland kam aber für George aus künstlerischen Erwägungen nicht infrage. Das hatte er schon im Zusammenhang mit früheren Bemühungen, ihn nach Hollywood zu lotsen, betont. Ebenso nicht die Aufgabe der Schauspielerei, die sein Leben, aber eben auch sein Lebensunterhalt war. Und die Auswahlmöglichkeiten, besser Ausweichmöglichkeiten hinsichtlich politisch gewollter Filme waren ebenso stark beschränkt, dafür sorgte Goebbels nicht erst im Notfall häufig persönlich.
Es gab allerdings Kollegen, die gegangen sind.
Sicher, es gab nicht wenige, die ins Exil gingen, die Mehrheit aber ging nicht freiwillig, im Sinne einer Flucht vor einem abzulehnenden Regime, sondern sie fand sich notgedrungen dazu bereit. Insbesondere die Schauspieler, die Sprechkünstler, hatten beruflich nicht mehr viel zu erwarten, nur die Allerwenigsten konnten sich im fremdsprachigen Ausland behaupten. Und auch die, die es zunächst nach Österreich oder in die Schweiz verschlagen hatte, waren dort alles andere als glücklich. Die von George arrangierte Rückkehr von Walter Felsenstein nach Deutschland mit seiner jüdischen Frau und seinem Sohn zunächst für ein Gastspiel im Sommer 1939 – kein Jahr nach der Reichspogromnacht – spricht diesbezüglich Bände. Weiter zu Teil II: Heinrich George - Arrangement mit Goebbels & Co
Kommentare möglich unter Teil IV *Dr. Kurt Fricke wurde 1967 in Halle geboren. Nach einer Berufsausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur absolvierte Fricke von 1989 bis 1995 ein Studium der Geschichte und Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 1995 bis 1997 arbeitete er als freiberuflicher Historiker und promovierte im Jahre 2000. Seit 2000 ist Dr. Kurt Fricke als Lektor im Mitteldeutschen Verlag Halle tätig.
Fotorechte:
(1)mit frdl. Genehmigung Bundesarchiv
(2) Verwendung von Abbildungen aus Original-Theater-Programmheften aus dem Besitz von Dr. Kurt Fricke
(3) Verwendung von Abbildungen aus Original-Printheften N.S. Funk aus dem Privatbesitz von Dr. Kurt Fricke
Anm. der Redaktion:
"Meister deutscher Schauspielkunst" ist erschienen im Carl Schünemann Verlag Bremen/Wien
N.S.Funk war das Amtliche Organ der Reichsrundfunkkammer und
Parteiamtliche Rundfunkzeitschrift der NSDAP
Fotobearbeitung: U. Pidun/SPREERAUSCHEN.net































































