EHEC-Blame-Game: Wo bleiben die politischen Konsequenzen?
31. Mai 2011, 11:20
[Dr. Alexander Frhr. von Paleske] Kommen die mit dem EHCE-Erreger kontaminierten Gurken aus Spanien? Kommen sie gar aus den putzsauberen Niederlanden? Sind sie auf deutschem Staatsgebiet mit dem Erdboden in Berührung gekommen, und zwar massenhaft? War also das Deutsche Erdreich verseucht mit EHEC?Fragen über Fragen, die derzeit in den Medien und in der Bevölkerung aufgeworfen werden. Doch sie sind nur teilweise relevant. Zum Teil sind sie angesichts der Lage reichlich unwichtig. Fest steht, dass offenbar auf spanischen Gurken der Erreger nachgewiesen wurde, der identisch ist mit dem von Kranken isolierten Stamm. Damit ist noch nicht einmal absolut sicher geklärt, ob dies auch die einzige Infektionsquelle war.
Mehr als 1000 infizierte Menschen
Fest steht weiterhin: Der EHEC-Erreger breitet sich in Deutschland immer weiter aus. Die Zahl der Infizierten liegt mittlerweile bei mehr als 1000. Davon sind 276 Menschen an der schwerwiegenden Komplikation des hämolytisch-uramischen Syndroms (HUS) erkrankt. Die Zahl steigt weiter. Sechs EHEC-bedingte Todesfälle sind mittlerweile bestätigt. Normalerweise sind es nicht mehr als 60 HUS-Fälle pro Jahr in Deutschland.
Diagnostischer Durchbruch
Ein diagnostischer Durchbruch gelang der Münsteraner Arbeitsgruppe von Mikrobiologen unter Leitung von Professor Helge Karch: Ihr gelang in sehr kurzer Zeit die Identifikation des speziellen EHEC-Stammes. Sein Name: HUSEC 41. Er ist zwar seit einigen Jahren unter Wissenschaftlern bekannt. Bisher aber wurde weltweit kein Ausbruch mit diesem Erreger dokumentiert.
Allmacht und Ohnmacht
Die rasche Isolierung und Typisierung des Erregers ist zweifellos eine hervorragende Leistung der Wissenschaft, ebenso die Aufschlüsselung der genetischen Veränderungen, die das Bakterium - einstmals harmlos - mittlerweile so gefährlich machen. Doch die Erkenntnis wird bisher nicht als Alarmsignal verstanden. Die beste Diagnose ist nichts wert, wenn anschließend keine Therapie zur Verfügung steht. Und die beste Erkenntnis ist nichts wert, wenn daraus nicht notwendige Konsequenzen gezogen werden.
Erreger hat Harmlosigkeit eingebüßt
Bleiben wir zunächst noch bei der Diagnose: Dieser Erreger hat seine Harmlosigkeit entweder durch Spontan-Mutationen, oder durch Info-Übertragung von Bakterien zu Bakterien eingebüßt, und produziert jetzt Shiga-Toxin, verantwortlich für HUS. Dieser Erreger - und das wird gerne unterschlagen - ist außerdem noch multiresistent gegen nahezu alle vorhandenen Breitspektrum-Antibiotika, insbesondere die Betalactamase-festen Cefalosporine. Übrig bleiben dann lediglich die Carbapeneme, gegen die aber mittlerweile ebenfalls Resistenzen beobachtet wurden.
EHEC-Bakterium liegt im Trend
Damit liegt das HUS-auslösende EHEC-Bakterium absolut im Trend der Multiresistenz, welche durch die Verfütterung von Antibiotika bei Tiermast und Massentierhaltung gefördert wird. Zwar wird die beim Menschen ausgelöste Krankheit nicht mit Antibiotika behandelt, weil das vermehrte Absterben der Bakterien nach Antibiotika-Gabe zu einer vermehrten Freisetzung des Shiga-Toxins führen würde. Doch es zeigt deutlich, dass sich dieses Bakterium - offenbar durch den über Antibiotika ausgelösten Selektionsdruck - ungehindert vermehren und verbreiten kann.
Sinnvolle therapeutische Maßnahmen
Wie müsste eine durchgreifende Therapie aussehen? Die beste Therapie ist, wie immer, die Prophylaxe. In diesem Fall zählt hierzu das Verbot der Massentierhaltung, auch wenn dies zum deutlichen Rückgang und zur Verteuerung der Fleischproduktion führen würde. Weiterhin müsste der ungezügelte Einsatzes von Antibiotika unterbunden werden, deren Verbrauch in der Veterinärmedizin zur Zeit weiter rasant ansteigt. Weiterhin müsste es zu einem konsequenten Verbot der nicht artgerechten Fütterung von Tieren kommen. Eine nicht artgerechte Fütterung leistet offensichtlich Vorschub, derartige unheilvollen Bakterien-Selektionen zu produzieren. So, wie seinerzeit die Verfütterung von Fleisch und Hirnteilen an Rinder die BSE-Seuche (Rinderwahn) nach sich zog. Nutztiere müssten im übrigen wesentlich regelmäßiger auf die Entwicklung derartiger Super-Bugs untersucht werden. Allerdings kann es eine lückenlose Überwachung der Lebensmittel kann es gar nicht geben, sondern bestenfalls stichprobenartige Kontrollen.
Politiker müssen handeln
Sehr wichtig wäre auch die Einhaltung des strikten Verbots der Verwendung von Fäkalien als Dünger für Gemüsepflanzen, Salate, bestimmte Früchte wie Erdbeeren etc. Es bleibt zu hoffen, dass die Politiker endlich handeln - auch gegen alle zu erwartenden Widerstände und Lobbyeinflüsse. Oder muss es auch hier erst zu einen Super-GAU kommen, so wie bei der Atomkraft?
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Dr. Alexander Frhr. von Paleske ist leitender Arzt und ehemaliger Rechtsanwalt
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Foto: AVP/JNVH

































































